Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Di 22. Dez 2015, 08:16

Knut hat Angst

Aus: Der Tierfreund, September 2008, von A. Jordan

Es ist viel geschrieben worden über die Furchtlosigkeit dieser schönen großen Tiere, die über keinerlei Feinde verfügen als den Menschen und die Erderwärmung. Knut hat in verschiedenen Situationen aber Angst gezeigt und Hannes Weiler hat erzählt, dass Knut z. B. Angst hat, wenn er sich erschrickt, weil jemand plötzlich und unvermittelt vor ihm steht. Eines Tages, es war der 1. September 2008 gab es ein Gewitter. Die Schwüle des Tages entlud sich, als schon die „Spätschicht“ im Zoo eingetroffen war, darunter auch ich. („Spätschicht“ meint die Knut-Freunde, die erst nach des Tages Mühen eintreffen und Knut bis in die Dunkelheit hinein Gesellschaft leisten.) Knut hatte sich vorne auf seinem Sandberg niedergelassen, vielleicht um den Tag mit uns gemeinsam ausklingen zu lassen.

Plötzlich knallte es gewaltig. Alle erschraken. obwohl sie damit gerechnet hatten. Knut war wie der Blitz in seinem Käfig, um nach spätestens zwei Minuten wieder aufzutauchen und nach vorne zu rennen. Denn im Hof war niemand mehr anwesend. Er war sichtlich in Panik, hatte die Ohren angelegt, rannte ziellos umher, sprang in den Graben, schnellte an der Scheibe hoch, wusste, dass er die Barriere zu seinen Freunden nicht überwinden konnte, rannte wieder nach oben, hierhin und dorthin, versuchte, zum Sprung abzuheben, nahm Maß, erkannte, was er bereits wusste, nämlich dass er die Kluft nicht überwinden konnte, rannte wieder hin und her, seine Blicke immer auf seine Freunde gerichtet. Mit jedem neuen Donnergetöse versuchte er der unsichtbaren Gefahr zu entrinnen und wäre wohl am liebsten seinen Freunden in die Arme gesprungen. Alle riefen ihm beruhigende Worte zu. Sie wirkten.

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Mittlerweile prasselte der Regen, doch niemandem fiel es ein zu gehen. Die meisten hatten der Wettervorhersage geglaubt und Regenschirme mitgebracht. So standen wir im Gespräch mit Knut vor seinem Gehege. Es war eine ethische Frage zu lösen: Durfte man Knut in seiner Angst fotografieren? Die Frage beantwortete der Regen, der nun einen dichten Vorhang wob. Knut hatte die Ohren immer noch angelegt, lief nun aber gemäßigteren Schrittes seine Strecke ab:

Von seinem sandigen Ruheplatz mal unten herum über seinen Fressplatz hoch zu den Baumstämmen, zurück „über Land“, den Blick immer auf uns gerichtet. Dann wieder anders herum. Beim nächsten Donnerschlag beruhigte ihn Jessie: „Das ist nichts, Knut. War nur ein Flugzeug.“ Seine Nachbarin widersprach: „Das war doch kein Flugzeug, das war doch ein Donnerknall!“ Worauf Jessie murmelte: „Nur für Knut. Vor Flugzeuge fürchtet er sich nicht.“

Das Gewitter war vorbei. Der Regen aber hielt an. Regen störte Knut schon lange nicht mehr. Hatte er noch vor einem Jahr beim leichtesten Sommerregen pikiert nach oben geblickt und schleunigst, wie eine empfindliche Diva, Schutz unter einem Vorsprung oder im Eingang seiner Höhle gesucht, so packte er sich jetzt, wohl verwahrt in seinem Polarpelz, auf seinen Sandplatz.
Es wurde dunkel, Knut schloss die Augen, und leise schlich sich die Spätschicht nach Hause.

Übrigens fand man in der Werkzeugkiste, zusammen mit dem Papst-Benedikt-Bericht, einige bekritzelte Knäuel Papier, die man zeitlich und inhaltlich nicht einordnen konnte. Und die noch schwerer zu entziffern waren als seine sonstigen Aufzeichnungen, weil die Schrift noch krakeliger war als gewohnt.
Es könnte sein, dass Knut auf genau dieses Ereignis eingeht.
Wir lassen ihn hier zu Wort kommen.




Himmel und Hölle

Während ich dies schreibe, zittert meine Pfote immer noch. Gestern Abend ist es wieder passiert. Ich liege gerade auf meinem Schlummerplatz, lege gemütlich meinen Kopf auf meine Pfoten, da knallt es. Gewaltig! Ohrenbetäubend! Durch Mark und Bein! Zerfetzend! Ohne Besinnung schoss ich los wie der Blitz, in meine Höhle. Schuss, Bombe, Explosion, das war alles gar nichts. Durch Mark und Bein fuhr mir der höllische Knall. Es ist Krieg!, schoss es mir durch den Kopf. Die Außerirdischen kommen! Die Unterirdischen! Jetzt öffnet die Hölle ihren glühenden Schlund. Es kreißt die Erde. Ein feuriger Strom bricht sich Bahn. Bald drängen die teuflischen Geschwader herbei. Schon sieht man ihren flammenden Atem, hört ihre rasselnden Waffen. Sie stürmen und drängen.

Hilfe, Hannes, Hilfe!

Niemand zu sehen.

Hilfe!!!

Ich rannte raus, dahin, wo meine Freunde waren. Gottseidank, sie waren noch da, hatten sich nicht vom Fleck gerührt. Ich stürzte in den Graben, sprang an der Scheibe hoch, konnte sie nicht überwinden. Ungerührt spiegelte sie mir mein Entsetzen. In meiner Panik hatte ich auf ein Wunder gehofft. Wurde nicht gerade das Unterste nach oben gekehrt?

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Entsetzt und von Furcht geschüttelt rannte ich auf meinen Schlummerplatz, dahin, wo ich meinen Freunden am nächsten bin. Ich krümmte mich zum Sprung, eine überirdische nie gekannte Energie spannte meinen Körper. Schon hob ich die Vorderbeine, taxierte das rettende Ufer, an dem meine Freunde standen, bereit, mich zu empfangen. Da vernahm ich Jessies Worte: Ist nur ein Flugzeug, Knut! Ich stockte. War das wahr? Nur ein Flugzeug? Ich hatte mich umsonst zu Tode erschreckt? Kam der betäubende Knall vom Flugzeug? Da hörte ich Jessies nunmehr flüsternde Stimme: Nur für Knut. Vor Flugzeugen fürchtet er sich nicht!
Er hatte mich also reingelegt! Nein, das ist nicht das richtige Wort. Er wollte mich beruhigen! In guter Absicht also. Wieder setzte ich zum Sprung an. Aber plötzlich war der Abgrund größer geworden. Unüberwindbar. Ich sank zurück. Rannte hin und her, unten am Graben entlang und oben herum.

