riesige Ölkatastrophe macht Missstände in Russland deutlich

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riesige Ölkatastrophe macht Missstände in Russland deutlich

Beitragvon UliS » So 7. Jun 2020, 22:05

Ölkatastrophe in Russland
Ein Unglück kommt selten allein

Zehntausende Tonnen Diesel sind bei der Ölkatastrophe in Sibirien in die Umwelt geraten. Der Vorfall zeigt, welche Schäden der rasche Klimawandel im Norden Russlands anrichten kann.
Von Christian Esch, Moskau
07.06.2020 - [url]=https://www.spiegel.de/politik/ausland/oel-katastrophe-in-der-arktis-diesel-fliesst-in-sibirischen-fluss-a-cc2e0959-543e-4b9e-b486-cd2f257423b9][/url]

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Schwimmende Barrieren sollen den Dieseltreibstoff auf dem Ambarnaja-Fluss zurückhalten. AFP

Die größte Ölkatastrophe in der russischen Arktis beginnt am Freitagmittag vor einer Woche offenbar weitgehend unbemerkt. Ein Handy-Video von zwei Augenzeugen hält den Augenblick fest: Man sieht einen Zaun, dahinter einen hohen runden Treibstoff-Speicher. Etwas Dunkles strömt in breitem Schwall durch den Zaun und auf die angrenzende Straße. Man hört die beiden Männer staunen, fluchen. "Das ist Diesel!", sagt der eine. Es ist niemand sonst zu sehen.

21.000 Tonnen Dieseltreibstoff sind Ende Mai aus dem Speicher eines Heizkraftwerks nahe Norilsk in die sibirische Tundra gesickert, in eine Landschaft, die sich wegen der kurzen Vegetationszeit kaum regenerieren kann. Der größte Teil des Diesels ist im Fluss Ambarnaja gelandet, dessen Wasser irgendwann in der Kara-See landet. Satellitenbilder zeigen, wie der Fluss sich über viele Kilometer ocker gefärbt hat.

Putin ruft nationalen Notstand aus

Was an jenem Freitag passiert ist, ist ein Notfall von nationalem Ausmaß - nur dass es Zeit gebraucht hat, bis diese Erkenntnis in Moskau angekommen ist.

Warum wurde so spät reagiert? Das fragte ein sichtlich wütender Präsident Wladimir Putin fünf Tage später in einer Videokonferenz mit betreten blickenden Spitzenbeamten.

Und wer kommt für den Schaden auf? Das fragten sich wiederum Russlands Fernsehzuschauer.

Sie durften wenig später eine Antwort aus dem Mund des Oligarchen Wladimir Potanin hören. Der mit geschätzten 25 Milliarden Dollar reichste Mann Russlands ist größter Eigentümer des Konzerns Nornickel (bis 2016: Norilsk Nickel), zu dem auch das Kraftwerk mit dem schadhaften Treibstoff-Speicher gehört. Potanin versprach Putin in einer Direktschalte vom Unglücksort, dass sein Konzern die Aufräumarbeiten bezahlen werde. Er schätze ihre Kosten auf mindestens 130 Millionen Euro. Bis Samstag wurden offiziellen Angaben zufolge 330 Tonnen Diesel aus dem verschmutzten Gebiet beseitigt. Es dürfte Experten zufolge Jahre dauern, bis die Natur sich wieder erholt.

Aber es bleibt eine grundlegendere Frage, die über den Unfall hinausreicht und dem russischen Staat Sorgen bereiten muss. Es ist die nach dem Zusammenhang der Katastrophe mit der Erderwärmung. Der Klimawandel ist jedenfalls die Erklärung, die Nornickel für das Unglück gibt: "Infolge der ungewöhnlich warmen Temperaturen ist möglicherweise der Permafrostboden aufgetaut, und das hat zur Absenkung der Stützen geführt, auf denen der Treibstofftank steht", vermutet die Geschäftsführung.

