Folge der MOSAIC expedition

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Mi 5. Feb 2020, 17:59

Tag 139 – Mittwoch 5. Februar 2020 - 4.663 km - -26,5 °C - Position N87°33 E94°36 - Quelle

Glücklicherweise konnten Giulia und Bob vom Team Eco am Wochenende eine nächtliche Probenahme mit dem LOKI durchführen. LOKI steht für „Light frame On-sight Key species Investigations“ – ein Gerät, das Fotos von Plankton und Partikeln im Wasser aufzeichnet. Unglücklicherweise war es wegen des Sturms nicht möglich, anschließend das Zelt wieder über das Loche neben der Polarstern zu heben. Durch dieses Loch setzen wir ebenfalls unsere Netze und die sogenannte CTD ein, die die Wassertemperatur und die elektrische Leitfähigkeit und damit den Salzgehalt messen. Also mussten wir das Loch vom Eis befreien, das sich schnell auf der Wasseroberfläche gebildet hatte. Dazu brauchten wir David mit der Kettensäge, diverse Menschen mit Haken und Netzen zum Eis fischen sowie mehrere Stunden. Das erinnert uns daran, glücklich über das beheizte Zelt zu sein, das wir normalerweise über das Loch stellen, denn dies garantiert ein nahezu eisfreies CTD-Loch und spart jede Menge Zeit.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Do 6. Feb 2020, 20:55

Tag 140 – Donnerstag 6. Februar 2020 - 4.671 km - -21,8 °C - Position N87°37 E93°50 - Quelle

Nansens Tagebucheintrag vom 8. Januar hatte uns bereits vor einem Monat inspiriert, einen Blick auf die Sterne und Planeten zu werfen, die wir hier erwarten können, denn auch wir wollen die Venus sehen. Mithilfe eines Computerprogramms ist es einfach möglich, die Winkel und Höhe der Sterne am Himmel an einem bestimmten Tag auf einer definierten Position zu berechnen. Daher wussten wir, dass die Venus Anfang Februar im Süden zu sehen sein muss, was die Richtung ist, in die der Bug der Polarstern zeigt. Dementsprechend gab es in den vergangenen Tagen viele Besucher auf der Brücke und wir konnten den roten Planeten tatsächlich entdecken. Allerdings ist er in größerer Entfernung zum stark beleuchteten Schiff viel besser sichtbar – und auf dem langzeitbelichteten Foto kann man zusätzlich die ersten Zeichen der Dämmerung erkennen, auf die wir alle sehnsüchtig warten. (Die Venus ist im linken Viertel des Fotos dicht über dem Horizont zu sehen.)

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Fr 7. Feb 2020, 18:32

Tag 141 – Freitag 7. Februar 2020 - 4.674 km - -29,5 °C - Position N87°38 E93°48 - Quelle

Vor jedem Einsatz eines Bordhelikopters der Polarstern gibt es ein Wetterbriefing, um sicherzustellen, dass sichere Flugbedingungen herrschen. Dafür
treffen sich morgens um 8.15 Uhr Kapitän, Fahrtleiter, die Piloten und die Wissenschaftler, die Messungen mit dem Helikopter durchführen oder einen Transport zu einer weiter entfernten Station brauchen, im Büro des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Dort gibt es ein Briefing durch unsere Meteoro-
logen Julia Wenzel und Steffen Schröter. Das ist manchmal ein Geduldspiel: Wenn die Wetterbedingungen nicht sofort Flüge erlauben, aber Aussicht auf Besserung besteht, treffen sich alle nach einer bestimmten Zeit wieder und es kann ein paar Stunden dauern, bis der erste Helikopter abheben kann.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Jochen » Sa 8. Feb 2020, 20:51

Tag 142 – Samstag 8. Februar 2020 - 4.679 km - -26,0 °C - Position N87°41 E93°37 - Quelle