Da knallte es wieder. Ich rannte bis zum Eingang meiner Höhle, wieder zurück. Die Freunde waren noch da. Sie standen einfach so da. Als wäre nichts passiert! Sie unterhielten sich gar, oder sprachen zu mir. Völlig ruhig. Wussten sie denn nicht, was geschah? Stand denn nicht der Weltuntergang bevor? Waren sie völlig ahnungslos? Ich jagte hin und her, meine Freunde immer im Auge. Gemütlich holten sie ihre Regenschirme heraus. Spannten sie auf. Ist doch gar nichts los! Sagten sie. Kein Grund zur Aufregung! Morgen wird wieder ein schöner Tag. Geh noch ein bisschen spazieren. Oder unterhalte dich mal mit uns. Was hast du denn heute erlebt? Hattest du einen schönen Tag?

Knut, im Ernst, das ist nur ein Gewitter. Hört sich an wie der Untergang, ist aber nur ein einfacher physikalischer Vorgang. Es ist, wie wenn du in der Futterküche einen Eimer herunterschmeißt. Darüber hast du dich ja auch erschrocken. Das hat richtig Krach gemacht. Wie das Gewitter auch. Lass dir mal von Hannes erklären, warum es bei Gewittern kracht. Das macht allen Kindern Angst, und sogar manchem Erwachsenen. Meine Oma kriecht immer unters Bett bei Gewitter und stopft sich mit Daunendecken und Kissen die Ohren zu. Obwohl sie weiß, dass Gewitter ihr nichts tun! Allerdings hat sie auch den Bombenkrieg in Berlin miterlebt. Daran müssen viele ältere Menschen denken, wenn sie Gewitter erleben. Kann man ja verstehen. Aber du? Naja, Hannes lässt dich manchmal heimlich fernsehen. Wer weiß, was du da alles gesehen hast!

Jetzt fiel mir ein, dass ich schon einmal ein Gewitter erlebt hatte. Ich war noch kleiner, hatte Zuflucht im Wasser gesucht. Ich war auch damals ganz konfus gewesen. Aber die Freunde standen mir wie immer zur Seite. Allerdings war das Gewitter nicht so laut und schlimm gewesen wie heute.

Und so beruhigte ich mich, dachte an den vergangenen Tag. Es war warm gewesen, geradezu drückend. Tagsüber war ich viel im Wasser und habe toll gespielt. Hannes ist wieder da. Ich bin unendlich erleichtert. Aus meiner Mahlzeit hat er mir ein Fest gestaltet. Ich habe gute Dinge zu essen bekommen. Vorab flog schon mal ein Fisch herüber, als Hannes noch bei den Braunbären war. Und heute Vormittag kam plötzlich vom Hof her ein Croissant geflogen. Hannes weiß, was Bärenherzen glücklich macht! Jetzt, nach dem Urlaub, lässt er sich feine Sachen einfallen. Er hat von den Besuchern gehört, dass es mir während seiner Abwesenheit gar nicht so gut ging.

Er hat die einzelnen Happen an ungewohnte Orte geworfen: an den Wasserfall oben, unter die Baumstämme, dann abwechselnd in den Graben links, in den Graben rechts, bis an die Grabenbiegung, vorne an die Glasscheibe, in den kleinen Teich unten. Ich musste ordentlich rennen, es machte mir Spaß. Zum Schluss hat er nach oben geradeaus und links und rechts und ganz hinten Hände voller Leckereien geworfen. Das Spazierengehen war spannend geworden! Den ganzen Nachmittag durchkreuzte ich mein Gelände und fand auch noch nach Stunden einzelne Lieblingsleckerli. Eigentlich für Hunde gedacht, aber die haben wohl auch einen guten Geschmack. Und dazwischen hatte er ein Stück Eisbärkonfekt versteckt, neben Nougat- meine Lieblingspralinen, ohne Stanniolpapier, damit ich das in meiner Gier nicht mit verschlang.

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Und dann, als ich schon dachte, dass Schluss ist, hat er mir was Wundervolles in den Graben geworfen. Einen gewaltigen Knochen! Der musste von einem Riesen stammen! Ich kriegte ihn kaum an Land. Immer wieder fiel er mir runter. Auf meiner Felsen-Tischplatte habe ich ihn mir erst einmal schön hingelegt und betrachtet. Von welchem Tier er stammte, will ich mal nicht so genau wissen. Aber es muss ein Dino oder Mammut gewesen sein. Und jede Menge Fleisch war dran, marmoriert und wohlschmeckend. Ich glaube, so eine tolle Überraschung habe ich noch nie gekriegt. Ihr merkt schon, ich gerate richtig ins Schwärmen. Als ich am Teich ein Croissant entdeckte, wollte ich das natürlich auch sichern. Aber den Knochen wollte ich nicht alleine lassen, wer weiß, vielleicht kamen plötzlich eine Dino-Krähe oder ein entflogener Geier im Sturzflug vorbei. Jedenfalls schleppte ich den Riesenknochen mit, verlor ihn einige Male, schleppte ihn weiter, verspeiste genüsslich das Crossi und drehte dann mit dem Mammutknochen zur Freude der Besucher eine Ehrenrunde.

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Jetzt habe ich mich doch wieder verplaudert. Aber das ist ja ein gutes Zeichen! Meine Pfote ist schon ruhiger geworden, obwohl der Riesenknochen auch ein aufregendes Thema ist.

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Jetzt merke ich doch, dass ich müde bin. Bleibt noch ein bisschen, liebe Freunde.
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Mi 23. Dez 2015, 08:25

Geheimbündelei


Diesen Beitrag bringen wir trotz sorgfältiger Prüfung nur mit Bauchschmerzen. Die Quelle ist glaubwürdig. Doch kommt uns die Begebenheit, von der berichtet wird, sehr unwahrscheinlich vor. Andererseits ist die ganze Knut-Geschichte so phantastisch, dass uns vieles ebenso möglich wie unmöglich erscheint. Jedenfalls haben wir uns entschlossen, diese Quelle unseren Lesern zugänglich zu machen. Mit allen Vorbehalten.

