Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » So 29. Mär 2015, 10:11

WELCOME HOME, Giovanna und Yoghi! Die Rückkehr der Eisbären aus Berlin im Sommer 2010

Ein Interview mit Beatrix Köhler, Kuratorin, und Helmut Kern, Revierleiter des Polariums:

Frage: Seit September 2009 haben die Hellabrunner Eisbären Yoghi (10) und Giovanna (3,5) im Tierpark und im Zoologischen Garten Berlin auf Zwischenmiete gewohnt. Ende Juli beziehen sie nach dem Umbau ihr neues und mehr als dreimal so großes Zuhause in München. Was empfinden Sie bei dem Gedanken?
Helmut Kern: Wir freuen uns alle riesig auf Ihre Rückkehr. Es wird ein großer Moment für sie wie uns werden.
Frage: Eisbären sind starke Einzelpersönlichkeiten. Können Sie bei Giovanna und Yoghi kurz beschreiben, was ihre Persönlichkeit ausmacht?
Helmut Kern: Giovanna ist ein absolutes Spielkind. Ständig denkt sie sich selbst neue Spiele aus. So springt sie gern irgendwelchen Bällen hinterher, die sie vorher weggeworfen hat oder probiert lange mit Gegenständen aus, wie weit man sie an einer Klippe überstehen lassen kann, bevor sie runterfallen. Sie ist der lustigste Eisbär, den ich je gesehen habe.
Beatrix Köhler (lacht und nickt): Sie ist aber auch ein typisches Einzelkind, eine kleine verzogene Göre, die von der alten Eisbärendame Lisa nie Grenzen aufgezeigt bekommen hat. Ihre Zeit mit Knut in Berlin wird sicherlich eine gute Bärenschule für sie gewesen sein. Sie hat gelernt, dass sie nicht immer ihren Dickkopf durchsetzen kann.
Helmut Kern: Ja, sie hat wirklich eine starke Persönlichkeit und ist sehr schlau. Sie versucht sogar regelmäßig, uns Tierpfleger auszutricksen.
Frage: Und Yoghi?
Helmut Kern: Yoghi ist auch verspielt. Aber er ist viel vorsichtiger als die kleine Draufgängerin Giovanna.
Beatrix Köhler: Er ist überhaupt kein Hektiker, sonder eher der coole und gelassene Typ.
Helmut Kern: Eigentlich ist Yoghi ein unglaublich lieber Eisbär, wenn man das so sagen darf.
Frage: Glauben Sie, dass sich die beiden gut verstehen werden?
Helmut Kern: Vor ihrem Umzug nach Berlin haben sich Yoghi und Giovanna nur durch’s Gitter gesehen. Yoghi hat eigentlich immer sehr entspannt zugesehen, wenn Giovanna, die damals ja noch ein Baby war, durch’s Gehege tobte und Blödsinn machte.
Beatrix Köhler: Wir sind sehr zuversichtlich, dass sich die beiden gut verstehen werden. Mit ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten ergänzen sie sich perfekt.
Frage: Wie werden Sie vorgehen, um die Eisbären wieder aneinander zu gewöhnen?
Beatrix Köhler: Nach einer kurzen Zeit der Kontaktaufnahme durch das Gitter, werden wir sie möglichst bald nach ihrer Ankunft im Außengehege zusammenlassen. Das ist der beste Zeitpunkt. Keiner von beiden genießt einen Heimvorteil und kann Revieransprüche anmelden.
Helmut Kern: Im Innenbereich haben sie aber auch ihre Rückzugsmöglichkeiten. Yoghi wird in das ursprüngliche Bärenhaus einziehen, Giovanna in das neu gebaute Mutter-Kind-Haus. Während Giovanna jederzeit Zugang zu Yoghis Innenanlage haben wird, darf er umgekehrt nicht zu ihr. Diese Rückzugsmöglichkeit ist für Eisbärinnen, besonders wenn sie trächtig sind oder gerade Jungtiere bekommen haben, sehr wichtig.
Frage: Hoffen Sie auf denn auf baldigen Nachwuchs? Ein Mutter-Kind-Haus mit zwei Geburtshöhlen gibt es ja jetzt.
Beatrix Köhler: Theoretisch könnte es ab der nächsten Paarungszeit im April 2011 klappen. Yoghi ist bereits zuchterprobt und Giovanna wird dann mit 4,5 Jahre alt geschlechtsreif sein. Da Eisbären immer im Frühwinter Jungtiere bekommen, werden wir die beiden Ende nächsten Jahres für den sehr gut eingrenzbaren Zeitraum von einander trennen.
Helmut Kern: Zum Glück haben wir jetzt zwei von einander abtrennbare Außengehege, so dass beide Eisbären auch in der notwendigen Trennungszeit weiter draußen rumtollen können.
Frage: Um optimale Haltungsbedingungen zu gewährleisten, sind Sie als Kuratorin und Revierleiter bei der Bauplanung von Anfang bis Ende mit einbezogen worden. Auf welche Neuerungen haben Sie bei der neuen Anlage besonderen Wert gelegt?
Beatrix Köhler: Es ging mir weniger um optische Verbesserungen für den Besucher wie realistische Felsnachbildungen, sondern um optimierte Lebensbedingungen für die Eisbären. Es sollte eine abwechslungsreichere Umgebung geschaffen werden. Dabei war mir besonders wichtig, dass die Eisbären zwischen einem künstlichen und einem natürlichen Boden im Freigehege wählen können.
Helmut Kern: Das neue Außengehege ist wie ein Abenteuerspielplatz mit vielen Möglichkeiten zum Klettern, Toben, Tauchen und Spielen geworden. Es gibt drei Badebecken mit unterschiedlichen Tiefen und sogar eine Badeinsel. Besonderen Wert legten wir auf flache Übergänge ins Wasser im Bereich der Tundra. So können zukünftige Jungtiere langsam an das Medium Wasser gewöhnt werden.
Frage: Welchen Bereich meinen Sie mit Tundra?
Beatrix Köhler: Damit ist das ehemalige Außengehege der Moschusochsen gemeint, welches eisbärengerecht umstrukturiert wurde.
Frage: Bei Zootieren ist ein gutes Beschäftigungskonzept häufig wichtiger als die Größe des Geheges. Wie haben Sie vor, Giovanna und Yoghi bei Laune zu halten?
Beatrix Köhler: Gerade bei Bären ist entscheidend, sie sinnvoll zu beschäftigen, da sie mehr als andere Tiere zu Stereotypien neigen. So haben wir einige kleine Raffinessen einbauen lassen wie zeitlich gesteuerte Futterkisten, die für Überraschungsmomente sorgen sollen.
Helmut Kern: Es wird auch ein paar neue Spielzeuge geben. Sehr gespannt sind wir darauf, was Giovanna und Yoghi zu dem neuen Polar Bear Ball sagen werden, den wir besorgt haben.
Frage: Es gibt spezielle, „unkaputtbare“ Eisbärenbälle?
Beatrix Köhler: Eisbärenspielzeuge sind extremen Beanspruchungen ausgesetzt. Eine australische Firma produziert seit neuestem Bälle aus Hartkunststoff, die einen Durchmesser von 90 cm haben und 85 kg wiegen. Über eingebaute Flutkammern kann der Ball bis zu 250 kg Wasser aufnehmen, ohne zu sinken.
Frage: Wird es für den Tierparkbesucher in Zukunft tierische Attraktionen oder kommentierte Fütterungen rund um unsere Eisbären geben?
Helmut Kern: Wir werden täglich kommentierte Fütterungen anbieten, die aber zu verschiedenen Tageszeiten stattfinden sollen, damit sich die Eisbären nicht an einen bestimmten Rhythmus gewöhnen und zu betteln anfangen. Zusätzlich werden wir dem Publikum zu einer bestimmten Uhrzeit Interessantes und Lustiges über unsere Eisbären erzählen.
Dieses Interview wurde erstmalig veröffentlicht im "Tierparkfreund" 04/2010



Giovanna ist Mutter von Zwillingen.
Süddeutsche Zeitung 17. Dez 2013, 15:31
Interview mit Herrn Kern
Experte für Eisbärisch

Tierpark Hellabrunn Tierpfleger in Hellabrunn Helmut Kern ist der Eisbären-Flüsterer von München.
Pfleger Helmut Kern hat normalerweise mit Tieren zu tun. Seit der Geburt von zwei kleinen Eisbären im Tierpark Hellabrunn wird er von Menschen mit Mikrofonen und Kameras überrannt. Ein Gespräch über den Eisbären-Hype und echte Saubären.
Von Philipp Crone
Normalerweise spricht Helmut Kern bei der Arbeit mit Bären, was ja schon nicht unbedingt die allgemein üblichen und verbreiteten Gesprächspartner sind. Doch in der vergangenen Woche hatte der 53 Jahre alte Tierpfleger nun mit einer sonst noch selteneren Spezies im Tierpark zu tun: Menschen mit Mikrofonen und Kameras.
Es kamen seit Mittwoch gleich so viele, dass ihm bereits beim Interview mit dem SZ-Mikrofon und dem dazugehörigen Autor sämtliche Antworten ganz geschliffen von den Lippen gehen, so geschmeidig wie Eisbär Yoghi im Hintergrund durchs Wasser seines Bassins gleitet. Und alles nur, weil Eisbärfrau Giovanna am Montag vor einer Woche Zwillinge zur Welt gebracht hat, die sich mittlerweile laut Zoo schon "kleine Kullerbäuche" angefressen haben.
So etwas hat selbst Kern noch nicht erlebt, und er arbeitet in Hellabrunn seit seinem 16. Lebensjahr. Noch ist es an diesem sonnigen Wintervormittag ruhig, doch das wird sich wohl in den nächsten Monaten ändern.
SZ: Herr Kern, haben Sie schon eine Webseite? Jetzt kommt der Eisbär-Hype.
Helmut Kern: Ja, den wird es wohl geben. Und im Moment sieht es auch gut aus. Jeder Tag, an dem Giovanna entspannt und ruhig ist, ist ein gewonnener Tag. Bei Eisbären ist ja immer die erste Woche besonders kritisch, und die haben wir jetzt geschafft. Da kann es dann bald abgehen hier.
Und Yoghi, der Vater, der läuft hier hinter Ihnen auf und ab, wie geht es dem?
Der ist gerade generell traurig, weil Giovanna nicht da ist, so war es ja auch schon die vergangenen zwei Jahre immer im Winter, als sie sich auch zurückzog. Und Yoghi ist außerdem irritiert, weil er etwas Neues riecht. Bärenmänner können ja über Kilometer riechen, und jetzt ist da etwas anders. Die Babys, das Blut bei der Geburt, er kann das nicht deuten. Sollte man ihm auf Eisbärisch mal erklären.
Sonst kümmern Sie sich um Giovanna, derzeit aber nicht, weil niemand zu ihr reingehen soll. Was machen Sie also, außer Interviews zu geben?
Ich habe ja noch andere Tiere zu versorgen, Seelöwen und Pinguine zum Beispiel. Aber klar, wir schauen immer wieder auf den Monitor, der sie in der Box zeigt, ob alles gut ist. Da sehen wir die Jungen rumkrabbeln. Und wir hören auch viel. Es ist irre laut, was Bärenkinder von sich geben. Die schimpfen, und sogar das Schmatzen kann man hören. Irgendwann werde ich Giovanna die Tage dann mal besuchen. Das ist auch wichtig, weil sie es gewohnt ist, dass wir zweimal in der Woche kommen und ihr einen Leckerbissen mitbringen.
Wie stehen die Chancen, dass die Bären auch mal zu viert zusammen sind?
Normalerweise sind die Männer ruppige Burschen. Als Yoghi und Giovanna sich kennengelernt haben, hat sie ihm erst einmal eine saubere Watschn gegeben. Da ist er drei Schritte zurückgegangen.
Das ist die Begrüßung auf gut Bärisch?
Genau. Aber sie sind dann sehr gut miteinander zurecht gekommen. Bärenmänner können sonst wirklich Sauhund' sein.
Also Saubären?
Ja, richtige Saubären. Aber dieses Bärenpaar mag sich.
Woran merken Sie das?
Zum Beispiel bei der Paarung. Da geht es sonst auch nicht immer ganz zärtlich zu. Aber bei den beiden hat man gemerkt, dass sie wollten, und er hat sich dann immer an sie herangeschmiegt, hat die Tatze auf sie gelegt. Also die mögen sich, das ist klar.
Und wie könnte die erste Begegnung ablaufen? Die Tiere sind ja in freier Wildbahn Einzelgänger.
Wir machen das an einem Kontaktgitter. Da wird Yoghi dann das Ergebnis seiner Paarung sehen. Aber man muss wissen, dass Eisbärfrauen Übermütter sind. Da wird es spannend sein, wie sie reagiert. Aber wir lassen uns da dann auch viel Zeit. Es ist ganz selten, dass es funktioniert, das muss man auch sagen. Aber von den beiden Typen her könnte es klappen.



Knut und wir haben Giovanna von Herbst 2009 bis Juli 2010 gut kennengelernt.

Ja, sie ist eine willensstarke Persönlichkeit, die unheimlich gerne spielt und spielend ihre Umwelt erforscht. Aber wir müssen Beatrix Köhler in einem widersprechen. Sie hat von der alten Eisbärendame Lisa keine Grenzen aufgezeigt bekommen. Das stimmt. Aber dass sie bei Knut gelernt hätte, nicht immer ihren Dickkopf durchsetzen zu können, dass stimmt eher nicht. Dass Knut mal so etwas wie Widerstand gegen Giovanna geübt hat, das beschränkt sich auf wenige Situationen.

Typisch war, dass sie auch bei meinem Besuch in Hellabrunnn gegen die Tür donnerte. Sie wollte rein, und darauf sollte Herr Kern gefälligst reagieren. In Berlin haben wir auch häufig gehört, wie sie von innen gegen die Tür gedonnert hat, wenn Knut draußen noch gefüttert wurde. Sie wollte endlich sich einverleiben, was eigentlich Knut gehörte.

Wir haben mit großem Wohlgefallen - und ein wenig Neid - erfahren, wie komfortabel Giovanna nach ihrer Rückkehr residierte und wie gut sie sich mit dem gutmütigen Yoghi verstand. Und dann haben wir erfahren, was für eine fürsorgliche zärtliche Mutter Giovanna geworden war. Sie, die immer so wild und ungestüm war. Und bei Gelegenheit auch wieder sein wird, da sind wir sicher.

Hier nun ein paar Bilder vom 30.6.2014. Sie hat sehr zärtlich mit ihren Kindern gespielt. Da ist sie anders als die Kamschatka-Bärenmutter Mascha. Diese spielt nicht mit ihren Kindern, auch nach Auskunft der Tierpfleger nicht. Sie ist natürlich trotzdem eine vorbildliche Mutter. Und die Kamschatkabärenkinder haben ja sich zum Spielen. Drei Bärenkinder, da kommt keine Langeweile auf.

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Anneliese
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » So 29. Mär 2015, 10:36

Süddeutsche Zeitung, Seite 3, 30.September 2010
Berlin, ein Tierversuch
In der Hauptstadt regiert ein Mann zwei Zoos: Der im Osten ist zum Weinen, der andere bedient die Kundschaft aus dem Kaufhaus des Westens. Eine Geschichte über glamouröse Haie, lethargische Elefanten, Schafe an der Ausfallstraße – und über 20 Jahre deutsche Einheit
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Von Thorsten Schmitz

Berlin – „Trostlos“ ist kein Wort, mit dem man einen Text beginnen sollte. In diesem Fall ist es unumgänglich, weil es von allen benutzt wird, mit denen man im Laufe von fünf Wochen gesprochen hat. Von allen. Bis auf einen.

Das Wort kommt einem in den Sinn, wenn man das Krokodilhaus im Berliner Tierpark betritt, die alten Heizungen aus DDR-Tagen sieht und das brackige Wasser riecht, in dem die Krokodile liegen. Es geht einem nicht aus dem Kopf, wenn man die Affen im Affenhaus besucht und die Panther. Sie alle können keinen Blick nach draußen werfen, nur auf Kacheln und Besucher. Und die Kreishornschafe aus Iran und Afghanistan stehen hinter einer Mauer an der Ausfallstraße nach Marzahn. Fragt man einen Pfleger, warum ein Kamel schon seit zwei Stunden heult, antwortet er: „Den stört wahrscheinlich was.“

Der Tierpark im Osten der Stadt ist meist fast leer. Man kann eine halbe Stunde lang herumlaufen und niemandem begegnen. Man kommt sich vor wie in einem Tier-Mausoleum. Die Tafeln, auf denen steht, welches Tier vor einem döst, sind in hölzernem Deutsch verfasst. Die Tierschutzexpertin der Berliner Grünen, Claudia Hämmerling, sagt, der Tierpark werde in einem „altbackenen Konzept“ geführt. Ein Konzept ohne Schatten. Im Sommer haben die Tiere draußen fast keinen Schutz vor der Sonne.