Erst Ende Januar war es Team Atmo gelungen, ein automatisches Gerät zur Messung von Oberflächenflüssen wiederzubeleben. Es ist Teil unseres verteilten Netzwerks von Stationen, die bis zu 40 Kilometer von der Polarstern entfernt aufgebaut sind. Nur wenige Tage später hat das System
keine Daten mehr gesendet und wir sind zur Fehlerbehebung wieder zur Station zurückgekehrt. Wir hatten die Hoffnung, lediglich vereiste Sensoren oder Sender vorzufinden, mussten aber feststellen, dass das Eis das ganze System bei der Bildung eines Presseisrückens zerstört und teilweise eingeschlossen hat. Während des Besuchs haben sich die Flugbedingungen verschlechtert, so dass wir die Station verlassen mussten, bevor wir die Sensoren und andere Teile der Station bergen konnten. Hoffentlich verschlingt das Eis diese Teile nicht, bevor wir sie retten können.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon UliS » So 9. Feb 2020, 21:05

Tag 143 Sonntag 9. Febr. 2020 - 4.686km -30,0°C - Position N87°44 E92°41 - Quelle

Die Biogeochemischen Stoffflüsse zwischen Ozean, Meereis und Atmosphäre sind einer unserer Forschungsschwerpunkte. Dabei interessieren wir uns beispielsweise für die ozonabbauenden Halogenide. Sie sind teilweise biologischen Ursprungs, entstehen dann im Wasser und gelangen während der Meereisbildung in die Atmosphäre.

Über die zugrundeliegenden Prozesse und die Emissionsraten im arktischen Winter ist wenig bekannt. Daher interessieren wir uns besonders für Risse im Eis, wo die eisige Barriere zwischen Wasser und Atmosphäre aufbricht und sich wegen der geringen Temperaturen rasch neues Meereis bildet. Während des Gefrierens entstehen wunderschöne Eisblumen, über die Halogenide mit der Entstehung von Sole aus dem Wasser in die Atmosphäre gelangen. In den ersten 24 Stunden enthalten diese Eisblumen sehr viel Sole und haben einen sehr hohen Salzgehalt (bis zu 135 Promille, wohingegen Meerwasser lediglich 32 Promille hat), verlieren die Sole aber anschließend schnell. Wir beproben die Eisblumen und messen ihren Sole- und Halogenid-Gehalt über die Zeit, um die die zugrundeliegenden Prozesse besser zu verstehen und bilanzieren zu können. Zusätzlich zu den Proben bringen wir dabei auch wunderbare Bilder der Eisblumen mit heim.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon UliS » Mo 10. Feb 2020, 19:52

Tag 144 Montag 10. Febr. 2020 - 4.694km -27,6°C - Position N87°47 E91°25 - Quelle

Die Ankunft unseres Versorgungsschiffes Kapitan Dranitsyn steht in ein paar Tagen an, sodass wir das bevorstehende Ende von MOSAIC Abschnitt 2 mit einer Abschiedsparty begangen haben. Dafür haben wir draußen auf dem Arbeitsdeck drei Grills aufgestellt, auf denen bei -30°C jeder sein Fleisch oder Vegetarisches aufgelegt hat.

Das große Nasslabor war unser Speisesaal, in dem die Köche Salate, Brot, Dips und viele weitere Köstlichkeiten aufgebaut hatten. Im Vorfeld haben wir das Nasslabor aufgeräumt und geputzt, was aufwendig aber auch sehr lohnenswert war, denn es ist jetzt so sauber und ordentlich, auf dem gesamten Expeditionsabschnitt nicht.