So kamen wir zu dieser Geschichte: Frau X. hatte im Nachlass ihrer Mutter Frau Y eine notariell beglaubigte Urkunde gefunden, die ihr rätselhaft erschien.

Zuerst drucken wir den Text der notariell beglaubigten Urkunde ab.

Heute sind hier in meiner Kanzlei folgende Personen erschienen.
(Es folgen Namen, Geburtsdaten und Adressen der sieben Anwesenden.)
Sie geben zu Protokoll:
Wir schwören hiermit bei Androhung nur uns bekannter Sanktionen, die Ereignisse im Berliner Zoo vom 1. September 2008 auf ewig in unseren Herzen zu beschließen. Niemand von uns soll je mit einer anderen Person über die gestrigen Ereignisse reden oder davon schreiben oder Andeutungen anderer Art machen. Knut war bei unserer Absprache dabei, kann aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht beim Notar erscheinen. Ihm wird der Text vorgetragen werden.

Berlin, 2. September 2008

Es folgen die Unterschriften.

Hier der Bericht von Frau X:
Meine Mutter hatte in den Jahren 2007 und 2008 Knut im Berliner Zoo erlebt und viel von ihm erzählt. Was für eine innige Beziehung er zu seinem Ziehpapa gehabt habe. Wie niedlich er als Kleinkind gewesen sei. Wie toll er gespielt habe, erst mit den Pflegern, dann allein. Er habe sogar gelernt, mit den Zuschauern Ball zu spielen. Er habe sich selber beigebracht, mit dem Maul den Ball über die Trennscheibe zu werfen, und die Zuschauer lernten, den Ball zurückzuwerfen, den Knut dann wieder zurückschleuderte, den die Leute dann wieder zurückspielten, und so weiter. Die Altenpflegerinnen hatten so etwas noch nie gesehen, auch nicht im Zirkus. Doch ich konnte ihnen bestätigen, genau das bei einem Zoobesuch als Jugendliche erlebt zu haben.

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Seine Ballbegeisterung und sein Bedürfnis nach Spielpartnern brachten ihn dazu, Bälle zu den benachbarten Braunbären hinüberzuwerfen. Doch die waren nicht auf seinem Niveau und wussten mit seiner Aufforderung zum Ballspiel nichts anzufangen. Er wurde dabei beobachtet, wie er mit einem Quietschball in der Schnauze sich gegenüber den Lippenbären positionierte. Dann wurde gefilmt, wie er den Ball hinüberwarf. Auch die Lippenbären kapierten nicht und vermochten Knuts Einladung zum interaktiven Spiel nicht wahrzunehmen.

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Im Winter war endlich mal Schnee gefallen. Kinder hatten angefangen, Knut Schneebälle hinüberzuwerfen. Dieser ging sofort darauf ein, versuchte mit der Schnauze die Schneebälle aufzufangen, was ihm häufig gelang. Die nicht gefangenen Schneebälle suchte er und trug sie stolz umher, bevor er sie verspeiste. Meine Mutter behauptete, sie habe Knut dabei beobachtet, wie er mit seinen ungeschlachten Pfoten Schnee zusammenschob. Sie vermutete, er habe versucht, selbst einen Schneeball herzustellen, dann aber schnell aufgegeben.

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Meine Mutter erzählte auch, wie verspielt Knut war und dass er am liebsten mit Kindern spielte. Diese Vorliebe konnte man beobachten, wenn er an der Scheibe hochsprang, vorzugsweise da, wo Kinder standen. Gelegentlich kam er tatsächlich mit Kindern zusammen. Mit dem achtjährigen Joschi war er freundlich und verspielt, knabberte und kletterte an ihm herum, und kurz darauf kickte man sich den Ball zu.

Eine weitere Episode: Im Juni 2008, an einem warmen Abend, näherte sich ein Junge, auch ungefähr acht Jahre alt, dem Gehege. Er spielte mit einem großen Nivea-Wasserball, kam ans Gehege und schlug mit der Hand den Ball auf. Knut rannte nach vorne, die Ohren hochgestellt, mit einem höchst interessierten und animierten Gesichtsausdruck. Oh, ein Junge, und auch noch ein Ball! Der will mit mir spielen. Da sage ich nicht Nein. Endlich Gesellschaft. Und Aktion. Dann erkannte Knut, dass der Junge ihm den Ball nicht rüberwerfen würde, dass er schon gar nicht zu ihm kommen würde, und Knut guckte enttäuscht und resigniert. Verlegen blickte er nach unten, scharrte ersatzweise mit der Pfote im Gras. Wie oft war er schon enttäuscht worden, allein gelassen, sich selbst überlassen. Die Resignation war ein Teil seines Alltags geworden. Die mitleidigen Zuschauer sorgten dafür, dass der Junge nicht mehr mit dem Ball auftippte. Er wurde gebeten, die Luft herauszulassen, damit Knut den Ball nicht mehr sehnsüchtig anschauen konnte. Die zusammgefallene Hülle wurde versteckt, der Junge zeigte Knut die leeren Hände.

Diese Geschichte und ähnliche erzählte meine Mutter immer wieder. Zuletzt jedoch tischte sie eine Begebenheit auf, die ganz und gar unwahrscheinlich war.
Knut mochte Gewitter nicht. Wenn ein Gewitter angekündigt war, kamen besonders viele Besucherinnen in den Zoo, um ihn bei Bedarf beruhigen zu können. Bei einem solchen Sommergewitter, Knut sei schon nicht mehr ganz klein gewesen, habe er große Angst gehabt. Der Donnerhall sei besonders eindringlich gewesen, und obwohl er schon ein oder zwei Gewitter erlebt hatte, konnte er den Lärm überhaupt nicht einordnen. Es sei bereits Feierabend gewesen, Herr Weiler nicht mehr anwesend und die anderen Pfleger auch nicht. Knut suchte spontan Zuflucht in seinem Käfig (dem „Fenster zum Hof“), rannte zurück und wirr hin und her, sprang in den Graben und an der Scheibe hoch.