Vom Fenster ihres Büros kann Hämmerling ein Stück Mauer sehen. Eines, das der Berliner Senat hinter Gittern konserviert, damit man nicht vergisst, dass es die Mauer gegeben hat und wie sie aussah. Auf einem Stück steht gesprüht „Save the Planet“. Claudia Hämmerling will den Tierpark retten.

Sie reicht Anfragen an den Berliner Senat ein und gibt Anzeigen gegen den Tierparkdirektor auf. Sie sagt, im Tierpark würde Inzucht akzeptiert, um Nachwuchs zu züchten, weil Tierbabys mehr Besucher anlockten. Sie sagt, ältere Tiere würden verschwinden, „und man weiß nicht, wo sie landen“. Bei Tierhändlern, in Zirkussen, als Bettvorleger? Hämmerling findet manche Gehege im Tierpark „so trostlos, dass man gar keine Lust hat, sich das anzuschauen“.

Man könne den Tierparkdirektor als „den bösen Wessi beschreiben“. Menschen wie ihn, sagt Hämmerling, „finden sie aber auch im Osten“.

So ist man neugierig geworden auf den Tierparkdirektor. Bernhard Blaszkiewitz ist 1954 im damaligen Berliner Westsektor geboren worden. Heute ist er ein mächtiger Mann. Er ist der Chef des Zoos und des Tierparks. Es sind die größten Zoos der Welt. Blaszkiewitz ist Herr über rund 23 700 Tiere und 400 Menschen. Der Tierpark liegt am östlichen Ende von Berlin, dort, wo die Stadt ausfranst in ein Meer aus Plattenbauten, Strommasten und Ausfallstraßen. Zufällig spaziert hier keiner vorbei. Dafür ist der Weg zu weit. Der Zoo hingegen liegt im Herzen von Westberlin, zwischen Kudamm und Gedächtniskirche. Den Zoo können Touristen auch spontan besuchen, wenn sie gerade einen Pullover im KaDeWe gekauft haben. Im Tierpark liegt das Schloss Friedrichsfelde. Man kann hier heiraten und Konzerte besuchen. Mit Tieren hat das eher nichts zu tun. Im Zoo kann man Quallen, Haie und Rochen in einem Aquarium sehen.

Blaszkiewitz hält nicht viel von Journalisten. Das liegt womöglich daran, dass die Journalisten nicht viel von ihm halten. In den Zeitungen steht, dass Blaszkiewitz im Tierpark vier Hauskatzen das Genick gebrochen habe, weil sie ein Virus gehabt hätten. Vor zwei Jahren wurde Blaszkiewitz deshalb von einem Untersuchungsausschuss des Berliner Senats angehört. Dort sagte er, er habe die Katzen „artgerecht“ getötet. Tierschutzverbände klagen, dass im Tierpark Kragenbären verschwunden und beim Schlachter gelandet und gesunde Tiger totgespritzt worden seien. Die Vorwürfe sind endlos. Doch Blaszkiewitz ist noch immer Direktor beider Zoos. Claudia Hämmerling sagt: „Blaszkiewitz hat sich immer durchgesetzt. Das Leben gibt ihm recht.“

Seine Pressesprecherin sitzt neben ihm, notiert Fragen und Antworten, er trägt eine khakifarbene Tierpfleger-Weste und hat keine Lust auf Fragen und Antworten. „Es ist doch bekannt“, sagt Blaszkiewitz, „dass das Wenigste, was in den Zeitungen steht, richtig ist.“ Also fragt man ihn erst mal nach seinem Lieblingstier. „Nashörner“ lautet die Antwort. Über die Haltung von Nashörnern in deutschen Zoos hat er seine Diplomarbeit geschrieben. Im Zoo erfährt man auf einer Tafel, dass das besondere Merkmal von Nashörnern Kurzsichtigkeit sei. „Mich interessieren die abseitigen Tiere“, hat der Direktor mal gesagt.

Abweichende Meinungen interessieren ihn nicht. Als das Wort „trostlos“ fällt, eingebunden in den Satz, dass der Tierpark einen trostlosen Eindruck mache, hakt Blaszkiewitz nach. Ob er richtig gehört habe? Dann sagt er, ein Zoo sei nicht für die Tiere da, sondern für die Menschen. Dann bricht der Tierparkchef das Gespräch ab, bezeichnet es als „bescheuert“.

Man malt sich aus, wie Blaszkiewitz bei seinen Angestellten reagiert, wenn er schon bei einem fremden Journalisten nach einer halben Stunde die Geduld verliert. Er wirft mit Sätzen um sich wie: „Dass Leute sagen, das sei ja wie im Osten, und die Säcke im Westen beuten uns aus, das ist genau die Grundrichtung, die unser Land runtertreibt.“

Man fragt sich auch, in welchem Land Blaszkiewitz lebt, in dem das Wort „trostlos“ nicht geduldet wird.

Claudia Hämmerling hatte gesagt: „Demokratie ist nicht sein Ding.“ Viele Pfleger im Tierpark hätten Angst vor ihm. Sie „zittern um ihren Job“. Hämmerling ist keine fanatische Tierschützerin. Sie redet unaufgeregt und belegt Vorwürfe mit Faxen, Briefen, E-Mails. Wie sie Blaszkiewitz beschreiben würde? „Der ist einer der alten Schule.“

Einer, der vielleicht nicht begreift, dass es ein Unterschied ist, ob ein Tier lebendig ist – oder nur lebend.

Vor zwanzig Jahren verschwand die DDR. Und Berlin hatte plötzlich zwei Zoos, einen im Osten, einen im Westen. Wie es heute dort zugeht, wollte man wissen. Wie die Stimmung ist. Was die Wiedervereinigung gebracht hat. Evelyn Berger verdreht die Augen, wenn man sie das fragt. Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung sagt sie: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Stasi hier noch regiert.“

Evelyn Berger wartet an einem kühlen Herbsttag im Tierpark bei den Wisenten. Sie kommt aus einer Plattenbausiedlung, der Tierpark ist ihr Wohnzimmer, seit Jahrzehnten. Sie kennt die Löwen, die Tiger und die Elefanten mit Namen. Bei den Graupapageien muss sie nur gurren, und die Vögel kommen aus ihrem Versteck und hüpfen auf sie zu. Am Elefantengehege gelingt es ihr, eine ältere Elefantin aus ihrer Lethargie zu reißen. Diese hatte mit dem Kopf gewackelt und im Sekundenabstand die Füße angehoben und wieder aufgesetzt. Berger ruft ihren Namen, „Astra, Astra“, und das Tier hebt seinen Rüssel, hält inne. Es scheint, als freute es sich über die Abwechslung.

Es hat Evelyn Berger Überwindung gekostet, sich mit einem Journalisten zu treffen. Sie will nicht dem Direktor über den Weg laufen. „Der hält sich für Gott!“ Blaszkiewitz wohnt mitten im Tierpark, in einem umzäunten Haus, hinter Büschen und Bäumen. Sein Büro hat er im Westen der Stadt, am Bahnhof Zoo.

Evelyn Berger trägt am Hals einen kleinen Elefanten in Gold. „Jahrelang haben wir gekämpft, dass die Elefanten im Tierpark nicht mehr angekettet werden.“ Aber noch immer deprimiere sie deren Unterkunft. „Anstatt das Haus zu vergrößern, hat Blaszkiewitz ein Seekuh-Aquarium mitten hinein gebaut, weil er Seekühe so liebt. Seekühe! Die können gerade einmal nach vorne und wieder zurück schwimmen.“

Wenn man Tierpark und Zoo vergleicht, könnte man glauben, eine Wiedervereinigung hätte es nie gegeben. Der Tierpark wurde vor 55 Jahren eröffnet, den Zoo im Westen gibt es seit 166 Jahren. Das Publikum des Tierparks besteht zu 75 Prozent aus Ostdeutschen, das Publikum des Zoos zu 75 Prozent aus Westdeutschen. Wenn man mit Angestellten im West-Zoo redet, herrscht kein Klagen. Die Besucherzahlen stimmen. 3,1 Millionen Menschen kamen letztes Jahr in den Zoo, in den Tierpark nur 949 470. Der Zoo hat volle Kassen, auch wegen Eisbär Knut. Noch immer stehen Fans vor seinem Gehege und schauen ihm zu, wie er seinen Fans zuschaut. Im Zoo findet man keinen Tierpfleger, der etwas gegen Blaszkiewitz hat. Man findet nur welche, die gehört haben, dass sich die Mitarbeiter im Tierpark vor ihm fürchten.

Der Tierpark wird in diesem Jahr mit 5,8 Millionen Euro vom Senat gepäppelt, der Zoo nur mit 1,4 Millionen. Im defizitären Tierpark haben sie Angst, dass das Verlustgeschäft einer Abwicklung Vorschub leistet. Der frühere Finanzsenator Thilo Sarrazin wollte den Ost-Zoo schließen lassen, konnte sich damals aber nicht durchsetzen. Die beiden Zoos sind vor drei Jahren zu einem Unternehmen fusioniert. Die Aktiengesellschaft Zoo wirtschaftet jetzt mit der Tierpark GmbH unter einem Dach. Man wundert sich, wie das zusammengehen soll, dass Blaszkiewitz im Zoo als guter Direktor gilt – und im Tierpark als Diktator.

Thomas Ziolko ist hauptberuflich Verwaltungswirt und nebenberuflich Chef der Fördergemeinschaft Tierpark und Zoo. Er stammt aus Karlshorst, er ist schon als Kind im Tierpark gewesen. Sein Verein organisiert Konzerte im Schloss Friedrichsfelde und wirbt für Tierpatenschaften. Ziolko ist ehrlich. Er sagt, von Tieren habe er keine Ahnung. Er könne gerade mal Giraffen von Elefanten unterscheiden. Dann lacht er. Vielleicht wollte er sich deshalb nicht zum Gespräch im Tierpark treffen, sondern in einem Café in Mitte. Wenn man Ziolko nach Blaszkiewitz fragt, was das denn für ein Mensch sei, dann sagt er einen Satz, in dem weder Tiere noch Menschen vorkommen: „Blaszkiewitz hat Ecken und Kanten. Aber das finde ich interessanter als einen Kieselstein, der seit Jahren glatt im Bach liegt.“

Wenn man sich mit Menschen trifft, die Blaszkiewitz nicht mit Kieselsteinen vergleichen, erfährt man, dass das Zittern vor dem Direktor 1991 anfing, zwei Jahre nach der Wende. Der damalige Tierparkchef Heinrich Dathe, der „Grzimek des Ostens“, bekam vom Berliner Senat die Kündigung. Drei Wochen ließ man Dathe damals Zeit, das Diensthaus zu räumen, in dem heute Blaszkiewitz alleine lebt. Fünf Tage nach dem Kündigungsschreiben starb Dathe. Die Kündigung war zu viel für ihn gewesen, klagte damals seine Familie. Ein Sohn Dathes, Falk Dathe, arbeitet heute als Kurator im Tierpark, zuständig für Kriechtiere. Man hätte gerne mit ihm über seinen Vater gesprochen, der eine Institution in der DDR war, und über die Zeit, als Blaszkiewitz in das Haus einzog. Man hatte sich schon auf einen Termin geeinigt, als Falk Dathe eine E-Mail schrieb. Er habe gehört, dass der Direktor das Interview mit dem Reporter abgebrochen habe. Er sehe daher keine Grundlage mehr für ein Gespräch und sage es hiermit ab.

Als Blaszkiewitz vor 19 Jahren Tierparkchef wurde, stand die Belegschaft Kopf. Man war entsetzt über den Umgangston, den Blaszkiewitz eingeführt hatte und über die Strafmaßnahmen. Eine Mitarbeiterin des Tierparks, die heute nicht mehr dort arbeitet, einst aber im Betriebsrat saß, zeigt einen Brief, den der Betriebsrat damals an Herrn Blaszkiewitz geschrieben hat. Darin heißt es unter anderem: „Wir protestieren auf das Schärfste gegen Ihre Worte, Sie würden ,alle kommunistischen Überbleibsel noch ausmerzen‘. Wir erlauben uns, darauf hinzuweisen, dass ein Betriebsrat kein ,Überbleibsel aus der ehemaligen DDR‘ ist.“

Alle, mit denen man im Tierpark sprechen möchte, haben Angst, erkannt zu werden. Blaszkiewitz hatte Interviews mit Tierpflegern nicht erlaubt. Es gebe eine Vereinbarung mit dem berlinbrandenburgischen Fernsehsender RBB, dass nur dieser mit Zoomitarbeitern reden dürfe. In der Pressestelle des RBB wundert man sich über diese Behauptung.

Nach drei Wochen ist ein Tierpfleger bereit zu reden, in einem Café im Westen der Stadt. „Da kennt mich keiner.“ Er möchte auf keinen Fall seinen Namen in der Zeitung sehen. „Dann bin ich meinen Job sofort los. Sie haben ja gar keine Vorstellung, was für eine Angst im Tierpark herrscht.“ Er sagt, Blaszkiewitz habe Freunde oder Feinde. Freunde würden „belohnt, Feinde eliminiert“. Zum Beispiel habe man versucht, den Alltag der Elefanten interessanter zu gestalten. Elefanten zum Beispiel spielten gerne mit Autoreifen oder zögen mit dem Rüssel gerne Heu aus Körben. Blaszkiewitz aber verbiete das. Sein Credo sei, dass er keinen Spaßzoo wolle.

Der Tierpfleger sagt, Kollegen, die Blaszkiewitz kritisiert hätten, seien mit einer Kontaktsperre bestraft worden. Sie hätten das Tier, das sie gepflegt und zu dem sie eine Beziehung aufgebaut hatten, für einige Zeit nicht mehr pflegen dürfen. Stattdessen werde man mit Käfigsaubermachen abgestraft. Im Tierpark herrsche „Paranoia“.

„Das Schlimmste ist“, sagt der Tierpfleger, „dass die Tiere die schlechte Atmosphäre spüren. Sie schlägt sich auf ihr Gemüt. Sie sind doppelt gestraft. Sie sind in einem Zoo und werden von schlecht gelaunten Pflegern behandelt.“

Ein paar Tage später meldet sich ein früherer Mitarbeiter des Zoos. In einem Telefongespräch sagt er: „Ich habe es eigentlich bis heute nicht verstanden, dass sich im Tierpark ein Regime installieren konnte, von der DDR bis heute.“

Blaszkiewitz gehört dem „Orden der Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem“ an. Ihre Mitglieder unterstehen dem Papst. Auch Mitglieder des Zoo-Aufsichtsrats sollen dem Orden angehören. In einem Statut des Ordens steht: „Die Ideale der Kreuzzüge sollen in neuzeitlicher Form weiterleben.“ Der frühere Mitarbeiter sagt, Blaszkiewitz betrachte es als seinen persönlichen Kreuzzug, die Mitarbeiter des Tierparks zu missionieren. „Seiner Meinung nach haben Tiere keine Seele. Sie sind ein Produkt. Er hat keine persönliche Beziehung zu Tieren. Da ist er eiskalt.“

Vielleicht spüren das die Tiere. Im vergangenen Sommer biss ein Affe dem Direktor einen Finger ab, als dieser den Affen Pedro vor laufenden Kameras füttern wollte. Der frühere Mitarbeiter sagt: „Mit ihm kann ja etwas nicht stimmen. Die Tiere im Tierpark und im Zoo werden nervös, sobald sie ihn sehen "

Wenn Blaszkiewitz witzig sein möchte, antwortet er auf die Frage, welches Haustier er halte: „Silberfische, im Badezimmer.“ Meistens ist er nicht witzig. Dann sagt er, Menschenleben sei etwas anderes als Tierleben. Schon in der Schöpfungsgeschichte werde gesagt, macht euch Tiere untertan. Es gebe Menschenrechte, aber keine Tierrechte, auch wenn es Organisationen gebe, die etwas anderes behaupteten. Und wenn man ihn auf die Menschen anspricht, die Angst vor ihm haben, sagt er: „Es gibt immer in Ihrer Position als Chef Leute, die Sie nicht mögen.“

Der Nachmittag geht in den Abend über. Das Kamel heult noch immer. Im Tierpark ist fast kein Mensch mehr zu sehen. Evelyn Berger verabschiedet sich und sagt, so bald werde sie wohl nicht mehr wiederkommen. „Wissen Sie, ich hatte schöne Zeiten hier. Aber wenn Sie merken, dass Sie in der DDR gelandet sind.“

Ein Tierpark, sagt der Direktor,
sei doch nicht für Tiere da –
sondern für die Menschen.


