Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » So 6. Dez 2015, 20:20

Krähen-Mahlzeit

HZ, 10.08.2029
Aus Knuts Aufzeichnungen September
2007

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Irgendwann gibt es Mittagessen. Wenn Hannes, Benny oder Robert bei den Braunbären sind, um sie zu füttern, merke ich das natürlich und laufe vor lauter Vorfreude unruhig hin und her oder stelle mich auf die Hinterbeine, um was zu sehen. Soweit ich das mitkriege, bekommen sie fast dasselbe zu fressen wie ich: Römer-Salat, den ich sehr gerne mag, Wurzeln, Äpfel, Heringe und meistens eine Makrele. Ich bekomme statt Makrele häufig ein Stück Fleisch.

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Und zwei Brötchen, die nicht so gut schmecken wie Croissants, aber besser sind als gar nichts vom Bäcker. Brötchen machen nicht so dick wie Croissants, und wegen meiner Figurprobleme muss ich eben mit Brötchen vorlieb nehmen, hat man gemeinerweise von oben entschieden.

Wurzeln schmecken auch sehr gut. Ich stopfe sie mir nicht als ganze in den Mund, sondern halte ich sie mit einer Pfote fest, beiße kleine Stückchen ab und kaue sie sorgfältig. So habe ich mehr davon. Kaum hat der Pfleger die Braunbären gefüttert, geht er zu mir ans Geländer und wirft die guten Sachen rüber. Ich mache mich zuerst über das her, was mir vor die Pfoten fällt. Salat, oder Brötchen. Es war mir schon mal aufgefallen, dass immer zu meinen Mahlzeiten ein großer Schwarm von Nebelkrähen einfiel. Aber ich habe mir nichts dabei gedacht. Sie waren ja harmlos. Dachte ich. Bis mir mal ihr großes Geschrei auffiel. Und plötzlich bewegte sich ein Brötchen, erhob sich in die Höhe und flog davon. Und dann sah ich erst, dass eine Krähe sich das Brötchen gepickt hatte und damit abgehauen war. Ich war dermaßen entrüstet, das glaubt ihr gar nicht! Da tut man keiner Krähe was zu Leide, und das ist der Dank! Das sollte mir nicht noch einmal passieren. Künftig sicherte ich mir zuerst die Brötchen, hielt sie mit beiden Pfoten fest und aß sie auf.
Ich dachte, ich hätte die Sache mit den Krähen im Griff. Wenige Tage später hörte ich wieder großes Geschrei. Ganz viele Krähen stritten sich um irgendwas am Boden, pickten daran und zerrten es in alle Richtungen. Plötzlich flogen sie auf, ließen sich wieder nieder. Nun waren sie still. Das Stück Fleisch, das bei jeder Fütterung dabei war, war nicht zu finden. Ich hatte noch Hunger. Nur ein Paar Brötchen und Rohkost sind zu wenig für einen heranwachsenden Bären.

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Ich begab mich auf mein Rindenmulchlager und schlief erst einmal eine Runde. Wer weiß, was ich beim Aufwachen vorfinden würde? Aber ich fand nichts vor. Ich schloss daraus, dass die Krähen das Fleisch gefressen hatten. Bei der nächsten Mittagsmahlzeit sicherte ich zu allererst das Stück Fleisch. Ich schleppte es an die Stelle, an der ich die Brötchen verspeisen wollte, so dass ich es bewachen konnte. Die Krähen umlagerten mich, versuchten an die Brötchen zu kommen, pickten mir in den Po. Ich schnappte nach der frechen Krähe, die kurz davonflog, um sofort wieder auf meinem Hinterteil zu landen. Die haben überhaupt keinen Respekt vor mir. Sie pickten nach den Leckerbissen, die ich zwischen meinen Tatzen festhielt. Wenn ich nach ihnen schnappte, wichen sie nur kurz aus und versuchten gleich darauf wieder mich zu beklauen. Ich bin ganz ratlos. Wurzeln, Äpfel und Salat esse ich jetzt immer zuletzt, denn auf diese Sachen scheinen die Krähen nicht so wild zu sein. Das habe ich kapiert: Bestimmte Sachen muss man sichern und das Wichtigste zuerst essen.

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Leserforum: Knut begreift, wozu Krähen fähig sind

HZ, 12.08.2009
Eine Zoobesucherin hat uns ihr Knut-Tagebuch zur Verfügung gestellt. Ihre Beobachtungen stimmen auffallend mit Knuts Aufzeichnungen überein. Knuts Gabe zu beobachten, zu analysieren und Konsequenzen daraus zu ziehen wird auch bei diesen kleinen Alltagserfahrungen deutlich. Wir veröffentlichen daraus einen Absatz, der Knuts Stimmung wiedergibt und zu seinen lehrreichen Erfahrungen mit den Krähen passt.

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Berliner Zoo, 1. bis 3. November 2007. Knut macht übrigens einen vergnügten Eindruck. Er hat wenige Spielsachen, mit denen er sich ausdauernd beschäftigt. Sein Hauptinteresse gilt einem Sack,

in dem ein Quietschtier versteckt ist. Er freut sich, wenn es quietscht. Aus dem Publikum kommen Ratschläge: „Du musst doller drücken, Knut.“ „Beiß die Robbe.“ „Hau drauf, Knut.“ Er wirft den Sack auch hoch in die Luft, dann landet er als orientalisch drapierter Turban auf seinem Kopf, was wir leider nicht fotografiert haben. Um 14.30 Uhr wird Knut gefüttert. An den drei Tagen, an denen wir anwesend waren, hat ihm Robert Robbe die Sachen hinübergeworfen: zwei Brötchen, einen Römersalat, drei Wurzeln, ein paar Äpfel und ein Stück Fleisch. In der Reihenfolge aß er auch: Brötchen, Salat, Wurzeln, Äpfel und ein Stück Fleisch. Wir vermuten, dass er eigentlich Vegetarier ist. Und pünktlich zur Mahlzeit erschien ein großer Schwarm Nebelkrähen. Die sollen ja sehr schlau sein. Knut war am 1. November noch sehr arglos. Während er mit großem Genuss seine Wurzeln in kleinen Bissen aufaß, zerrte eine Krähenmeute kreischend an seinem Fleischstück. Alle hackten sich Stücke raus. Das Fleischstück zerrten sie bedrohlich nahe an den Wassergraben. Wir, Leute aus dem Publikum, schrieen: „Knut! Pass auf! Die Krähen klauen dir dein Fleisch!“ Knut wollte mal wieder nicht hören, und dann kam, was kommen musste: Das Fleischstück landete im Wassergraben und Knut suchte, nachdem er alles Obst und Gemüse aufgegessen hatte, ratlos auf dem Gelände. „Gibt’s heute kein Fleisch? Auch gut, mach ich heute eben einen Obsttag“, schien er zu denken.
Ein Fotograf erzählte mir, dass die Krähen ihm regelmäßig was klauen. Gestern, also Mittwoch, den 31. Oktober, seien Fotos in der HZ und BILD erschienen, auf denen eine Krähe zu sehen ist, die mit Knuts Brötchen abhaut. Am dritten Tag unseres Besuches hat er sich schlauer angestellt. Ich glaube an eine planvoll durchdachte Handlung. Volker hält auch einen Zufall für möglich. Jedenfalls hat er zuerst das Fleischstück genommen und weiter oben in Sicherheit gebracht. Dann hat er Brötchen, Römersalat, und die Wurzeln gegessen. Anschließend nahm er sich das Fleischstück vor, umringt von Krähen. Dass er ein harmloser ungefährlicher kleiner Bär ist, haben sie schon mitbekommen. Eine Krähe hat ihn zweimal in den Hintern gepiekt. Das fand Knut dann doch zu dreist, und er hat einen kurzen Ausfall zur Krähe hin gemacht. Man kann auf dem sehr dunklen Foto (es war ein düsterer Novembertag) gerade noch erkennen, wie er sich zur Krähe umwendet. Auch von vorne haben die Krähen versucht, ihm das Fleisch aus den Pfoten zu picken. Auch nach denen machte er einen kurzen Ausfallschritt. Aber völlig unaggressiv. Er wollte sie nicht beißen, sondern nur davon abhalten, ihn zu bestehlen. Wir hoffen, er hat jetzt begriffen, wozu die Krähen fähig sind und hütet künftig sein Menü.

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Anneliese
 
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Mo 7. Dez 2015, 09:26

Knut als Gärtner

HZ, 15.08.2029
Aus Knuts Aufzeichnungen September 2007

Ich habe schon erzählt, wie immer wieder darauf herumgeritten wird, dass ich ein Raubtier bin. Ich war noch keine sechs Wochen alt, da erklärte der Direktor, der gelegentlich nach mir sah, an meinem Schnappen nach Hosenbeinen oder sonstigen Falten oder Vorsprüngen oder Gegenständen zeige sich mein Raubtiercharakter.
So viel ich weiß, greifen oder schnappen alle jungen Säugetiere nach allem, was greifbar ist, auch die Menschenkinder. Bei denen redet man nicht vom werdenden Raubtier. Nur durch diese körperliche Erfahrung, alles anzufassen und in den Mund zu nehmen, „begreift“ man die Umwelt. Das trifft nun mal auch auf Eisbärenkinder zu. Aber bei denen muss es ja das „Raubtier“ sein, das bei jeder Gelegenheit durchbricht und das künftige Gemetzel anzukündigen scheint.

Richtig ist, dass ich erst lernen musste, dass meine Familienangehörigen kein dickes Fell haben. Aber das weiß ich jetzt und lange viel vorsichtiger zu. Ich knabbere und zupfe nur noch. Manchmal wird vielleicht ein Kneifen daraus.
Ich glaube, dass die Eisbären-Spezialisten wegen ihrer Voreingenommenheit die einzigartige Gelegenheit versäumt haben, mein Verhalten genau zu studieren. Tatsächlich raufe ich gerne, jedenfalls mit Robert, und ich beiße dabei auch in seine Jacke. Manchmal beiße ich unabsichtlich ein wenig zu tief und Robert bekommt einen blauen Fleck. Aber nie würde ich mit meinem „Raubtiergebiss“ so zubeißen, dass ich ihn verletze. Er weiß das auch. Er sagt auf diesbezügliche Fragen aus dem Publikum immer: „Warum sollte Knut uns beißen? Wir sind seine Familie.“ Aber auf ihn hört ja keiner.
Die meisten Tierpfleger vertreten übrigens die Ansicht, dass kein Tier von sich aus aggressiv ist. Und die Tierpfleger müssen das doch wissen! Wenn einer die Tiere kennt, dann sie. Erst wenn man einem Tier wehtut oder ihm das Fressen wegnimmt, kann es gefährlich werden und beißen. Na gut, auch wenn man seine Reviergrenzen übertritt oder einem Männchen die Frau ausspannen will oder die Hierarchie nicht beachtet. Nur wenn die Tiere diesen Eindruck haben, reagieren sie aggressiv, was allerdings bei missverständlichen Verhaltensweisen leicht passieren kann. Ich verstehe nicht, dass alle den Experten glauben, die eine grob-schematische Raubtier-Einstufung vornehmen. Auch René Schlue sagte in einem der Film-Interviews, dass ich mal sehr groß und gefährlich werden würde, und dass er auch Herrn Weiler davon abraten würde, dann meinen Käfig zu betreten. Aber zu seiner Entschuldigung muss ich sagen, dass ich zu Zeiten dieses Interviews noch ganz klein war und er noch nicht wissen konnte, dass ich mich als heranwachsender Eisbär als völlig friedfertig und harmlos erweisen sollte. Und so ist immer wieder die Rede davon, dass man mich irgendwann, vermutlich bald, von den Menschen trennen müsse.

Gefährlich, gefährlich, gefährlich! Raubtier, Raubtier, Raubtier!

Claudia hat mich oft getröstet. Dann sang sie mir immer wieder ein Lied vor, das ich mittlerweile auswendig kann:

Aus den Gruben, hier im Graben
Hör ich des Propheten Sang;
Engel schweben, ihn zu laben,
Wäre da dem Guten bang?
Bär und Bärin, hin und wider
Schmiegen sich um ihn heran;
Ja, die sanften, frommen Lieder
Habens ihnen angetan!i

Ich summe es auf meine Weise vor mich hin, wenn ich mal wieder an Hannes’ Händen nuckeln darf. Für Menschenohren hört sich das dann wie tackerndes Schnurren an.

Man legt mich darauf fest, ein Raubtier zu sein. Stimmt das in jedem Fall? Ist jedes Tier ewig festgelegt? Muss das immer und ewig so sein? Stimmt das in meinem Fall? Ich bin nur ein Bär mit bescheidenem Verstand, der sich nicht damit abfinden möchte. Die Praktikantin Claudia hat mir aber folgende Gedanken vorgelesen, auf die immerhin zwei kluge Menschen gekommen sind. Ich habe die Sätze nicht ganz verstanden, lese sie aber immer wieder durch. Claudia hatte sie mir fotokopiert. Ich glaube, die beiden Verfasser wären heute auf meiner Seite.