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Auf seinem Sandberg war er dem Publikum am nächsten. Er nahm Maß – und landete tatsächlich auf dem gegenüberliegenden Ufer. Hier der Bericht der Altenpflegerin, die einige Erzählungen meiner Mutter aufgeschrieben hatte: „Dort guckte er uns immer noch mit angsterfüllten Augen an und versuchte, über das Gitter zu klettern, was nicht auf Anhieb gelang. Dass er Schutz bei uns suchte, war eindeutig. Wir sprachen ihm gut zu, damit er sich beruhigte. Wir lobten ihn für seinen entschlossenen Sprung, und als es ihm nach mehreren Versuchen immer noch nicht gelungen war, das Gitter zu überwinden, griffen die Kräftigsten von uns entschlossen unter die Vorderbeine und den Oberkörper, und er plumpste herüber. Er lief aufgeregt von einem zum anderen, wohl auf der Suche nach den Leuten, die er am besten kannte. Wir sprachen beruhigend auf ihn ein und streichelten ihn. Langsam schien er sich zu beruhigen. Wir bildeten einen Kreis um ihn. Es war nun schon recht spät, und wir hatten Angst, dass jemand vom Sicherheitsdienst auftauchte und diesem Treiben ein Ende bereitete. Wenn bekannt würde, dass Knut aus seinem Gehege gesprungen war, würde er möglicherweise als Sicherheitsrisiko eingestuft und in seinem Käfig eingesperrt. Auch fürchteten wir, dass ein solcher Vorfall Knuts Weggang in einen anderen Zoo beschleunigen könnte.

Wir blickten gerührt auf Knut, der sich nun langsam beruhigte und uns mit seinen braunen Augen vertrauensvoll ansah. Immer mal wieder hatten wir darüber spekuliert, ob er uns was tun würde, wenn wir das Glück hätten, mal mit ihm zusammenzutreffen, so ganz ohne Barrieren. Vorsichtshalber hätten wir es zwar besser gefunden, wenn Herr Weiler uns ihm vorstellen würde. Dann würde er uns ganz sicher unter die Artgenossen einordnen. Einige hatten Bedenken wegen seines beträchtlichen Gewichtes. Wenn er uns spielend antickte, könnten wir leicht umfallen. Und würde er wirklich nur an unserer Kleidung zupfen?

Knut lief nun nicht mehr aufgeregt hin und her, sondern setzte sich auf seine vier Buchstaben und lauschte unseren Komplimenten. Gisela fütterte Knut mit Birnen aus dem Schrebergarten, außergewöhnlich süß und aromatisch. Ich hatte sie schon vorher probieren dürfen. Die gefielen Knut. Jetzt durchsuchten wir alle unsere Taschen und Rucksäcke, und wir kramten allerlei Schätze hervor. Er bekam Schokolade (Vollmilch mit Nuss, Bitterschokolade, die gute Cadburry-Schokolade mit Nüssen und Rosinen) Traubenzucker, Zitronen-Bonbons, Marzipan, außerdem Datteln und Feigen, aber auch Oliven und Salzstangen. Auch Hasenbrote nahm er gern, das waren übrig gebliebene Stullen vom Tage. Kaugummi wurde aussortiert. Knut saß brav, aber aufmerksam da und ließ sich die Leckerbissen auf die breiten Oberseiten seiner Pfoten oder gleich in den Mund legen. Das Gewitter war vorüber, der Regen rieselte weiter und wir alle befanden uns in einem glückhaften Rauschzustand.

Uns wurde klar, dass bald der Sicherheitsdienst auftauchen musste. Einerseits wollten wir diese einmalige Situation ausdehnen und auskosten. Andererseits hatten wir Angst vor Entdeckung und den Folgen für Knut. Wir mussten ihn überreden zurückzugehen. Wir erklärten ihm die Situation, wiesen mit der Hand auf seinen Schlummerplatz. Geh schön rüber, Knut. Aber er verstand uns nicht. Oder er tat so, als würde er uns nicht verstehen. Schließlich wussten wir uns keinen anderen
Rat, als ihm mit gutem Beispiel voranzugehen. Neben dem Spielplatz waren ein paar lange Bretter gestapelt. Mit vereinten Kräften legten wir eine Brücke über den Graben und gingen hinüber auf den Sandberg. Dort lockten wir ihn, knisterten mit Schokoladenpapier. Komm schön hierher, Knut! Hier gibt’s Schokolade. Mmmmh, so lecker! Knut guckte interessiert und hellwach.

Für Knut legten wir zusätzlich ein paar Bretter schräg an das Geländer. Knut schaffte es unter Anleitung von Jessie und Michaela. Auf dem Sandberg erhielt er die restlichen Süßigkeiten. Ganz nach der Devise, dass Leistung wieder lohnt!

Unser Späher pfiff. Das Zeichen für den nahenden Wachmann. Die Bretter wurden eingezogen. Der Wachmann wurde von den Freunden vor dem Gehege in ein Gespräch verwickelt und ein Stück seines Weges begleitet. Wir verbargen uns im Eingang zu Knuts Käfig. Es war nun beinahe dunkel, und wir begannen unseren Rückzug auf die nun schon bewährte Weise.
Um Schaden von Knut abzuwenden, beschlossen wir, auf immer über diesen Vorfall zu schweigen. Wenn herauskam, dass Knut sich aus seinem Gehege befreien konnte, würde er sofort in seinen Käfig gesperrt werden. Und man würde sich vermehrt anstrengen, ihn zu verlegen. Weg von Berlin. Außerdem befürchteten wir, dass man ihn bewusst isolieren würde, um ihn von Menschen fernzuhalten. Einen heranwachsenden Eisbären, der die Menschen für seine Artgenossen hielt, konnte man nicht gebrauchen als Beispiel einer gelungenen Handaufzucht, die sich fortpflanzen sollte.

Wir ermahnten Knut, schön drüben zubleiben. „Sonst kommst du in den Käfig.“ Doris passte das nicht („Schwarze Pädagogik!“). Aber es half.

Am nächsten Tag verabredeten wir uns beim Notar. Wir hielten das Schweigen für so wichtig, dass wir unseren Schwur notariell beglaubigen lassen wollten. So geschah es. Schreckliche Strafen legten wir für den Verratsfall fest.“

Liebe Leser! Hier haben Sie den Bericht der Tochter über die Begegnungen der Frau Y mit dem Eisbären Knut. Wir müssen Sie mit Ihrer Urteilsbildung über die Glaubwürdigkeit dieser Ereignisse alleine lassen.