Die Tiere sind doppelt gestraft.
Sie sind eingesperrt und haben
schlecht gelaunte Pfleger.
Einmal wollte der Tierparkchef
einen Affen füttern – doch
der biss ihm den Finger ab.

Der Zoo im Westen: Hier gibt es keine Klagen. Mehr als drei Millionen Besucher kamen im vergangenen Jahr. Im Aquarium gibt es neben Haien auch Rochen und Quallen zu sehen – und draußen natürlich Eisbär Knut. Foto: Regina Schmeken

Der Tierpark im Osten: Nicht nur die Elefanten haben hier ein trostloses Dasein, sondern auch die Angestellten. Von Angst ist die Rede und von Paranoia. Nur einer will davon nichts hören, der Direktor, der beide Zoos leitet, Bernhard Blaszkiewitz. Fotos: Regina Schmeken, AP
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mo 30. Mär 2015, 08:07

Das ist nicht gut für Knut
Der Tagesspiegel, 22.10.2010, von Annette Kögel

Eine kanadische Tierexpertin ist entsetzt, wie der Berliner Zoo mit dem Eisbären umspringt. Und eine Grünen-Politikerin fordert gar die Entlassung von Zoodirektor Blaszkiewitz.

Vielen Besuchern tut es in der Seele weh. Kinder weinen – und sogar eine erwachsene Touristin, die extra aus Neuseeland kam. Wie ihr Knut da auf immer derselben Stelle auf dem unebenen Fels kauert, ängstlich zu den drei alten Weibchen nach oben guckt, die ihn attackieren. Bislang wirkte das bekannteste Zootier der Welt selbst in Gefangenschaft glücklich, erfreute Besucher und Fans überall auf dem Globus, doch nun können viele den Anblick gar nicht mehr ertragen. Sogar über einen Boykott des Zoologischen Gartens in Berlin wird schon im Internet diskutiert. Dabei tun Mitarbeiter und Pfleger für Knut, was sie nur können.

Die Grünen-Politikern Claudia Hämmerling forderte am Freitag die frühzeitige Entlassung von Zoo-Vorstand Bernhard Blaszkiewitz durch den Aufsichtsrat.

Sie rufe den Senat auf, die Vergabe der zuletzt sieben Millionen Euro Steuergelder jährlich endlich an Bedingungen zu knüpfen, sagte sie dem Tagesspiegel.

Sie rufe den Senat auf, die Vergabe der zuletzt sieben Millionen Euro Steuergelder jährlich endlich an Bedingungen zu knüpfen, sagte sie dem Tagesspiegel.

Der FDP-Tierexperte Mirco Dragowski forderte, der Tierschutzbeauftragte solle in den Zoo-Aufsichtsrat entsendet werden. Außerdem solle Berlin mit Sponsoren wie der Berlin Tourismus Marketing ein internationales Expertenhearing zur modernen Tierhaltung am Man mag es verstehen oder nicht – aber die ganze Welt interessiert sich für Knut und leidet mit ihm. Das Ende der „Knutshow“, der drohende Wegzug aus Berlin – und jetzt sein erbärmlicher Zustand, das beschäftigt die Menschen weltweit. Die Nachrichtenagentur dpa registriert bei Knut-Geschichten deutlich höhere Abnahmezahlen. Selbst japanische und afrikanische Zeitungen sind in Sorge. Der Zoo sagt, es geht Knut gut, er müsse lernen, sich zu verteidigen.

Die kanadische Eisbär-Expertin Else Poulsen in Toronto hat sich die aktuellen Fotos und Videos von Knut angeschaut. Die Tierpflegerin, Zoomanagerin, Beraterin, Autorin und vielfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin ist entsetzt. „Viele Leute in Nordamerika sind schockiert, wie Berlin mit dem weltweit bekannten Tier umgeht“, sagte Else Poulsen dem Tagesspiegel. „Der Eisbär hat dem Zoo als Markenzeichen Millionen Dollar eingespielt – wie kann man ihn nur unter solchen tristen Bedingungen halten?“ Knut sehe schlecht aus, „seine Körperhaltung ist besorgniserregend“. Er habe Fellverlust „offenbar infolge von Stress, man sieht seine schwarze Haut darunter, und er hat zu wenig Muskeln für sein Alter“.

Warum die Weibchen ihn angreifen? Der Instinkt, in der Natur fühlen sich alte Bärinnen von jungen Männchen bedroht: „Die drei gehen als geschlossene Gruppe gegen ihn vor, wie eine Gang, das ist nicht gut.“ Wenn der Zoo nicht reagiere, werde sich ihrer Einschätzung nach daran nichts ändern. Jedes Tier fühle sich vom anderen bedrängt. Das Gehege sei „für diese vier Bären viel zu klein, die Haltungsbedingungen monoton, überhaupt nicht zeitgemäß, ich möchte fast sagen: grausam“. Dass Berlin kein „Enrichment“ – eine auch für die Zuschauer interessante, gezielte Beschäftigung der Tiere – anbiete, kann Else Poulsen gar nicht glauben. In Kanada und den USA seien solche Zoos wie in Berlin seit Jahrzehnten nicht mehr akzeptiert. Internationale Richtlinien schreiben die gezielte Beschäftigung vor. Else Poulsen sagte, Berlin könnte von einem Tag auf den anderen mit wenig Geld die Lebensbedingungen verbessern. Auch wenn Kritiker des Zoos befürchten, dass sich die Zoodirektion dann aus der Verantwortung stehlen könnte, ein neues Gehege zu bauen.

Bären seien wie Affen sehr intelligent, haben feste Tagesabläufe und ihr Gehirn müsse beschäftigt werden, damit sie keinen Stereotypien wie Hin-und-her-Laufen entwickeln. Poulsen sagt, die Konflikte könnten entschärft werden, wenn alle Eisbären beschäftigt würden. Sie bauen sich in der Arktis „Betten“ aus Gräsern und Büschen, deswegen würde man in Calgary, Detroit, San Diego, München, Köln, Hannover Bäume und Äste ins Gehege legen. Nicht nur Tannen zu Weihnachten, wie in Berlin.
Weil Eisbären sich instinktiv gern eingraben, gibt es anderswo nicht Felsen, sondern Holzborke und Rindenmulch. Und Bäume, zum Klettern und Verstecken. „Knut bekommt einmal im Jahr zum Geburtstag eine Eisbombe mit Fressen zum Pulen?“, fragt Poulsen in Kanada ungläubig. „So etwas braucht er täglich.“ In anderen Zoos dürfen die Pfleger ihre Tiere mit Kästen fordern, aus denen die Bären das Fressen angeln müssen. Ihr Hauptsinnesorgan sei die Nase, so werden in Zoos Duftspuren als Abwechslung gelegt. Und sogar lebende Fische verfüttert. „So lernen die Besucher was über die wahre Natur.“


Leserbrief im Tagesspiegel 7.11.2010
„Der Bär, die Stadt und der Zoo“;

„Senat soll Knut retten“ vom 1.11.2010


Aber bitte schnell. Knut ist eine der Topadressen von Berlin, und diese Tatsache sollte die Politik schnellstens zu ihrem Anliegen machen, bevor das Image Berlins in der Welt Schaden nimmt. Es ist gut möglich, dass Knut in einem Jahr stark genug ist, sich gegen die drei alten Damen behaupten kann. Das große Problem ist: es hilft den vielen Knutfans in aller Welt überhaupt nicht. Jeder von ihnen wünscht sich, dass es ihm jetzt gut geht, weil sie eine intensive Beziehung zu ihm aufgebaut haben und es nicht ertragen können, wenn Knut sich nicht wohl fühlt. Sie wollen nicht, dass er stundenlang in der letzten unteren Ecke der Anlage hockt, wenn die anderen da sind, dass er sich langweilt, wenn er alleine ist. Die Menschen haben jahrelang mit ihm kommuniziert, sich gegenseitig erfreut und müssen diesen Absturz jetzt miterleben. Der Zoo hat selbst mit dafür gesorgt, dass Knut der bekannteste Eisbär der Welt ist, hat eine Menge Geld durch ihn eingenommen und will ihn jetzt plötzlich behandeln, wie man jeden normalen Eisbären behandelt.

Wer Stars produziert, muss diese auch wie Stars behandeln, denn diese sind dann quasi zur öffentlichen Person geworden, in die viele, viele ihre Sehnsüchte und Emotionen hineininvestieren, die dann respektiert werden wollen. Das lässt sich leider nicht mehr rückgängig machen und dem muss Rechnung getragen werden, indem immer alles getan wird, damit es dem Tier in den Augen des Publikums gut geht. Wenn das der Zoo nicht versteht, dann ist es besser, Knut abzugeben und ihm eine angemessene Umgebung zuzugestehen, die ihn entsprechend wertschätzt.
M. A., Berlin-Tiergarten


Brief Aus der Schweiz an den Zoodirektor

"Sehr geehrter Herr Zoodirektor!

Ich selbst war in diesem Jahr im Monat Juni und im November einige Male bei Knut.

Im Juni war Knut noch ein verspielter, glücklicher Eisbär, der mit Giovanna im Gehege herumtollte und die Zoobesucher mit lustigen Späßen wie Ballspiel, Tücherwerfen oder der Verwandlung in einen Braunbären entzückte.

Das Bild, das sich mir im November bot, war ein absoluter Jammer und rührte mich zu Tränen !

Was ist denn bloß aus Knuti geworden ???

Wie kann man denn einen so lebenslustigen, lieben Bären, der in seinem bisherigen, jungen Leben noch keine negativen Erfahrungen mit Artgenossen und Menschen gemacht hat, mit drei betagten Eisbären-Damen gemeinsam in ein Gehege sperren ???

Kein Wunder, dass die alten Ladies ihr Revier verteidigen! Knut ist für sie ein Eindringling, der dort nichts zu suchen hat und daher gejagt und vertrieben wird. Machen doch alle Tiere so !

Armer Knut! So liegt er nun da, auf dem kleinen Felsen am Wasser und döst Tag für Tag gelangweilt und verängstigt dahin ! Wo bleibt denn da die artgerechte Tierhaltung ???

Haben denn die Zoo-Verantwortlichen von Berlin keine Augen im Kopf ???

Hunderte von Menschen, Tier-Freunden- und -Schützern stehen täglich an dem großen Eisbärengehege und leiden zusammen mit Knut. Keiner kann so etwas verstehen und möchte den jungen Bären dort 'rausholen und aus seiner traurigen Situation befreien.

Wahrlich eine Schande, was sich der Zoo mit seinem beliebtesten und in der ganzen Welt bekannten Eisbären erlaubt ! Einst brachte er dem Zoo Millionen von Euros in die Kasse ... heute steht nicht einmal mehr sein Name am Gehege!

Ich bitte daher die Zooverwaltung, Knut so schnell wie möglich wieder in seine alte Anlage zurück zu versetzen. Männliche Eisbären sind Einzelgänger und keine Tiere, die sich in einer Gruppe wohl fühlen. Dies sollten die Verantwortlichen von Knut eigentlich wissen !!!

Knut wäre in seinem früheren, wenn auch kleineren Gehege weitaus glücklicher und zufriedener und stünde nicht täglich unter dem Stress der alten Ladies.

Mir bricht es das Herz, denke ich an Knutis jetzige Situation !!!

So hoffe ich, die Zoo-Verantwortlichen werden den gemachten Fehler bald einsehen und Knuts junges Leben retten, ehe er aus lauter Langeweile und Angst verkümmert und in schwere Depressionen fällt ! Knut ist ein junger, gesunder Eisbär (Dank sei Thomas Dörflein !!!), der Action, Beschäftigung und Bewegung braucht !!! Deshalb meine Bitte an die Zooverwaltung: Verlegen Sie Knut wieder in sein altes Gehege; verwöhnen sie ihn mit bärengerechten Spielzeugen (Bälle, Tücher, Sandgruben u.s.w.)und beglücken sie ihn zum gegebenen Zeitpunkt mit einem gleichaltrigen Eisbären-Mädchen, mit dem er glücklich herumtollen und spielen kann !!!"
Doris Merz, Bern

Nein ... Dr. B. hat auf meinen Brief NICHT geantwortet. Hatte den Brief per EINSCHREIBEN versandt und konnte ihn daher im Internet verfolgen. Dr. B. hat den Brief am 29. Dezember 2010 erhalten und quittiert. Ehrlich gesagt, habe ich von Seiten des Zoos auch keine Antwort erwartet

Anneliese
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mo 30. Mär 2015, 17:03

Tagesspiegel, 14.12.2010 Von Annette Kögel
Zum Geburtstag viel Schnee Eisbär Knut wird vier
Foto-Unterschrift: Bärendienst. So kauert Knut vielfach den lieben langen Tag auf dem Felsen. Foto: dapd - Foto: dapd

Am Sonntag wird das bekannteste Zootier der Welt vier Jahre alt. Der Zoo spendiert Knut seine Leib- und Magenspeise: Croissants. Seine ungewisse Zukunft betrübt Fans und Tierschützer. Die Unterschriften kommen aus Puerto Rico, Taiwan, Jemen, Indien, Kenia, Brasilien, Südafrika, Israel. Unter anderem. Menschen überall auf dem Globus sind Fans des Eisbären Knut, und sie alle kritisieren, dass Zoo und Tierpark bei den Haltungsbedingungen zum Nachteil der Tiere und der Besucher nicht auf der Höhe der Zeit seien. „Wer Zoos in der Welt kennt, hat den Eindruck, in Berlin sind wir im Mittelalter“, sagt eine 40-jährige Spandauerin, die die Petition im Internet für „Enrichment“, also sinnvolle Beschäftigung von Tieren im Zooalltag unterschrieben hat. Zu Knuts Befinden wird auch im Internet getwittert.

Am Sonntag wird das bekannteste Zootier der Welt vier Jahre alt. Da spendiert ihm der Zoo eine Eisbombe mit Weintrauben, Gemüse – und Knuts Leib- und Magenspeise, Croissants. „So etwas bräuchte der Bär jeden Tag, vor allem, um ihn zu beschäftigen“, sagt Else Poulsen in Kanada, selbst jahrzehntelang Tierpflegerin, Wissenschaftlerin, Zoo-Consultant und anerkannte Koryphäe der Bärenbiologie.

