Bild&Geschichte - So etwas wie Liebe

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Bild&Geschichte - So etwas wie Liebe

Beitragvon UliS » So 22. Dez 2013, 14:34

So etwas wie Liebe
Über das Vermächtnis der Wölfe

Ein Junge kniet im Schnee und streckt zaghaft die Hand aus. Er ist vollkommen wehrlos in diesem Moment, und nichts schützt ihn, außer dem Vertrauen in das wilde Tier, das reglos über ihm steht. Es ist eine Wölfin. Unverwandt blickt sie auf das Kind hinab, doch im Augenblick dieser einen zarten Berührung wechseln Tausend Emotionen zwischen den beiden: Stolz und Ehrfurcht; Dankbarkeit, ein wortloses Verständnis und vielleicht, wenn Tiere ebenso empfinden, auch so etwas wie Liebe ...

Diese Szene ist ein Ausschnitt aus dem neuen Film des Franzosen Nicolas Vanier: „Loup. Le film“. Er erzählt die Geschichte des Nomadenjungen Serguei, der heimlich Freundschaft schließt mit einer Wölfin. Einer Wölfin, die er eigentlich töten müsste, weil sie eine Bedrohung für die Herde seines Vaters darstellt. Die Geschichte ist ein Märchen, natürlich. Denn im wahren Leben schließen Menschen und Wölfe keine Freundschaft; sie setzen nicht ihr eigenes Leben aufs Spiel, um einander zu retten, und sie erkennen auch niemals die Verbundenheit ihrer beiden Seelen. Was aber wäre, wenn Wolf und Mensch mehr verbände als eine jahrhundertealte Feindschaft? Was würden wir erkennen in dem Blick eines Wolfes – tatsächlich das Wesen einer Bestie? Vielleicht. Vielleicht aber sähen wir auch die Spuren einer anderen Wahrheit: Seit Beginn der Geschichtsschreibung wird in Europa über keinen einzigen belegbaren Angriff eines Wolfes auf einen Menschen berichtet. Im Gegenteil: Es gab eine Zeit, in der Krieger diese Tiere als Schutzpatrone verehrten. Der Anblick eines Wolfes vor der Schlacht, so hieß es, brachte den Sieg; und Schuhe aus ihrem Fell sollten Knaben zu tapferen Männern heranwachsen lassen. Die Usbeken und Hunnen leiteten ihre Herkunft direkt von den Wölfen ab und die alten Türken betrachten bis heute eine Wölfin als ihre Urmutter.

Wölfe waren bis zur Entwicklung der Landwirtschaft die am weitesten verbreiteten Raubtiere dieser Erde. Ihre Streifgebiete umfassten Wüsten, Savannen und Polarregionen. Erst der Mensch trieb sie in die Wälder zurück. Innerhalb von 200 Jahren rottete er die Tiere von Großbritannien, Dänemark und Deutschland vollständig aus. Die Bestände haben sich bis heute nicht erholt. Von einst 15 Unterarten sind zwei nicht mehr existent, und nur eine einzige - der Polarwolf – ist nicht akut vom Aussterben bedroht. Was also würden wir erkennen in dem Blick eines Wolfes – das Wesen einer Bestie? Oder vielleicht doch, tief in unserem Herzen, die Last einer uralten Schuld ...?

Dorothee Teves


Bild


Something like love
Legacy of the Wolves

A boy kneels in the snow and tentatively stretched out his hand. He is totally helpless at that moment, and nothing protects him, other than the trust in the wild animal that is still above him. It is a she-wolf. She looks intently down at the child, but in this moment a delicate touch switches between the two one thousand emotions: pride and awe, gratitude, a wordless understanding and maybe, if animals feel the same, even such a thing as love ...

This scene is a cut-out of the new film of the Frenchman Nicolas Vanier:” Loup. Le film“. Telling the story of the nomad boy Sergui who made secret friends with a she-wolf. A she-wolf which he actually should have killed, because it represents a threat to the flock of his father. The story is a fairy tale, of course. Because in real life humans and wolfs never make friends; they never gamble with their own life to save each other, and they also never recognize the closeness of their two souls. But what would happen if wolf and man more associates in a centuries-old enmity? What would we see in the eyes of a wolf - in fact the essence of a beast? Maybe. But maybe we also would see the traces of another truth: Since the beginning of recorded history in Europe is reported not a single verifiable attack of a wolf on a human. On the contrary: There was a time when warriors revered these animals as a patron. The sight of a wolf before the battle, it was said, took the victory, and shoes from her fur boys should grow up to be brave men. The Uzbeks and the Huns launched its origin directly from the wolves and see the ancient Turks to this day are recognizing as their first mother a she-wolf.

Wolves were up to the development of agriculture, the most common predators on earth. Their home ranges included deserts, savannahs and the Polar Regions. Only the man drove her back into the woods. Within 200 years, he exterminated the animals from Britain, Denmark and Germany completely. The stocks have not recovered. Of 15 sub-species are no longer two-existent, and only one - the Arctic wolf - is not threatened with extinction. So what we would see in the eyes of a wolf - the essence of a beast? Or maybe, deep in our hearts, the burden of old debt ...?

Dorothee Teves

Jahr 2009 Nr. 52
Englische Übersetzung von
UliS
 
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Re: Bild&Geschichte - So etwas wie Liebe

Beitragvon Anita » So 22. Dez 2013, 18:02

Liebe Uli,
danke für die Geschichte.
Da fällt mir doch gleich ein ganz ganz tolles Buch ein. "Die Wolfsfrau" von Clarissa Pinkola Estés. Untertilel: Die Kraft der weiblichen Urinstinkte. Sehr lesenswert. Jedes Mal, wenn ich drinnen schmökere, entdecke ich Neues.
[tschuess]
Anita
 
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