Sollte diese Geschichte tatsächlich so passiert sein, dann müssten wir sehr nachdenklich werden über Knuts eigene Gewitter-Erzählung. Hat der Bär gelogen? Ganz bewusst g e l o g e n ? Er schreibt so lebendig und eindrücklich, dass man hineingerissen wird in den Fluss seiner Erzählungen und nicht am Wahrheitsgehalt zweifeln mag. Er schreibt nur von einem V e r s u c h, den Wassergraben zu überspringen. Bei all seiner Intelligenz reservierte der Mensch lange Zeit sich allein die Fähigkeit zum Lügen und Täuschen. Folgt man dem eben wiedergegebenen Dokument, dann schien Knut so etwas allemal zu beherrschen. Schon länger hat man aber bei der Erforschung von Primaten, Rabenvögeln und auch anderen Tieren Verhaltensweisen beobachtet, die man als „Lüge“ und „Täuschung“ interpretieren kann.

Falls Knut gelogen und getäuscht haben sollte, was halten wir davon? Wir sind gegen das Lügen, und so soll es auch bleiben!
Andererseits freuen wir uns über den Intelligenzbeweis von Knut. Und handelte es sich nicht um eine Notlüge, weil Knut nicht von seinen Freunden getrennt werden wollte?

Teilen Sie uns Ihre Meinung mit! knut@baerenethik.de
Anneliese
 
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Do 24. Dez 2015, 14:38

HZ-Leser in Sibirien erinnert sich an Knut

HZ, 7.9.2029

Unsere Reporterin sprach mit ihm per Telefon. „Herr Pank, Sie sind gerade von einer Bohrstelle der Firma Promgaz & Putschrö aus Ostsibirien zurückgekommen. Wie ist das Wetter dort?“ „Gut. Tagsüber zehn Grad, nachts 8 Grad minus. Im Winter können uns 30 bis 40 Grad minus nicht erschüttern. Die Unterkünfte sind gut isoliert, und die kleine Stadt bietet alles, was man haben muss: Geschäfte, Kneipen, zwei Kinos, ein Sportzentrum, eine Bibliothek und ein Troparium. Und im kurzen Sommer kann es richtig warm werden.“ „Nun zur Sache. Sie haben in Sibirien auch Zeitung gelesen und deutsches Fernsehen empfangen können. Und da haben Sie von dem Eisbärentagebuch gelesen, welches man im Berliner Zoo gefunden hat.“
Wir lassen hier Herrn Pank, 30 Jahre alt, ausführlich zu Wort kommen:


Ja. Zuerst dachte ich ja, es würde sich um eine Fälschung von Tim Lummer handeln, der damals als Journalist vor nichts zurückschreckte. Er hatte Interviews verkauft mit Prominenten aus dem Show-Business, sämtliche erstunken und erlogen, aber gut geschrieben. Der Mann konnte was.
Nachdem genügend Experten die Echtheit der Dokumente bescheinigten, las ich alle mir zugänglichen Aufzeichnungen. Sie haben mich elektrisiert.

Ich konnte mich noch gut an meine Kindheit erinnern, an meine Besuche im Zoo. Ich war hingerissen von diesem verspielten lebhaften und frechen kleinen Kerl. Gerne hätte ich ihn als Spielkameraden gehabt. Meine Eltern hatten damals viel zu tun, mich zu trösten. „Vernünftigen Argumenten“ wollte ich nicht folgen. Meine Sehnsucht nach so einem witzigen kleinen Freund war zu heftig. Er war voller Neugier und Erlebnisfreude und forderte jeden Menschen auf, dem er begegnete, mit ihm zu spielen. Es machte wohl seinen Reiz aus, ihn so klein und abhängig zu erleben und zu wissen, dass er mal „ein gefährliches Raubtier“ werden würde. Dieser Gegensatz schien unvorstellbar, auch wenn man seine Eltern gleich um die Ecke bewundern konnte.

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Die ersten Lebenswochen wuchs Knut zwar rasant, aber er war immer noch klein und süß. Dramatisch wurde sein Wachstum, als er bei seinen wilden Raufereien mit Robert Robbe dem Zoodirektor zu gefährlich erschien und der die öffentlichen Vorstellungen untersagte.
Man konnte sein schnelles Wachstum verfolgen, und die Freunde von Knut sahen es mit Sorge, wussten sie doch, dass die Trennung von Hannes Weiler näher rückte. Wie würde Knut die Trennung verwinden? In freier Natur hätte er mit seiner Mutter die ersten drei Jahre verbracht, bis sie ihn fortgescheucht hätte. Hier sollte er aus der Mutter-Kind-Symbiose entlassen werden, wenn sein körperliches Potential rein theoretisch eine Bedrohung möglich machte. Nichts war darüber bekannt, ob und wann von Hand aufgezogene Eisbären gefährlich für ihre Ersatzmütter wurden. Was man sicher wusste, war, dass Eisbären potentiell gefährliche Tiere waren, auch wenn sie im Zoo groß gezogen worden waren. Zugunsten der Sicherheit der Pfleger wollte man jedes Risiko vermeiden. Das überzeugte jeden.
Aber tatsächlich wusste man nicht, ob Knut gefährlich werden könnte. Er war ganz auf seine Mutter angewiesen, emotional jedenfalls, und litt sehr unter den ersten Trennungen. Wie sollte er auch nicht leiden? Er wusste ja nur, dass seine Mutter weg war, das Wichtigste, was er hatte. Er verstand nicht, warum sie nicht da war, er wusste nicht, ob sie jemals wiederkäme. Er stürzte in Abgründe, genau wie es einem Menschenkind in vergleichbarer Situation erginge.

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Wenn Hannes Weiler wieder auftauchte, jammerte Knut wegen der vergangenen Qual oder aus Freude, ihn wiederzusehen, wohl schwang auch die Angst vor einer erneuten Trennung mit. Er brauchte seine Mutter, das sah jeder.
Der Zoodirektor geriet in eine konfliktträchtige Situation. Einerseits wusste er, dass Knut seine Mutter brauchte. Andererseits musste er einen Unfall um jeden Preis vermeiden. Das Geschrei wäre groß gewesen, häte es eine größere Verletzung gegeben. Er sah zwar auch, dass Knut anhänglich, vertrauensselig, fern jeden ruppigen Verhaltens im Rangeln mit seiner Mutter war, aber wusste man, wie er sich morgen verhielt? Er wollte kein Risiko eingehen und verhängte lieber striktere Sicherheitsmaßnahmen.