Auch sie hat die Petition unterzeichnet. Wie der kanadische Bärenwissenschaftler Barrie Gilbert und die kalifornische Tierärztin Gail Hedberg, die im Zoo von San Francisco gearbeitet und die exotischen Tiere von Michael Jackson behandelt hat. „Anregung, Abwechslung und Beschäftigung“, wie sie Zoos weltweit praktizieren, aber der Berliner Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz ablehnt, werden in der zweisprachigen Petition „Behavioural Enrichment for the animals in Berlin Zoo and Animal Park“ gefordert. Wie das geht, macht etwa der Tierpark Hellabrunn vor, wo sogar eine Werkstatt für Tierspielzeug eingerichtet wird. Oder der Zoo in San Francisco. Dort können die beiden Eisbären zwischen mehreren Gehegen wählen. Eisbären wollen sich bewegen. In freier Wildbahn laufen und schwimmen sie hunderte Kilometer bei der Jagd und sie verbuddeln sich zum Schutz im Schnee. In San Francisco können die Tiere über ein naturnahes Gelände streifen mit Gras, Versteck- und Kletterbäumen. Im Steingehege gibt es Stämme, Äste, Stroh und Spielgeräte wie Eimer zur Beschäftigung. Ihr Futter müssen sich die Bären aus Boxen herauspulen. So entwickeln sie weniger Verhaltensauffälligkeiten in anregungsarmen, engen Zoos. In Berlin hat Knut ein oft monotones Dasein auf seinem Rückzugsplatz ganz vorn am Felsen zum Schutz vor den drei alten Bärinnen. Eine Zoobesucherin beschreibt das so: „Knut ruhte links auf dem Felsenvorsprung, Knut ruhte rechts, dann ruhte er oben rechts. Manchmal legte er den Kopf auf die linke Pfote, manchmal auf die rechte Pfote. Manchmal guckte er nach oben und zu den Seiten, um seinen Platz zu sichern“ – das ist zumeist alles, was Eisbärenfans von Knut noch zu sehen bekommen. Seitdem er bei den drei Bärinnen inklusive seinem Muttertier Tosca ist, schützen diese ihr Revier und verdrängen den Jungbären als Konkurrenten. Inzwischen sieht man zwar auch, wie die Tiere sich beschnuppern, und jetzt in Schnee und Eis erscheint auch Knut mal guter Dinge. „Der hat sich aber früher immer so schön kreativ beschäftigen können“, sagen Zoobesucher, „jetzt gehen wir nicht mehr hin, der Anblick tut uns in der Seele weh“. Viele Zoofans haben zu dem vom verstorbenen Tierpfleger Thomas Dörflein handaufgezogenen Bären eine enge emotionale Bindung. Sie fühlen mit ihm wie etwa mit einem eigenen Haustier. Besucher bringen Knut und anderen Tieren sogar Fische vorbei und Spielzeug, einen Ball oder Kokosnüsse. Knut liebt Ballspiele, noch immer versucht der Bär, wenn er mal einen Ball hat, diesen mit der Schnauze zu den Besuchern zu schleudern. Ob und wann Knut eine gleichaltrige Gefährtin bekommt, steht in den Sternen. Knutfans fordern schon, dass der Bär, den der Zoo für 430 000 Euro dem Tierpark Neumünster abgekauft hat, lieber in einen anderen Zoo gebracht werden soll."
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mo 30. Mär 2015, 17:38

Aus dem Blog „World of animals“:

Hier ist etwas aus dem Märchenbuch eines Zoodirektors 
"Zum Herbst wurde "Knut" dann mit den drei großen Weibchen vergesellschaftet, was erfreulich gut gelang, auch Dank des Einfühlungsvermögens unserer Pfleger, speziell von Reviertierpfleger RONNY HENKEL. Für viel Furore sorgte ein Handyfoto, das ein Besucher gemacht hatte, als die Eisbärin "Katjuscha" "Knut" von einem Felsen ins Wasser schubste. Der sich darauf erhebende Sturm im Wasserglas glich eher einem Orkan. Jedermann wusste Bescheid, wie man Eisbären aneinander gewöhnt, doch nicht so wie es Zoodirektor, Kurator und Tierpfleger entschieden haben! Als im Laufe der Zeit "Knut" immer mehr die Oberhand gewann und nun seinerseits das eine oder andere Weibchen von seinem Platz verjagte, schien die Stimmung umzukippen. Zum Jahresende, als "Knut" mit seiner Mutter "Tosca" auf den Eisschollen spielte, wussten es alle und die Frage wurde gestellt, warum man nicht schon längst "Knut" zu den erwachsenen Eisbären gelassen hatte!"
Anmerkungen zur Entwicklung der Tierbestands 2010 im Zoologischen Garten Berlin, Bernhard Blaszkiewitz, Jahresbericht 2010, Seite 11-12
So bekommen die Aktionäre die Vorkommnisse 2010 im großen Gehege präsentiert.



Brief an den Zoodirektor
J. S., Hamburg, 14. Januar 2011

Sehr geehrter Herr Dr. B.!

Ich würde gerne Knut und seinen Gefährtinnen Beschäftigungs-Materialien besorgen, die diesen intelligenten Tieren und ihrem Spieltrieb gerecht würden. Nun habe ich gehört, dass Sie Materialien ablehnen, die aus Kunststoff hergestellt sind. Andererseits wurden Jutesäcke vom Personal abgelehnt, da diese den Wasserabfluss verstopfen könnten. Bei sonstigen Gegenständen müsse darauf geachtet werden, dass diese nicht die Scheibe beschädigen könnten, denn Eisbären würden gerne mit Gegenständen werfen. Nun bin ich ein wenig ratlos und bitte Sie, mir Materialien/Gegenstände zu nennen, die die Eisbären dann auch tatsächlich bekommen. Ich bin sicher, es gibt viele Tierliebhaber, die gerne Materialien kaufen oder herstellen würden, wenn sie sicher sein könnten, die Tiere bekämen Sie auch.
Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie bzw. Ihre Fachleute mir eine Positiv-Liste mit möglichen Beschäftigungsmaterialien schicken würden.
Vielen Dank im voraus.
Freundliche Grüße JS

(Der Verfasser schwört, dass ihm erst beim letztmaligen Durchlesen ein Tippfehler aufgefallen ist. Dieser hat ihm dann so gut gefallen, dass er ihn nicht korrigiert hat. Reihe drei von unten … „die Tiere bekämen Sie auch“, statt „sie auch“. Der Verfasser erklärt aber ausdrücklich, dass sich hier nur sein Unterbewusstsein vorgedrängelt hat und dass sein bewusstes Ich niemals so denken, geschweige denn danach handeln würde! Der Verfasser hat keine Antwort erhalten.)





Korrespondenz mit dem Aufsichtsrat


„Sehr geehrter Herr Bruckmann!“
Es ergab sich ein längerer Briefwechsel. Immer waren die Briefe an den Aufsichtsratsvorsitzenden der Zoo AG gerichtet, stets reichte er sie „zuständigkeitshalber“ an den Zoodirektor weiter. Die Argumente sind bekannt.

Aus einem weiteren Brief der Petenten an Bruckmann:
„In der neuesten Veröffentlichung des Direktors über seine Lieblingszoos in aller Welt fehlt weitgehend jede inhaltliche Auseinandersetzung mit den Konzepten moderner Zoopädagogik. Zum Beispiel Kopenhagen: Obwohl das Konzept der Verhaltensbereicherung des Kopenhagener Zoos vor jedem Gehege auf Informationstafeln verkündet wird, hat dieses in Dr. Bs. neuester Veröffentlichung keine Erwähnung gefunden.

Um auf das Gesprächsangebot des Direktors zurückzukommen: Gerne machen wir davon Gebrauch. Wir glauben, dass das Interesse an einer solchen Gesprächsrunde derartig groß wäre, dass wir es schade fänden, wenn nur Frau Neumann (und vielleicht noch jemand) dieses Gespräch führen würde. Darum schlagen wir vor, eine öffentliche Gesprächsrunde, vielleicht im Lichtenberg-Saal des Berliner Zoos, zu veranstalten. Kompetente Gesprächpartner müssten sich finden lassen, die zum Thema „Verhaltensbereicherung und die Berliner Zoos“ ihre Ausführungen machen könnten. In diesem Rahmen könnte auch Dr. B. seine Ansichten und die Konsequenzen für die Berliner Zootiere erläutern.

Wir würden uns freuen, wenn dieses so wichtige Thema in einer Veranstaltung gewürdigt werden könnte, um nachvollziehbare Entscheidungen in Sachen Zoo treffen zu können. Wir sind überzeugt davon, dass eine Annäherung der Positionen und eine Verständigung möglich sind. Und natürlich wäre es sinnvoll, wenn Mitglieder des Aufsichtsrates teilnehmen würden. Wir glauben, dass eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Zoo und Zoobesuchern erstrebenswert und möglich ist.“

Antwort des Zoodirektors, 16.3.2011:
Bemerkenswert ist einerseits, dass er seine Gesprächsbereitschaft erklärt. Aber nur in kleinem Kreise. Eine Teilnahme in einem öffentlichen Rahmen lehnt er ab. Vermutung: Er möchte sich nicht so gerne aufs Glatteis begeben. Schließlich weiß er, dass von ebenso ausgewiesenen Fachleuten wie ihm konträre Positionen vertreten werden. Vielleicht misstraut er auch seinem Temperament.
Anneliese
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mo 30. Mär 2015, 18:01

Leserbrief im Tagesspiegel vom 26.03.2011
Tschüssikowski
Berichterstattung zum Tod vom Eisbären Knut

Gut gemacht Knut! Nach deinem furiosen Einstieg in diese wilde Menschenwelt ließ man dich auf dieser öden Anlage mit den drei wilden Bärinnen versauern. Jetzt hast du es allen gezeigt und hast öffentlich wirksam deinen Abschied genommen, noch bevor du der wilde erwachsene Bär geworden bist, den sich deine Verantwortlichen gewünscht haben. Dein Herz war wohl all den Ansprüchen nicht gewachsen. Danke für die viele Freude, die du uns gegeben hast. Hoffentlich wird dein Wanst jetzt nicht auch noch ausgestopft.
M. A., Berlin-Tiergarten


Aus dem Kondolenzbuch

Lieber Knut,
Vier Jahre lang habe ich mich mit dir gefreut,
habe mit dir gelacht, gehofft, aber auch gelitten und geweint.
Du hast mein Leben in wunderbarer Weise bereichert.
Jetzt herrscht nur noch eine große Leere und tiefe Traurigkeit.
Was die Menschen mit dir gemacht haben,
hattest du nicht verdient.
Deine sorglosen Jugendjahre voller Liebe, Verspieltheit,
Glück und Geborgenheit,
hatten sich durch einen schweren, harten Schicksalsschlag
abrupt verändert.
Keiner mehr hat dich verstanden;
keiner ist auf deine Bedürfnisse eingegangen;
keiner hat deine Hilfeschreie vernommen.
Alles, was du geliebt und gebraucht hast, hat man dir genommen.
Deine sensible Seele ist verkümmert;
dein Herz wurde von Tag zu Tag trauriger.
Angst und Einsamkeit haben dich krank gemacht.
Still und leise bist du von uns gegangen.
! Viel zu jung und viel zu früh !Ruhe in Frieden, lieber Knut, glücklich wiedervereint mit
deinem geliebten Freund und Papa Thomas Dörflein,
der dein Leben gerettet und als Einziger dich verstanden hat.
!Der liebe Gott behüte deine treue Seele !
Doris Merz Bern / Schweiz.


Reaktionen auf die Todesanzeige

Berlin, 1.April 2011
Sehr geehrte Frau Klumbies,
ganz herzlich möchte ich Ihnen danken für den Nachruf zu Knuts Tod, den ich im Tagesspiegel las. Die Worte sind mir wie aus der Seele geschrieben; genau so habe ich gedacht, genau so habe ich empfunden. Knut wird noch lange in unserer Erinnerung sein.
Nochmals besten Dank und viele Grüße aus Berlin (Knuts Heimat).
C. Sch.

Von R. O., Berlin, 26.3.2011
Sehr geehrte Frau Klumbies,
in der heutigen Ausgabe des Berliner Tagesspiegel fand ich Ihre Traueranzeige zum Tode von Knut. Sie sollten sich schämen. Es ist ein Tier. In Japan sterben zur Zeit tausende „Menschen“, ebenso in den arabischen Staaten. Tausende Kinder in Deutschland werden durch die Arche ernährt. Und Sie setzen für viel Geld eine Traueranzeige in den Tagesspiegel, die Schamesröte sollte Ihr Gesicht zieren. Das Geld für die Traueranzeige würde vielen wirklich armen Familien helfen.
Mit freundlichem Gruß R. O.


Anneliese Klumbies
Hamburg, den 29. März 2011
Frau R. O., Berlin
Sehr geehrte Frau O.,
Ihre Kritik an meiner Anzeige und an meinem Engagement in Sachen „Knut“ nehme ich zur Kenntnis. Ich glaube Ihnen, dass sie ehrlich empört sind, bitte Sie aber, Folgendes zu bedenken:

Ich habe mich im Laufe meines Lebens für zahlreiche Menschen engagiert, und bei vielen auch mit Erfolg. Ich habe für viele Zwecke im Rahmen meiner Möglichkeiten gespendet und werde das auch weiter tun. Ich erlaube mir trotzdem, mich außerdem für meine besonderen Vorlieben zu engagieren, und dazu gehört nun einmal Knut. Ich fand/finde Knut so interessant, dass ich sogar ein Buch über ihn geschrieben habe. Das gegenwärtige besondere Engagement (Zeitungsannonce) hängt mit dem Zeitpunkt seines Todes zusammen, den ich mir nicht ausgesucht habe.

Es übersteigt außerdem meine schwachen Kräfte, erst einmal alles andere Elend in der Welt zu beseitigen, bevor ich mich so einem „kleinen“ Thema zuwende. Im Übrigen schätzen Sie die Rolle von Knut wahrscheinlich falsch ein. Knut ist für sehr viele Menschen, wie ich gerade angesichts seines Todes und der Trauerbekundungen erfahren habe, nicht lediglich ein Star und Kultobjekt. Ich kenne viele Menschen, für die er eine große emotionale und therapeutische Bedeutung hatte, ähnlich wie manches Haustier. Man mag sich darüber freuen, dass man selbst so etwas nicht nötig hat, sollte aber die Menschen respektieren, bei denen das anders ist.

Die Verehrung von Knut muss niemanden daran hindern, sich auch anderweitig für eine gute Sache zu engagieren. Diese Anliegen stehen nicht wirklich in Konkurrenz zueinander, man kann das eine wie das andere tun.

Zu Ihren konkreten Beispielen:

Im Falle Japan und Arabien ist derzeit nicht der Mangel an Geld das Hauptproblem. Japan ist ein reicher Industriestaat und einige arabische Länder verfügen über enorme Einnahmen aus dem Erdölexport, mit denen sie reichlich Solidarität üben könnten. Japan benötigt technische Hilfe und die Lieferung von Versorgungsgütern für Erdbeben- und Tsunami-Opfer. Beides wird von Organisationen geleistet, die im Gegensatz zu mir dazu imstande sind. Sofern Spendenaufrufe erfolgen, werde ich mich beteiligen, wie bereits bei der zurückliegenden Tsunami-Katastrophe vor einigen Jahren. Die arabischen Länder brauchen vor allem Hilfe und Beratung beim Aufbau eines korruptionsfreien Regierungs- und Verwaltungssystems. Das können Politikberatungsorganisationen und Verwaltungsexperten leisten, die in allen westlichen Ländern dafür bereitstehen.

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg bei Ihren eigenen Bemühungen zur Beseitigung von Not und Missständen!
Mit freundlichen Grüßen AK


Beim folgenden Antwortbrief habe ich auf den Abdruck des Kritikerbriefes verzichtet, weil dessen Argumentation aus meiner Antwort ersichtlich wird
Anneliese Klumbies
Hamburg, 30.3.2011

Herrn B.
Berlin
Sehr geehrter Herr B.,
Ihre Kritik an meiner Anzeige und an meinem Engagement in Sachen „Knut“ nehme ich zur Kenntnis. Ihre Empfehlung, mal nachzudenken, gebe ich aber an Sie zurück:

Der Text der Anzeige war wohl durchdacht und keineswegs „abstrus“, wie Sie schreiben. Er sollte zum Ausdruck bringen, dass Knut vom Zoo (genauer: aufgrund der strikten Anordnungen des Direktors Dr. B.) stiefmütterlich behandelt wurde. Seine besondere internationale Bedeutung ist nicht gewürdigt worden. Man hat ihm kein eigenes größeres Gehege geschaffen, obwohl es großzügige Spendenangebote gegeben hatte. Ihm wurden Animationsmöglichkeiten nur widerwillig zugestanden oder ganz verweigert, die leicht und billig zu beschaffen gewesen wären (Spielobjekte, Sandhaufen). Intelligente und verspielte Tiere wie Eisbären brauchen so etwas, wenn sie sich wohlfühlen und nicht in Langeweile und Lethargie versinken sollen. In anderen Zoos sind solche Dinge Standard. Ich kenne gute Beispiele u. a. von den Eisbärengehegen in Kopenhagen, Rostock und München. Viele Knut-Freunde, auch ich, haben an den Direktor in dieser Sache geschrieben, es wurden viele Leserbriefe und Briefe an einflussreiche Persönlichkeiten geschrieben, die Ergebnisse einer Internet-Petition mit den Stellungnahmen ausgewiesener Fachleute wie Verhaltensforschern, Zoologen usw. wurden dem Aufsichtsrat des Zoos und zuständigen Behörden und Politikern übermittelt. Das Resultat war eine arrogante Zurückweisung von Seiten der Zooleitung. Deshalb die Formulierung: „Wir haben es nicht geschafft, deinen Alltag zu verbessern. Wir sind gegen eine Mauer von Beton gerannt“. Im letzen halben Jahr war Knut mit drei erwachsenen Eisbärinnen zusammen in einem öden Gehege untergebracht. Er war ihnen an Gewicht und Volumen unterlegen. Obwohl er am Ende nur noch von einer der Bärinnen bedrängt wurde, war er den größten Teil des Tages eingeschüchtert und zog sich in abgelegene Ecken zurück. Auch darauf wird in der Anzeige hingewiesen. Wir sind „ohne Trost“, weil wir in unserem Bemühen gescheitert sind, Knuts Situation zu verbessern.

