Krefeld - Wie das neue Affenhaus aussehen wird

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Krefeld - Wie das neue Affenhaus aussehen wird

Beitragvon UliS » Sa 21. Mär 2020, 18:49

Nach Brand im Krefelder Zoo : Wie das neue Affenhaus aussehen wird - Quelle

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Das Luftbild zeigt: Die Ruine des alten Affenhauses ist noch nicht komplett abgeräumt; dasBetonfundament steht noch. Das Affenhaus ist in der Nacht zu Neujahr vollständig niedergebrannt. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Krefeld Die Grundentscheidungen für den Neubau des Affenhauses nach dem verheerenden Brand in Krefeld sind gefallen. Zoodirektor Wolfgang Dreßen gibt einen Ausblick auf den neuen Komplex.
Von Jens Voss

Wie geht man die Arbeit an der Planung eines Affenhauses an?

Dreßen Die Bauprojekte der jüngeren Vergangenheit von der Pelikanlagune über die Pinguinanlage bis zur Erdmännchenlodge sind im wesentlichen von dem jeweiligen Kurator und mir entwickelt worden. Die baulichen und tierhalterischen Rahmenbedingungen werden zudem mit den jeweiligen Tierpflegern abgestimmt, die künftig die jeweilige Anlage betreuen.

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Zoodirektor Wolfgang Dreßen. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Was ist ein Kurator?

Dreßen Wir haben drei wissenschaftliche Kuratoren, also unsere Tierärztinnen Stefanie Markowski und Anna Grewer sowie die Biologin Cornelia Bernhardt. Diese drei Kuratorinnen sind für das wissenschaftliche Tier-Management unserer acht Reviere zuständig. Wenn wir eine neue Tierhaltung planen, dann setze ich mich mit dem jeweiligen Kurator zusammen und entwickele Entwürfe für eine Grobkonzept. Mit dieser Vorplanung treten wir dann an ein Architekturbüro heran. Das kann ein Landschafts- oder ein Hochbauarchitekt sein. Dieses Büro zeichnet dann die Vorplanung und im zweiten Schritt die Entwurfsplanung, die dann in den Bauantrag einfließt. In der Vor-GmbH-Zeit waren das Architekten des damaligen städtischen Hochbauamtes, seit wir eine GmbH sind, haben wir mit verschiedenen Büros zusammengearbeitet.

Müssen diese Büros beide Welten kennen, also den Zoo und die Architektur?

Dreßen Es gibt auch Büros, die auf Zooarchitektur spezialisiert sind. Wir haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Die Entwürfe und das Verständnis für die Erfordernisse der Tierhaltung und die Ansprüche der Tiere sind das eine, das andere ist die Bauausführung, die entscheidend ist, ob Qualität und Ausführung im geplanten Zeit- und Kostenrahmen bleiben. Wir haben mittlerweile ein Büro gefunden, Berger Architekten in Grevenbroich, mit denen wir die letzten Projekte erfolgreich bewältigt haben.

Haben Sie auch Leute von außen, mit denen Sie sich austausche, Kollegen anderer Zoos zum Beispiel, oder ist die Erfinderabeit ein einsames, mindestens internes Geschäft?

Dreßen Generell schaut man an sich immer die Anlagen anderer Zoos an, im Inland wie im Ausland. Das ist bei den Menschenaffen-Anlagen in Deutschland relativ überschaubar. Es gibt das Darwineum im Zoo Rostock von 2012, das Menschenaffenhaus in der Wilhelma in Stuttgart von 2013 und zwei ältere Anlagen, den Borgori-Wald im Zoo Frankfurt von 2008 sowie das 2001 eröffnete Pongoland im Zoo Leipzig, das für mich immer noch eine der schönsten, beeindruckenden Außenanlagen aufweist. Wie unterschiedlich die Anlagen im Stil sein können, sieht man an den neueren Anlagen: während das Darwineum eine zentrale Tropenhalle mit hohem Kunstfelsanteil, Illusionsmalerei und offenen Außenanlagen aufweist, ist die Anlage in der Wilhelma eine eher nüchterne Beton-Glas-Konstruktion mit übernetzten Außenanlagen. Man tauscht sich mit den Kollegen aus, fragt nach Vor- und Nachteilen ihrer Anlage, sowohl in baulichen als auch in tierhalterischen Dingen. Das ist ein wichtiger Pfeiler bei der Erfinderarbeit, von der Sie sprachen.

Gibt es weitere Pfeiler dieser Arbeit?