Auch die anderen Labore werden wir in den nächsten Tagen reinigen und hoffen, dass sie ebenfalls die strenge Kontrolle der Ersten Offiziers bestehen.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon Eva » Di 11. Feb 2020, 11:08

Traumhafte Eisblumen und Grillwürstchen! Klasse! [biggrins]
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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon UliS » Di 11. Feb 2020, 17:24

Tag 145 Dienstag 11. Febr. 2020 - 4.703km -32,5°C - Position N87°49 E89°34 - Quelle

In seinem gestrigen Tagebucheintrag äußert sich Fridtjof Nansen enttäuscht darüber, dass die Fram statt nach Norden südlich gedriftet war. Wir kennen dieses Gefühl sehr gut, sind wir doch gerade zu Beginn unseres Expeditionsabschnitts sowie Ende Januar / Februar eher im Zickzack und Kringeln unterwegs gewesen. Seit knapp einer Woche driften wir jetzt jedoch schon in nördliche Richtung und stellen täglich neue Nord-Rekorde auf.

Wir hoffen, wenigstens den 88. Breitengrad als nächste Marke zu überqueren, aber ob wir wirklich die nördlichste Position von MOSAIC auf unserem Abschnitt erreichen werden, ist offen.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon UliS » Mi 12. Feb 2020, 18:27

Tag 146 Mittwoch 12. Febr. 2020 - 4.716km -30,1°C - Position N87°53 E87°7 - Quelle

Ihr habt die Dämmerung bereits im App-Post über die Venus vergangene Woche gesehen, aber gestern gab es eine wirkliche Veränderung der Lichtbedingungen.

Es herrscht jetzt die sogenannte nautische Dämmerung: Die Sonne „steigt“ zwischen 6° und 12° unter den Horizont – und dieses Phänomen ist auch ohne langzeitbelichtete Fotos gut zu sehen, obwohl letztere es natürlich verdeutlichen. Dementsprechend kamen gestern jede Menge Menschen auf die Brücke, um den farbenfrohen Himmel zu genießen.

Wir freuen uns schon sehr darauf, auch die Sonne selber wieder zu erblicken, die wir nicht mehr gesehen haben, seit wir Ende November in Tromsö zu unserem MOSAIC-Abenteuer aufgebrochen sind. Wahrscheinlich werden wir dieses Ereignis nicht hier an der Eisscholle erleben, sondern auf dem Rückweg mit dem Versorgungseisbrecher Kapitan Dranitsyn. Dessen Annäherung wir gespannt beobachten.

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Re: Folge der MOSAIC expedition

Beitragvon UliS » Do 13. Feb 2020, 18:30

Tag 147 Donnerstag 13. Febr. 2020 - 4.734km -28,6°C - Position N87°58 E83°20 - Quelle

Jahrelang hatten wir gehofft, zwei bestimmte, gleichzeitig erfasste Arten von Daten von einer Eisscholle kombinieren zu können: Helikopter gestützte Laserscanner-Daten aus der Luft (ALS: airborne laser scanner), die die Eisoberfläche abbilden, sowie Aufnahmen vom sogenannten Multibeam Sonar (MBS) unseres Unterwasserroboters (ROV), das ein detailliertes Bild von der sonst unsichtbaren Eisunterseite aufzeichnet. Jetzt ist es uns erstmals gelungen, beide Seiten unserer Scholle in einer vollen dreidimensionalen Visualisierung zusammenzubringen – ein langgehegter Traum.

Mit der 3D-Animation können wir quasi das Licht anschalten und unsere Scholle im hellsten Tageslicht statt polarer Nacht betrachten. Neben der anschaulichen Animation liefert dies natürlich großartige Daten. Sie sind essentiell um zu verstehen, wie das Eis unter welchen verschiedenen Schnee- und Eisdicken-Bedingungen wächst und wie die Unebenheiten an der Eisober- und –Unterseite korrelieren. Derzeit haben wir bereits drei zeitgleiche ALS und MBS Aufzeichnungen vom selben Tag.

Wir hoffen diese Zeitserie fortzuführen, um die weitere Entwicklung auch während der sommerlichen Schmelze erfassen und studieren zu können.


VIDEO: https://www.youtube.com/watch?time_cont ... =emb_title
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