Während meiner häufigen Besuche an Knuts Gehege habe ich keineswegs nur alte Damen getroffen. Außer den alten Damen waren jedes Mal begeisterte kleine Kinder mit ihren jungen Eltern da, außerdem viele Ausländer jeden Alters: aus Italien, Spanien, Skandinavien, Polen, Holland, Japan, den USA u.a.m.

Im übrigen – was haben Sie gegen alte Damen? Ist eine Sache (bzw. Knut) weniger wert, wenn sie von alten Damen geschätzt wird?

Außerdem schätzen Sie die Rolle von Knut wahrscheinlich falsch ein. Knut ist für sehr viele Menschen, wie ich gerade angesichts seines Todes und der Trauerbekundungen erfahren habe, nicht lediglich ein Star und Kultobjekt. Ich kenne viele Menschen, für die er eine große emotionale und therapeutische Bedeutung hatte, und ich bin überzeugt, dass das mit Knuts Besonderheit zusammenhängt, die ich versucht habe, in meinem Buch zu erfassen und zu benennen. Das hat nichts mit Vermenschlichung zu tun, wie der Direktor meint, sondern mit den Wesensmerkmalen und Eigenschaften dieses besonderen und den Menschen freundlich gesonnenen Bären.

In Interviews mit Knut-Freunden konnte man sehr oft Auskünfte dieser Art hören: „Wenn es mir schlecht ging, habe ich mich vor Knuts Gehege gestellt, mich an seinem Treiben erfreut und meine Stimmung hellte sich wieder auf“. Der Anblick des aktiven, fröhlichen, allen Menschen zugewandten Knut in seinen guten Zeiten hat Menschen in Lebenskrisen und mit schweren Krankheiten getröstet und ihre Stimmung aufgehellt. Er hat ihnen Lebensmut gegeben.
Leuten, die sich darüber mokieren, misstraue ich. Wollen sie ihre Realitätstüchtigkeit herausstellen? Wollen sie darauf verweisen, dass sie selber in geordneten Verhältnissen leben und keinen Ersatz in Form eines Zootieres zur Befriedigung ihres Gefühlshaushaltes benötigen?

Viele Pressekommentatoren und Zeitgenossen des Alltags finden es angemessen, ihre hartgesottene emotionale Konstitution und Normalität zu genießen und höhnisch von „Kindersatz“ und „Knut als Witwentröster“ zu reden – so wie auch Sie es angemessen finden, die „über 60jährigen Frauen“ zu erwähnen. Zum Totlachen, wie? Bemerkenswert sind aber vor allem die frauenfeindlichen Nebentöne.

Man mag sich darüber freuen, dass man selbst kein Tier für seine emotionalen Bedürfnisse nötig hat, sollte aber die Menschen respektieren, bei denen das anders ist.

Weiterhin viel Erfolg beim Nachdenken!
Mit freundlichen Grüßen – AK
Anneliese
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mi 1. Apr 2015, 08:43

Brief an den Zoodirektor

Berlin, März 2011
Es ist endlich geschafft. Ein kerngesunder junger Eisbär, unser KNUT, ging jämmerlich zugrunde. Nun kann die alte Tristesse im Zoo wieder einkehren. Der Zoo hätte stolz sein müssen, solch ein gesundes, prächtiges Tier sein eigen nennen zu dürfen. Stattdessen war KNUT in einem Gehege untergebracht, dass schon lange einer Modernisierung bedarf. Das Wasser zum Schwimmen war ständig verschmutzt und im Sommer eine geschlossene Algensuppe – unästhetisch anzusehen. Tafeln, die über Eisbären hier im Zoo und in der Arktis informieren sollen, kann man suchen. Alles so lieblos.

Bei den Robben aber ist man sich bewusst, dass ihr Überleben vom sauberen Wasser (Anlage mit Wellengang, Zu- und Abfluss) und Fisch als Ernährung und Beschäftigung abhängig sind.

Die Eisbären kamen in jeder Hinsicht zu kurz (Spielzeugverbot), obwohl KNUTS Beliebtheitsgrad die finanzielle Lage des Zoos wesentlich verbesserte.

Das Wohl der Tiere liegt in den Händen der Tierpfleger, Ärzte, Kuratoren. Sind alle blind oder unterliegen sie dem Diktat des Herrn DIREKTORS? Leider wurde gerade Knut ein Opfer dieser Missstände. Noch dazu die SCHANDE, dass er zwölf Stunden tot im Wasser trieb, ehe es möglich war, ihn zu bergen

DAS IST WAHRE TIERLIEBE IM BERLINER ZOO.

Hoffentlich kommt durch eine neue Zooleitung, mit einem DIREKTOR, der ein HERZ FÜR TIERE HAT UND MIT IHNEN UMGEHEN KANN, wieder eine angenehme Atmosphäre in den Zoo. Das Ansehen des Zoos hat schon lange gelitten.

Jedes Vergehen wird gesühnt.
Hoffentlich recht bald!
Herr Thomas Dörflein und KNUT sind unvergesslich.

Eine Bronzeskulptur sollte naturgetreu UNSEREN KNUT in voller Größe darstellen. Diese Ehre gebührt ihm wohl und das Finanzielle dürfte keine Frage sein.

Familie B. aus Schlachtensee
(Die Verfasser sind mir persönlich bekannt.)



Brief an den Kurator
Birke Schwoerer Berlin, 20.5.2011

Sehr geehrter Herr K.,
bezugnehmend auf den beigelegten Artikel (Klös als Witwentröster, April 2011 im Tagesspiegel) und einem Gespräch, das ich im Zoo mit Ihnen hatte, möchte ich dazu folgend Stellung beziehen:

Knut war eben kein „ganz normales Zootier“, aus dem man mit Zwang einen „Zuchtbullen“ erziehen konnte, und Thomas Dörflein war keineswegs ein ganz normaler Tierpfleger.

Th. Dörflein war als Zootierpfleger einmalig. Die Hochachtung, die Zuneigung, die Rührung, die ihm aus der ganzen Welt entgegengebracht wurde, hat er redlich verdient. Seine aufopferungsvolle Arbeit bei Tag und Nacht, bei der Aufzucht von Knut (und den anderen Tieren), seine echte Liebe zum Tier, sein emphatischer Respekt vor den Tieren,- unseren Mitgeschöpfen -, seine Bescheidenheit , sein Wissen, sein sicherer Instinkt und sein Humor dabei, waren wunderbar.

Anstatt nun stolz zu sein, auf dieses wunderbare Märchen Dörflein – Knut, das sich im Berliner Zoo ereignete, das den Zoo berühmt und ungeheuer bereichert und Menschen auf der ganzen Welt beglückt hat, war und ist die beschämende Reaktion, ganz offensichtlich auch von Ihnen und Herrn Blaszkiewitz: stinksauer sein, Neid und Missgunst. Thomas Dörflein drohte sogar, wie uns gesagt wurde, nach zwei Abmahnungen die Kündigung!

Knuts Behandlung nach Thomas Dörfleins Tod war auffallend lieblos. Seine Unterbringung im phantasielosen Gehege, ohne Sand, ohne Baum, ohne irgendein Beschäftigungsspielzeug (wie das in anderen Zoos für Eisbären selbstverständlich ist), ausgeliefert der geschlossenen Gruppe der drei alten Eisbärinnen, die ihn als Eindringling empfanden und zum Teil verfolgten, war grausam und falsch. Mit „Gefühlsduselei“ oder einer Forderung nach einem „Luxusfelsen mit Spielecke“ hat das nichts zu tun.

Was nach Laien- und Expertenauffassung besonders gravierend ins Auge fiel, war die Tatsache, dass es in dem Gehege kein sauberes Trinkwasser gab! Die Eisbären hatten sehr häufig Durchfall und koteten in den Wassergraben. Dieses Wasser wird dann notgedrungen von ihnen getrunken. Ein ideales Biotop für Viren und Bakterien!

Knut ging es nicht gut. Jeder, der ihn genau beobachtete, konnte das sehen und fühlen. Die eindringlichen Mahnungen von keinesfalls „selbsternannten Experten“ oder „Pseudowissenschaftlern“ - wie die kanadische Eisbärenexpertin Else Poulsen, wurden ignoriert und lächerlich gemacht. („Da muss Knut durch, Knut muss von den alten Eisbärinnen ‚erzogen’ werden usw.)

- Nun ist Knut tot. -
Unser Weltbild als ebenfalls praktizierende Christen fordert bessere Lebensbedingungen für die verbliebenen Eisbären:
- Eine Quelle von frischem Wasser zum Trinken,
- Sand um sich zu wälzen,Beschäftigungsmaterialien, um die triste Monotonie zu überwinden.

- Und unser Weltbild fordert, Knut zu beerdigen und nicht auszustopfen!
Im Namen vieler trauernder „Laien“ und Experten
Birke Schwoerer



Leserbrief
Forum Süddeutsche Zeitung 17.4.2012 zu „Im Zoo“ vom 7.4.2012
Wenn man dem Berliner Zoodirektor schon ein Forum verschafft, wären einige Nachfragen hilfreich gewesen. Im vorliegenden Interview aber wird diesem Zoodirektor unter anderem die Gelegenheit gegeben, so nebenbei dem Leipziger Zoodirektor eins auszuwischen. Dieser beherrsche „die Klaviatur des Marketings“ und habe es verstanden, das schielende Opossum Heidi zum Medienspektakel zu erheben. Über die unterschiedlichen Ansätze der Präsentation von Zootieren in Leipzig und Berlin erfährt man nichts. Über den „hemdsärmeligen Führungsstil“ des Berliner Zoodirektors hätte man gerne weitere Informationen. Ein Beispiel wäre die zum ersten Todestag des Eisbären Knut erfolgte Weisung von März 2012, dem RBB (Radio Berlin- Brandenburg) und verschiedenen anderen Vertretern der Medien den Zutritt zum Zoo zu verweigern. Die Aufmerksamkeit für Knut passt dem Direktor nicht. Warum überlässt er es nicht dem Publikum, wie sehr es sich für Knut interessiert?

Zum „hemdsärmeligen Führungsstil“ gehörte es weiterhin, dem unvergessenen Ziehvater von Knut, Thomas Dörflein, zum 25jährigen Dienstjubiläum die zweite Abmahnung zu präsentieren. Die dritte wäre seine Kündigung gewesen. „Hemdsärmelig“ war ferner, dass der Direktor vor einigen Jahren herumlaufende Katzen im Tierpark persönlich entsorgt hat, indem er ihnen das Genick gebrochen hat. Fachgerecht, wie er sagte.

Den Tieren im Berliner Zoo und Tierpark könnte es viel besser gehen, wenn B. Blaszkiewitz sich bei seinen vielen Besuchen von Zoos in aller Welt inspirieren ließe und moderne Ansätze der Zootierhaltung übernehmen würde. Der Berliner Zoodirektor hält offenbar nichts von der aktiven Beschäftigung von Zootieren, die von führenden Zoos in aller Welt praktiziert wird. Dieses Konzept ist unstrittig und soll den Tieren auch in Gefangenschaft ermöglichen, natürliche Verhaltensimpulse auszuleben. Die Berliner Zoos dürfen das gar nicht oder nur in zaghaften Ansätzen praktizieren. Tierpark und Zoo scheinen sich im Privatbesitz des Direktors zu befinden, denen er seine veralteten Konzepte überstülpen darf.
AK, Hamburg


Renate Radecke, Berlin

Herrn B. B.
Zoologischer Garten Berlin AG
Hardenbergplatz 8
10787 Berlin
Berlin, den 30.05.11

Herr B.,nach Knuts Tod war ich noch ein paar Mal im Zoo, um mich seelisch von ihm zu verabschieden. Knut ist nur verwahrt worden, mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine da, das wissen Sie. Es ist immer noch nicht für mich nachzuvollziehen, dass Sie nicht annähernd realisierten, welches wertvolle Tier Sie im Berliner Zoo hatten, sonst hätten Sie mehr für dieses Tier getan. Dieser Eisbär Knut hat Ihnen nicht nur viele Millionen Euros beschert, nein, die Welt schaute auf Berlin und den Zoo, dadurch war große Aufmerksamkeit an Berlin sicher und die Besucher strömten in den Zoo zu Knut.

Dieser von Hand aufgezogene Eisbär, der so viele Menschen in seinen Bann gezogen hatte, hatte von alledem nichts erfahren, nichts erhalten, nichts wurde ihm gegönnt, im großen Gehege hatte er keine gute Zeit mehr, er war gestresst ohne Ende und sein Immunsystem war dadurch sehr geschwächt, was letztendlich zum Tode führte – egal wie dieser unbekannte Virus nach Monaten oder Jahren benannt werden wird und an die Öffentlichkeit geht.

Anbei übersende ich Ihnen meine Jahreskarte zurück; einen Besuch im Zoo, bzw. in den Berliner Zoos, wird es für mich künftig nicht mehr geben. So viele Vorwürfe in der Haltung der Tiere im Berliner Zoo, die Öffentlichkeit hat oft genug darüber berichtet, alle wussten Bescheid – und nichts hat sich geändert.

Nun sind in kurzer Zeit zwei Elefanten gestorben, an einem Herpes Virus, wie zu lesen ist, aber es wird auch angenommen, dass dieser Virus durch Stress hervorgerufen wird. Die Tiere im Zoo erhalten so gut wie keine Beschäftigung, das angebliche Naturspielzeug, das gestattet wird, ist entweder nur ein kleiner Baumstamm, der dann wochen- oder sogar monatelang im Gehege liegt, oder erst gar nicht aufzufinden ist. In allen anderen Zoos gibt es ständig wechselnde Beschäftigungen für die Tiere, nur in Berlin ist das nicht möglich!

Dass die weiblichen Tiere nur *Gebärmaschinen* sind und Inzucht offiziell gestattet wird, trägt auch mit dazu bei, dass ich keine Freude mehr am Besuch des Berliner Zoos habe.

Knuts Tod gab für mich nun den letzten Ausschlag, diesen Zoo nicht mehr zu betreten. Ich hoffe, dass sich die Einnahmen so drastisch reduzieren, dass Sie letztendlich Ihre Vorgehensweise ändern werden müssen, damit die Besucherzahlen wieder steigen werden.

Ich gehe davon aus, dass dieser Brief in Ihrem Papierkorb landen wird, aber für mich ist das wichtig, um meine Trauer und Wut zum Ausdruck zu bringen.


Zur Kenntnisnahme übersende ich diesen Brief an:
Herrn Oberbürgermeister Klaus Wowereit, Senatskanzlei
Rathausstr. 15, 10178 Berlin
Herrn Frank Bruckmann, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Zoologischen Garten Berlin AG,
Frau Gabriele Thöne, Kaufmännischer Vorstand der Zoologischen Garten Berlin AG,
Frau Claudia Hämmerling, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Im Abgeordnetenhaus von Berlin
Herrn Dr. Klaus Lüdcke, Tierschutzbeauftragter für Berlin,
Herrn Uwe Steinschek, Redaktion B.Z. Ullstein GmbH
Anneliese
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Do 2. Apr 2015, 08:25

Tag der offenen Tür im Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin, 10.7.2011


Hier die Informationen, die ich während des „Tages der offenen Tür“ erhielt. Ich hoffe, dass ich alles richtig verstanden habe und wiedergebe, kann aber Fehler und Ungenauigkeiten nicht ausschließen.

Auskünfte von Frau Dr. Claudia Szentiks , Tierpathologin, zu Knuts Tod, im Anschluss an ihren Vortrag: Was sagen uns die toten Tiere?

Ursache des Todes: Knut hatte eine Hirnerkrankung/Hirnentzündung (Enzephalitis?), vermutlich durch einen Virus verursacht. Neben dem Virus, der noch nicht identifiziert ist, wird noch der Möglichkeit einer Verursachung durch einen Parasiten nachgegangen. Eine parasitär verursachte Erkrankung sei eher unwahrscheinlich, aber nicht völlig auszuschließen.

Es gibt eine unübersehbare Vielzahl von Viren und Parasiten und es entstehen ständig neue bzw. die bekannten verändern sich. Die Suche kann also sehr schwierig sein .