Dass der Klimawandel gerade für die russische Arktis eine riesige Herausforderung darstellt, ist bekannt. Der Föderale Wetterdienst Rosgidromet schätzte schon vor drei Jahren den Temperaturanstieg in Russland auf fast ein halbes Grad je Jahrzehnt, er verlaufe damit zweieinhalb mal so schnell wie im Rest der Welt. Noch schneller verlaufe er in der Arktis: Auf der Tajmyr-Halbinsel gleich nördlich von Norilsk stiegen die Durchschnittstemperaturen sogar um 0,8 Grad je Jahrzehnt. Gerade der vergangene Winter war außergewöhnlich mild: In Norilsk gab es nach der ersten Maiwoche keine Nachtfröste mehr.
Die größte Katastrophe dieser Art nördlich des Polarkreises in der Geschichte der Menschheit.

Wladimir Tschuprow, Experte für Öl-Spills bei Greenpeace

Nun ist die Arktis zugleich der Ort, wo sich Russlands Bodenschätze konzentrieren. Reiche Nickelvorkommen sind der Grund, warum die Stadt Norilsk zu Sowjetzeiten überhaupt angelegt wurde. Wie andere Städte nördlich des Polarkreises kämpft sie mit dem Problem, dass der Permafrostboden auftaut. Der Boden sackt ein, Wohngebäude und Infrastruktur müssen durch das Pumpen von Kühlstoff in den Boden gesichert werden. Das ist teuer.

Nickel für E-Autos

"Nirgends auf der Welt steigen die Temperaturen so schnell wie in der russischen Arktis", sagt Wladimir Tschuprow, Experte für Öl-Spills bei Greenpeace. "Aber Nornickel wusste längst von dem Problem." Deshalb sei die Erklärung keine Entschuldigung. Greenpeace setzt sich für eine generelle behördliche Überprüfung der gesamten Infrastruktur und aller Gebäude in der Arktis ein, um die Risiken der Erderwärmung besser einschätzen zu können. Tschuprow nennt den Vorfall in Norilsk "die größte Katastrophe dieser Art nördlich des Polarkreises in der Geschichte der Menschheit". Vergleichbar sei sie mit der Havarie des Öltankes Exxon Valdez vor Alaska 1989, der allerdings weiter südlich stattfand.

Dass Nornickel nun den Klimawandel in den Vordergrund stellt, hat auch geschäftliche Gründe. "Der Konzern versucht jetzt, sein Gesicht zu wahren, und schiebt deshalb alles auf das Klima", bemängelt Alexej Knischnikow vom WWF. Neben der Erderwärmung sei schließlich auch "Schlamperei, um das mindeste zu sagen", ein Problem. Der Speichertank stamme aus Sowjetzeiten.

Tatsächlich wurde das gesamte Heizkraftwerk Nr. 3, zu dem der Tank gehört, in den Achtzigerjahren gebaut, es sollte ein neues Metallurgie-Werk mit Wärme und Strom versorgen. Seither wurde der Speicher nicht ausgewechselt.

"Hätten Sie ihn rechtzeitig ausgetauscht, dann gäbe es jetzt weder den ökologischen Schaden, noch müsste Ihr Unternehmen solche Kosten tragen", sagte Putin dem Eigentümer Potanin am Freitag.

Derzeit wird versucht, das Diesel mit schwimmenden Barrieren auf dem Ambarnaja-Fluss zurückzuhalten und abzupumpen. Die Idee, den Treibstoff abzufackeln, wurde verworfen.