„Die entfalteteren Tiere verdanken sich selbst der größeren Freiheit, ihr Dasein bezeugt, dass einstmals Fühler nach neuen Richtungen ausgestreckt waren und nicht zurückgeschlagen wurden. (…) In jedem Blick der Neugier eines Tieres dämmert eine neue Gestalt des Lebendigen, die aus der geprägten Art, der das individuelle Wesen angehört, hervorgehen könnte. Nicht bloß die Prägung hält es in der Hut des alten Seins zurück, die Gewalt, die jenem Blick begegnet, ist die jahrmillionenalte, die es seit je auf seine Stufen bannte und in stets neuem Widerstand die Schritte, sie zu überwinden, hemmt. Solcher erste tastende Blick ist immer leicht zu brechen, hinter ihm steht der gute Wille, die fragile Hoffnung, aber keine konstante Energie. Das Tier wird in der Richtung, aus der es endgültig verscheucht ist, scheu und dumm.“i
Heißt das vielleicht: Ich muss nicht unter allen Umständen eine gefährliche Bestie sein? In mir stecken mehr Möglichkeiten, als mir die Experten zubilligen wollen? Ich könnte auch anders, wenn man mich ließe und es mir möglich machte? Ich bin nicht festgelegt auf die Welt, die sie für mich als die einzig angemessene halten?
Ich als Knut in meinem Leben und wir Eisbären als Art in der Zukunft? Könnten wir mit den Menschen und mit anderen Tieren vielleicht anders umgehen als bisher und sie mit uns?
Meine Ernährungsgewohnheiten sind recht verträglich: Römersalat, Möhren, Birnen, Kürbisse, Weintrauben und Zuckerrohr mag ich. Und alles, was die Berliner, Wiener und Pariser Bäcker und Konditoren so anbieten. Nun ja, und Makrelen. Und T-Bone-Steaks. Und Lachs. Und Lachsforellen. Die mag auch mancher friedfertige Mensch.
Muss ich wie Pu ein Bär von beschränktem Verstand bleiben? Aber so dumm finde ich Pu gar nicht.
Wie begründet man meine Gefährlichkeit? Ich würde bald über große Körperkräfte verfügen und über ein gefährliches Raubtiergebiss. Aber das heißt doch nicht, dass ich diese Kräfte gegen meine liebsten Leute anwende! Hunde haben auch ein gefährliches Gebiss und leben trotzdem mit Menschen zusammen. Meine Verwandten in der Arktis können dem Menschen gefährlich werden, schon deshalb, weil sie fast konstant Hunger haben und unbedingt für unsichere Zeiten, die viele Monate andauern können, Energiereserven bilden müssen.

Außerdem werden sie immer noch gejagt. Und zwar von eben diesem friedfertigen Menschen. Hannes hat mir mal Babybilder von sich gezeigt. Es interessierte mich, wie er in meinem Alter ausgesehen hatte. Er sah ganz niedlich aus. Aber eben ganz kahl. Gewöhnungsbedürftig. Zum Ausgleich lag er auf einem kuscheligen Fell. Und was sehe ich da? Einen Eisbären-Kopf! Auf meinen erstaunten Blick hin erklärte mir Hannes verlegen, dass es bei Fotografen damals Sitte war, Babys auf einem Eisbärenfell zu drapieren, wohl um ihre Nacktheit mit dem Kuschelfell zu kompensieren. Man ließ sogar den Eisbären-Kopf dran und stopfte ihn aus. Meistens hatte dieser Fotografeneisbär das Maul weit aufgerissen, so dass man die gefährlichen Zähne sehen konnte. Über diesen leblosen Eisbären-Kopf stolpert auch jedes Jahr zu Sylvester der Butler James in „Dinner for one“.

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Ich bin froh, dass Berlin sich mittlerweile zivilisiert hat und niemand mehr auf die Idee kommt, aus mir ein Kuschelfell zu machen. Ich habe als Säugling auch auf einem Kuschelfell gelegen. Das war kein Eisbärenfell. Ich hoffe, dass es kein Tierfell war, sondern eines aus Plüsch, auf dem ich meine ersten Wochen verbrachte.
Jedenfalls war ich sehr besorgt wegen der Gerüchte über eine spätere Trennung und überlegte, wie ich den Direktor von meiner Harmlosigkeit überzeugen könnte. Zwar hatte ich mit meinen Aufzeichnungen begonnen, aber ich konnte nicht damit rechnen, dass jemand rechtzeitig meine Krakel-Zettel fand und entzifferte, die von meiner Friedfertigkeit zeugten.

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Bei Ausflügen im Gehege entdeckte ich meine Vorliebe für Grünpflanzen. Herr Merkatz erklärte dem Publikum meine kleinen Spaziergänge folgendermaßen: Ich sei nun kein Baby mehr und würde mich von meiner Mutter, also Hannes Weiler, allmählich abnabeln. Zwar käme ich immer wieder zurück, aber meine Ausflüge würden immer länger werden, und eines Tages, wenn ich erwachsen bin, käme ich nicht wieder. Jedenfalls in der Arktis.
Der Herr Merkatz kann einem ordentlich die Stimmung verderben. Schon beim Wort Trennung könnte ich anfangen zu heulen. Ich will einfach nicht erwachsen werden, wenn das bedeutet, dass ich mich von Hannes trennen muss. Aber egal, das ist mindestens noch zwei Jahre hin.

Ich beschäftigte mich also sehr gerne mit den Grünpflanzen, beroch sie, untersuchte sie, biss mal rein und stellte fest, dass sie ganz unterschiedlich schmeckten. Einige schmeckten richtig aufregend, besser als Römersalat. Ich riss auch mal eine aus und brachte sie Hannes. Der freute sich dann und sagte: „Du hast wohl den grünen Daumen, Knut!“ und ich verstand.
Ich weiß, dass Menschenkinder später einen Beruf ergreifen. Man soll eine Eignung für den Beruf haben, und man soll diesen Beruf gerne mögen. Hannes war Tierpfleger geworden, weil er Tiere schon immer gerne mochte. Er stellte es sich toll vor, den ganzen Tag mit Tieren zusammen zu sein. Und zwar mit lebendigen Tieren, sonst könnte man ja auch Schlachter werden.
Ich überlegte mir, dass Gärtner etwas für mich wäre. Ich weiß nicht, ob man mich lässt. Soviel ich weiß, wäre ich der erste Eisbär in diesem Beruf.

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Aber alles hat es mal zum ersten Mal gegeben. Es ist noch nicht so lange her, dass Frauen Tierpflegerin werden durften. Der Beruf galt als körperlich zu anstrengend. Und Soldatinnen, so richtig mit Schießgewehr, gibt es erst seit wenigen Jahren. Aber das ist ja ein eher trauriges Kapitel. Ich weiß gar nicht, ob ich in diesem Fall für die Gleichberechtigung bin. Es ist schlimm genug, dass Männer Soldaten werden und andere töten und sterben.

Aber Gärtner, das ist ein für alle Seiten ungefährlicher Beruf. Wer sollte etwas dagegen haben, wenn ich den Gärtnern im Zoo zur Hand gehe? Ich könnte die anstrengenden Arbeiten übernehmen: unerwünschte Pflanzen herausreißen, Büsche zurechtknabbern und Löcher buddeln, die man braucht, um neue Blumen und Bäume zu pflanzen. Ich stelle mir vor, dass mir das Spaß machen würde. Und so ließ ich keine Gelegenheit aus, mich mit den Pflanzen zu beschäftigen. Ich hoffte auch, die Leute von der Zooleitung würden mich bei meiner Gärtnerarbeit sehen und Rückschlüsse auf meinen friedlichen Charakter ziehen.

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Ob ich wohl Erfolg haben werde mit meinem Plan? Ich hoffe es sehr. Aber ich sehe eher schwarz. In der Zeitung bringen sie immer wieder Nachrichten, die beweisen sollen, dass ich ein Raubtier bin.
Neulich habe ich in meinem Gehege eine vergammelte Ratte gefunden. Dass es eine Ratte war, habe ich erst aus der Zeitung erfahren. Dort finde ich mich am nächsten Tag mit ihr abgebildet. „Knuts Ratatouille“ war der Artikel überschrieben. Das klingt ja noch ganz witzig. Aber sie behaupten auch in diesem Artikel, dass ich die Ratte gefangen habe. Warum wohl? Natürlich!

Weil ich ein Raubtier bin! Als ob das in Berlin nicht schon jeder wüsste. Immer wieder muss ich als Raubtier herhalten. Wie ich wirklich bin, scheint niemanden zu interessieren.
Tatsächlich war es so, dass da eine Ratte vor sich hinstank. Sie war nämlich seit einiger Zeit tot. Aufgefallen war sie mir bei meinen kurzen Spaziergängen schon seit einigen Tagen. Ekelhaft roch sie und mit jedem Tag schlimmer. Ich habe sie beseitigt, wie es jeder Gärtner tun würde. Ich versuchte, sie mit meinen Pfoten wegzurollern. Aber sie schien festgeklemmt. Darum habe ich, als der Gestank immer schlimmer wurde, meine Augen geschlossen und kurz zugebissen, sie in Richtung Lippenbärengehege getragen und rübergeschleudert. Ob sie im Graben gelandet ist oder bei den Lippenbären auf dem Gelände, weiß ich nicht.
Hinterher habe ich ganz viel Wasser getrunken, aus dem Graben auf der anderen Seite. Es ist nicht die feine Art, auf diese Art und Weise die Ratte loszuwerden. Aber sagt selbst, was sollte ich machen?
Ach ja.

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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Mo 7. Dez 2015, 14:18

Knut hat Geburtstag. Am 5. Dezember 2007 wurde er ein Jahr alt.



Leserforum
Unsere Leserin Elke Eckstein schildert, wie sie Knuts ersten Geburtstag damals, im Jahre 2007, erlebt hat:
Wir fuhren schon einen Tag früher von Bremen nach Berlin. Am vierten Dezember waren wir um zehn Uhr morgens an Knuts Geländer, wo sich schon einige Leute und vor allem viele Fotoreporter, Kamerateams, Übertragungswagen und Zoopersonal eingefunden hatten. Herr Schlue gab am laufenden Meter Interviews.

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Die wiederkehrenden Fragen und Antworten lauteten:
„Was hat der Zoo geplant?“
„Der Zoo hat sich ein attraktives Programm überlegt. Es wird für Tier und Menschen zwei Torten geben. Der Zoodirektor wird eine Ansprache halten. Es wird ein Preisausschreiben geben mit vielen tollen Preisen. Der erste Preis wird eine Reise in die kanadische Arktis zwecks Eisbärenbeobachtung sein. Alle Kinder bis zu fünfzehn Jahren haben freien Eintritt.“
„Weiß Knut, dass er morgen Geburtstag hat?“
„Wir haben es ihm jedenfalls gesagt.“
„Was wird das für eine Torte sein, die er bekommt?“
„Nicht alles, was er mag, ist darin. Zum Beispiel liebt er natürlich Marzipan und Sahne. Die werden wir ihm vorenthalten, nicht aber dem Publikum. Aber alle gesunden Sachen, die in seiner Torte versteckt sind, mag er sehr gerne: Salat, Fisch, Obst, Reis. Er wird davon begeistert sein.“
„Wird es auch Musik geben?“
„Da vertrauen wir ganz auf das Publikum.“
„Wird Herr Weiler ihm was auf seiner Gitarre vorspielen?“
„Ich werde nichts verraten.“
„Wird er ihm Elvis vorspielen, wie in Knuts Babyzeit?“
„Ob Klassik oder Pop, alles ist möglich, nichts ist geplant. Und außerdem verrate ich nichts.“
„Wird der Direktor Weilers Verdienste herausstellen?“
„Ich verrate nichts, und ich weiß auch nichts.“
„Was schenken Sie ihm?“
„Vielleicht ein Fotoalbum. Damit Knut was hat, woran er sich erinnern kann, wenn er mal weggeht. Aber das wird erst zu Ostern fertig sein, frühestens.“
„Was wünschen Sie Knut?“
„Ich wünsche ihm, dass er mal ein selbständiger Eisbärmann wird, und nette Gefährtinnen, mit denen er nette Kinder zeugen kann.“
„Sind Sie mit seiner Entwicklung zufrieden?“
„Sehr. Neulich war berühmter Tierfotograf hier, der Eisbären in der Wildnis beobachtet und fotografiert. Er hat Knut lange zugesehen und war überrascht, dass Knut sich haargenau so verhält, wie Eisbären seines Alters in der Natur.“
„Alle drei Eisbärinnen sollen schwanger sein. Wann werden die Kinder geboren?“
„Eisbärinnen gebären zwischen November und Februar. Ob sich etwas eingenistet und entwickelt hat, wissen wir nicht. Jedenfalls haben sich alle drei in Wurfhöhlen zurückgezogen. Wenn es „rabääh“ schreit, wissen wir, da ist ein Baby. Warten wir’s ab.“
„Wer wird die Eisbärenbabys aufziehen?“
„Die Mütter natürlich.“
„Vielen Dank und viel Glück für die Zukunft!“

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Da jetzt schon so viel los war, wollten wir zum Geburtstag rechtzeitig da sein. In der zweiten Reihe bekam ich einen Platz, wurde aber so viel angerempelt, dass das Tortenfoto misslang. Herr Greiff und Herr Weiler trugen sie herein. Man sah viel Salatgrün und eine Holzkerze, auf der eine „1“ prangte.