Der Schädel wurde geöffnet; äußerlich war dem Gehirn keine eindeutige Erkrankung anzumerken. Es wurde aber eine geringfügige Anomalie festgestellt, sog. Ventrikel(Kammer)-Vergrößerungen und eine ganz leichte Asymmetrie. Die Veränderungen in Knuts Hirn waren offenbar auf den ersten Blick unter dem Mikroskop erkennbar, bei der Untersuchung von Hirnsegmentscheiben. Die Hirnsegmentfläche zeigte Entzündungen an. Eine Aufnahme dieses Hirnsegments hat Frau Dr. Sz. während ihres Vortrags gezeigt und erklärt. Knut wäre laut Frau Dr.Szentiks binnen kurzer Zeit an dieser Hirnerkrankung gestorben. Wahrscheinlich war es ein gnädiges Schicksal, dass er innerhalb kürzester Zeit ertrunken ist (sage ich).

Knut hatte eine Art epileptischen Anfall erlitten. Dabei erfolgt eine körperinterne Ausschüttung von Substanzen, die Muskelkrämpfe erzeugen, welche die Kontrolle des Körpers blockieren (und das Bewusstsein?). Der Laie mag sich das vorstellen wie die Entladung eines Gewitters im Gehirn.

Während dieses Anfalls ist Knut ins Wasser gefallen und es drang Wasser tief in die Lungen ein, was zum Ertrinken führte. Die Lunge war voll ausgefüllt mit Wasser inklusive der im Wasser enthaltenen Pflanzenpartikel. Er war nur zu ein bis zwei Paddelbewegungen in der Lage. Wegen der anfallbedingten Krämpfe konnte Knut sich nicht aus dem Wasser befreien. Vermutlich hat er davon nichts mitbekommen.

Warum hat man Knut seine Schmerzen nicht angemerkt? Frau Dr. Szentiks meint, er müsse Schmerzen gehabt haben. Das sei äußerst wahrscheinlich, bei der großflächigen Entzündung des Gehirns. Wildtieren merkt man Krankheiten nicht an, sie sind instinktiv Meister der Selbstbeherrschung, weil sie sonst als Opfer für Fressfeinde prädestiniert sind. Eine Zuhörerin fragte, welche Feinde denn Eisbären hätten. Die Antwort ist klar: Die anderen Eisbären natürlich.

Eine interessante Frage wäre für mich, ob Knut über das instinktive Verhalten hinaus eine konkrete Gefahr annahm (ob er also befürchtete, von der sich aggressiv verhaltenden Katjuscha getötet zu werden, wenn er seine Schwäche merkbar machen würde).


Seit wann musste Knut als erkrankt gelten? Bei der Untersuchung im September 2010 anlässlich des Wechsels des Geheges galt Knut als pumperlgesund, wog 260 kg. Die Blutuntersuchung hatte nichts ergeben. Allerdings hat man das Blut im September 2010 (wie üblich) nur auf einige Faktoren und Indikatoren hin untersucht. Es ist also nicht auszuschließen, dass er schon erkrankt war, dass man das Blut aber nicht auf die ursächliche Erkrankung hin untersucht hatte. Das entspreche aber dem normalen Vorgehen, man könne nicht die Fülle aller erdenklichen (und erst recht nicht der unbekannten) Erreger und Indikatoren erfassen.

Frau Dr. Szentiks meint, dass die Todesraten in den meisten Zoos ungefähr gleich hoch seien. Auch der hoch gelobte Hannoveraner Zoo liege im Durchschnitt. Einmal habe es überdurchschnittliche Todesraten in einem norddeutschen privaten Tierpark gegeben. Die Ursache habe man in verseuchtem Tierfutter gefunden. Man versuche von Seiten der Zoos nur einwandfreies Futter zu verwenden.

Was geschieht mit den toten Tieren, wenn man sie untersucht hat? Zootierkadaver würden in einer Mecklenburger Verbrennungsanlage entsorgt. Man würde dort auch Wärme gewinnen, zusätzlich noch andere Dinge verbrennen, damit sich die Energie-Erzeugung lohnt. Es werde aus Sicherheitsgründen also nicht etwa Katzenfutter aus ihnen gemacht. Alle toten Zootiere gelten als kontaminiert und werden deswegen zur Verbrennungsanlage transportiert. Das geschah auch mit Knuts Leib. Von ihm geblieben ist sein Fell, welches im Museum für Naturkunde aufbewahrt wird. Im Leibnizinstitut befinden sich das Skelett und die Segmentscheiben seines Gehirnes. Vielleicht existieren auch noch andere Gewebeproben, zum Beispiel der Nebennieren (Stressuntersuchung), das habe ich vergessen zu fragen, ist aber anzunehmen.

Meine Vermutung ist, dass man den „ausgestopften Knut“ erst in einigen Jahren im Museum für Naturkunde präsentieren wird, wenn sich die Emotionen gelegt haben.

Untersuchung von Knut: Knuts Körper wurde außer der üblichen Untersuchung der äußerlichen Merkmale und der inneren Organe mit dem neuen Kernspintomographie-Gerät des Instituts („Röhre“ – die Röhre ist aber kein geschlossener Behälter sondern eine offene Auflagefläche, die sich durch eine Art Reif bewegt) untersucht, den wir bei der Führung durch den Leiter, Herrn Prof. Heribert Hofer besichtigen durften. Sie können mit/in dieser Röhre Tiere bis zu 300 kg Gewicht untersuchen. Knuts Körper sei im Institut überhaupt sehr aufwendig und intensiv untersucht worden, wie auch Frau Dr. Szentiks hervorhob. Sie habe wegen des großen öffentlichen Interesses Tag und Nacht gearbeitet. Sechs Mitarbeiter waren mit Knuts Körper befasst. Prof. Hofer sagte, der einzige Ort, an dem Knut bzw. Teile von Knut nicht untersucht worden sei, sei das Elektronenmikroskop.:

Dr. Thomas Hildebrandt, Mitarbeiter des Institutes, in der DLF-Sendung („Zwischentöne“) am 24.7.2011: Bei dieser Kernspintomographie-Untersuchung hat man mit einem bildgebenden Verfahren als Hilfe für die Pathologen den gesamten Körper virtuell in 0,5mm dicken Scheiben „geschnitten“, diese aufgenommen und dargestellt. Man stellte eine leichte Ventrikel(Kammer)-Vergrößerung des Gehirns fest und hatte damit einen Hinweis, in welche Richtung weiter zu untersuchen war. Das Gehirn erwies sich dann als großflächig entzündet, was mit einer vermehrten Produktion von Flüssigkeit im Gehirn verbunden war. Vielleicht lag darin eine Ursache für die leichte Kammervergrößerung.

(Anmerkung: Den Kernspintomographen hat das Institut erst seit kurzer Zeit, er ist ihnen im Rahmen eines Konjunktur-Ankurbelungsprogrammes vom Senat spendiert worden. Die bildgebenden Verfahren werden in Kooperation mit einem Universitätsinstitut für Mathematik in Berlin entwickelt.)

Ansteckung: Professor Hofer erzählte im Verlauf der Führung, dass man häufig erst nach einiger Zeit herausfinde, ob ein Virus vom Tier auf den Menschen übertragen werde. So hätten Menschenaffen ihre Pfleger angesteckt, was man erst nach einiger Zeit herausfand. (Welche Krankheit das war, habe ich mir nicht notiert.)

Kuhpocken sind bei Ratten sehr verbreitet. Den gesunden Ratten schaden die Kuhpockenviren wohl nicht, aber sie steckten andere Tiere damit an. Allerdings gelte für Ratten wie für Menschen, dass gesunde Individuen bei intaktem Immunsystem häufig keinen Schaden nähmen, bei geschwächtem Allgemeinzustand könne so ein Virus aber den Tod bedeuten.

Um auf die Kuhpocken zurückzukommen: Die Ratten hatten offenbar Elefanten angesteckt. Diese hatten am ganzen Körper schwärende Stellen, auch die Fußnägel waren befallen. Der Elefant (die Elefanten?) musste getötet werden. Auch beim Tierpfleger entdeckte man schwarze Stellen am Hals. Sie haben ihm nicht weiter geschadet. Nach einiger Zeit (ob mit oder ohne Medikamente, habe ich nicht gefragt) haben die Stellen sich zurückgebildet. Der Tierpfleger konnte wieder als gesund gelten. Nicht gefragt habe ich, ob der Tierpfleger den Virus weitergeben konnte, an andere Tiere oder Menschen. Ich nehme an, ja, warum sollte der Mensch anders funktionieren als Ratten.

Woher/wie kann Knut sich angesteckt haben? Ich habe nicht erwartet, dass Dr. Szentiks meine Frage beantwortet. Hat sie natürlich auch nicht. Dann könnte sie ja gleich die Bild-Zeitung um Veröffentlichung bitten. Es bleiben die üblichen Verdächtigen: Tiere, Menschen, Futter, Wasser, Erde, Luft. Mir fielen die vielen Ratten und Mäuse ein, die im Zoo herumliefen. Dr. Szentiks reagierte leicht gereizt und betonte, dass es Ratten bei jeder Hühner- und Kaninchenhaltung gebe. Ich wollte den Zoo ja gar nicht anklagen, mir war und ist klar, dass man Mäuse und Ratten und andere eindringende Wildtiere (Füchse) und Katzen gar nicht verhindern kann. Aber mir fiel ein, dass Knut zum Entsetzen der Besucher im Frühjahr 2008 eine Ratte verspeist und sich das blutige Maul abgeleckt hatte, gerade als ich von den großen Eisbären zurückkam. Er sah zufrieden aus. Jedenfalls kommen Ratten als Quelle der Infizierung in Frage, finde ich.

Spurensuche: Dr. Szentiks sagte auf meine Frage, sie hätten eine Vermutung, seien dem möglichen Erreger auf der Spur. Wenn sie ein Ergebnis hätten, würden sie es veröffentlichen. Dann würde auch ich es nachlesen können. Und dann kann man auch Vermutungen darüber anstellen, wo und wie Knut sich angesteckt hat, sage ich.

Nachbemerkung
: Die meisten Informationen sind bekannt. Ich finde es trotzdem interessant, diese aus dem Munde von Dr. Szentiks und Prof. Hofers erfahren und die Gelegenheit gehabt zu haben, nachzufragen.

Das Institut ist international sehr renommiert, die Mitarbeiter sind sympathisch und überaus kompetent. Ich war beeindruckt und fühle mich bereichert.




Violetta Worofsky
Berlin
Rotes Rathaus
- Regierender Bürgermeister -
Rathausstraße 15
10173 Berlin
18. Juli 2011
Betreff: Knut und kein Ende

Sehr geehrter Herr Wowereit,
erneut und zum wiederholten Male wende ich mich in Sachen Zoo an Sie.

Viele Menschen haben den Tod von Knut zum Anlass genommen, der Zooleitung die Jahreskarte zurückzugeben. Viele Menschen wollen den Zootieren etwas Gutes tun, haben aber ihre Zweifel, ob die Spenden und Erbschaften tatsächlich in ihrem Sinne für die Tiere verwendet werden. Frau Thöne mag die geringeren Einnahmen des Zoos mit einer geringeren Sterberate (weniger Erbschaften) in der Berliner Bevölkerung erklären und die geringere Zahl der verkauften Eintrittskarten mit den extremen Temperaturschwankungen im Jahre 2010 (so auf der Aktionärsversammlung Juni 2011). Andere sehen in dem nachlassenden Interesse am Zoo einen Protest gegen die Zooleitung, die den Anforderungen an eine moderne Zoohaltung nicht gerecht wird. Da nützt auch kein neues Konzept für den Tierpark zum Thema Evolution.

Sie wollen dem Zoo, und schon gar nicht den Zootieren und den Beschäftigten dort, schaden. Aber sie sehen keine andere Möglichkeit, ihren Protest gegen die fortdauernde Unvernunft des Zoodirektors zum Ausdruck zu bringen.

Nach wie vor wird die aktive Beschäftigung der Zootiere verhindert. Beschäftigungsmaterialien sieht man selten und wenn, dann sind sie reizarm. Die Elefanten im Tierpark finden alte und von der Witterung verblichene Äste, hier und da. Es gibt einige wenige Bereiche, in denen Beschäftigung traditionell gestattet ist, zum Beispiel bei den Robben. Knut wurde in dem neuen Gehege nur die Gesellschaft der drei Eisbärinnen gegönnt. Sein Spielzeug kam nach dem Umzug in die Asservatenkammer.

Die Fütterungen sind in anderen Zoos Teil der Beschäftigungsprogrammes, in Berlin dauert die Fütterung der Eisbären 5 Minuten, nämlich von 10.30 Uhr bis 10.35 Uhr.

Der Wassergraben dient den Eisbären als Schwimmbecken, aber auch als Aufnahmebecken für die Fäkalien. Allein aus diesem Graben konnten die Eisbären im Außengehege trinken. Seit kurzem gibt es ein für die Besucher nicht sichtbares Gefäß für Wasser im Außengehege, welches auf Grund einer Anordnung des Veterinäramtes angebracht werden musste. Die Besucher können nicht verstehen, warum die Zooleitung eine Anordnung des Veterinäramtes brauchte. Sie überlegen, ob die Erkrankung und der Tod von Knut etwas mit dem verunreinigten Wasser zu tun haben könnte.

Die Besucher können nicht verstehen, warum der Orang Utan Kevin seit zweieinhalb Jahren unter beengten räumlichen Bedingungen sein Leben fristen muss. Sicher, eine neue Behausung für Kevin kostet Geld. Aber seine jetzige Unterbringung ist für alle Seiten unwürdig. Kevin wurde unter dem Namen Jessy vom Zirkus Renz unter unwürdigen Bedingungen gehalten. 1994 wurde er befreit, der Zirkus zu einer Geldstrafe verurteilt.

Der Zoodirektor ist stolz auf seine Zuchterfolge. Man fragt sich dann aber, warum die Lippenbärin Devi seit über einem Jahr allein leben muss. Sie hätte dringend die Gesellschaft eines anderen Lippenbären gebraucht. Seit der Trennung von ihrer Mutter vor gut einem Jahr sitzt sie meist traurig und inaktiv herum. Überflüssig zu sagen, dass sie nur selten einen Knüppel oder Ast erhält, mit dem sie dann allerdings virtuos hantiert. Warum züchtet dieser Zoo, wenn er die gezeugten Tiere nirgendwo unterbringen kann?

Der Zoodirektor ist dem „Goldschatz Knut“ nicht gerecht geworden. Sponsoren wurden vergrault, man hätte Knut viel besser „vermarkten“ können. Das hätte die Besucher wenig und Knut selbst gar nicht gestört. Man hatte eher den Eindruck, dass der Zoodirektor Knut verstecken wollte. Knut sei ein ganz normales Zootier, wurde ständig wiederholt, und folglich durfte der 2. Geburtstag von Knut nicht mehr gefeiert werden.

Wenn es um abweichende Meinungen der Mitarbeiter geht, darf der Zoodirektor als autoritär gelten. Eine Ahnung davon bekamen besorgte Besucherinnen am ersten Geburtstag von Knut, die er als wilde Herde beschimpfte.

Der Zoodirektor schadet letztendlich Berlin, denn selbst in der New York Times gab es eine kritische Berichterstattung über den Zoo und seinen Direktor anlässlich des Todes von Knut mit einer darauf folgenden lebhaften Diskussion der Leser mit über 65 Beiträgen.

Sehr geehrter Herr Wowereit, stets betonen Sie in Ihren Antworten, dass Sie keinen Einfluss auf den Zoo oder den Zoodirektor nehmen könnten. Diese Bescheidenheit scheint vielen ehrenwert.

Aber wie Kritiker des Zoodirektors nachgewiesen haben, könnte der Senat sehr wohl Einfluss nehmen, zum Beispiel indem er die Zuschüsse an den Zoo mit inhaltlichen vernünftigen Forderungen verknüpft.

Es gibt viele Möglichkeiten. Fragen Sie die Experten.
Freundliche Grüße
Violetta Worofsky



Eindrücke vom Tierparkfest
Sonntag, den 21. August 2011.

Heute waren wir auf dem Tierparkfest, leider erst gegen Mittag, als das Programm schon fortgeschritten war. Für uns Wessis bot es einen interessanten Nachklang der populären Kultur der DDR. Auf der Freilichtbühne lief eine Art Revueprogramm mit professionellen oder semi-professionellen Darstellern der Leichten Muse. Darunter die Venus-Brass-Band und die altehrwürdigen DDR-Popsängerinnen CORA, denen während ihrer Darbietung eines DDR-Schlager-Klassikers von reiferen Fans beim Stichwort „Rosen“ und „Amsterdam“ rote Rosen auf die Bühne geworfen wurden. Dann das wundervolle "Kinder-Musical-Theater". Dieses Musical-Kindertheater hatte ein sehr beachtliches Niveau und seine Darbietungen waren witzig anzusehen. Man gab mehrere Gesangs- und Ballettnummern, alle allerliebst. Am besten haben uns die Marienkäfer mit Mickymausohren gefallen, die Cancan tanzten und dazu sangen. Im Oktober werden sie, ich glaube zwei Wochen, in der Urania auftreten. Jeder, der das 5. (nicht das 50.) Lebensjahr erreicht hat und tanzen und singen kann, darf sich bewerben.

