Tierhaltung - Besucher wünschen artgerechte Gehege

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Tierhaltung - Besucher wünschen artgerechte Gehege

Beitragvon Jochen » Do 16. Jul 2020, 12:26

Tierhaltung - Besucher wünschen sich größere und artgerechte Gehege in Zoos

Quelle: Rheinische Post – NRW – 15. Juli 2020 - Nordrhein-Westfalen

„Tiere dürfen für Besucher nicht leiden“

Im Wuppertaler Zoo leben rund 4200 Tiere – darunter auch Pinguine. Ihre Anlage wurde vor zwölf Jahren eröffnet. Das Besondere daran ist der 15 Meter lange Acrylglastunnel, von dem sich die Tiere besonders gut beobachten lassen. Er ist auch aktuell für Besucher geöffnet.
Der Wuppertaler Zoodirektor Arne Lawrenz erklärt, nach welchen Kriterien Gehege gestaltet werden. Laut einer aktuellen Umfrage genießen Zoos eine hohe Akzeptanz. Doch es gibt auch Bedenken, was die Haltungsbedingungen angeht.

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Foto: dpa

Von Jörg Isringhaus

WUPPERTAL | „Ene Besuch im Zoo“, wie es in einem Kölner Karnevalslied heißt, steht bei den Deutschen nach wie vor hoch im Kurs. Laut der bislang umfassendsten Studie zur Akzeptanz der Tiergärten durch das Meinungsforschungsinstitut Forsa befürworten mehr als 80 Prozent der Befragten die Existenz der Parks. Für den Verband der Zoologischen Gärten (ZdV), der die aktuelle Umfrage beauftragte, ein klares Signal dafür, dass die Deutschen den gesellschaftlichen Aufgaben der Zoos überwiegend positiv gegenüberstehen. „Allerdings sind sie auch dafür sensibilisiert, wie genau die Haltungsbedingungen für Zootiere aussehen sollten“, resümiert der ZdV weiter. Denn mehr als 50 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass sich
Wildtiere in ihren Gehegen nicht wohl fühlen, mehr als 70 Prozent denken sogar, dass in Zoos keine Wildtiere gehalten werden sollten. Für die Online-Umfrage wurden rund 1500 Menschen befragt.

In der Widersprüchlichkeit der Antworten spiegelt sich wohl einerseits Faszination für die exotische Tierwelt und andererseits Verantwortungsgefühl für die eingesperrte Kreatur. Eines der Spannungsfelder, in dem sich auch Zoodirektoren täglich bewegen und entscheiden müssen. Einer von ihnen ist Arne Lawrenz, der im Wuppertaler Zoo die Strategie verfolgt, besonders tiergerechten Gehegen den Vorzug zu geben, statt möglichst viele Arten zu präsentieren. Wobei tiergerecht nicht automatisch auch viel Platz bedeutet. So sei etwa das riesige Löwengehege in Wuppertal für Wildhunde nicht ideal, weil sie andere Ansprüche an ihre Umgebung stellen. Auch Hühner würden nicht glücklich, wenn sie im Freiland, also auf der Wiese leben,
weil sie Angst haben, von Beutegreifern erwischt zu werden. Sie brauchen Büsche oder andere Deckung. „Wir versuchen, uns bei der Gestaltung der Lebensräume an den Bedürfnissen der Tiere zu orientieren“, sagt Lawrenz. „Allerdings können wir die Natur nicht eins zu eins nachbilden.“

Grundsätzlich müsse man sich bei jedem Tier fragen, ob seine Haltung sinnvoll sei, sagt der Zoo-Direktor. Diese Gedanke sei früher nicht so ausgeprägt gewesen. Heute brauche man einen guten Grund, um Tiere einzusperren. Zum Beispiel, weil die Art besonders bedroht ist, weil man sich Erkenntnisse für die Feldforschung verspricht oder weil die Exemplare als Botschafter ihrer Art für bestimmte Lebensräume stehen. „Aber natürlich brauche ich auch Tiere,
die den Besucher ansprechen“, sagt Lawrenz. Denn ohne Gäste lässt sich das Konzept Zoo nicht aufrechterhalten.

Allerdings werde die Haltung nicht an die Erwartungen der Besucher angepasst. „Heute orientiert sich die Haltung allein am Tier und den entsprechenden Forschungsergebnissen“, sagt Lawrenz. „Man kann dem Tier kein Leid zufügen, nur um es Besuchern zu zeigen.“ Ob die Tiere sich wohl fühlen, werde daher ständig hinterfragt. Lawrenz ist Experte für Elefanten, er sitzt im Vorstand der International Elephant Foundation (IEF). „Ich glaube, dass es meinen
Elefanten im Zoo gut geht“, sagt er. „Wenn das nicht so wäre, würde ich Konsequenzen ziehen.“ Das gelte für alle Tierarten. Bei den Eisbären etwa hat Lawrenz schon vor geraumer Zeit entschieden, dass deren Gehege nicht den Anforderungen entspricht. Für sie wird ein neues Zuhause gesucht.

Der Deutsche Tierschutzbund lehnt zwar die Haltung von Tieren in Zoologischen Gärten nicht generell ab, kritisiert aber, dass oft exotische Tiere mit großem Schauwert gehalten würden, wie Tiger, Giraffen oder eben Eisbären, deren artgerechte Unterbringung häufig kaum möglich sei. Unter dem Vorwand des Artenschutzes würden viele Zoos die Vielfalt der zur Schau gestellten Tiere verteidigen, kritisieren die Tierschützer, jedoch könne nur eine verschwindend geringe Zahl an bedrohten Arten durch Zuchtprogramme überhaupt erhalten werden. Artwidrig gehaltene Tiere würden zudem oft Verhaltensstörungen entwickeln.

Lawrenz betont, dass im Wuppertaler Zoo das Befinden der Tiere „kritisch von allen Seiten betrachtet“ wird. Im Zweifel müsse nachgebessert oder gar die Haltung in Frage gestellt werden. Gerade sei von etlichen deutschen Zoos auch eine Forschungs-AG gegründet worden, die sich mit dem Problem artgerechter Gehege befassen soll. Dazu gehört auch die Frage, inwieweit die Tiere Besucher wahrnehmen können. Denn nicht jedes Nashorn oder Känguru mag es, ständig betrachtet zu werden. Wie eine Kreatur auf Menschen reagiert, ist laut Lawrenz nicht nur artspezifisch unterschiedlich, sondern hänge auch vom Charakter des Tieres ab. „Entscheidend ist, dass es jederzeit die Möglichkeit hat, sich zurückziehen“, sagt der Zoodirektor. „Für Besucher mag das zwar enttäuschend sein. Aber jedes Tier kann bei uns frei entscheiden, ob es zu sehen ist oder nicht.“

Info
Mehrzahl der Besucher für größere Gehege

Gehege:
Bei der Forsa-Umfrage zur Akzeptanz der Zoos sagten 98 Prozent der Befragten, dass Zoos in Gehege investieren sollen, die der Natur nachempfunden sind. 96 Prozent wünschen sich mehr Rückzugsmöglichkeiten für die Tiere, 96 Prozent größere Gehege.

Wildtiere:
Bei der Frage, welche Arten von Wildtieren nicht gehalten werden sollten, votierten 21 Prozent für „Wildtiere“ und 19 Prozent für Raubtiere. Bei speziellen Arten sagten jeweils fünf Prozent, dass Bären, Löwen und Delfine nicht gehalten werden sollten.
Jochen
 
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