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Vorher hatte Weiler Knut gerufen, und hoch erfreut nahm der Kurs auf die Tür. Wann rief Hannes ihn schon mal tagsüber? Viel zu selten. Drinnen haben sie ihn kurz eingesperrt, die Torte ins Gehege geschleppt, sind wieder raus, und nach zwei spannungsvollen Minuten trabte der Polarprinz wieder aufs Gelände. Er sah die Torte sofort, blieb erst mal achtungsvoll stehen, besah sich das Gesamtkunstwerk, wie man es von feinsinnigen Eisbären erwarten darf, bevor er einige der geliebten Salatblätter in sich reinknabberte. Er hat alles genossen, manierlich, nicht geschlungen und zum Schluss sorgfältig das Tablett abgeschleckt, auf dem die Torte drapiert war. Er war richtig guter Dinge; höchst angeregt beschäftigte er sich mit den Überbleibseln, der Kerze und dem Tablett. Mit dem weißen Tablett hat er sofort Eisscholle oder Eisdecke assoziiert, denn er sprang immer wieder in die Höhe, um mit den Vorderpfoten stoßend und stampfend auf dem Plastikbrett zu landen. Das machen Eisbären auf dem Eis, um es zu durchstoßen, wenn sie darunter eine Robbe riechen. Solche Szenen zeigte der Film „Königliche Arktis“, der damals gerade in den Kinos lief. Seine Kerze trug das Geburtstagskind mal wie eine Trophäe, mal hielt er sie beinahe zärtlich im Arm.

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Er hat sich den ganzen Nachmittag damit beschäftigt. Fotos füge ich bei. Er hatte gestern nichts zum Spielen gehabt, der Jutesack war nicht zu sehen. Da bleibt dann nur mal ein Grashalm oder ein Ast. Knut ist aber ein aufgeweckter Eisbär und würde gewiss gerne mehr Spielsachen haben. Die hat er bekommen, seit Tagen schon hatte der Postbote zu schleppen. Viele Plastikbälle waren darunter. Gegenstände aus Plastik sollte er nun gerade nicht bekommen, hatte der Direktor entschieden. Warum nicht, wusste keiner. Vielleicht hatte man Angst, er würde das Gummi zerbeißen und runterschlucken? Vielleicht ging die Neigung des Direktors mehr in Richtung anthroposophisches Spielzeug? Würde er ihm welches schenken? Nach Knuts Torte wurde auch die Torte für uns freigegeben, ein Geschenk der Bäckerinnung. Ein Euro pro Stück, gleichzeitig eine Spende für den Zoo.

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Anhängerinnen von Knut stellten den Direktor zur Rede: Er habe Hannes Weiler nicht gewürdigt. (Tatsächlich hatte der Direktor ihn in seiner Ansprache nur sehr nebenher erwähnt: Knut sei jetzt schwerer als Herr Weiler, ja sogar schwerer als Herr Greiff.) Herr Weiler würde selber wissen, wann es Zeit sei, den Kontakt zu Knut zu reduzieren oder abzubrechen. Weiter: Knut müsse in Berlin bleiben. Knut dürfe nicht so isoliert gehalten werden und müsse mehr Spielzeug haben. Der Direktor verlor die „Contenance“ („Tagesspiegel“ vom 6.12.2007), klärte die Damen darüber auf, dass das Publikum des Berliner Zoos ihm keine Vorschriften machen könne, dass er sich von dieser „ wilden Herde“ in seinen Entscheidungen nicht beeinflussen lasse und er allein bestimme, welche Entscheidungen im Zoo fielen. Es fehlte ihm jede Gewandtheit, sich humorvoll und ausweichend aus der Affäre zu ziehen. Die Besucherinnen waren empört. Sie selbst hatten ihre Anliegen sachlich vorgetragen.

Gegen vier Uhr dunkelte es und wir gingen. Ein letztes Mal hatte eine Kindergruppe ins Mikrofon gesungen: „Happy birthday, lieber Knuhuuut“, und Knut spielte auf seinem Rindenmulchlager immer noch mit der Holzkerze. Während der S-Bahnfahrt ins Hotel gerieten wir ins Phantasieren: Drei bis sechs Eisbärenjungtiere wären möglich. Schon im Frühling könnte Knut die Super-Nanny für die Kleinen spielen. Wir wetteten eine Kiste Champagner, dass er das gut machen würde.


Knuts letzter Eintrag, 5. Dezember 2007

Aus Knuts Aufzeichnungen
HZ, 20.08.2029

Eigentlich feiern wir Eisbären ja keinen Geburtstag. Wir Menschen aber schon! Natürlich wusste ich, dass ich Geburtstag haben würde! Ich wünschte mir Spielzeuge und richtig gute Sachen zum Essen. Die habe ich dann ja auch bekommen. Einige Bälle will man an andere Tiere verteilen. Hoffentlich bekomme ich den Basketball, den mir der Leiter des Zoos von Neumünster geschenkt hat. Hannes hat auch was gekriegt. Unter anderem ein richtiges Ölbild von einem bekannten Maler. Darauf sieht man, wie ich an seinem Daumen nuckle. Und ein Buch. Extra für mich und Hannes geschrieben. „Wer war Knut?“ Ich bin sehr gespannt. Hannes auch. Es war ein toller Tag für mich; wie in alten Zeiten. Sogar ein Satellitensendewagen war da. Mein Patenonkel konnte nicht, aber er hatte mich ein paar Tage vorher besucht. Ich habe lange nicht so viel und so gut gegessen. Ich bin gespannt, was ich morgen kriege. Morgen ist Nikolaustag. Das ist mein erster Nikolaus. Das heißt, eigentlich mein zweiter, aber vor einem Jahr war ich ja erst einen Tag alt. Bald ist Weihnachten, ich bin sehr gespannt, was ich da kriege. Ich finde, der Dezember ist ein klasse Monat! Bald ist Sylvester. Hoffentlich höre ich nichts. Bei Schießereien im Fernsehen erschrecke ich mich immer sehr. Zum neuen Jahr wünsche ich mir, dass ich immer mit Hannes zusammen bleiben darf. Ich habe kein Papier mehr. Mal sehen, wie ich neues ranschaffe.

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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Fr 11. Dez 2015, 08:33

Knut liebt Frost

HZ, 25.08.2029

Eine Leserin hat uns einen Brief ihrer Freundin zur Verfügung gestellt, in dem diese von ihrem Besuch bei Knut am 4. 1. 2008 berichtet.

Liebe Claudia,
vielen Dank für deine Neujahrswünsche. Am schönsten aber war der Knut-Film, den du als NDR-Sendung aufgenommen hast und den ich Freitag bekommen habe. Es ist wirklich der beste aller Knut-Filme. Wir kamen gerade zurück, Freitagabend um 23 Uhr, als ich deinen gepolsterten Briefumschlag vorfand. Der Tag hatte mit dem Film einen würdigen Abschluss gefunden! Denn wir kamen gerade aus … ? Richtig, aus Berlin. Bei minus fünf Grad haben wir „unser liebstes Pelztier“ (so die HZ in einem Artikel) stundenlang beguckt und bewundert und in allen Lagen fotografiert.

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Knut fühlte sich offensichtlich, wegen der Temperaturen oder sowieso, pudelwohl. Er wusste schon, dass das Eis tückisch war und nicht zuverlässig trug. Das betrachtete er als eine große Herausforderung. Er fühlte sich angezogen von diesem sonderbaren Element, in dem er vor kurzem noch hatte baden und schwimmen können. Mit den Pfoten tastete er sich vor, klopfte, tatzelte, drückte und stampfte gar mit beiden Vorderbeinen im Rhythmus aufs Eis, wie Eisbären es beim Robbenfang tun.

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Der kleine Teich vor dem Graben ist gefroren. Da waren einige festgefrorene Spielzeuge zu sehen, längliche wurstartige Säcke von der Größe einer Holsteiner Katenrauchmettwurst, an jedem Ende bedienungsfreundlich mit einer Schlaufe versehen, an denen er begeistert zog, sich festbiss und ruckelte und zuckelte, aber komisch, die Dinger rückten und rührten sich nicht. Er schmiss sich auf den Rücken, versuchte es kopfüber, von der Seite, von oben, immer wieder. Ohne Erfolg. Am darauffolgenden Samstag, als es getaut hatte, wird er sich wohl gewundert haben, dass die Wurst wieder folgsam geworden war und seinem Willen gehorchte.
Dann war da noch ein Stück Tetrapack, von sonderbaren Knut-Liebhabern hinübergeworfen. Zuvor konnte er es noch von hier nach dort tragen. Auf einmal war es störrisch wie die Mettwurst, festgefroren, zu nichts zu bewegen.
Außerdem testete er die Tragfähigkeit des eisigen Wassergrabens. Immer mal wieder brach er ein, biss ins gesplitterte Eis und trug die Stücke stolz davon. Die Stufen, die zum Wassergraben hinunterführen, waren mit einer Eisschicht überzogen. Als er sich vortastete, brach er mit den Vorderbeinen ein und der ganze Körper rutschte nach.

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Wir waren erschrocken wie er, obwohl ja überhaupt nichts passieren konnte. Eisbären schwimmen schließlich bei jeder Temperatur. Aber man hat mit ihm gezittert, ob die Eisschicht wohl trug, und man sah das Unheil kommen. Jedenfalls schnellte er aus dem Wasser wie bei seinen ersten Schwimmversuchen. Er rubbelte sich an den Tannenbäumen trocken und widmete diesen jetzt seine ganze Aufmerksamkeit.

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Auf dem Rücken liegend tatzelte er nach den Zweigen, zog den Tannenbaum über sich, biss abwechselnd in einen kleinen Jutesack und in die Tanne hinein, rollte sich. Schließlich eroberte er das stachlige grüne Ungeheuer im Stehen, schüttelte es, schlug es sich um die Ohren, bis es offensichtlich erledigt war, und trug es stolz durch sein Gehege. Dann kam die Fütterung. Knut hatte Weiler schon entdeckt und ihm, sozusagen, zugenickt. Drei Heringe wurden restlos vertilgt, die Birne mochte er lieber als den Apfel. Bei den Brötchen stellten sich die unvermeidlichen Krähen ein. Knut weiß sie nun richtig einzuordnen und jagt sie, wo immer es notwendig erscheint. Es wäre nicht unmöglich, dass er mal eine unvorsichtige Krähe erwischt, er war schon nahe dran. Knut hatte reichlich zu tun, von Langeweile keine Spur. Er kämpfte mit den Tannenbäumen und mit den festgefrorenen Gegenständen im Eis. Er erprobte das Eis, biss hinein, wendete das Heu, das man ihm hingestreut hatte, jagte Krähen, beguckte ganz offensichtlich auch die Zuschauer. Ein Zuschauer hob und senkte seinen Arm, und Knut nickte mit seinem Kopf im selben Rhythmus. Es sah nicht nach Zufall aus.
Und wieder muckten die Tannenbäume auf. Knut lehrte sie Mores.
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Mo 14. Dez 2015, 17:44

Mein kleiner rosa Igel

Aus „Der Tierfreund“, Februar 2008

Knut hat einen alten Kumpel wiedergefunden, einen knallrosa Quietsche-Igel. Vielleicht war der mal in einem seiner Überraschungs-Jutesäcke eingenäht gewesen. Er hat über Stunden mit ihm gespielt.
Seine Lieblingspose :
Er räkelt sich auf seinem Rindenmulch-Heulager und wälzt sich mit dem Rücken auf das Plastikviech, damit es quietscht.

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Alle lachen. Wenn man mit der Pfote draufhaut oder drückt, quietscht es auch, ebenso wenn man reinbeißt. Man kann den Igel auch nach oben oder nach hinten werfen. Es ist überraschend, wo der dann hinfliegt, beinahe als wäre er ein Vogel. Äußerst beweglich, dieser Igel. Häufig landet er im Wassergraben. Dann kniet Knut am Abgrund und sucht ihn. Meistens entdeckt er ihn sofort. Trab, trab, über die Felsen den Abhang hinunter. Vielleicht kann Knut den Igel ja erwischen, ohne sich nass zu machen. Tatsächlich, ein paarmal mit der Pfote gerudert, und schon kommt er herbeigedümpelt. Ingenieur Knut ist ein Meister in der Analyse und Nutzung strömungsdynamischer Zusammenhänge. Hineingebissen, den Hang hinaufgetrabt und den Igel hingeworfen, noch einmal hineingebissen, das ist ja wohl das mindeste, was dieses ungezogene Ding verdient hat, und in die Luft geworfen. Und aufgefangen mit der Schnauze! Und zugebissen, quiek nur! „Böser Igel!“, würde Knuts Ziehpapa sagen. Jetzt aber den Igel mit den Pfoten festgehalten und auf den Rücken gerollt. Da quietscht es schon wieder; das freche Ding hat sich selbständig gemacht und liegt unter seinem Rücken. Das hat es nun davon, wenn’s drückt! Dann stellt er sich aufrecht hin, den Igel wie einen Basketball unter den Arm geklemmt. Was jetzt?

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Mit dem Igel in der Schnauze losgetrabt, den Hang zu seinem Fressplatz hinunter, den Steinplattenpfad entlang, am anderen Ende den Hang wieder hoch. Und jetzt den Igel auf dem Baumstamm zurechtgelegt und es ihm mit der Pfote ordentlich gegeben. Tja, Igel, das hättste nicht gedacht, dass du fliegen kannst, was? Knut schubst den Igel unter den quer liegenden Baumstamm. Nun sitzt er fest. Wie kriegt er ihn wieder raus aus der Klemme?