Man hörte munkeln, dass es andere Einschätzungen gab, nicht nur von wohlmeinenden Knut-Verehrern. Sie meinten, dass Knut fern jeder Aggression sei, dass er überhaupt nicht daran dächte, jemanden zu beißen, schon gar nicht seine Mutter. Er war sanftmütig, hatte noch nie etwas Böses erfahren und ließ nicht erkennen, dass er mal jemanden, der ihm wohlbekannt war, ohne Anlass attackieren würde. Man könnte auf jeden Fall bis zur Pubertät warten. Dann wäre vielleicht ein rüpeliges, unberechenbares Verhalten möglich, und dann könnte man vielleicht nicht mehr ausschließen, dass er in Unkenntnis seiner eigenen körperlichen Überlegenheit jemandem gefährlich werden könnte. Warum sollten handaufgezogene Eisbären nicht vertrauensvoll und sanftmütig bleiben, wenn sie doch in absolutem Vertrauen auf den Menschen aufgewachsen waren, völlig arglos ihre kleine Welt erfahren hatten und mit dieser psychischen Ausstattung dem Menschen völlig ausgeliefert waren?

Jetzt hat mich meine berufliche Tätigkeit, die so gar nichts mit Tieren zu tun zu haben schien, in eine Gegend gebracht, in der die Eisbären den menschlichen Siedlungen sehr nahe kommen. Auszüge von Knuts Tagebuch las ich im Internet, und ich muss sagen, sie haben mich sehr berührt. Dieser kleine Kerl verfügte über ein hohes analytisches Verständnis. Erstaunlich, was er sich durch die Lektüre der kleinen Tierpfleger-Handbibliothek an Kenntnissen und Sprachvermögen angeeignet hatte.

Bei unserer Suche nach Öl kamen wir einmal in die Nähe einer sibirischen Forschungsstation, mit der wir Kontakt aufnahmen. Da trieb sich ein ausgewachsener Eisbär herum, der uns immer wieder gefährlich nahe kam. Er machte aber keinen bedrohlichen, eher einen neugierigen und kontaktfreudigen Eindruck. So empfanden wir alle. Aber wir durften unserem Eindruck natürlich nicht trauen. Die Mitarbeiter der Forschungsstation lachten, als wir ihnen von diesem merkwürdigen Verhalten erzählten, und einer der Wissenschaftler, der fließend Deutsch sprach, übersetzte: „Der tut nichts, der will nur spielen.“
Wir konnten das nicht glauben, aber später erlebten wir den Forscher, wie er ihn in einen Nebenbau einließ, ihm Futter reinstellte, Holzwolle auflockerte und wir sahen, wie der Bär sich runterbeugte und seine Ohren kraulen ließ. Wie gesagt, wir befanden uns in einer Forschungsstation, nicht in einem Zirkus. Wir kriegten uns nicht ein und klatschten uns wie Schuhplattlerbuben auf die Schenkel. Der älteste Forscher, der neben seiner Muttersprache Russisch so perfekt Deutsch sprach, erzählte, dass eines Tages ein junger, noch nicht ausgewachsener Eisbär vor der Forschungsstation die Männer mit Blicken anbettelte. Sie hätten vor ein paar Tagen eine Eisbärenmutter mit ihrem Jungen vorüberziehen sehen, offensichtlich auf der Suche nach Nahrung. Es könnte sich um dieses Jungtier handeln. In seinem Verhalten wirkte er eher wie ein Kind. Foma Gorodok erzählte:

„Das Jungtier ließ sich nicht verscheuchen. Am nächsten Tag war es immer noch da, und am übernächsten auch noch. Wir vermuteten, dass es sich um das Junge der vorüber ziehenden Mutter mit Kind handelte, die entweder erkrankt irgendwo lag oder schon tot war. Hätten wir das Jungtier gefüttert, hätten wir es an uns gebunden, und das wollten wir nicht verantworten.

Aber den Eisbären verhungern zu sehen, kam uns auch schwer an. So versuchten wir, vor dem Jungtier zu verheimlichen, dass das tote Rentier von uns ihm zum Fraße vorgeworfen worden war. Es kam, wie wir befürchtet hatten, der junge Eisbär ließ sich nicht wegscheuchen, wir fütterten ihn, weil wir die bittenden Knopfaugenblicke nicht aushielten, und bald streichelten wir ihn auch. Er begleitete uns draußen auf allen unseren Wegen und schien uns als kollektive Mutter adoptiert zu haben. Eines Tages schritt er beschwingten Schrittes durch die offen stehende Tür in unsere Unterkunft.

Einige waren dafür, ihn wieder rauszuscheuchen. Andere meinten, es sei doch jetzt selbst für Eisbären, jedenfalls für jugendliche, zu kalt. Schließlich räumten wir ihm einen leerstehenden Container, den wir als Rumpelkammer nutzten, schütteten ihm Styropurschnitzel auf, die in einigen abgestellten Verpackungen enthalten waren, stellten ihm etwas von unseren kostbaren Essenvorräten hin und lehnten die Tür an. Im Sommer ließen wir uns große Mengen von Rindenmulch kommen. Eine Begründung, die im Zusammenhang mit unseren Forschungen stand, war schnell gefunden und kam der Wahrheit ziemlich nahe.

Im Sommer errichteten wir ihm aus Fertigbauteilen ein ziemlich gut isoliertes Holzhaus. Wir fanden, dass diese Unterkunft für einen Eisbären passender war als ein Container. Obwohl, welcher Eisbär hatte überhaupt ein Dach über dem Kopf, wenn man einmal von Zoo- und Zirkustieren absieht?“ Der Forscher erzählte weiter: Viele Forscher seien mittlerweile ausgetauscht worden, nur er verbringe hier schon das dritte Jahrzehnt. Er und der alte Eisbär seien nun die Dienstältesten, und er würde den Eisbären nicht im Stich lassen. Dieser hätte immer die Möglichkeit gehabt, die Forschungsstation zu verlassen. Manchmal verschwand er, er folgte wohl einer Eisbärin. „Einmal konnten wir tatsächlich beobachten, wie er mit einer Eisbärin davon trabte. Wir nehmen an, dass er auch Kinder gezeugt hat. Aber ein Eisbärmann interessiert sich nur für den Zeugungsakt. Alles andere erledigt die Eisbärin. So schienen Tanuks Beziehungen immer nur kurze Techtelmechtel zu sein, möglicherweise vervollständigt durch kurze Jagdausflüge.“ Ob es ihm gelungen sei, je eine Robbe zu schlagen, sei dahingestellt. Vielleicht hatte die Bärin es ihm beigebracht? Jedenfalls blieb er nie länger als wenige Wochen weg. Bei seiner Rückkehr war er dann sehr anhänglich und wich erstmal nicht von seiner Seite.