Paradoxerweise profitiert Nornickel auf seinen Absatzmärkten vom Klimawandel - beziehungsweise von der Politik, die ihn begrenzen soll. Nickel wird für die Herstellung von Batterien gebraucht, die wiederum der bedeutendste Bestandteil von Elektroautos sind. Die Energiewende schafft damit neue Nachfrage für ein Metall, das bisher vor allem für Edelstahl benötigt wurde.
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Re: Ölkatastrophe in Russland - Ein Unglück kommt selten all

Beitragvon Anita » Mo 8. Jun 2020, 15:16

das ist alles sehr dramatisch :!:
Anita
 

Re: Ölkatastrophe in Russland - Ein Unglück kommt selten all

Beitragvon Eva » Mo 8. Jun 2020, 19:57

es ist einfach entsetzlich [heul]
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Re: Ölkatastrophe in Russland - Ein Unglück kommt selten all

Beitragvon Ludmila » Mo 8. Jun 2020, 20:14

Sehr schlimm [heul]
Ludmila
 
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Re: Ölkatastrophe in Russland - Ein Unglück kommt selten all

Beitragvon UliS » Sa 20. Jun 2020, 10:43

Riesige Ölkatastrophe macht Missstände in Russland deutlich
Freitag, 19. Juni 2020 - Quelle
Ulf Mauder, dpa

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Ölkatastrophe in Norilsk im Satellitenbild
Das Ausmass der Katastrophe deutlich macht diese Satellitenaufnahme: Das ausgelaufene Dieselöl hat ganze Flussabschnitte rot verfärbt.
ESA, CC BY-SA IGO 3.0, contains modified Copernicus Sentinel data 2020

Umweltkatastrophe
In der russischen Arktis flossen im Frühling 21'000 Tonnen Diesel aus einem Treibstofflager. Bis sich das Ökosystem wieder erholt hat, wird es viele Jahre dauern.

Der riesige Ölteppich auf den Gewässern ist für die idyllische Natur im hohen Norden Russlands eine Katastrophe beispiellosen Ausmasses. Die rötlich schimmernde Flüssigkeit aus einem havarierten Treibstofflager bei der Stadt Norilsk hat sich in den Flüssen Daldykan und Ambarnaja ausgebreitet. Von dort ist das Gift inzwischen auch in den Süsswasserspeicher Pjassino geflossen. «Das ist ein wunderbarer See mit ungefähr 70 Kilometern Länge und natürlich gibt es da auch Fische und eine herrliche Biosphäre», sagt der Gouverneur des Krasnojarsker Gebiets, Alexander Uss.

Doch nun erlebt die russische Arktisregion die grösste Ölkatastrophe ihrer Geschichte, wie die Umweltschutzorganisation Greenpeace feststellt. Für Russlands indigene Völker sind die fischreichen Gewässer lebenswichtige Ernährungsgrundlage. Und auch wenn der Ölteppich durch Sperren auf dem Wasser an der Ausbreitung gehindert und dann abgetragen wird, erwarten die Experten noch für Jahre Probleme. Der Grund: Die giftigen Diesel-Bestandteile lösen sich heraus und belasten Wasser und Fische.

Vor allem müsse nun verhindert werden, dass sich der giftige Treibstoff den Weg über den Fluss Pjassina weiter nach Norden bahnt in die Karasee, ein Randmeer des Arktischen Ozeans, sagt Gouverneur Uss. Hunderte Einsatzkräfte haben zwar schon tonnenweise verseuchten Boden abgetragen und auch von der Wasseroberfläche Öl abgeschöpft. Es wird aber mindestens zehn Jahre dauern, bis sich das Ökosystem hier wieder erholt hat, wie die Vizeministerin für Naturressourcen und Umwelt, Jelena Panowa, sagt. Die Sommer sind dort kurz. Deshalb hat die Natur nur wenig Zeit, sich zu regenerieren. Vor allem für den Abbau von Ölprodukten wichtige Bakterien gibt es in der Region wegen der langen Winter kaum.

Als das Treibstofflager des Heizkraftwerks in der Nähe von Norilsk Ende Mai einstürzte, flossen 21'000 Tonnen Dieselöl aus. Rund 15'000 Tonnen sollen in die Gewässer geraten sein. 6000 Tonnen versickerten demnach im Boden. Es dauerte Tage, bis die Öffentlichkeit von der Katastrophe erfuhr.