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Knut versucht es mit der Schnauze, geht nicht, mit der einen Pfote nicht, mit der anderen auch nicht. Jetzt legt er sich auf die Seite und kratzt mit beiden Pfoten, ohne Erfolg. Was jetzt? Der Zuschauer würde sich nicht wundern, wenn Knut sich Werkzeug holte, zum Beispiel ein Stöckchen, um damit den Igel herauszuhebeln. Diesmal noch nicht, aber wer weiß, vielleicht das nächste Mal? Knut hat erstmal genug von dem Igel. Schließlich soll man sich das Leben nicht unnötig schwer machen! Er trabt zu den Lippenbären, die sich schon wieder in der Wolle haben. Sie kämpfen auf zwei Beinen, umschlingen sich mit den Armen, schubsen sich. Dazu geben sie laute Brüll- und Kreischgeräusche von sich. Interessant! Knut guckt sich das häufig gespielte Stück an.

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Der orangegelbe Kürbis

Abdruck aus „Der Tierfreund“, März 2008

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Knut macht seinen Vormittagsschlaf. Mit einem großen Kürbis auf dem Bauch. Der sieht noch intakt aus. Er hat ihn gleich morgens bekommen, von seinem liebsten Pfleger. Eine Stunde später liegt Knut immer noch auf dem Rücken, ist aber schon wach und tändelt unentschlossen mit dem Gegenstand. Nach einigen scheinbar harmlosen Kreiselbewegungen macht sich der Kürbis selbständig und rollert kantaper, kantaper wie der dicke fette Pfannekuchen dem Abgrund entgegen. Er erweist sich damit als lebendiges Wesen und wird für Knut interessant. Sofort ist Knut hellwach und setzt aus dem Sitzen heraus zu einem entschlossenen Sprung an - da ist der Kürbis weg. Verschwunden. Nicht, dass das Problem neu wäre. Aber man ist doch jedes Mal wieder verdutzt. Knut legt sich lang und guckt vorsichtig über den Rand, um nicht das gleiche Schicksal zu erleiden, wie der dicke, fette Pfannekuchen, schaut in den Wassergraben, da leuchtet es knallorangegelb.

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Sofort geht’s los, trab, trab, den Hang hinunter zum Wasser. Der Kürbis dümpelt in der Mitte des Grabens. Da muss Knut wohl oder übel ins Nass. Oder lässt es sich vermeiden? Schade, klappt nicht. Obwohl er abwechselnd mit beiden Vorderpfoten günstige Strömungen erzeugt, entfernt sich der obstinate Kürbis noch weiter weg hin zur Biegung des Wassergrabens.

Heute aber ist Knut ein Mann der schnellen Tat und hechtet dem Kürbis elegant hinterher. Mit wenigen Ruderschlägen hat er ihn erreicht und gerettet. Liebevoll umarmt er ihn. Wie Sisyphos schleppt er ihn rauf und wieder runter, wirft ihn ins Wasser und taucht danach. Mittlerweile ist der Kürbis in viele Teile zerfallen. Kürbisfetzen pflastern seinen Weg. Überall, wo er ihnen begegnet, beißt er hinein, wirft sie in die Höhe, versucht es mit Weitwurf, klemmt sie sich unter den Arm. Das Tagesprogramm ist vom Kürbis bestimmt. Knut vergisst ganz, dass man ihn auch essen kann.

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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Di 15. Dez 2015, 18:22

Die Mahlzeiten

Abdruck aus „Der Tierfreund“, April 2008

Meist guckt Knut schon so ab Viertel nach zwei Richtung Braunbärengehege, ob da mal nicht bald jemand von seiner Familie um die Ecke kommt, einen verheißungsvollen Eimer in der Hand schlenkernd. Manchmal verschläft er aber auch die Ankunft. Das weiß er augenblicklich und wieselflink zu korrigieren. Wie ein Araber-Kaltblut galoppiert er nach unten an den Wassergraben, wobei sein kleiner Wanst im Lauf der eiligen Schritte mitschwingt. Die Begrüßung erledigt Knut nebenbei, erwartungsvoll macht er einen langen Hals und sucht zu erkennen, welche Köstlichkeiten gleich in den Graben fliegen werden. Denn das ist ja das Gemeine, Herr Weiler hat damit angefangen: Alle Bestandteile seines Menüs fliegen ins Wasser. Er will, dass Knut sich sportlich betätigt, und das kann er am besten im Wasser. Von alleine geht Knut auch mal rein, aber die Pfleger meinen, das sei zu selten. Er ist ein großer Schwimmer und Taucher und springt wie ein Delphin. Er kann unendlich lange für sich alleine und in Kontakt mit dem Publikum immer wieder neue Wasserspiele ausdenken. Aber man glaubt es kaum, der Polarprinz ziert sich ungeheuerlich, bis er dann endlich im Nassen ist.
Es bleibt ihm schließlich nichts anderes übrig, will er denn „einen kleinen Happen“ (Pu) zu sich nehmen. Robert sagt: “Ja, da musst wohl oder übel ins Wasser, Dicker! Da kannst du dich noch so lange zieren.“

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Und jetzt beginnt das Zeremoniell: „Geh ich ins Wasser? Oder mach ich mir nur die Pfoten nass?“ Er steckt seine Pfote ins Wasser und versucht wenigstens die oben schwimmenden Nahrungs- und Genussmittel heranzurudern. Manchmal weht ein Wind günstig und ein Salatkopf schaukelt von ganz allein heran. Manchmal klappt es auch ohne Wind. Man kann auch schon mal die Vorderpfoten und die Schnauze reinstecken, manchmal erwischt er auf diese Wasser vermeidende Art eine Möhre. Aber die schweren Pellkartoffeln schwimmen nicht. Das Fleisch auch nicht, auch nicht die toten Makrelen und Heringe.


Wer ist Hecht im Karpfenteich?


Neulich, am 6.2.2008, kam eine Meldung, die zum Thema Fische passt. Die Pfleger hatten lebende Karpfen im Wassergraben ausgesetzt, gedacht zur Bekämpfung der Algen. Aber lesen Sie selbst, was Christina, Berlin, in ihrem Blog schreibt: „Und? Hat Knuti sich über die Gesellschaft gefreut? Sagen wir es mal so. Als ich am frühen Nachmittag in den Zoo kam, konnte ich nur noch die Köpfe bewundern. Und mit denen kann man prima spielen und die knacken so schön, wenn man mit der Pfote draufdrückt!“
Fisch ist Fisch, scheint Knut sich gesagt haben. Oder ob er den Reiz lebendiger Beute entdeckt hat? Nicht so langweilig wie tote Heringe oder Makrelen? Wer weiß, was er mit einer kleinen Robbe gemacht hätte? Hätte er sie als Artgenossen und Spielobjekt betrachtet oder als Beute? Wir werden es nicht wissen, es sei denn, er schreibt es ins Tagebuch. Weiter zur Wasservermeidungs-Choreographie von Knut.

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Er trippelt auf der Stelle, macht den Hals lang, steckt schon mal eine Pfote rein, um sie schnell wieder herauszuziehen. Das Wasser scheint äußerst abstoßend zu sein! Wie fühlt es sich mit der Schnauze an? Für einen Polarbären nicht zumutbar. Schon wieder plumpst eine Kartoffel in die Mitte des Grabens, unmöglich, mit rudernden Pfoten eine Strömung zu erzeugen, die die Kartoffel vor die Nase treibt. Seine Strömungstechnik versagt. Das weiß Knut. Er vollführt sein Drückeberger-Ballett. Erneutes Trippeln, ein Schritt zur einen Seite, ein Schritt zur anderen Seite. Die eine Pfote reingesteckt, dann die andere, dann wieder die erste. Aber jetzt, er macht ernst! Er nimmt Schwung für den Absprung, hebt schon mit den Vorderpfoten ab … und fällt wieder zurück auf den Stein. Er wandert zur anderen Seite, probiert auch dort aufs Sorgfältigste die Temperatur: die eine Pfote wird nass, die andere Pfote wird nass. Jetzt steigt er mit beiden Vorderbeinen ins Wasser, taucht halb den Kopf hinein, sucht unter Wasser nach Futter. Hier in der Nähe war doch eine Makrele reingeplumpst? Nichts zu entdecken. Rückzug. Aber jetzt ist es soweit, eine Kartoffel und eine Makrele schlagen kurz nacheinander aufs Wasser, sinken gleich durch auf den Boden. Da muss er hin, das kann er sich nicht entgehen lassen. Er setzt zum Sprung an, ruckelt vor, zuckelt zurück, Ruck und Zuck, die Spannung steigt, und Knut - fällt zurück. Mal sehen, was auf anderen Seite los ist. Zufällig was angelandet? So eine Gemeinheit, gerade entschwindet der Salatkopf um die Biegung des Flusses. Wind und Strömung haben sich gegen Knut verschworen. Da winkt Robert mit einem Steak. Knut macht sich lang. Wo wird das edle Teil landen? Wieder macht Knut sich sprungbereit. Fleisch hat er länger nicht gehabt. Mannomann, das soll ihm schmecken. Es wässert ihn noch mehr in seinem Maul. In hohem Bogen kommt’s geflogen – und landet vor Knuts Füßen, auf den Steinen vor seinem Esstisch!

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Er kann sein Glück nicht fassen! Robert hat ja so ein gutes Herz. Robert, du bist mir der liebste! So ein Steak braucht einen festlichen Rahmen. Den Felsen hinauf, das Steak aufs Heu gebettet, mit der Pfote festgeklemmt, nach der zudringlichen Krähe geschnappt, und jetzt aber zugelangt. Mann, schmeckt das gut. Auch das Fett. Wie so häufig ist das Stück mit kräftigen Sehnen durchzogen. Aber dank seines viel beschriebenen Raubtiergebisses und seiner megakräftigen Kiefer kein Problem. Das macht für Stunden glücklich. Aber welch eine Seligkeit, das war ja erst der Beginn des vielfältigen Mahles! Makrelen, gekochte Kartoffeln warteten auf dem Grunde des Wassergrabens! Wurzeln, eine Birne, ein mittlerweile durchgeweichtes Brötchen, ein kleiner Kürbis schaukeln verheißungsvoll im Wasser.

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Die rotbackigen Äpfel sehen schön aus, schmecken aber nicht so gut. Die hebt er sich immer bis zum Schluss auf. Einige fade Sorten lässt er sogar auf dem Wasser treiben. Bei allergrößter Langeweile und vor der Mittagsmahlzeit am nächsten Tag erbarmt er sich manchmal und beißt doch hinein. Die körpereigene Depotbildung liegt ihm im Blut. Besser, der wenig geliebte Apfel landet in seinem Magen statt als externer Kühlvorrat im Wasser zu tänzeln. Und Robert, du Guter, jetzt liegen auf den Steinen die Weintrauben, Knuts Lieblingsobst, bereit. Wo die doch jetzt so teuer sind. Extra aus Südamerika oder Südafrika, woher genau, interessiert Knut nicht, müssen die jetzt im Winter importiert werden. Der Zoo lässt sich sein Lieblingstier was kosten. Oder seine Freunde, die ihm etwas mitbringen. Und Knut muss immer noch nicht ins Wasser. Jede einzelne Traube wird genüsslich zerkaut. So süß und so saftig. Eine Krähe hüpft dreist mit einer Beere davon. Jetzt hat Knut nur noch die leere Rispe. Er hält sie im Maul, setzt sich aufrecht hin, greift mit beiden Tatzen danach. Sieht gut aus, wie er da so sitzt mit dem zierlichen Rispenzweig zwischen den dicken Pranken. Aber was jetzt? Wieder führt er sich die Rispe zum Munde, und kurz entschlossen schleudert er sie in den Graben. Ogottogott, was hat er da angerichtet! Um daran zu kommen, müsste er ja ins Wasser! Auch die Möhre kündigt ihr Versinken an, ihr grelles Orange leuchtet immer matter. Die Birne ist von kräftigem Gelb, tanzt neben der Möhre. Das tiefe Gelb verspricht Reife und Süße.

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Und da fallen ihm wieder die Makrelen ein. Welch ein Glück, so ein reichliches Mahl. Er musste nur einen Sprung machen. Und glaubt man’s, keiner hat gesehen wie, platsch, war er wirklich im Wasser. Jedes Objekt brachte er mit Eile an Land, drapierte es auf seinem Esstisch. Machte kehrt, drippelte wieder zehnmal hin und her, obwohl er doch schon nass war. Barg das köstliche Gut, biss in kleinen Happen davon ab, wandte sich mit Entschlossenheit dem Makrelentauchen zu, erwischte einen gammligen alten Ochsenschwanz, der schon seit Wochen im Graben wässerte, beschloss, später auf diesen zurückzukommen, tauchte erneut und hatte endlich quer im Maul eine Makrele. Eine von dreien. Könnte das Leben nicht immer so schön sein?
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Do 17. Dez 2015, 08:47

Der Zoopsychologe Dr. Beck erzählt

Abdruck aus „Tierpsychologie heute“, Februar 2008
Eigentlich bin ich für die Tiere zuständig. Wenn mir Tierpfleger oder Tierärzte Verhaltensänderungen und Auffälligkeiten melden, gucke ich mir die Tiere an, beobachte sie, übernehme zum besseren Kennenlernen auch tierpflegerische Arbeiten und tausche mit den Tierpflegern und Tierärzten meine Beobachtungen aus. Wir versuchen, die Ursachen veränderter Verhaltensweisen herauszufinden und erarbeiten gemeinsam einen Therapieplan. Dabei bleibt es nicht aus, dass wir ein persönliches Wort wechseln.