Vor neun Jahren änderte er sein Verhalten. Im Herbst kehrte er mit einer Gefährtin zurück, die sich hier ganz in der Nähe eine Schneehöhle grub. Im Frühjahr kam sie mit zwei Jungtieren nach draußen. Tanuk habe sich zurückhaltend, aber freundlich verhalten, und bald habe die Eisbärin es geduldet, dass Tanuk mit seinem Nachwuchs spielte. So etwas sei sensationell! Man durfte wohl annehmen, dass es sich um seine Kinder handelte. Im Sommer machten sie zusammen Wanderungen, um im Herbst zurückzukehren. „Wir hielten uns gegenüber den Jungtieren und ihrer Mutter zurück. Natürlich fassten sie bald Vertrauen zu uns. Aber wir ergriffen nicht von uns aus die Initiative. Nach drei Jahren kehrten Tanuk und seine Gefährtin ohne ihre nunmehr erwachsenen Tiere zurück. Wir hatten ihnen Sender implantiert und wussten, wo sie sich aufhielten. Sie schienen ein ganz normales Eisbärenleben zu führen. In besonders harten Wintern tauchten sie auf und ließen sich füttern. Das Spiel wiederholte sich noch einmal, Tanuks Gefährtin bekam ein Jungtier und beide zogen es groß. Vor einem Jahr kehrte er ohne seine Gefährtin zurück. Wir wissen nicht genau, was passiert ist, denn der Sender der Eisbärin erwies sich als defekt.“

Wir konnten uns nicht beruhigen vor Staunen, aber wir sahen ja mit eigenen Augen den zutraulichen Eisbären. Während unseres Aufenthaltes auf der Forschungsstation war uns immer leicht mulmig zumute, aber mit der Zeit und bei späteren Besuchen gehörte der zahme Eisbär zu unserem Leben in dieser Einsamkeit. Manchmal knurrte er grollend, aber, so erklärte uns Foma, dann wolle er nur schmusen und gestreichelt werden oder was zu futtern haben oder man sollte ihm was erzählen. Er hörte immer aufmerksam zu. Manchmal stellte Tanuk sich vor Foma auf und legte ihm die Tatzen auf die Schultern, was gut aussah, aber auch gefährlich. Was würde passieren, wenn Foma ins Straucheln geriete? Saß Foma, legte Tanuk ihm manchmal den schweren Kopf auf die Oberschenkel. Er schien sehr liebesbedürftig zu sein. Vielleicht hing das mit dem frühen Verlust seiner Mutter zusammen. Foma war offenbar und seit Jahrzehnten so an Tanuks Zutraulichkeiten gewöhnt, dass er diese als Teil der ganz normalen Umgangsformen empfand. Ein Hund hätte sich auch nicht zutraulicher verhalten können.

Tanuk und Foma spielten sogar kleine Spiele, so etwas wie Fußball und Stöckchen fangen. Wir konnten uns nicht einkriegen vor Staunen und Lachen. Wir fragten Foma, ob sie die Geschichte mit dem zahmen Eisbären irgendwann mal publiziert hätten. Das wäre doch eine sensationelle Geschichte und medienwirksamer als die Kunststücke von Zirkus-Eisbären. Doch Foma winkte ab. Er lebe ganz seiner Wissenschaft (der Tierbeobachtung, andere Forscher waren Klimaforscher), und so fern von jeder Zivilisation habe er sich an diese Lebensform gewöhnt und wolle gar kein Aufsehen erregen.

Seine Beobachtungsergebnisse wurden unter einem anderen Namen in Fachzeitschriften veröffentlicht. Über Tanuk schrieb er selten, denn dieser verhielt sich untypisch. Gelegentlich nahm er doch Bezug auf Tanuk, denn an seinem Beispiel konnte man sehr gut die Intelligenz und Anpassungsfähigkeit von Eisbären belegen. Er verlegte den Schauplatz dann aber nach Nordkanada, um Tanuks Identität und tatsächlichen Lebensraum zu verbergen.

Auf unsere Fragen erzählte er nach und nach über sein Leben. Die ersten Jahre habe er mit seiner Frau und zwei Kindern in der Forschungsstation gelebt, was eigentlich verboten war, in seinem Fall aber geduldet wurde. Er habe einflussreiche Freunde, meinte er auf Nachfrage. Später seien die Kinder in ein Internat in die nächste große Stadt in Sibirien gezogen, einer elenden Bergbaustadt namens Norilsk. Aber oft am Wochenende seien sie herausgekommen, in jedem Fall in allen Ferien. Sie wuchsen mit dem Eisbären auf. Später wurde der Sohn schlechter in der Schule, und sie hatten es für besser gehalten, dass die Frau mit in die Stadt zog. Sie nahmen sich dort eine Wohnung. Die Kinder stabilisierten sich und wären nun schon lange fertig mit dem Studium.

Der Sohn sei Tier-Verhaltensforscher wie er selbst geworden, die Tochter fahre nun schon seit Jahren mit dem Forschungsschiff „Alfred Wegener“ als Meeresbiologin. Die Kinder hatten sie zweisprachig erzogen, was ihnen bei der Arbeitssuche von großem Nutzen war. Eine russisch und deutsch sprechende Wissenschaftlerin kam dem „Alfred-Wegener“-Team sehr gelegen. Sie sähen sich nicht so häufig.

Seine Frau komme im Sommer noch mal raus, und er begleite sie dann auf der Rückfahrt und bleibe einige Zeit in der Stadt. Aber im Grunde sei er für das städtische Leben verloren. Obwohl er manchmal Sehnsucht danach hätte, in einer ganz normalen deutschen Kneipe ein Bier zu trinken, oder auch zwei, hähä.

Wir wussten, er konnte so gut deutsch, weil er als Kind mit seinen Eltern nach Ost-Berlin gekommen war und dort seine ganze Jugend verbracht hatte. Sein Vater war ein hoher sowjetischer Offizier gewesen. Die Eltern hatten durchgesetzt, dass ihr Sohn eine normale deutsche Schule besuchte, was ungewöhnlich war. Die Perestroika war für die Familie mit beruflichem und materiellem Abstieg verbunden, denn der Vater wurde aus Berlin abgezogen und kriegte erst einmal überhaupt keinen Sold.