Zu jeder vollen Stunde, um 12, 13 und 14 Uhr gab es Tierpräsentationen. Von Dr. Blaszkiewitz und der ehemaligen DDR-Rundfunkreporterin Karin Rohn wurden einige Tiere vorgestellt. Frau Rohn war vor 1989 für legendäre Berichte aus dem Tierpark bekannt. Die Berichte waren witzig und informativ, häufig unter Beteiligung von Prof. Dathe (Zoodirektor zu DDR-Zeiten). Seit dessen Tod 1991 ist Dr. Blaszkiewitz Direktor des Tierparks. Seit 2007 ist er gleichzeitig Direktor des Berliner Zoos.

Die Kinder durften auf die Bühne gehen und die Tiere bestaunen, betrachten und anfassen. Bei der letzten Präsentation gab es eine nur in Europa vorkommende Echse, eine Python, "Monty" genannt, eine Schildkröte namens Uwe und zwei Pelikane. Die transportablen Tiere wie Monty (ja, die Python!) und Uwe wurden später durch die Sitzreihen getragen und präsentiert.

Für mich war es überraschend, Dr. B. und Karin Rohn in freundschaftlichem Einvernehmen (man duzt sich) auf der Bühne zu sehen. Vor einiger Zeit hatte ich auf "Deutschlandradio Kultur" eine lange Themensendung ("Lange Nacht") über Heinrich Dathe gehört, in der sich Karin Rohn verbittert über den Umgang mit dem Tierpark unmittelbar nach der Wende und vor allem über die unwürdige Behandlung von Heinrich Dathe (sofortige Absetzung und Kündigung der Wohnung im Tierpark für den über 80jährigen) äußerte.

Meine Verwunderung steigerte sich noch, als neben Herrn Ziolko (Förderverein) Frau Gesine Lötzsch (Die Linke) erschien, den werbenden Worten des Direktors zum Fortbestand des Tierparks ("nur weiter fleißig den Tierpark besuchen!") weitere hinzufügte und auf bereitliegende Antragsformulare für die Mitgliedschaft im Förderverein hinwies. Schließlich wurde Frau Lötzsch ein Riesenscheck (etwa 1 x 2 Meter) durch den Vorhang gereicht, den sie mit verbindlichen Bemerkungen an den Direktor weitergab. Es ging um die erstaunliche Summe von 55.000 Euro, das sei die bisher höchste Spende des Fördervereins. Großer Applaus natürlich und strahlende Gesichter auf der Bühne. Das Geld sei für das umzugestaltende Eisbärengehege bestimmt, u.a. für Sichtscheiben und rollstuhlgerechte Wege. Frau Lötzsch engagiert sich also für die Tierpark-Unterstützer-Szene und scheint dort wohl etabliert zu sein. Sie weiß um die Verbundenheit der Berliner im Ostteil der Stadt mit ihrem Tierpark und tritt als Vertreterin ihrer Interessen auf. Es wird ihr ein persönliches Anliegen sein und ist darüber hinaus zu Wahlkampfzeiten sicherlich vorteilhaft. Dr. B. bedankte sich artig, Herr Ziolko stand daneben.

Was sagt man dazu??!!Dr. B. ist offenbar keine Feindfigur für die Ossis, jedenfalls aktuell nicht. Vielleicht ist er ein Vernetzungsgenie, das sich in den unterschiedlichsten Kreisen Rückhalt zu verschaffen weiß und wenn es Spitzenvertreterinnen der „Linken“ sind. Für die Besucherin aus Hamburg ganz schön verwirrend.

Bei der Veranstaltung war ich überrascht, dass auch Gesine Lötzsch so gar keine Berührungsängste hatte. Sie machte ansonsten keinen Hehl aus ihrer in mancher Hinsicht sehr traditionellen Einstellung. Kurz zuvor hatte sie Aufsehen erregt mit ihrer Erklärung für den Bau der Mauer („ein Ergebnis des zweiten Weltkrieges“) und für ihre Geburtstagsgrüße an Fidel Castro (ohne die vorsichtige Kritik, die immerhin ihr Parteigenosse Lothar Bisky äußerte). Auf dem Tierparkfest aber hatte sie keine Probleme beim Umgang mit dem Mann, der bis vor kurzem Komtur des Jerusalem-Ordens war und sich irgendwo am anderen Ende des politischen Spektrums befindet.

Später erst ist mir klar geworden, welche Pirouetten auch der Zoodirektor drehen muss, um sich weiterhin im Ossi-Land behaupten zu können. Der bloße Einsatz der Amtsgewalt reicht vermutlich nicht. Der knallharte Konservative verkehrt, jedenfalls öffentlich, jovial mit den „Roten“, die er doch mit eisernem Besen aus dem Tierpark hinauskehren wollte. Und ich hatte immer gedacht, dem bärbeißigen Zoochef fehle es an jedem diplomatischen Geschick!

Jedenfalls wurden alle Programmpunkte beklatscht, auch die des Zoodirektors. Übrigens hatte ich den Eindruck, dass es sich fast um eine reine Ost-Veranstaltung handelte. Das hat natürlich mit der Bindung der Bevölkerung an den Tierpark zu tun. Man hatte an dieser Einrichtung mitgebaut, sie unterstützt und in Prof. Dathe einen populären charismatischen Tierparkdirektor gefunden. Für Ostberlin war er mindestens so bedeutend wie einst Dr. Grzimek für das Westpublikum. Und es hat damit zu tun, dass der Zoo der West-Berliner eben nicht der Tierpark in Friedrichsfelde ist. Die Bindungen an die jeweils eigene Region lassen sich in einer Generation offensichtlich nicht so leicht auflösen.

Der Tierpark ist für jeden dort Aufgewachsenen ein Identifikationsobjekt; kein Wunder also, dass die „Linke“ da mitmischt. Und kein Wunder, dass der Zoodirektor alle Bündnispartner für den Fortbestand dieses Tierparks akzeptiert.
Anneliese
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Fr 3. Apr 2015, 17:50

Brief an zwei Zoodirektoren (Neumünster und Berlin) zum ersten Todestag von Knut. Von Solveigh Engel, Kiel (stark gekürzt).
19.3.2012
Sehr geehrter Herr Dr. D., sehr geehrter Herr Dr. B.

(...)
Die „Entwicklung“ von Knut vom kleinen gesunden und sehr verspielten Eisbären bis zu seiner inszenierten und den Eisbären be- und verängstigenden Isolation im Bereich der großen Eisbärenanlage waren für jeden Dorfdeppen nicht-zoologischer Art offenkundig ein Fehler. Selbst unter Erwägung eines biologisch-zoologischen Irrtums Ihrer Person in Bezug auf das von Ihnen angeordnete, vollzogene und damit zu verantwortende „Ergebnis“ der Eisbärenhaltung von Knut muss man sich schon fragen, wie man Ihre Position im Berliner Zoo immer noch zu rechtfertigen vermag. Ihr Verbleib in Tierpark und Berliner Zoo ist nicht nur mit dem Ableben von Knut, aber in jedem Fall seit seinem nach wie vor ungeklärten Tod für alle eine absolute Zumutung.
Im Übrigen schulden Sie der Weltöffentlichkeit ein Jahr nach dem Tod des Eisbären eine nachvollziehbare Erklärung, warum dieses besondere Tier nur vier Jahre alt werden durfte. Und das, wo Eisbären üblicherweise in Zoos weit über 20 Jahre alt werden können.

(...)Herr Dr. B. wollte unser Tier nicht; er musste ihn (über-)nehmen. Der allgemeine Druck ließ ihm keine Wahl. Und der Berliner Zoo war keinesfalls die 1. Wahl für Knut (...)
Genauso, wie allgemein bekannt war, dass Dörflein sich sein Tier zum Wohle dessen in einen anderen Zoo gewünscht hat. Er wird sehr genau gewusst haben warum; nur hören wollte es niemand und sich danach richten schon gleich gar nicht.
Für den Zoo Berlin, explizit für Herrn Dr. B., war der Verbleib Knuts in Berlin die allerletzte Wahl. Und damit die Schlechteste, die man für ein solches Tier mit Verantwortung hätte treffen können. (...) „Eigentum verpflichtet“, so steht es im Grundgesetz, - aber da steht ja viel -. (...) Zoodirektoren sind sowohl Menschen wie Tiere anvertraut, und Sie haben Verantwortung für beide Lebewesen übernommen, der sie auch gerecht zu werden haben. Menschen und Tiere sind gleichermaßen Lebewesen und keine Ausstellungsstücke ohne jedwede Empfindung.
Menschen und Tiere sind auch keine funktionalen Gegenstände, die man ohne sichtbare oder spürbare Auswirkungen sinngemäß gesprochen von rechts nach links schieben kann.
Und eine verantwortungsvolle Entscheidungsgewalt über Mensch und Tier setzt einen respektablen und achtsamen Umgang mit den Kreaturen voraus.
(...) Das immense Leid und die tiefsitzende Trauer, verbunden mit diesem besonderen Tier und seiner ungewöhnlichen Geschichte, die Sie mit Ihrer zoologischen Fehlentscheidung in Sachen Knut-Haltung unter unzählige (erwachsenen) Menschen, vermutlich noch mehr Kindern, gebracht haben, ist mit keiner Entschuldigung, - die wir im Übrigen auch schon lange nicht mehr von Ihnen erwarten -, zu rechtfertigen.
(...) Es gibt „Dinge“ im Leben, Dr. B., (...) die sind nun mal nicht ersetzbar. Und Knut war und ist durch gar nichts zu ersetzen.
Sie halten sich doch sprichwörtlich über alles erhaben; - das hätten Sie doch eigentlich (besser) wissen müssen -. (...) Im Übrigen hat Knut mit dem, was ihm an Körpersprache (noch) zur Verfügung stand, glasklar signalisiert, dass es so mit ihm nicht geht. Sie haben das Tier eindeutig überfordert.
Und dann meinen Sie, Sie könnten in Berlin ganz einfach zur Tagesordnung übergehen? Das leidige Thema Knut großzügig ignorieren zu können, als wäre gar nichts passiert?
(...) Sie ernten von vielerlei Seiten persönliche Ablehnung, Häme, Argwohn, Spott und Ungläubigkeit bis hin zur persönlichen Verachtung einzelner. Unter anderem für eine altertümliche und ignorante Zooausrichtung sowie Zootierhaltung, - insbesondere auch was die leidige Auseinandersetzung mit Ihnen in Bezug auf das Thema „Beschäftigung von Zootieren“ und Abwechslung in Form von „Spielzeug“ anbelangt -.
Unstreitig ist, glaube ich, dass es vorrangig um das leibliche und damit auch das allgemeine Befinden aller Zootiere geht, die von Menschhand nun mal eingesperrt wurden. Und dem Schutz unserer Tiere in Sachen Gesundheit und den sie pflegenden Menschen.
Sie werden in Berlin von den Zoobesuchern und Zoobesucherinnen dafür bezahlt, dass sie genau diesen Anforderungen vorrangig und vorbildlich im Sinne einer bestmöglichen (artgerechten) Unterbringung der Tiere gerecht werden.

(...) Knut ist durch die Fürsorge von Thomas Dörflein und seinem unermüdlichen Einsatz für unser Tier mit einer Art „Gottvertrauen“ in seine Menschen groß geworden. Er dachte wohl, auf diese könne er sich verlassen und war verlassen. Von der Masse und den Hauptverantwortlichen im Berliner Zoo verlassen, - einfach so -.(...)




Den Artikel der mz (Mitteldeutsche Zeitung) kann ich nicht abdrucken, weil Rechte der dpa berührt sind. „Knuts Präparat soll ein Meisterstück werden“, Mitteldeutsche Zeitung 2.9.12. Anlass des folgenden Briefes sind die Äußerungen
von Prof. Vogel in dem mz-Artikel.

Brief von Anneliese Klumbies, Hamburg, 5.September 2012

Museum für Naturkunde
Generaldirektor Prof. Johannes Vogel
Invalidenstraße 43
10115 Berlin

Sehr geehrter Herr Prof. Vogel,

wie Sie nun durch vielfältige Rückmeldungen erfahren haben, wollen die Knut-Freunde weder einen niedlichen toten Knut sehen noch einen kuscheligen. Sein Fell ist auch nicht durch Rindenmulch verfärbt (das war Anno 2007), sondern von der Krätze gelöchert. Das wird viel Kunststopferei vom Präparator oder seinen Helfershelfern erfordern. Sein Ruhebett war der kahle Felsen und seine Gesellschaft drei manchmal zickige Zwangsgesellschafterinnen. Die für sich auch ganz bemerkenswerte und liebenswürdige Persönlichkeiten sind. Für Lamborghinis hätte er sich sehr begeistert. Thomas Dörflein hat erfolgreich versucht, ihm sein Interesse für Autos zu übertragen. Die Empfindlichkeiten der Knut-Freunde, die ihm nicht als ausgestopftem Wiedergänger begegnen wollen, werden Sie nachempfinden können. (Ich weiß, man sagt bei einer Dermoplastik nicht ‚ausgestopft’.) Er war uns einfach sehr nahe, und Nahestehenden begegnet man bislang nicht so gerne im Museum. Jedenfalls nicht als Dermoplastik.

Knut war kein beliebiges Exemplar seiner Art. Das Individuum Knut ist nicht ohne seine Geschichte, die frühkindliche Symbiose mit Thomas Dörflein und die emotionale Bedeutung zu denken, die er für sehr viele Menschen in aller Welt hatte.

Ich will Ihnen gerne erklären, was Knut vom Gorilla Bobby unterscheidet. Wenn Sie mir denn Gelegenheit geben. Das Problem besteht auch nicht darin, dass viele unterschiedliche Vorstellungen der Anhänger von Knut existieren, sondern dass das Museum sehr ungenaue Vorstellungen von Knut besitzt.

Immerhin planen Sie ein Symposium mit Fachleuten, die ergründen sollen, warum Knut solche Emotionen geweckt hat und wie er für die "großen Themen" nutzbar gemacht werden kann.

Wenn es Sie interessiert, lasse ich Ihnen einen Text von mir zukommen. Er enthält Erklärungsansätze und Reflexionen zum Thema, mehr als ich zu diesem Thema aus anderen Quellen kenne.

Freundliche Grüße
Anneliese Klumbies
(Dieser Brief wurde nicht beantwortet. E-Mails wurden umgehend mit einer Antwort bedacht, die allerdings bei allen gleich lautete.)