Im Laufe der Zeit hat es sich eingebürgert, dass die Tierpfleger auch mit privaten oder beruflichen Problemen zu mir kommen. Ohne Eitelkeit kann ich sagen, dass ich als erfolgreicher Therapeut gelte, bei Mensch wie Tier. Das hat vielleicht mit dem Bedürfnis zu tun, diesen Beruf zu ergreifen. Ich glaube, auch die meisten Zoo-Tierärzte und Tierpfleger sind Tierfreunde. Aber nicht alle Erzieher und Lehrer sind Menschenfreunde. Beileibe nicht alle Lehrer lieben die Kinder oder Jugendlichen, die sie unterrichten. Manchmal kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass die sichere Stellung und das gute Gehalt bei der Berufswahl im Vordergrund standen. Man kann bei Lehramtskandidaten schwer prüfen, ob sie Kinder und Jugendliche lieben. In Finnland gelingt es anscheinend, die Besten und Engagiertesten für den Lehrerberuf zu gewinnen. Könnte man sich da was abgucken? Kinder haben genauso engagierte Betreuer verdient wie Zootiere. Aber das ist ein weites Feld.

Natürlich verfügen Tierpfleger und Tierärzte über vergleichbare Fähigkeiten. So konnte Hannes Weiler an Knuts Gesichtsausdruck genau ablesen, wenn er „einen im Sinn“ hatte, das heißt, Unfug treiben wollte. Eisbären spricht man gemeinhin jeden Gesichtsausdruck ab (verbreitet ist das Vorurteil, Bären seien „falsch“, im Sinne von heimtückisch). Das mag für den ungeübten Beobachter auch so scheinen. Der Gesichtsausdruck und die Körpersprache des Hundes sind für uns leichter entschlüsselbar. Viele Tausende von Jahren gemeinsam verbrachter Geschichte haben uns das Hundeverhalten interpretieren gelehrt. Sollte man meinen. Doch kommt es bei Hundebesitzern immer wieder zu grotesken Fehlinterpretationen. In den Augen vieler Hundebesitzer guckt ihr Hund schuldbewusst, hat scheinbar ein schlechtes Gewissen, wenn er etwas tut, was Herrchen oder Frauchen erfahrungsgemäß missfällt. Er legt die Ohren an, guckt unterwürfig, legt sich auf den Rücken. Tatsächlich hat er dann kein schlechtes Gewissen, sondern schlicht Angst vor Bestrafung oder gar Misshandlung.

Hunde haben sicherlich ein Gesicht, das man leichter interpretieren kann als das von Eisbären. Aber wenn man viel mit diesen Tieren zu tun hat, kann man auch ihren Gesichtsausdruck „erkennen“. Bei Knut konnten die Pfleger in seinen Augen und in seinem Gesicht ziemlich genau seine Verfassung ablesen. War Herr Weiler verreist und musste Knut seine „Mutter“ entbehren, so signalisierten Körperhaltung und Gesichtsausdruck seine Stimmung. Er blickte traurig, seine Bewegungen waren verhalten, unschlüssig spielte er mal mit diesem Stock oder jenem Ball, ließ ihn resigniert wieder fallen, kratzte unschlüssig auf dem Boden herum, guckte auf die Erde, legte sich wieder schlafen, nuckelte an seinen Pfoten und verpasste die Fütterung. Das Futter machte ihn wieder lebendig, und dann vergaß er auch für eine Zeit seinen Kummer. Auch ein kurzes leidenschaftliches Intermezzo mit dem Fußball war in solchen Situationen möglich. Aber schnell beendete er das Spiel, lief an die Tür, die zu seinem Käfig führte, suchte und wartete. Wie anders verhielt er sich, wenn es ihm gut ging. Lebens- und unternehmungslustig trabte er durch sein Gehege und stieß sich energiegeladen mit den Pfoten vom Boden ab.

Wie gesagt, viele Zookollegen kamen zu mir. Häufig reichten wenige Termine, Situationen zu klären. Manchmal gab es eine kleine Warteliste. Auch der Direktor verwickelte mich häufiger in Gespräche, die wir niemals als Therapie deklariert hätten. Er hatte häufig unangenehme Entscheidungen zu vertreten, die seine Beliebtheit nicht steigerten. Leider hörte er oft nicht auf mich.

Für einen Außenstehenden mag es komisch erscheinen, aber auch die beiden Tierärzte suchten das Gespräch mit mir, und zwar weil sie bei vielen Tieren unbeliebt waren. Das ist so zu erklären: Sie waren ja zur Gesunderhaltung der Tiere da. Und da ließ es sich nicht immer vermeiden, dass die sensiblen Tiere zwischen Schmerz und Tierarzt eine Verbindung herstellten. Wurden sie betäubt, fiel ihr letzter Blick vor dem Schlaf auf den Tierarzt, der da mit dem Blasrohr stand. Und die Pfeile konnten oft nicht so fein sein, dass sie sich schmerzlos in die Haut bohrten. Hatten ja viele Tiere ein ganz schön dickes Fell. Und wenn sie aufwachten und die Wirkung der Betäubungsmittel nachließ, stellte sich manchmal ein zusätzlicher Schmerz ein. Da zählten viele Tiere zwei und zwei zusammen und fanden die Schuldigen für alles Ungemach in den Tierärzten.

Bei den Affen hob häufig schon ein Spektakel an, wenn sich einer von ihnen auch nur näherte. Die unangenehmen Erfahrungen sprachen sich zumindest bei den Menschenaffen herum. Es war gar nicht so einfach für die Ärzte zu ertragen, dass ihre Bemühungen so verkannt wurden. Einmal kam ich im Affenhaus hinzu, als sich eine karnevalsmäßig gekleidete Gestalt den Schimpansen näherte, Hawaiihemd, grüne Lockenperücke, riesige Sonnenbrille, einen Sack auf dem Rücken. Die Affen gerieten in hellste Aufregung und Empörung, aber nicht wegen der geschmacklosen Aufmachung, sondern weil sie die Person unter der Verkleidung im Gegensatz zu mir sofort erkannt hatten.

Es war Dr. Cox, der gehofft hatte, dass die Affen ihn in dieser Kostümierung nicht erkennen würden. Er hat es dann noch mal als Schornsteinfeger und als Indianerhäuptling probiert, aber die Affen fielen nicht darauf herein. So unbeliebt zu sein ist trotz aller Professionalität und Einsicht in die Zusammenhänge nicht leicht zu verdauen. Manches Mal flossen Tränen. Ich war in einer viel besseren Position. Nie konnten die Tiere einen Zusammenhang zwischen mir und negativen Folgen, die ich ja auch zu verantworten hatte, erkennen. Zum Beispiel wurden auf meine Veranlassung hin manchmal einzelne Tiere isoliert, zeitweise oder auf Dauer.

So spendete ich den beiden Tierärzten Trost und versicherte ihnen immer wieder, welch großartige Aufgabe sie haben und wie beliebt sie doch bei vielen anderen Tieren waren. Nicht zuletzt bei unser aller Liebling Knut. Allerdings, als Knut sich im Spätsommer 2007 über Nacht eine Beinzerrung zugezogen hatte und das Bein geröntgt werden musste, hatte Dr. Cox den Betäubungspfeil abgeschossen. Am nächsten Tag hat Knut ihn ganz schön angefaucht. In der HZ wurde das übertrieben dargestellt. Dr. Cox hat nur für den Fotografen die Flucht ergriffen. Aber alle, die davon erfuhren, haben gelacht.


Paparazzi im Zoo

Aus „Medienkritik“, März 2008

Jeden Tag guckt mindestens einmal ein Berufsfotograf vorbei, um eine besonders niedliche oder witzige oder aufregende Situation einzufangen. Das erwarten die Leser nicht nur der Boulevard-Zeitungen, und für den Zoo ist es förderlich, wenn Knut im Gespräch bleibt. Die erklärten Knut-Freunde und Häufig-Besucher kennen Knut sehr genau, durch die vielen Fernsehbeiträge und durch eigene Beobachtungen. Und die Fotografen sind natürlich bekannt. Irrtümlich nehmen manche Knut-Freunde an, dass die Fotografen Knut zugetan sind, weil sie dauernd vor Knuts Gehege stehen. Das ist nicht auszuschließen. Aber im Vordergrund steht deren Interesse, Knut zu vermarkten. Das ist verständlich, leben sie doch nun mal davon, Fotos zu verkaufen.

Gerechte Empörung ernten diese Fotografen, wenn sie Knut und/oder seinen Pflegern schaden. Das war verschiedene Male der Fall. Berüchtigt war der Fotograf Häcksel, der wegen der besseren Einsicht ins Bärenrevier meist eine Leiter dabei hatte.
Durch einen Zaun, der im Sommer mit Rankgewächsen blickdicht gemacht ist, kann man im Winter seitlich auf den Hof des Bären-Revieres sehen. Normalerweise nehmen die Zoobesucher diese Stelle gar nicht wahr, normalerweise gibt es auch gar nichts zu sehen. Genau diese Stelle hat ein Paparazzo aber einmal genutzt, um in den Hof hinein zu fotografieren und Weiler und Knut im sanften Spiel kurz nach Öffnung des Zoos abzulichten. Die Zooleitung reagierte, indem sie sagte, sie würde sich zu solchen Bildern nicht mehr öffentlich äußern.

Tatsächlich gab es danach ein absolutes Kontaktverbot zwischen Knut und den Pflegern. Knut darf nicht mehr im Hof oder in der Futterküche herumlaufen. Kontakt zwischen Knut und seiner menschlichen Familie darf es nur noch geben, wenn Gitterstäbe dazwischen sind. Das ist für alle Beteiligten sehr traurig, denn Knut leidet natürlich sehr unter diesem Entzug. Solche Maßnahmen sind ihm völlig unverständlich und er jammert nach körperlichem Kontakt. Nun mag man sich mit der Tatsache trösten, dass Knut über kurz oder lang sowieso keinen direkten menschlichen Kontakt mehr haben wird. Aber ein paar weitere Monate menschlicher Zuwendung hätten ihm gewiss gut getan.

Ein paar Wochen zuvor war Hannes Weiler im Spiel mit Knut auf dem Gehege abgebildet worden. Danach wurde das strikte Verbot, mit Knut in der Öffentlichkeit zu spielen, bekräftigt. Ein Plastikgegenstand war auf Knuts Gelände geworfen worden, und damit Knut den nicht etwa verschluckte, war Weiler hingegangen und hatte ihn beseitigt. Zur großen Freude von Knut. Das war ja lange nicht mehr vorgekommen, dass Hannes tagsüber bei ihm auftauchte. Es wäre mehr als verklemmt gewesen, Knut nun gar nicht zu beachten und das Gehege wieder schleunigst zu verlassen. Also spielte Weiler zur Begeisterung von Knut ein bisschen mit ihm, die Fotografen fotografierten und das Bild wurde veröffentlicht. Obwohl sie von dem Verbot des gemeinsamen Auftrittes von Knut und Weiler wissen mussten. Und die Redakteure, die diese Bilder mit ihren Texten versehen veröffentlichten, ebenso. Sie verhielten sich Knut und den Tierpflegern gegenüber offensichtlich illoyal und produzierten vermeintliche Skandalbilder. Es sollte noch schlimmer kommen.
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Fr 18. Dez 2015, 07:39

Der weiße Hai

Aus „Medienkritik“ März 2008
Man kann den Fotografen, der Knut als Hai fotografierte, streng genommen nicht tadeln. (Obwohl es sich um denjenigen handelt, der die erwähnten Skandalbilder zu verantworten hat.) Seine schreibenden Kollegen aber schon. Sie haben dem Foto schließlich eine bestimmte Bedeutung gegeben. Es war ein regnerischer Tag im Februar 2008 und nicht viel los im Zoo. Ein kleines Kind von ungefähr drei Jahren klopfte an die Scheibe und Knut zeigte großes Interesse, sprang vis à vis hoch und schnappte, wie oft gehabt, durch die Scheibe nach dem Kind. Dieses Spiel dauerte länger als normal, beide, Menschenkind und Bärenkind, fanden offensichtlich Gefallen aneinander. Alle, die da standen, ließen sich von der Begeisterung anstecken und schauten gerührt zu. Weil so wenige Zuschauer da waren, hatte der Fotograf neben dem unerschrockenen Kind Platz für sich und seine Kamera und fotografierte Knut mit aufgerissenem Maul, seine Zahnreihen entblößend. Das sah gefährlich aus, war aber genauso wenig bösartig wie alle seine Spiele. Er hat lediglich mit einem vermeintlichen kleinen Mitbären gespielt. Wobei nicht auszuschließen ist, dass er bei direktem Kontakt tatsächlich Verletzungen zufügen könnte. Das Risiko kann niemand übernehmen, versteht sich.

