Bild&Geschichte - Das Gesetz des Überlebens

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Bild&Geschichte - Das Gesetz des Überlebens

Beitragvon UliS » Mo 3. Feb 2014, 10:49

Das Gesetz des Überlebens
Eine ungewöhnliche Chance für kleine Bären

Johlend stehen die Männer über der sterbenden Bärin, die Gewehre noch im Anschlag. Ihr Lachen dringt durch die Wälder Sibiriens und es übertönt selbst das Wimmern des Bärenbabys. Acht, vielleicht neun Wochen ist das Tier alt und es versteht nicht, was passiert – keine Lektion des Lebens hat es diese gelehrt. Als die Männer fortgehen, würdigen sie das winzige Bündel keines Blickes – sie überlassen es dem Tod. Einfach so.

Wäre das Schicksal gnädig, so hätte es in der Tat sein kleines Bärenherz verstummen lassen und seine Augen geschlossen, doch nichts von all dem geschieht: Acht Stunden später lebt das Bärenbaby noch immer und als der Wildhüter es findet, schreit es auf mit letzter Kraft. Rettung? Oder überhaupt nur Hoffnung? Nein – die gibt es nicht: Seit Jahrzehnten scheitert die Auswilderung von Bärenwaisen, denn die Tiere gewöhnen sich mit jedem Wort an den Menschen – und so, mit jeder Stunde die sie gepflegt werden, sinkt ihre Chance auf Freiheit. All das weiß der Mann, der an diesem Tag das Bärenjunge findet. Sein Name ist Walentin Tschernow und er ist weltweit der einzige, der noch das Unmögliche wagt: In einem Freigehege nahe Moskau päppelt er die Waisen auf und er sagt: „Sie überleben – wenn sie nicht verhätschelt werden. Sie dürfen nicht einmal wissen, dass ich es bin, der sie füttert.“ Wenn der Mann zu seinen Bären geht, trägt er eine Kapuzenjacke, die sein Gesicht verhüllt. Er wendet sich ab, wenn die Tiere ihn begrüßen, faucht sie an, wenn sie ihn freudig anspringen. Auch Mischka, das Findelkind aus Sibirien, bringt Tschernow hierher. „In zwei Wochen wird er wieder bei Kräften sein“, sagt er. „Dann können wir beginnen – mit den Lektionen.“ Behutsam wird der Mann mit seinen Bären Ausflüge in den Wald unternehmen. Er wird über sie wachen, sie beschützen, ihnen alles beibringen. Er wird sich beherrschen, um sie nicht in den Arm zu nehmen oder tröstende Worte zu sprechen. Er wird sie lieben – und ihnen aus Liebe niemals seine Liebe zeigen. Zärtlich blickt Walentin Tschernow Mischka an, auch er wird lernen, sich in Acht zu nehmen. Er wird sich durchschlagen und wenn alles gut geht, wird sein Herz keine Erinnerung wahren und niemals Dankbarkeit empfinden – er wird alles vergessen, was gewesen ist und nur einer einzigen Regel folgen: Fürchte den Menschen. Fürchte den Menschen – und lebe. „Ich weiß, ich habe das richtige getan“, sagt Tschernow, „wenn sie gehen, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach mir umzudrehen ...“

von Dorothee Teves


Bild


The law of survival
An unusual chance for a little bear

Jeering the men stand above the dying femal bear, the weapon still at the ready. Their laughter pervade the Siberian woods and even drown the whining of the bear baby. Eight, maybe nine weeks of age and it does not understand what happens – no lesson of life taught that. As the men leave, they even do not deign a look at the little bundle – they leave it for death. Just like that.

If fate would be merciful it would have silenced the little bears heart and his eyes closed, but nothing like this happens. Eight hours later the bear baby is still living and as the ranger finds it, it´s screaming out with its last power. Rescue? Hope at all? No – this doesn´t excist: since decades the reintroduction of animals into the wild fails, because the animals get attached with each and every word to man – and so with each hour they are taken care the chance of freedom sinks. All the man knows, who was finding the bear baby on this very day. His name is Walentin Tschernow and he is worldwide the only one who is daring to do the impossible: in an outdoor enclosure near Moskow he is feeding the orphan and he says: they survive – if they are not pampered. They are not even supposed to know, that I am the one who is feeding.”

When the man is approaching his bears he is wearing a hoodie jacket, which is covering his face. He is turning away when the animals greet him, is snarling at them when they happily jump at him. Also Mischka, the foundling from Siberia, Tschernow is bringing here. Within two weeks he will recover” he says. “Then we can start with lessons.” Gently the man will make excursions to the wood with his bears. He will watch over them, protect them and teach them everything. He will command himself not to take them in his arms or give them words of comfort. He will love them – and with love never show them his love. Walentin Tschernow gives an affectionate look at Mischka, he also will learn to be carefull. He will battle his way and if everything goes well, his heart won´t keep any memory and never feel gratefulness – he will forget everything, what happened and only will follow one rule: fear humans. Fear humans and you will survive. “I know I did the right thing”,Tschernow says, “when they go and don´t turn once to look at me…..!”

by Dorothee Teves

Englische Übersetzung von Brit
Jahr 2002 Nr. 03
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Re: Bild&Geschichte - Das Gesetz des Überlebens

Beitragvon Ludmila » Mo 3. Feb 2014, 15:51

Ich hoffe Walentin Tschernow hat geschafft, was er vorgenommen hat. Es ist nicht einfach nicht in die Liebe zu verfallen.
Hoffentlich sind die Bärenkinder groß und stark geworden um im Wald zu überleben.
Ich würde die Jäger, die die Mutter erschossen haben, auch am liebsten erschiessen.
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Re: Bild&Geschichte - Das Gesetz des Überlebens

Beitragvon Anita » Mo 3. Feb 2014, 16:36

Wilderer und Jäger gehören für mich nicht zu den Menschen, denen ich gute Eigenschaften zuschreibe. Sie erregen bei mir nur Wut und Unverständnis.
Menschen, wie Walentin Tschernow sind gute Menschen und es ist so wichtig, dass es sie gibt. Sonst müsste man den Glauben an die Menschheit verlieren
Danke für diese Geschichte.
[tschuess]
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Re: Bild&Geschichte - Das Gesetz des Überlebens

Beitragvon AnkeB » Mo 3. Feb 2014, 17:02

Kleine Bären sind so bezaubernd [herzig] , dass es bestimmt sehr schwer ist, ihnen gegenüber keine liebevollen und zärtlichen Gefühle zu zeigen. Das hilft ihnen zwar, Abstand zu den Menschen zu halten, aber sie erfahren als kleine Bären weder die Liebe einer Mutter noch Kuschel- und Streicheleinheiten einer Bezugsperson. [heul]
Wie werden sie später wohl ihren eigenen Nachwuchs großziehen? [denknach]
Jäger, die ungerührt Muttertiere abknallen und die Kleinen unversorgt zurücklassen, sind das Allerletzte! [Wut]
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