Kremlchef Wladimir Putin zeigte sich erzürnt, als er das Ausmass mitbekam. Es könne nicht sein, dass über die sozialen Netzwerke zuerst Bilder und Informationen ins Internet kämen, aber die Behörden nicht Alarm schlügen. Die Industriestadt Norilsk hat 175'000 Einwohner – und durch den Nickelabbau schon jetzt genügend Umweltprobleme. Bei einer im Fernsehen übertragenen Videoschalte verhängte Putin den Ausnahmezustand. Und er wies den reichsten Mann Russlands, Wladimir Potanin, an, sich zu kümmern.

Potanin ist Chef des Nickel-Produzenten Nornickel, zu dem das havarierte Tanklager gehört. Er bezifferte den Schaden auf mehr als zehn Milliarden Rubel (rund 127 Millionen Euro). «Das ist so eine Riesenwelle gewesen», sagte Potanin über den Diesel. «Egal, was es kostet, wir zahlen das», sicherte Potanin im Gespräch Putin zu. Experten gehen von einem deutlich höheren Schaden aus.

Klimawandel taut Permafrost auf

Offenbar sackte die riesige Zisterne mit dem Dieselöl ab, weil der Permafrostboden durch den Klimawandel taut und damit seine Festigkeit als Baugrund verliert. «Solche Dinge sind schwer vorherzusagen», behauptete der Unternehmer. Dabei ist das Problem gar nicht neu. Wissenschaftler und Klimaschützer weisen seit langem auf die Gefahren tauender Dauerfrostböden in Sibirien hin.

«Deshalb muss das Monitoring auch dauernd erfolgen. Die Frage ist, ob das passiert», sagte der angesehene Wissenschaftler Boris Morgunow russischen Medien zufolge. Die Arktisregion erlebe eine beispiellose Umweltkatastrophe. Experten verglichen das Unglück mit der Ölpest, die der Supertanker «Exxon Valdez» 1989 vor Alaska verursachte. Damals traten 36'000 Tonnen Öl aus.

In Russland ging das in den 1980er gebaute Treibstofflager in Norilsk immer wieder durch die Abnahme trotz des problematischen Standorts. Wie das sein konnte, klärt nun die oberste Ermittlungsbehörde in einem Verfahren gegen die zuständige Mitarbeiterin der technischen Aufsichtsbehörde. Sie soll die Kontrollen vernachlässigt haben.

Es ist nicht das einzige Ermittlungsverfahren in dem Fall. In Untersuchungshaft sitzt bereits der Leiter des Heizkraftwerks. Immer wieder kommt es in Russland zu folgenreichen Katastrophen, weil Sicherheitsvorkehrungen missachtet werden, Schlamperei im Spiel ist oder Genehmigungen gegen Schmiergeld ausgestellt werden. Auch dieser Fall zeigt, wie Politik und Geschäftsinteressen verwoben sind.

Der prominente Anti-Korruptions-Kämpfer Alexej Nawalny kritisierte, dass die Leiterin der obersten Naturschutzbehörde, Swetlana Radionowa, sich in einem Flugzeug Potanins in die Region fliegen liess. Er fragte entsetzt, wie die Behördenchefin die Umweltverschmutzung unabhängig aufklären könne, wenn sie sich von jenem Mann, der die Hauptverantwortung trage, einladen lasse.

Greenpeace sieht indes grundsätzlichen Handlungsbedarf. Die Organisation forderte die Kontrollbehörden auf, in der Arktisregion alle industriellen Projekte zu überprüfen. Mit Blick auf die Ölkatastrophe warnen sie zudem einmal mehr vor Russlands Zukunftsplänen, in der Arktis in grossem Stil Bodenschätze abzubauen. Sie sehen ein einzigartiges Biotop des Planeten dadurch in Gefahr.
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