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Die Boulevardpresse nahm diese Fotos zum Anlass, sie an herausragender Stelle zu positionieren. Die Bild-Zeitung behauptete auf der Titelseite, „Knut faucht einen kleinen Jungen an“, erinnerte heuchlerisch-bedauernd an Knuddel-Knut und beschwor die BESTIE, die 14 Monate alt und 140 Kilogramm schwer, mit gefletschten Zähnen nach dem Dreijährigen schnappe. Das Haifisch-Bild nahm auf Seite drei die halbe Fläche ein. Andere Zeitungen berichteten ebenso sensationslüstern und falsch, titelten „Kinderschreck“ und „Knut sieht rot“. Nur die HZ wurde ihrem Lieblingspelztier einigermaßen gerecht. Zwar titelte auch sie mit demselben Foto auf der Titelseite „Vorsicht, Raub-Knut. Wie gefährlich ist unser Eisbär mit seinen 14 Monaten jetzt?“ Auf Seite 13 relativierte die HZ, indem sie Tierarzt Schlue zitierte: „An der Scheibe hoch hüpfen ist Knuts Spielverhalten.“ Also nicht gefährlich? „Nein. Knut reagiert damit nicht aggressiv auf die Besucher.“ In der Sonntagsausgabe vom 24.2.2008 zitierte die HZ den Tierarzt Reinhard Cox, der Knut normales Raubtierverhalten attestierte. „Das ist nur sein Spielverhalten. Er zeigt Stärke und probt dabei auch immer seine Aggressivität. So würde er es auch in freier Natur machen mit seinen Geschwistern und Spielkameraden. – Was wäre passiert, wäre keine Scheibe zwischen Knut und dem Kind gewesen? – Schwer zu sagen, aber wahrscheinlich hätte Knut das Kind als Artgenossen betrachtet. Er hätte nicht unbedingt zugebissen, sonder eher gekniffen und spielen wollen.“
Auf derselben Doppelseite brachte die HZ, zum wiederholten Male, eine äußerst witzige Folge von vergleichenden Knut-Fotos mit Prominentenbildern, die man zu den Sternstunden der Knut-Berichterstattung zählen kann: Knut steckt die Zunge raus, daneben das berühmte Albert Einstein Foto: Einstein-Knut. Knut aufrecht stehend, eine lange Bambusstange im Arm haltend. Daneben ein Foto des Papstes, ebenfalls einen langen Stock haltend: Papa Knut. Knut hält ein dickes Bambusrohr vor die Augen, schein hindurchzugucken wie Captain Jack Sparrow (Jonny Depp): Captain Knut. Knut hält aufrecht stehend einen kleinen Ball zwischen seinen Pfoten und betrachtet ihn sinnend. Daneben eine ebensolche Pose von einem Schauspieler aus einer alten Hamlet-Inszenierung: To knut or not to knut.

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Zum Schluss eine Bild-Unterschrift zum selben „Hai“-Foto aus der seriösen Presse.
„Knut – Der weiße Bär“ – „Keine Angst, der will nur spielen! Trotzdem erinnert Knuts Pose an das Filmplakat zum Weißen Hai. In dem Kinoschocker hauchen etliche Menschen ihr Leben im Maul des Raubtieres aus, zumeist unter Wasser. Wasser ist das Element, in dem auch Eisbären zu Hause sind. Sie jagen am Polarkreis Robben, im Zoo tote Fische. Menschen stehen nicht auf ihrem Speiseplan. So listet – anders als bei Haiattacken – niemand auf, wo Eisbären dem Homo sapiens mit letaler Konsequenz nachgestellt haben. Umgekehrt aber berichtet der World Wildlife Fund, dass russische Wilderer zuletzt mehr als 3000 Eisbären abgeschossen haben. Ein Faktor, der die Art mehr bedroht als die Klimaerwärmung.“ (Die Welt, 23.2.2008)


Knut und sein Publikum

Aus „Medienkritik“, März 2008
Die Journalisten der Süddeutschen Zeitung, die über die neuesten Nürnberger Flocke-Ereignisse berichteten, erinnerten beiläufig an Knut, der nun, vom Publikum vergessen, sein solitäres Dasein als gelangweilter Jugendlicher im Berliner Zoo verbrachte. Man ging davon aus, dass Knut nicht mehr so interessant war. Das verletzte die Knut-Freunde, fanden sie ihn doch nach wie vor niedlich, hübsch und knuddelig. Tatsächlich hatte er immer noch kindliche Proportionen. Wenn er auch gewachsen war, so war er doch noch lange nicht erwachsen. Tatsächlich war es am ersten sonnigen und frühlingswarmen Sonnabend sehr voll vor Knuts Gehege.

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Hierzu ein Leserbrief, den Monica Leveknecht vor 22 Jahren an die Süddeutsche Zeitung schickte und der am 6. Februar 2008 mit der Überschrift veröffentlicht wurde:

Leidenschaftlicher Knut
„Einspruch! Knut erfreut sich weiterhin zahlreicher Besucher und das nicht etwa, wie Wolfgang Roth schreibt, wegen der bloßen Erinnerung an die Zeit, als er ein niedliches Bärchen wie „Flocke“ war. Zum einen ist Knut bei weitem noch nicht ausgewachsen und hat noch kindliche Proportionen. Zum anderen ist er, wenn er nicht gerade schläft, unglaublich verspielt und in seinen Aktionen witzig anzuschauen. Mittlerweile hat er (naturnahe) Spielobjekte, nachdem er anfänglich etwas unterversorgt war: Säcke, Holzscheite im Wassergraben, Stöckchen, ausrangierte Weihnachtsbäume und anderes mehr. Er weiß sich gut und leidenschaftlich damit zu beschäftigen.
Gelegentlich findet auch ansatzweise so etwas wie eine Kommunikation mit dem Publikum statt. Es ist weiterhin ein großes Vergnügen, ihn zu beobachten. Man hat den Eindruck, dass sich die frühkindliche Eindrucksfülle und die „Förderung“ vermittels intensiver Zuwendung durch seine ausgezeichneten und engagierten Pfleger positiv auf seine Intelligenz und sein Verhalten ausgewirkt haben. Bei alldem sieht es keineswegs so aus, als ob man seiner Eisbärennatur Gewalt angetan und ihn „vermenschlicht“ hätte.
Was „Artgerechtigkeit“ für Zootiere bedeuten kann, ist ja sowieso nicht eindeutig zu beantworten, sofern sie nicht ausgewildert werden sollen. Das ist aber bei Eisbären meines Wissens vorläufig nicht vorgesehen. Wenn sie aber im Zoo verbleiben, kann es nicht falsch sein, ihnen Zuwendung seitens der Pfleger zu geben und ihnen einen Tagesablauf ohne öde Langeweile und Hospitalismusschäden zu ermöglichen. Auch der puristischste Zoologe kann ihnen im Zoo keine Robbenjagd und kein Treibenlassen auf Eisschollen bieten. Aber man könnte ihnen Pontons oder Flöße geben; sie wüssten sie gewiss zu nutzen! Und Zoo-Eisbären müssen den Menschen auch nicht als potentiellen, gefährlichsten Feind betrachten. Und was die Begeisterung des Publikums betrifft, so gibt es weiß Gott schlimmere Phänomene! Man muss in diesem Fall wirklich nicht gleich schweres kulturkritisches Geschütz auffahren. Junge und alte Knut- und Flocke Fans dürften zum Beispiel eher nicht zum gewaltgeneigten Teil der Bevölkerung gehören.“

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Was alle entzückte, waren seine Lebhaftigkeit und sein animiertes Spielen. Meistens war er vergnügt und unternehmungslustig, wusste mit den einfachsten Dingen ausdauernd und begeistert zu spielen. Er nahm Notiz von seinem Publikum und ließ sich zu darstellerischen Höchstleistungen anspornen. Er schien zu wissen, welche seiner Posen das Publikum zu Beifallskundgebungen hinriss. Viel Beifall gab es jedes Mal, wenn er sich von seinem Schlaflager erhob und auf die Hinterbeine stellte. Die Haltung seiner Vordertatzen verlieh dann jeder seiner Posen besondere Aussagekraft: nachdenklich, wenn er sich sinnend am Kopf oder andere Körperteile kratzte oder an den Krallen kaute, dramatisch, wenn er die Tatzen beschwörend erhob, musisch begabt, wenn er sie wie im Takt schwang und dirigierte, energisch-bestimmt, wenn er sie auf die Hüften stemmte. Er hörte das Lachen, Klatschen und die „Knuti“-Rufe.
Nach der Vertilgung der Nahrungsmittel schloss sich fast immer eine lebhafte Spielphase an, bei der er auch eindeutig mit dem Publikum Blickkontakt aufnahm. Der Tierarzt Reinhard Cox hat unrecht, wenn er meint, Knut sei das Publikum egal (HZ, 23.2.2008). Sehr wahrscheinlich hielt er die Menschen für seine Artgenossen, ganz besonders hingezogen fühlte er sich zu Kindern. Waren welche hinter der Scheibe zu sehen, konnte man sicher sein, dass Knut bald auftauchte, um mit ihnen zu „spielen“. Da er mit den Kindern nur durch die Trennscheibe Kontakt aufnehmen konnte, musste sich das Spielen darauf beschränken, dass er sich aus dem Wasser schnellte, um die Kinder besser sehen zu können. Und er schnappte nach ihnen, wie es der Bären Art ist. Wenn ein direkter Kontakt möglich gewesen wäre, hätte er wohl an den Kindern gezupft, wie man es im letzten RBB-Film im Spiel mit einem neunjährigen Jungen sehen konnte. Tatsächlich hatten die meisten Kinder keine Angst, wenn Knut an der Scheibe empor schnellte und zu knabbern versuchte. Sie fühlten sich vielmehr darüber beglückt, dass Knut an ihnen Interesse zeigte. Erfahrene Besucher klärten unerfahrene Zuschauer über seine Verhaltensweisen auf. „Er denkt, da ist ein Kind wie ich, mit dem kann ich besser spielen als mit Erwachsenen.“ Die Zuschauer aus Wuppertal, Brüssel, Tokio, Sydney, Apeldoorn, Mailand, Krakau, Moskau und London zeigten sich überrascht von seinem tollen Spiel und verliebten sich auf der Stelle in Knutek oder Knutko, wie die Polen sagten. Il est mignon, sagten die Franzosen, che bello, carino, grazioso die Italiener. Alle meinten dasselbe, und man brauchte keine Übersetzung.

Tagebucheintrag unserer Leserin Christine Berg
Sonnabend, 9. 2. 2008, 14 – 16.15 Uhr.
Es war der erste Frühlingstag. Vorher waren wir kurz auf dem Winterfeldtmarkt und wurden vom Frühling überrascht. Eine euphorische Stimmung stellte sich ein, zur Sonne und Wärme gesellten sich angenehme Gerüche nach Kaiserschmarren, Espresso, Gewürzen und Blumen.
Knut war bester Laune. Schon vormittags stand ein großer Bewundererkreis vor seinem Gehege. Knut gab sich animiert und inspiriert, ob vom schönen Wetter oder vom begeisterten Publikum. Vielleicht hätten Knut und seine arktischen Verwandten persönlich gar nichts gegen eine Klimaerwärmung einzuwenden, wäre nur der Tisch gedeckt. Alle Eisbären setzen sich gerne der Sonne aus, auch der sommerlichen. Außergewöhnlich häufig setzte Knut sich auf seinen geräumigen hübschen Po, winkelte osterhasenmäßig die Arme an, blickte in die Runde, hörte die „Fein, Knuti!“-Rufe, wechselte zu ständig neuen Positionen, drehte den Hals in alle Richtungen, auch nach oben, lutschte kokett an seiner Tatze, während er sein Publikum im Auge behielt und ihre bewundernden Reaktionen ihn zu neuen Figuren inspirierten.

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Das Publikum tobte - verhalten - vor Begeisterung. Dann machte Knut sich noch imposanter und stellte sich auf seine Fußspitzen, was er nicht so lange aushielt. Er plumpste schnell wieder auf seinen Po. Wenn er dann auf seinen Vieren landete, fiel ihm gleich auf, dass der Beifall nachließ. Denn sofort setzte er sich wieder aufrecht auf sein Hinterteil, in seinen Pfoten ein Stöckchen, einen seiner Jutesäcke oder seinen Quietsche-Igel, die er bearbeitete.
Das Resümée der ständigen Bärenbeobachter lautet: Knut sieht in den Zuschauern seine Kumpane. Er beobachtet ihre Reaktionen und bezieht sie in seine Handlungen mit ein. Er notiert, wenn sie lachen, klatschen, „fein Knuti“ rufen, ihm winken, ihn anschauen, gegen die Scheibe klopfen, ihn anlächeln, ihn anfeuern und seine Kunststücke für ihn vernehmlich kommentieren. Es gibt viele Knut-Freundinnen, die im RBB-Blog schreiben oder eigene Blogs aufgemacht haben. Viele engagieren sich, sammeln Unterschriften, damit Knut in Berlin bleibt. Sie glauben, dass Knut seine treuen Freundinnen und Freunde in der Ferne entbehren würde. Sie können allerdings nicht ausschließen, dass sie selber mehr als Knut unter einer Trennung leiden würden. Denn Knut wird hoffentlich in angenehme Gesellschaft geraten und ein großes abwechslungsreiches Gehege vorfinden. Die Gesellschaft von Eisbärinnen wird ihm die Trennung schon versüßen. Das ist ja das aufregendste Kapitel: Wie kommt Knut mit seinen wirklichen Artgenossinnen zurecht? Wir sind alle sehr gespannt, hoffen aber trotzdem, dass Knutek bleibt. Vielleicht in Friedrichsfelde? Noch schöner aber, er bliebe im Berliner Zoo. Wegen der zentralen Lage.


Fortsetzung folgt.......
Anneliese
 
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Sa 19. Dez 2015, 16:19

Hilfe, meine Tochter hat sich in einen Eisbären verliebt!



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Aus der Zeitschrift „Eltern“, Januar 2008. In den vorausgegangenen Monaten war das Thema „Pubertät – gestern, heute, morgen“ Schwerpunkt des Jugend-Ressorts gewesen, redaktionell betreut von Dr. Winter. Hier berichtet er über seine ganz persönlichen Erfahrungen mit der eigenen Tochter und einer berühmten Persönlichkeit der Zeitgeschichte.

