Bild&Geschichte - Die Welt hinter den Bergen

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Bild&Geschichte - Die Welt hinter den Bergen

Beitragvon UliS » Fr 5. Aug 2016, 18:13

Die Welt hinter den Bergen
Zwölf Tage durch Eis und Kälte zur Schule

Seinen Geburtstag hat Motup noch nie gefeiert. Wenn er die Hand zweimal spreizt und dann den Daumen hochhält, zeigt er, wie viele Winter er überlebt hat. In Zanskar, einer der entlegensten Gegenden der Erde, wo Motup und seine achtjährige Schwester Diskit zu Hause sind, ist nur der Himmel zum Greifen nah.

Was jenseits des engen Tales im Himalaya ist, ahnen ihre Eltern kaum. Dafür kann die Mutter Pfeifen – wie alle Frauen hier. Im Sommer bei der Gerstenernte pfeifen sie den Wind herbei, damit er die Spreu vom Korn trennt. Dann lacht die Mutter viel, und ihre drei Ehemänner lachen mit. Die Frauen in Zanskar heiraten auch die Brüder ihres Mannes. Das ist gut, weil es hier zu viele Männer gibt.

Der Sommer ist schön im Dorf, dann können die Kinder den Dung der Yaks in der Sonne trocknen. Den braucht die Familie im Winter, damit keiner erfriert. Wenn er glüht, halten sie den Rauch im Raum, denn der wärmt. Aber das wissen nur Zanskari. Auch die Tiere wärmen, die dann mit im Haus sind. Draußen erstarrt alles Leben. Acht Monate lang verlässt nur einer der Männer kurz das Haus, um ein Loch ins Eis des Baches zu hacken und Wasser für das Vieh zu schöpfen. Zum Waschen braucht die Familie es nicht. Der Winter ist hier in 5000 Meter Höhe so kalt, dass man die Kleidung aus dicker Yakwolle nur einen Spalt öffnen darf, wenn es nötig ist.

Aber Motup und Diskit können den Winter kaum erwarten. Dann hat der Fluß Eis an den Rändern, und man kann auf ihm aus dem Tal. Es sind nur 120 Kilometer bis nach Leh zu den Mönchen. Um bei ihnen zur Schule zu gehen, wandern Motup und Diskit schon zum zweitenmal zwölf Tage allein zu Fuß. Das ist nicht gefährlich, sagen sie, man muss nur vor jedem Schritt aufs Eis klopfen und horchen, ob es hält, damit das wilde Wasser einen nicht mitreißt. Wenn sie am Ende des Winters heimkommen, erzählen sie von der Welt, wie sie draußen ist. Dann lacht Mutter wieder viel, und die Väter lachen mit, weil sie es einfach nicht glauben können.

Michael Jud


Bild



The world behind the mountains
Twelve days to school through ice and cold

His birthday Motup never had celebrated. When he spreads his hand twice and is lifting one thumb, he shows how many winters he survived. In Zanskar, one of the most remote areas in the world, where Motup and his eight year old sister Diskit are at home, only the heaven is within one´s reach.

What is beyond the narrow valley in the Himalaya, the parents hardly anticipate. But the mother understands whistling - as all women here do. In summertime during the barley harvest they whistle for wind, to sort the barley from the chaff. Than the mother is laughing a lot and her three husbands too. The women in Zanskar also marry the brothers of their husband. This is a good thing, because here are too many men.

Summer in the village is nice, than the children can dry the dung of the Yaks in the sun. This the family needs in winter, that no one freezes to death. If it is glooming they keep the smoke in the room, because it is warming. But this only the Zanskarei know. Also the animals give warmth, which are than living together in the house. Outside all live congeals. For eight months only one of the men is leaving the house shortly to dig a hole in the ice of the stream to get water for the animals. For washing the family does not need any. The winter here in 5000 meters height is so cold, that you only may open the clothes made from thick Yakwool just a bit, if necessary.

But Motup and Diskit hardly can wait for the winter. Than the stream is freezing on the edges and this becomes the only way out of the valley. It´s only 120 km upto Leh to the monks. To go to their school Motup and Diskit already walk for the second time twelve days all by themselves. This is not dangerous, they say, you only have to beat on the ice before you are going a step and listen if it´ll keep, that the wild water doesn´t carry them off. When they come back home at the end of the winter, they tell about the world how it is outside. Than the mother is laughing a lot, and the fathers also laugh, because they hardly can believe.

Michael Jud

Englische Übersetzung von Brit
Jahr 1999 Nr. 29
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Re: Bild&Geschichte - Die Welt hinter den Bergen

Beitragvon AnkeB » Fr 5. Aug 2016, 20:29

Uli, Danke für diese berührende Geschichte!
Dieses harte Leben kann man sich kaum vorstellen und vielleicht möchte man das auch gar nicht.
Acht Monate lang verlässt nur einer der Männer kurz das Haus, um ein Loch ins Eis des Baches zu hacken und Wasser für das Vieh zu schöpfen. Zum Waschen braucht die Familie es nicht. Der Winter ist hier in 5000 Meter Höhe so kalt, dass man die Kleidung aus dicker Yakwolle nur einen Spalt öffnen darf, wenn es nötig ist.
Acht Monate nicht waschen? :eek:
Die Kinder sind schön. [give heart] Ich hoffe, dass sie den gefährlichen Weg in die Schule jedes Mal unbeschadet überstehen!

[tschuess]
Anke
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