Dreßen Ein nicht weniger entscheidender Punkt ist die Zusammenarbeit mit den Kollegen, die international die Zuchtprogramme in den Zoos verantworten. Es gibt dort Arbeitsgruppen mit dem jeweiligen Zuchtbuchführer, die als Komitee auf europäischer Ebene alle baulichen Projekte prüfen. Diese beschäftigen sich mit jedem Neubauplan und gehen dabei sehr in die Tiefe. Die Rückmeldungen reichen von Problemen in der Raumplanung bis hin zur Logik von Schiebern und der Frage, ob Sie so aufgebaut und aufeinander abgestimmt sind, dass es nicht zu Kollisionen im Alltag kommt. Hintergrund: Jeder Zoo bekommt überhaupt erst dann Tiere für ein Zuchtprogramm, wenn seine Planung grünes Licht von dem zuständigen Komitee bekommt. Jeder Zoo muss also nachweisen, dass man einen Bau realisiert hat, der nach deren Kriterien der Europäischen Erhaltungszuchtprogramme stimmig ist. Das ist ein entscheidender Schritt. Und schließlich gibt es deutsche Bestimmungen über die Haltung von Säugetieren in Zoos,die 2014 vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft überarbeitet wurden. Darin sind auch Mindestanforderungen für die Haltung von Wildtieren in Deutschland formuliert.

Gibt es einen Punkt, bei dem Sie jetzt sagen können: Das wird anders als beim bisherigen Affenhaus?

Dreßen Auf jeden Fall. Aufgrund der engen räumlichen Situation, die wir dort haben, und der notwendigen Einheit von Innen- und Außengehegen werden wir sicherlich kein großes zentrales Tropenhaus mit entsprechend vielen Außenanlagen bauen, sondern mehrere kleinere Gebäudeeinheiten, an die die Außenanlagen angrenzen. Ein großes Affentropenhaus wie das Darwineum in Rostock mit allein 4000 Quadratmeter Hausfläche werden wir dort nicht realisieren. Zum Vergleich: Unser früheres Affenhaus hatte 2000 Quadratmeter, und hatte keine Außenanlagen, die heute zwingend notwendig sind. Wir setzen künftig auf eine dezentrale Lösung, ähnlich der jetzigen Gorilla-Anlage.

Reicht die Fläche, hat die Planung Auswirkungen auf den Rest des Zoos?

Dreßen Wir werden vieles neu konzipieren müssen. Einige Tierarten werden wir umsetzen müssen, und wir werden uns auch von Tierarten trennen müssen, um so viel Fläche wie möglich für die Affenanlage zu gewinnen. Der komplette Entwicklungsplan für den Zoo für die nächsten zehn Jahre muss daher neu geschrieben werden. Dabei werden wir auch die anderen Projekte wie Neubauten für die Schneeleoparden, die Seelöwen, die Kängurus und die Paviane oder die Sanierung des Regenwaldhauses neu priorisieren müssen.

Gibt es neue Einsichten über artgerechte Menschenaffenhaltung?

Dreßen Entscheidend ist es, komplexe Anlagen zu bauen, die viele Möglichkeiten der Tierbeschäftigung bieten und den Tieren die Möglichkeit geben, ihre sozialen Bedürfnisse und psychischen Fähigkeiten auszuleben. Wir setzen seit Jahren auf Tierbeschäftigung, aber mit einem Neubau kann man die Voraussetzungen dafür natürlich weiter verbessern. Immer wichtiger geworden ist in den letzten Jahren auch das Prinzip des „medical training“. Es geht dabei um ein individuell auf jedes Tier abgestimmtes Verhaltenstraining, um den Gesundheitszustand der Tiere ohne Betäubung zu erfassen. Dieser Punkt hat vor 20, 30 Jahren noch keine Rolle gespielt. Ähnliches gilt natürlich für die Außenanlagen. Auch sie sollen eine komplexe Struktur haben. Das Modell Wiese mit zwei Bäumen und einem Klettergerüst reicht nicht aus. Da muss mehr sein. Der dritte wichtige Punkt ist, dass man den Tieren Rückzugsmöglichkeiten bieten muss, also Bereiche, in denen die Tiere keinem Einfluss von Menschen, seien es Pfleger, seien es Besucher, ausgesetzt sind. Diese Komplexität ist auch deshalb wichtig, weil Menschenaffen meist sehr lange an einem Ort leben.

Wie sieht der Zeitplan in etwa aus?

Dreßen Ich denke, dass wir eine fertige Vorplanung in etwa einem Jahr stehen haben. Aber wir werden mit einer Grobplanung zum Flächenbedarf in den nächsten Wochen an die Öffentlichkeit gehen. Wir wollen die vielen Spender nicht lange warten lassen.

Wie geht es Ihrem Team?

Dreßen Wir haben vor allem die Angebote der Notfallseelsorge und der
psychosozialen Nachsorge intensiv genutzt. Beides war sehr gut, und beides wird bis heute genutzt, um dieses sehr belastende Ereignis zu verarbeiten. Im Januar haben wir fast täglich Versammlungen gehabt, um uns über Gefühle und Belastungen auszustauschen. Heute hilft uns der Arbeitsalltag, wieder in die Normalität zurückzufinden.
UliS
 
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