Seit Monaten schon wird unser Familienleben durch die Liebe unserer Tochter zu Knut bestimmt – und beeinträchtigt. Nach unserem zwölften Besuch bei Knut im April 2007 mussten wir eine Familienjahreskarte erwerben. Das ging ja noch. Die Oma gab einen Zuschuss. Seitdem hat unsere Tochter uns nicht nur sämtliche Knut-Fan-Artikel abgebettelt, sondern alles erworben, was mit Eisbären zu tun hat. Von der Aldi-Eisbären-Bettwäsche, der Eisbären-Zahnbürste bis zum Eisbären-Rucksack und dem T-Shirt mit Foto-Reprint. Aus der John F. Kennedy-Bibliothek hat sie meterweise Eisbären-Literatur nach Hause getragen, was ja eigentlich zu begrüßen wäre, wenn die Gebühren für die Überziehung der Leihfrist sich in Grenzen gehalten hätten. Die andere Oma sprang ein.

Das war ja noch zu verkraften. Aber nach den ersten Wochen der Leidenschaft für Knut im Besonderen und Eisbären im Allgemeinen verdüsterte sich die Stimmung bei den Mahlzeiten und Spieleabenden im Familienkreis und sie unterhielt uns nur, wirklich nur, mit dem Thema Knut: Was er jetzt wohl gerade macht, wie er sich beim Essen bekleckert, wie lustig er hinter Hannes Weiler herhoppelt, ob er wohl traurig ist so alleine in seiner Kiste, ob er wohl bestraft wird, wenn er nicht gehorcht, was er wohl träumt, ob er sie wohl tatsächlich erkennt – neulich habe er aufgeguckt, als sie seinen Namen rief. Dann brach das Unglück über unsere Familie herein, als Knut von Hannes Weiler abgenabelt wurde und sichtlich und hörbar unter Trennungsschmerz litt.

Unsere Tochter schrieb Gedichte und Geschichten über Knut, beschwerte sich beim Direktor über dessen Maßnahmen und Erziehungsfehler, bekam auch Antwort, blieb aber ohne Trost. Dann weitete sie ihren Freundeskreis aus, nur um ihn an anderer Stelle einzuengen. Ich muss nicht sagen, welche Gemeinsamkeiten sie mit ihren neuen Freundinnen (die meisten waren Mädchen) hatte. Als wir einen Brief adressiert an Knut fanden, in der sie von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm schwärmte und ihm schwor, die Eisbärensprache zu erlernen, waren wir mehr als beunruhigt. Als sie den RBB-Film „Verrückt nach Knut“ gesehen hatte, brach sie in Tränen aus und war nicht mehr zu beruhigen. Ein Professor für Eisbärenkunde der Humboldt-Universität hatte Knut und seinen Pfleger besucht. Das wurde in dem Film gezeigt. Der Professor erforschte die Eisbären-Laute und hatte schon eine große Sammlung von Tonband-Mitschnitten. Es fehlten ihm noch die Laute für Trauer und Traurigkeit. (Meine Tochter sprach selbstverständlich von der Eisbären- S p r a c h e.) Er erklärte nun die verschiedenen Laute als Ausdruck für Trauer, Wut, Freude, Entsetzen usw. und hielt sein Aufnahmegerät bereit. Knut nuckelte bei Weiler und hörte interessiert zu. Schnitt. Bei der nächsten Szene sah und vor allem hörte man, wie Knut weinte. Weiler wies ihn zurecht. Das habe er, Knut, allein sich selber zuzuschreiben. Niemand sonst trage dafür Verantwortung. Knut blickte verletzt und verständnislos. Es wurde nicht erklärt, was vorgefallen war und warum Knut weinte. Für meine Tochter war nur eine Erklärung möglich: Jemand hatte Knut willentlich weh getan, damit er die fehlenden Laute produziere und der Professor seine Sammlung vervollständigen könne.

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Auch diese RBB-Sendung wurde immer wieder abgespielt. Nur, wenn „die Stelle“ kam, entschwand meine Tochter regelmäßig und kam verheult und schluchzend wieder, wenn es vorüber war. Wir wurden ernsthaft besorgt. Alle unsere Beschwichtigungen („Das würde Herr Weiler nie tun oder zulassen!“) blieben ohne Wirkung.
Als eben dieser Professor, der auch die Eisbären-„Sprache“ erforschte, bei uns schriftlich nachfragte, ob wir mit dem Gasthörer-Status unserer jugendlichen Tochter bei seinen Vorlesungen und Seminaren einverstanden seien, waren wir erstaunt über ihre Energie. Ob sie ihn mal über „die Stelle“ befragt hat, wissen wir nicht. Ein diesbezüglicher Brief an Weiler blieb ohne Antwort. Als die Lehrerin fragte, wie zu erklären sei, dass unsere Tochter jeden Dienstag und Freitag von Kopfschmerzen wahlweise Erbrechen heimgesucht werde, mit geradezu pedantischer Regelmäßigkeit, und wir auf den Vorlesungsplan des Professors blickten, hatten wir rasch die vermutete Erklärung.

Beinahe überflüssig zu sagen, dass unsere Tochter alle RBB-Sendungen über Knut aufzeichnete und unentwegt abnudelte. Eines Tages entdeckte ich Katzen-Trockenfutter in ihrem Rucksack. Das ekelte mich und ich konnte sie überzeugen, dass Knut Katzen-Hightec-Futter fraß, das nur in den USA zu bekommen war. Wir rechneten mit einem Nachnahme-Paket aus den Staaten und waren erleichtert, das sie sich mit dem nun reichhaltigeren Speiseplan von Knut zufrieden gab: Gemüse, Obst, Fisch, Fleisch und ab und zu ein Croissant. In dieser Beziehung waren wir glücklich mit ihrer Entwicklung.
Aber sonst: In der Schule wurde sie unaufmerksam und verträumt. Ihre Lehrerin fand die Verhaltensänderungen so alarmierend, dass sie uns zu einem Gespräch bat, bei dem auch unsere Tochter anwesend war. Es schien so zu sein, dass ihre Knut-Manie die Ursache ihrer geistigen und seelischen Abwesenheit im Unterricht war. Im Verlaufe des Gespräches stellte sich heraus, dass sie diese Leidenschaft mit etlichen Mädchen und einigen Jungen, nicht nur aus ihrer Klasse, teilte. Wenn die Eltern dachten, dass ihre Kinder sich den Hausaufgaben widmeten, trieben diese sich in Knut-Blogs und Chatrooms herum. Dass sie sich nicht, wie wir bzw. unsere Eltern in unserer Kindheit und Jugend bei Elvis- oder Beatles- oder Nena-, bei Peter Maffay- oder Michael Jackson-Konzerten, hysterisiert schluchzend und heulend artikulierten und sich kreischend am Boden wälzten, mag daran liegen, dass Knut keine Pop-Konzerte gibt. Noch nicht!

Wir waren alarmiert und befürchteten das Schlimmste! Wir führten nun in den betroffenen Klassen Gespräche, an denen die zuständigen Schulpsychologen und wir als Vertreter des Elternrates teilnahmen. Das letzte Mal, als wir einen solchen pädagogischen Aufwand betrieben hatten, war anlässlich einiger Gewaltexzesse im benachbarten Viertel. Alle an der Institution Schule beteiligten Parteien, also Schüler, Lehrer, Eltern, einigten sich auf einen Schulvertrag, in dem die Schüler sich verpflichten, ihre schulischen und häuslichen Verpflichtungen nicht mehr zugunsten der Knut-Verehrung zu vernachlässigen. Im Gegenzug verpflichtete sich die Schule, das Thema Knut und alle damit zusammenhängenden Themen in allen Fächern in den Unterricht zu integrieren.


Zum Beispiel soll/sollen…
das Verhältnis Mensch Tier im Ethik-Unterricht behandelt werden; anatomische Besonderheiten, Sexualverhalten der Eisbären, ihre Lebensweise im Biologie-Unterricht;
die Besonderheiten ihres Sozialverhaltens und Parallelen und Abweichungen im Vergleich zum menschlichen Sozialverhalten in Soziallehre;
die arktischen Räume in Geographie, Englisch und Russisch;
die Eisbären, ihre Hierarchien in den seltenen Momenten des Zusammenlebens (wie in der Hudson-Bay) und ihr Verhältnis zur übrigen arktischen Tierwelt zur Vorbereitung aufs Betriebspraktikum;
die Veränderung der arktischen Temperaturen im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte und die Wahrscheinlichkeit der künftigen Klimawandlungen im Mathematik-Unterricht;
den Goldenen Schnitt am Beispiel des Eisbären in Geometrie und Kunstgeschichte;
das Thema Wasser und Eis im Physik-Unterricht;
das Thema „Der Eisbär und seine Rolle als Gottheit in der animistischen Urreligion der Inuits“ im Religions-Unterricht;
der Eisbär als Objekt von Gebrauchs- und Kultgegenständen der Inuits sowie ihre Rezeption im europäischen und nordamerikanischen Raum im Kunstunterricht;
das Märchen „Die Bücher der Chronika der drei Schwestern“ von Musäus im Deutschunterricht;
Leben und Werk des Bildhauers Francois Pompon im Französischunterricht;
das Studium der Eisbären-Figur und ihrer Vollendung in der Bewegung wahlweise im Kunst- oder Sportunterricht;
Sprache, Laute, Gestik und Mimik der Eisbären im Musik-Unterricht.

Die beiden letztgenannten Punkte können ersatzweise auch im Fach Eurythmie gelehrt werden. Abenteuer- und Forscher- Literatur über die Arktis sind künftig integrativer Bestandteil des Deutsch- bzw. Gesellschaftskunde-Unterrichts.

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Es wurde vorgeschlagen, die Schule in Knut-Schule umzubenennen. Der Antrag wurde bei der Schulbehörde eingereicht und bearbeitet, mit Aussicht auf Erfolg, wie uns einer der Ghostwriter des Bürgermeisters, Verschwiegenheit anmahnend, mitteilte. Allerdings erhob der leitende Oberschulrat Widerspruch gegen diese neue Sitte, berühmte Tiere zu Vorbildern der nachwachsenden Generationen zu ernennen.

Da könne man die Schule ja gleich nach Flipper oder Lassie oder Micky Maus benennen. Warnend verwies er auf die Kalle-Anka-Schule in Göteborg, deren Schüler sich mehr für Comics als für Selma Lagerlöf und Strindberg interessierten. In die Schlagzeilen geraten war die Schule wegen der angeblich höchsten Fehlquote von Lehrern und Schülern innerhalb der EU. (Kalle Anka ist in Schweden der Name für Donald Duck.)
Der Oberschulrat war zu Kompromissen bereit, schlug vor, im Namen einen übergeordneten Zusammmenhang herzustellen. Man einigte sich auf den etwas umständlichen Namen „Knut-Schule für nachhaltige Entwicklung“. Hannes Weiler, Ronny Greiff und Robert Robbe enthüllten gemeinsam den Namenszug, der nun über der Eingangstür der Schule prangt. Sie waren seitdem häufiger an unserer Schule zu sehen; als Experten in Sachen Zootiere ließen sie sich gerne im Unterricht befragen. Um die Fehlzeiten der Tierpfleger zu kompensieren, arbeiteten viele engagierte Schüler in ihrer Freizeit und unentgeltlich und halfen den Tierpflegern bei der Arbeit.
Nach einstimmigem Beschluss der Schulkonferenz sind Projekttage vorzugsweise im Zoo zu verbringen, wo die Schüler zum Beispiel lernen können, dass Knuts Pelz zwar weiß scheint, das einzelne Haar aber farblos ist. Und sie werden zu der Erkenntnis gelangen, dass der Träger dieses farblosen Pelzes beileibe keine farblose Persönlichkeit ist. Für Klassenreisen bietet sich neben Grönland, Spitzbergen und Kanada Paris an. Tier-Bildhauer Francois Pompon ist weltberühmt für die charakteristische Darstellung von Wesen und Bewegung der dargestellten Tiere (in Vollendung dargestellt in der Plastik von Knut, später im Berliner Zoo als Kopie zu bewundern, das Original steht im Pariser Musée d’Orsay).

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Es gibt Kritiker, die finden, dass das Knut-Thema an unserer Schule einen zu großen Raum einnehme, selbst aber keinen Rat für Eltern und Pädagogen wissen, wie mit der exzessiven Knutomanie der sensiblen Heranwachsenden kreativ und kanalisierend umzugehen sei. Mit Verboten allein ist der Knut-Kult nicht zu bewältigen. Wir denken, dass wir mit diesen Maßnahmen Schaden von Berlin abwenden und die altersgemäße Begeisterungsfähigkeit in verträgliche Bahnen umlenken. Sollte sich bei diesem oder jenem Schüler nun eine gewisse Müdigkeit beim Thema „Knut und die Folgen“ einstellen, so können wir nur sagen, dass so etwas bei fast jedem Projektthema passiert und in diesem Falle durchaus beabsichtigt ist.