Auch diesen Artikel durften wir nicht abdrucken, er ist online zu finden:
Berliner Kurier
Dienstag, 16. Oktober 2012
Zoo-Chef unter Druck
Löwen-Inzest: Senat zählt Blaszkiewitz an
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Fr 3. Apr 2015, 18:11

04.10.2013 Berliner Zeitung
Neuer Berliner Zoochef Andreas Knieriem
Von Leitern und Pantoffeltierchen

Von Petra Ahne

Ein „inneres Zugband“ führe ihn nach Berlin, sagt Knieriem. Bis dahin sitzt er gern noch mal im Fledermaushaus in Hellabrunn.
Foto: Thorsten Jochim
Wie möchte die Fledermaus untergebracht sein? Und wie der Seelöwe? Andreas Knieriem will die Gehege der Tiere in Lebensräume verwandeln. Bald kommt er als Zoodirektor nach Berlin, um für die nötige Modernisierung zu sorgen.
Bei den Riesenschildkröten beginnt Andreas Knieriem, vom Pantoffeltierchen zu sprechen. Den ganzen Tag würden sich diese Einzeller bewegen, aber am Ende käme eben nicht viel raus dabei. Er möchte nicht, dass es in seinem Zoo zugeht wie bei den Pantoffeltierchen. Ein Miteinander soll es sein, sagt Knieriem, jeder Angestellte sei Teil des zielgerichteten großen Ganzen. Man müsse nur miteinander sprechen, dann funktioniere das auch. Während im Hintergrund eine badewannengroße Schildkröte eindrucksvoll den faltigen Hals ausfährt, um Blätter an einem Ast zu erreichen, findet Andreas Knieriem ein neues Bild: wie eine Leiter sei so ein Unternehmen, und er, der Chef, stehe nur oben, weil einer den Überblick behalten muss.
Über Berlin, seine Pläne dort könne er noch nicht reden, hatte Andreas Knieriem vor dem Treffen im Münchener Tierpark Hellabrunn wissen lassen. Aber natürlich ist ihm klar, dass er genau das tut, wenn er von Pantoffeltierchen und Leitern erzählt. Er weiß, dass nicht nur über 400 Angestellte in Zoo und Tierpark gespannt sind, zu erfahren, wie sich der künftige Chef das Chefsein vorstellt. Er weiß auch, dass er in Berlin einen Mann ablöst, in dessen Führungsstil ein „Miteinander“ nicht wirklich vorgesehen war.
Irgendwann im kommenden Jahr wird Andreas Knieriem, Zoodirektor in München, Nachfolger von Bernhard Blaszkiewitz, Zoodirektor in Berlin. Wann genau, wird in ein paar Wochen feststehen. Dann wird Andreas Knieriem auch offiziell vorgestellt werden. Und erst dann will er erzählen, was er vorhat mit den beiden Zoos der Hauptstadt. Natürlich versteht er, dass die Neugier groß ist, weil ja „nicht alles rund lief“ in Berlin. So kann man es auch sagen. Tatsache ist, dass die Ankunft von Knieriem ein zunehmend unerfreuliches Kapitel Berliner Zoogeschichte beenden wird.
Veränderung muss nicht teuer sein
Es war schließlich ein fast schon skurriles Detail aus der eigenwilligen Welt des Bernhard Blaszkiewitz, das dieses Ende herbeigeführt hat: Im Januar war bekanntgeworden, dass Blaszkiewitz in einer Aktennotiz die Frauen unter den Zoo-Angestellten mit der zoologischen Kennzeichnung für Weibchen beschrieb. Es folgten eine Zoo-Mitarbeiterbefragung durch eine Anwaltskanzlei, der Rücktritt von Blaszkiewitzs Stellvertreterin und schließlich die Entscheidung des Aufsichtsrats, den Vertrag des 59-Jährigen nicht zu verlängern.
Tatsächlich muss Blaszkiewitz nicht wegen der Sexismus-Vorwürfe gehen, nicht wegen der Beschwerden über seine ruppige Art und auch nicht wegen, wie ihm Tierschützer seit Langem vorhalten, nicht zeitgemäßer Tierhaltung. Er muss gehen, weil mit ihm ein Problem offensichtlich nicht zu lösen ist, das Berlin allmählich über den Kopf wächst: der defizitäre Tierpark. Der zentral gelegene West-Berliner Zoo hat zwar Modernisierungsbedarf, doch keine finanziellen Probleme. Im Ost-Berliner Tierpark aber – der optisch an vielen Stellen noch auf dem Stand von 1991 ist, dem Jahr von Bernhard Blaszkiewitz’ Amtsantritt – stagnieren die Besucherzahlen, die Verluste werden jedes Jahr größer. Der neue Zoodirektor hat also keine geringere Aufgabe als die, den Tierpark zu retten.
Chronologie
Der Zoo Berlin
wurde 1844 als der neunte Zoologische Garten in Europa eröffnet, es ist der älteste Zoo auf dem heutigen deutschen Staatsgebiet. Mit fast 18.000 Tieren in rund 1600 Arten gilt er als artenreichster Zoo der Welt. Gelegen in der City West ist das 35 Hektar große Gelände gut erreichbar. 2012 zählte der Zoo 2,994 Millionen Besucher.
Andreas Knieriem öffnet die Tür nach draußen, nach dem schwülwarmen Schildkrötenhaus wirkt die Oktoberluft besonders kühl. Er schlägt vor, zum Fledermaushaus zu gehen. Da könne man sehen, wie auch mit wenig Geld etwas Gutes gelingen kann. Andreas Knieriem ist ein freundlicher, zugewandter Mann, der umso mehr redet, je angenehmer ihm das Thema ist. Trotzdem wägt er seine Worte genau ab, vielleicht darf man darum auch die Bemerkung, dass Veränderung nicht immer teuer sein müsse, als Hinweis deuten, wie er die Dinge anpacken will in Berlin.
Einer der sympathischsten Berufe überhaupt
Es ist ein bedeckter Nachmittag während der Woche, im Zoo sind vor allem ältere Menschen und Familien mit Kleinkindern unterwegs. Es mag an Knieriems zügigem Schritt liegen oder an der waldgrünen Barbour-Jacke mit harmonierendem Pullover darunter, was zusammen wie eine Zoodirektoren-Uniform wirkt – aber sowieso würde man den knapp zwei Meter großen Mann kaum für einen normalen Besucher halten. Menschen bleiben stehen und hören zu, wenn er bei den Präriehunden erklärt, dass einer immer aufpassen und nach möglichen Angreifern aus der Luft Ausschau halten muss; andere nicken ihm im Vorbeigehen zu, und man denkt unweigerlich an Bernhard Blaszkiewitz und daran, dass man es erst mal schaffen muss, sich unbeliebt zu machen als Zoodirektor, Hüter der Tiere, was doch einer der sympathischsten Berufe überhaupt ist.
Knieriem läuft über eine Brücke, davon gibt es viele im Münchner Zoo, der durchzogen ist von Seitenarmen der Isar. In deren Auen im Süden der Stadt schmiegt sich der Tierpark Hellabrunn seit 102 Jahren. Darin, wie er in eine Landschaft eingepasst ist, gleicht er dem Tierpark in Berlin, der ist allerdings viermal so groß. 36 Hektar hat der Münchner Zoo, etwa so viel wie der in Charlottenburg, er ist finanziell stabil, in Zoo-Rankings weit oben, bei den Münchnern beliebt.
Andreas Knieriem, 48 Jahre alt, seit 2009 in München, könnte diesen Zoo zu seinem Lebenswerk machen, wie es seine zwei Vorgänger getan haben. Der eine war 41 Jahre lang Direktor, der nächste 28 Jahre. Ein angemessen ehrgeiziges Projekt hat Knieriem schon auf den Weg gebracht, die Tiere sollen wie früher nach Kontinenten geordnet präsentiert werden, der Masterplan ist auf viele Jahre angelegt. Warum also tauscht er die geordneten Münchner Verhältnisse gegen einen Problemzoo in Berlin?
Pionier der Themenwelten
Knieriem sagt, dass es zwei Gründe gibt. Der eine ist, dass seine Frau aus Berlin kommt, ihre ganze Familie dort lebt. Der andere sei „ein inneres Zugband“, er könne nicht anders. Er hatte sich nicht auf die Anzeige beworben, mit der ein neuer Berliner Zoochef gesucht wurde; die beauftragten Personalberater sprachen ihn an. In dem Moment begann das innere Band zu ziehen.
Er hat schon einmal daran mitgearbeitet, einen maroden in einen profitablen Zoo zu verwandeln, von 1996 bis 2009, in Hannover. Zum neuen Konzept gehörte es, die Tiere in Themenwelten zu verteilen, in Landschaften, die möglichst natürlich wirken sollen. Das hatte zuvor noch kein Zoo in Deutschland gemacht. Auch damals hatte man Knieriem gefragt, ob er kommen wolle, dabei war er erst Anfang 30, ein junger Zoo-Tierarzt in Duisburg. „Aber dafür, dass ich viele Zoos gesehen hatte“, sagt Andreas Knieriem, „war ich wohl schon bekannt.“
Die Zoos hatte er mit seinem Vater besucht, seit er ein Kind war, in Deutschland, in den USA, wo immer sie waren. Der Vater wäre selbst gern Tierarzt geworden, wurde aber einer für Menschen. Seiner Leidenschaft kam er mit Zoobesuchen und vielen Tieren im Haus der Familie in Duisburg nach. Die Kinder waren fürs Geflügel zuständig. Bald hielt sich Andreas Knieriem eigene Tiere. Die Spinnen verbot ihm die Mutter, nachdem die als Futter gedachten Fruchtfliegen entkommen waren und sich in der Küche eingenistet hatten. Er stellte sich Aquarien ins Zimmer, so viele, dass es nachts keine Stille gab, nur Pumpgeräusche. Er sagt, dass ihn damals schon die Vielfalt der Arten fasziniert hat, die vielen Spezialisten, jeder auf seine Weise perfekt ausgestattet. Als er 13 war, besorgte ihm sein Vater einen Job im Duisburger Zoo, er durfte den Tierpflegern helfen und dem Tierarzt. Seitdem hat er den Zoo eigentlich nicht mehr verlassen. Er verbrachte mehr Zeit in den Gehegen als in der Schule. Als er verkündete, Veterinärmedizin studieren zu wollen, war seine Familie dagegen. Weil man da traditionell Humanmediziner wurde und nicht Tierarzt. Andreas Knieriem blieb bei seinem Entschluss. Er studierte Anfang der Neunzigerjahre in Berlin, besuchte oft den Zoo und weniger oft den Tierpark, promovierte und kehrte in den Duisburger Zoo zurück.
"Klar, dass ich andere Ansichten habe!"
In Hannover wurde er als stellvertretender Zoologischer Leiter angeworben, arbeitete aber auch als Kurator, Tierarzt und vor allem als Zoo-Erneuerer. Er hat die ostafrikanische Urwaldlandschaft namens „Gorillaberg“ mit konzipiert und den indischen „Dschungelpalast“. Er hat erlebt, wie der Eintrittspreis auf 19,50 Euro angehoben wurde – inzwischen sind es 25 Euro – und trotzdem immer mehr Menschen kamen. Er sagt, dass er heute manches anders machen würde, mehr Natur, weniger der kulissenhaften Häuser, die in Hannover die Themenwelten vervollständigen. Aber er glaubt nun daran, dass man einem Zoo mit dem richtigen Konzept zum Erfolg verhelfen kann.
In einem Wäldchen taucht jetzt das Fledermaushaus auf, es ist mit Holzpfählen verkleidet und fällt kaum auf zwischen den Bäumen. Die Pfähle waren Knieriems Idee. Er hat aus einem abweisenden Klotz, der zum Abriss vorgesehen war, einen stollenartigen Bau gemacht, der zum Entdecken einlädt. Innen ließ er den dunklen Raum, in dem Fledermäuse den Besuchern um die Köpfe flattern, zu einer richtigen Grotte umbauen – und bei den Pfirsichköpfchen und den gelben Dotterwebern, die auch hier wohnen, die Glasscheibe entfernen. Die Vögel könnten jetzt wegfliegen, machen sie aber nicht, weil der Besucherbereich im Dunkeln liegt. „Die Fette Sandratte hier kommt übrigens aus Berlin, aus dem Tierpark“, sagt Knieriem und zeigt auf ein possierliches Wesen, bei dessen Namensgebung irgendetwas schiefgegangen sein muss, und das mit zart zitternder Nase durch eine Vitrine tapst.
Hat er eigentlich mit Bernhard Blaszkiewitz gesprochen, seit er weiß, dass er ihn ablösen wird? „Jetzt fangen Sie schon wieder mit Berlin an“, sagt Andreas Knieriem. Dann sagt er, dass er Blaszkiewitz seit 18 Jahren kenne und man sich doch auch wertschätzen könne, wenn man nicht einer Meinung ist. Sein Vorgänger sei nun mal ein seinen Traditionen sehr verhafteter Mensch. „Und es ist doch klar, dass ich da andere Ansichten habe!“ Knieriem ruft es nun fast. Auch wenn er, leider, noch nicht sagen kann, wie die sich auf die Berliner Zoos auswirken werden.
Die Unersetzbarkeit der Begegnung zwischen Mensch und Tier
Im Groben kann man es natürlich erahnen, schon an einem so unspektakulären Beispiel wie dem Fledermaushaus. Gehege, die mehr wie Lebensräume wirken denn wie Käfige, mehr Platz für die Tiere, und unauffälligere Barrieren zwischen Tier und Mensch. Es ist das, was als ein modernes Zoo-Konzept gilt. „Zeitgeist“, das ist ein Wort, das Andreas Knieriem oft benutzt. „Das entspricht einfach nicht mehr dem Zeitgeist“, sagt er und zeigt auf das Seelöwenbecken, eine glasumschlossene, grau betonierte Anlage: „Der Besucher soll ein Wohlbefinden haben, wenn er die Tiere sieht. Nur dann gelingt es, Faszination für die Natur zu wecken. Dafür haben wir doch Zoos.“ Und der Seelöwe? Fühlt er sich auf einer Ruheinsel in echter Felsoptik wirklich wohler als auf einer Betonplatte in Sechzigerjahre-Ästhetik? Oder ist nur der Mensch zufrieden?
Andreas Knieriem sagt, er sei der Überzeugung, dass es einem Tier besser geht in einer Umgebung, die mehr Lebensraum ist und weniger bloße Unterbringung. Dann spricht er von Dingen, die der Besucher kaum mitbekommt, die aber die Tierhaltung in den letzten Jahrzehnten wesentlich verbessert hätten. Die Technik spielt dabei eine Rolle, Pump- und Lüftungssysteme, aber auch ein abwechslungsreicher Tagesablauf und Rückzugsräume. Einen solchen haben jetzt zum Beispiel die zwei Eisbären, die seit drei Jahren viel großzügiger wohnen. Eisbären gehören zu den umstritteneren Zootieren. Andreas Knieriem ist nicht der Meinung, dass man bestimmte Tierarten einfach nicht in Gefangenschaft halten sollte. „Aber bei manchen Tieren muss man natürlich sehr hohen Aufwand betreiben. Die Eisbären hätten wir abgegeben, hätten wir nicht die Möglichkeit gehabt, dasGehege neu zu gestalten.“
Mehr kritische Distanz kann man nicht erwarten; ein Zoodirektor, der findet, dass Tiere nicht in den Zoo gehören, hätte wahrscheinlich seinen Beruf verfehlt. Andreas Knieriem aber, den Eindruck hat man nach drei Stunden Spaziergang, hätte keinen passenderen finden können. Er glaubt an Zoos, daran, dass sie den Menschen achtsamer machen, und plädiert leidenschaftlich für die Unersetzbarkeit der Begegnung von Mensch und Tier: „Es heißt immer, dass man das doch inzwischen alles im Fernsehen sehen kann. Aber das ist nicht das Gleiche. Die Größe eines Elefanten werden Sie auf einem Bildschirm nie erfassen können.“
Herden im Tierpark
Oder den aufmerksam-nachdenklichen Blick des Gorillas, der ein paar Minuten später, das Gesicht an die Scheibe gedrückt, die zwei Menschen auf der anderen Seite des Glases betrachtet. „Der wundert sich, was wir hier noch machen“, sagt Knieriem. Es ist 18 Uhr, der Zoo schließt, beim Rausgehen sperrt Knieriem die Tür zum Affenhaus hinter sich zu. Er hat immer Schlüssel für die Gehege in der Tasche. Manchmal besucht er am Wochenende ein paar Tiere, dazu kommt er sonst nicht. Er wird in Berlin auch, wie schon in München, mit Frau und Tochter auf dem Gelände wohnen; auf dem des Charlottenburger Zoos, der ist näher dran an der Verwandtschaft.
Ein bisschen spricht er dann doch noch von Berlin. Schwärmt von der Größe des Tierparks, dem vielen Platz, den man den Tieren zugutekommen lassen kann: „In ein paar Jahren werden Sie da Herden sehen.“ Er hat auch Ideen, wie man dem Gefühl der Enge im Zoo begegnen kann, wo auf vergleichsweise kleinem Raum sehr viele Arten gezeigt werden. Durch dezentere Absperrungen zum Beispiel, und Überlegungen, welche Tiere man zusammen zeigt. Und vielleicht müsse man auch über Reduktionen sprechen.
Andreas Knieriem muss jetzt noch mal in sein Büro im kleinen Verwaltungsgebäude gleich neben den Flamingos, er läuft durch den leeren Zoo, der bald nicht mehr seiner ist. Auch in München sei es anfangs nicht leicht gewesen, sagt er. München sei ja eine Stadt, in der sich nicht viel bewegt, weil das Gefühl vorherrscht, dass es gut läuft, wie es ist. So war es auch im Zoo. Jeder seiner Vorschläge stieß zuerst auf Skepsis, selbst wenn es nur um einen neuen Anstrich ging. „Alles war heilig“, sagt Knieriem, und die Frage, die in den Gesichtern der Mitarbeiter stand, war: Müssen wir überhaupt was ändern? Das jedenfalls wird ihm in Berlin nicht passieren.
Anneliese
 
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Registriert: Do 2. Okt 2014, 21:41

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