Jedenfalls sehnen wir, die betroffenen Eltern und Lehrer, den Tag herbei, in denen unsere Kinder sich für ganz normale Pop- oder Filmstars oder für Vorbilder in Wissenschaft und Kultur erwärmen. Als wir vor Weihnachten im Nussknacker–Ballett waren, einer opulenten und sympathisch altmodischen Inszenierung, glaubten wir uns diesem Ziel sehr nahe. In der Pause beobachteten wir hoffnungsfroh die glänzenden Augen und roten Wangen unserer Tochter. Sie sah sich als Hauptdarstellerin und umschwärmt von den hübschen und attraktiven Balletttänzern, die in Husarenuniformen die kraft- und kunstvollsten Figuren und Pirouetten vollbrachten. Ihre Begeisterung hielt viele Tage an. Um uns dann zu gestehen, dass sie während der Aufführung immer Knut habe mittanzen sehen, mit Stulpenstiefelchen und einer knappen Livree-Jacke, königsblau mit silberner Litze. Plötzlich sei er mit den jungen Husaren die Treppe heruntergetänzelt und habe sich harmonisch in ihren Reigen gefügt, zwar noch etwas ungelenk, aber rhythmisch vollkommen sicher und ihnen an jugendlicher Schönheit und Anmut nicht nachstehend.

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Aber wir wollen uns nicht wirklich beklagen. Es gibt schlimmere Laster. Und leidenschaftlich darf unsere Tochter schon sein. Vielleicht wird sie später mal eine leidenschaftliche Lehrerin. Oder Tierärztin. Oder Finanzbeamtin.
Überhaupt muss jetzt mal das Positive herausgestellt werden. Es gibt Stimmen in der Schulbehörde und an den Schulen, die dafür plädieren, die Knutomanie nicht lediglich mit den beschriebenen Methoden aufzufangen und irgendwann „herunterzufahren“; sondern bewusst als pädagogischen Ansatz weiterzuentwickeln. Vielleicht auch mit anderen geeigneten Vorbildern. Denn die Gewaltexperten, die die Schulentwicklung begleiten, haben festgestellt, dass die Gewaltquote an den Berliner Schulen sich umgekehrt proportional zum Anteil der knutomanischen Schüler verhält.
In acht Wochen soll ein pädagogisches Symposium zum Thema stattfinden. Für die Podiumsdiskussion gibt es Anfragen an den großen Pädagogen Hartmut von Hentig, an den Leiter der Rütli-Schule Berlin-Neukölln, an die neue Hamburger Schulsenatorin Christa Goetsch und an das finnische Ministerium für Schulbildung.
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » So 20. Dez 2015, 08:21

Nachtgedanken von Eveline Felsengeld, aus: „Tierpsychologie heute“, Mai 2008

Verschlossen und verriegelt! Ich war gefangen, im Vorraum des Restaurants. Den Toilettenbesuch kurz vor Feierabend würde ich teuer bezahlen müssen. Ich bummerte gegen die Türen. Niemand hörte mich. Das Licht im Restaurant verlosch. Bald klebte ich wie ein Gecko an der gläsernen Außentür. Einige Leute aus der Ferne bemerkten mich, winkten mir freundlich zu. Ich war der klassische Fall: eingeschlossen, vergessen. Die bunten Seiten der Zeitungen waren damit gefüllt: Oma auf dem Autobahnrastplatz vergessen, nach 500 Kilometern war das dem aufgeweckten Enkel aufgefallen. Der erfolgreiche Film „Brot und Tulpen“ ermöglichte der auf einem Rastplatz vergessenen, bis dato biederen Ehefrau den Einstieg in ein aufregendes neues Leben. Welche Abenteuer würde ich erleben, welches neue Leben würde ich beginnen? Es dämmerte. Noch einmal kippte ich meinen Rucksack aus. Kein Telefonino. Ausgerechnet heute hatte ich es vergessen.

Ich musste eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, fror ich. Meine Glieder schmerzten etwas. Ich hopste, machte Hampelbewegungen, lief im kleinen Rund. Draußen war es einigermaßen hell, wir hatten beinahe Vollmond. Kein Mensch zu sehen. Ich legte noch einmal den Türhebel um, versuchte es mit Druck, warf mich mit all meiner Kraft gegen die Tür – und stolperte ins Freie. Das war doch nicht zu fassen, da drückte ich mich in meinem Toiletten-Verlies herum, und die Tür ließ sich öffnen! Wahrscheinlich hatte ich beim ersten Versuch nicht genügend Nachdruck in meine Bemühungen gelegt, wohl in der unbewussten Erwartung, dass ich keinen Erfolg haben würde. Die Tür hatte so was von verschlossen und verriegelt ausgesehen, die war keinen Schulterbruch wert! Was nun? Draußen war es nicht gerade wärmer, dafür aber heller. Vielleicht fand ich den Nachtwächter. Von den Raubkatzen hielt sich keine im Außengehege auf, so weit ich erkennen konnte. Die Bäume rauschten leise.

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Der Marabu stand immer noch auf einem Bein im Gehege, als hätte er sich den ganzen Tag und diese halbe Nacht nicht bewegt. Er hob aber seine Pupillen, als ich ihn ansprach und lauschte meiner Stimme aufmerksam, so schien es mir. Ich lobte ihn für seine majestätische Gestalt, für seinen Stoizismus. Und ich entschuldigte mich dafür, dass ich ihm bei meinen bisherigen Besuchen zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet hatte, wenn auch mit schlechtem Gewissen. Auf dem Schild stand unter den Erklärungen, dass er als einer der hässlichsten Vögel der Welt galt. Das fand ich diffamierend und empörend ungerecht. Er stand häufig auf einem Bein, manchmal stakte er wie ein Storch auf Insektenjagd, meistens gemessenen Schrittes, manchmal eiliger. Er war mindestens so gravitätisch wie Storch oder Pelikan. Wie dem Pelikan war ihm eine gewisse Schwermut eigen. Die herabsetzenden Zuweisungen der Brehm-Nachfolger machten ihn mir erst recht sympathisch, so dass ich mich verpflichtet fühlte, seine Stimmung aufzuhellen.

Wegen der einseitigen und damit anstrengenden Kommunikation verabschiedete ich mich, versprach aber, später nach einer ersten Runde wieder vorbeizukommen. So komisch es sich anhört - ich hatte Befürchtungen, dass mich jemand hörte. Bald war ich bei den Robben und Pinguinen. Sie waren nicht zu sehen. Irgendwo platschte es. Bei der Waldschänke prüfte ich alle Türen, diesmal um eventuell hineinzugelangen. Nichts. Die weißen Wölfe leuchteten im Mondenschein, sie schliefen. Auch ungewohnte nächtliche Besucher interessierten sie nicht. Bei den Bären war nichts zu entdecken. Aber Knut schlummerte auf seinem Sandlager. Ich hatte schon gehört, dass er nachts die Wahl zwischen Innenkäfig und Außengehege hatte und frei pendeln konnte.

Endlich einmal hatte ich Knut für mich! Ich konnte ihm was erzählen, ohne von anderen Zuhörern für wunderlich gehalten zu werden.
Na, Knut, schläfst du schön? Du kannst wohl immer schlafen. Fast den ganzen Vormittag schläfst du, und auch noch nachts. Wenn ich es recht bedenke, wirst du nur zum Essen wach. Du Faulpelz.
Entschuldige, ich meine das nicht wirklich ernst.
Wir finden ja, dass du ganz toll spielen kannst, obwohl du ja seit vielen Monaten alleine bist. Als du noch mit deinen Pflegern Vorstellungen gegeben hast, hast du ausgelassen und wild mit ihnen getobt. Alle Welt war hingerissen von dem kleinen Bären, der immer raufboldiger wurde und doch noch so klein und niedlich war. Aber seit du alleine im Gehege bist, haben wir eine große Überraschung erlebt. Du kannst derart phantasievoll spielen, auch ganz alleine, dass wir ganz hingerissen sind. Wir können dir stundenlang zuschauen, und manchmal bist du ja auch ununterbrochen und stundenlang in Gang. Ich habe deinen Pflegern schon öfter Komplimente gemacht, was du für ein gelungener und intelligenter Bär bist, und dass das ihr Verdienst ist.Bevor wir dich kennenlernten, hatten die meisten von uns keine Ahnung, was Bären sind. Die meisten hängen schlapp herum, wenn man sie im Zoo sieht. Erst du hast mir klar gemacht, was für aufregende Tiere Bären sind. Wobei ich glaube, dass du ein ganz besonderer Bär bist. Schon wegen deiner Geschichte.

Du wunderst dich, dass ich tagsüber so viel schlafe? Das hängt damit zusammen, dass nachts die düsteren Gedanken kommen, die meinen Schlaf so zerbrechlich machen. Wie schwarze Vögel fliegen sie in meine Träume. Mein Herz fängt an zu bummern, meine Kehle drückt sich zu, und jappend wache ich auf.

Passiert das öfter?

Jede Nacht.

Schläfst du dann wieder ein?

Nein. Dann bleibe ich wach. Ich hoffe immer, wieder einzuschlafen. Manchmal, sehr selten, passiert das auch.

Kannst du dann nicht Schäfchen zählen?

Du vergisst, dass Schäfchen zählen für Bären eine sehr aufregende Tätigkeit ist.

Das stimmt. Ich vergaß.
Was sind das denn für dunkle Gedanken, die dein Herz bummern lassen?

Ich kann mich nie daran erinnern. In den tiefsten Schlaf, in heitere Träume schleichen sich diese Nachtmahre, mit scharfen Schnäbeln und krallenbewehrt.

Das erinnert mich an Goya, der hat solche Nachtmahr-Bilder gemalt.

Ich weiß.

Und tagsüber?

Wie weggeblasen. Sowie der erste Pfleger kommt und das Geklapper für das Frühstück einsetzt, bin ich wieder froh gestimmt und freue mich aufs Essen und auf den Tag. Dann kommen auch schon die ersten Besucher, und beruhigt lege ich mich auf mein Lager. Abends habe ich Angst, wenn die letzten Besucher gegangen sind.

Willst du es nicht einmal bei Dr. Beck probieren?

Bei dem war ich schon. Die Baldrian-Tropfen haben nichts gebracht. Er versteht mich nicht. Ein Doktor Doolittle ist er nun mal nicht.

Hat Claudia dir die Geschichte vorgelesen?

Nur den ersten Band.

Woher mögen deine Ängste denn kommen? Du hast doch eine glückliche Kindheit gehabt!

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Das stimmt. Dafür bin ich Hannes auch dankbar. Aber in den langen schlaflosen Nächten sind mir Zweifel gekommen. Und ich habe jetzt das Gefühl, dass meine Kindheit von Verrat, Betrug, Intrige und Arglist bestimmt war.

Um Gottes willen, Knut, was sind das für Gedanken?

Heiter ist meine Kindheit nur dem Scheine nach. Erinnere dich doch mal genau:
Ich bin in diese Welt gekommen und weiß nicht wie. Ich spürte Wärme und Geborgenheit, Berührung und Zärtlichkeit. Mein Hunger wurde gestillt. Ich öffnete die Augen und erblickte meine Mutter. Ich dachte, ich sei ein Mensch und erlebte mich als Mensch.
Ich entdeckte den Betrug und erlebte den Verrat. Ich glaubte mich frei und entdeckte mich als Gefangenen. Ich lebte scheinbar nach meinem Willen und entdeckte meine Fremdbestimmtheit.

Das hört sich ja sehr düster an. Hast du etwa auch Shakespeare gelesen?

Den nicht. Aber Andorra (von Max Frisch, A. K.) habe ich gelesen. Kennst du das Stück? Jedenfalls ist der Andri, die Hauptperson, nicht der, der er zu sein schien. Er ist nicht der Sohn seiner Eltern. Die Leute glauben, dass er ein anderer ist, als sie selbst, und zwar ein Jude. Sie verbreiten die Lügen, die über Juden im Umlauf sind, und unterstellen deshalb dem AndriEigenschaften wie Geldgier, Falschheit, Lüsternheit. Weil alle das sagen, glaubt Andri schließlich selbst daran. Am Ende stellt sich heraus, dass Andri doch der Sohn seines Vaters ist. Aber da ist es zu spät. Andri wird ermordet.

Aber Knut, du denkst doch nicht etwa, dass man dich umbringt? Der Vergleich geht nun wirklich zu weit! Willst du dich ernsthaft mit Andri vergleichen?

Nein, nein, das nicht. Ich denke nur an das Muster dieser Geschichte: Jemand wird als ein anderer behandelt als er ist. Auch ich darf nicht der sein, der ich bin. Nämlich ein unter Menschen aufgewachsener Eisbär. Die Menschen sehen nur die Eigenschaften in mir, die frei lebenden Eisbären in der Arktis zugeschrieben werden.
Manchmal hätte ich Lust, wirklich böse zu werden. Mich trösten nur Hannes und meine Freundinnen und Freunde vor dem Gehege.

Au! Ein schmerzhafter Tritt hatte mich getroffen. Ich öffnete die Augen und sah den Koch, wie er sich hochrappelte. Ich war offensichtlich im Eingangsbereich des Restaurants eingeschlafen. War ich nicht eben noch ins Gespräch mit Knut vertieft? Der Koch war über mich gestolpert und fluchte. Ich war befreit. Aber ich hätte das Gespräch mit Knut gerne fortgesetzt. Nach einem schnellen Frühstück, das mir die schuldbewusste Restaurantbesitzerin spendiert hatte, ging ich grüßend am Marabu vorbei, versprach, schnell wiederzukommen, und eilte zu Knut. Er gähnte, streckte sich und kugelte sich auf seinem Lager zusammen. Obwohl ich die erste Besucherin an diesem Morgen war, schenkte er mir keinerlei Aufmerksamkeit. Als kennten wir uns nicht.

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Anneliese
 
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