Foma sei dann seinen Weg gegangen, Studium, Ural, Baikal, russischer ferner Osten usw. Einmal hatten wir unseren Übersetzer dabei, der wunderte sich über Fomas Akzent und tatsächlich manchmal über grammatikalische Schnitzer. Aber wir konnten ihn aufklären, dass die Sprache seiner Kindheit eher Deutsch als Russisch gewesen sei.“
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Fr 25. Dez 2015, 09:20

Kontaktaufnahme Ölsucher – HZ-Journalist
Ölsucher schreibt der HZ

HZ, 11.09.2029

Sehr geehrter Herr Felsengeld!
Ich kann mich gut an Ihre vielen Berichte in der HZ über Knut erinnern. Sie waren voller Witz, Sympathie und Parteinahme für den kleinen Kerl und seinen Ziehpapa. Fast täglich haben Sie über Knuts Abenteuer und sein Werden und Gedeihen berichtet. Mit den Abbildungen habe ich meine Wand damals tapeziert. Am schönsten aber fand ich das HZ-Album über Knut. Ich habe es aufbewahrt und blättere es noch heute manchmal durch. Jedenfalls haben Sie dazu beigetragen, dass ich zum Eisbären-Liebhaber geworden bin. Jetzt, lese ich, sind Sie aus dem Ruhestand zurückgekehrt, um die gefundenen Aufzeichnungen von Knut zu veröffentlichen und zu kommentieren, die ich mit einiger Aufgeregtheit verfolge. Ich lebe aus beruflichen Gründen an der sibirischen Eismeerküste und möchte Ihnen gerne von einem Eisbären berichten, den ich hier kennengelernt habe. Sie sind ja in Ihrer Eigenschaft als Journalist zum Experten geworden und interessieren sich bestimmt für einen handzahmen Eisbären hier, der das Haustier der hiesigen Forschungsstation geworden ist. Das Tier stieß als mutterloser kleiner Eisbär zur damaligen Besatzung der Forschungsstation, die ihn vor dem Hungertod rettete. Das ist nun zweiundzwanzig Jahre her. Nie hat es einen Zwischenfall gegeben. Einen Wissenschaftler gibt es, der Tanuk, so heißt der Bär, von Anfang an begleitet hat. Die beiden wollen wohl, wenn sich’s einrichten lässt, bis an ihr Lebensende zusammen bleiben. Der Wissenschaftler spricht perfekt Deutsch, ist allerdings nicht an Öffentlichkeit interessiert. Aber vielleicht lässt er sich ja umstimmen. Unabhängig von einer Veröffentlichung dürfte Sie als Eisbärenfachmann diese Geschichte interessieren. Sie können sich ja mal mit ihm in Verbindung setzen. Die Adresse füge ich bei.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr Helge Pank


Berlin, 14.9.2029

Sehr geehrter Herr Pank,
ich bin tatsächlich sehr an dieser Geschichte interessiert, habe mich sofort an Herrn Foma W.
Gorodok gewandt, bisher aber keine Antwort erhalten. Ich werde es noch einmal probieren. Von so einem zahmen Eisbären habe ich noch nie gehört. Nur Knut war zahm, wurde dann aber von den Menschen separiert, als er an Körperkraft zunahm. Wer weiß, wie sich die Beziehung entwickelt hätte, wenn Knut und Hannes Weiler hätten zusammenbleiben dürfen?

Herzlichst Ihr
Bodo Felsengeld




Weiler in Sibirien?
Aus Panks aktuellen Notizen

HZ, 22. September 2029

Die Ereignisse überschlugen sich. Eine Woche später erschien ein Kamerateam von RBB in Begleitung von Ben Taler, der seinerzeit die in alle Welt exportierten Knut-Filme gedreht hatte. Bodo Felsengeld war ebenfalls mit zwei Fotografen anwesend, einer davon war vor zweiundzwanzig Jahren auch dabei und fast täglich im Zoo, um lustige Bilder zu machen: Knut beißt seinem Pfleger ins Hosenbein, Knut hechtet ins Wasser, Knut als Feuerwehrmann, Knut liegt k.o. auf der Matte, Knut lässt sich von einer Krähe das Brötchen klauen, Knut fängt eine Ratte = „Knuts Ratatouille“.

Tanuk kam von einem längeren Ausflug zurück. Er liefert in einem Außenposten manchmal kleine Materialsendungen ab, die ihm auf den Rücken geschnallt werden. Nun streunte er vor dem Forschungslager herum und kam neugierig näher, um sich die Gruppe zu betrachten. Er sah Foma Gorodok mit der Gruppe sprechen und konnte von einer friedlichen Situation ausgehen. Ich war von Herrn Felsengeld über seine Ankunft informiert worden und hatte mir von meiner Arbeitsstelle freigenommen. Die ersten Aufnahmen waren gemacht, und Tanuk begab sich in eine gefährliche Nähe zu den Presseleuten. Er blieb stehen, schnüffelte in der Luft und stieß grummelnde Laute aus, die wir nicht zu interpretieren wagten. Da aber Foma gelassen blieb, blieben wir es – äußerlich - auch.
Fomas Angebot, mit Tanuk in der Blockhütte zu übernachten, lehnten wir höflich aber bestimmt ab. Wir quetschten uns lieber mit den Forschern zusammen. Der Abend verging feucht-fröhlich, und alle wussten viel zu erzählen. Den Robbenspeck zum Wodka ließen die meisten von uns unauffällig liegen. Wir zogen Piroggen und Blini mit Lachs vor.
Foma wollte viel vom heutigen Berlin wissen. Und von damals, als wir alle unsere Brötchen mit der Berichterstattung über Knut verdient hatten. Die Forscher wussten von ihrem harten Leben hier, den kurzen Urlauben in der Heimat und den manchmal aufregenden, manchmal gleichförmigen Alltag zu berichten. Sie hatten natürlich alle schon gefährliche Situationen erlebt und waren gestandene Abenteurer. Foma hatte viel Witz und berlinerte mit uns um die Wette. Er ließ sich erweichen und sagte zu, sich für den nächsten Tag für Interviews und Aufnahmen freizuhalten. Er sah gut aus, durchtrainiert, sein Bart und sein Igelhaar mittlerweile so weiß wie Tanuks Fell. Dabei stellte sich nach dem dritten Wodka (immer hundert Gramm!) die Frage, ob auch Eisbären altersweißes Haar kriegen können. Die Forscher versprachen, dieser wichtigen Frage nachzugehen.

Foma erzählte die Geschichte von Tanuks Integration in den Forscheralltag, und die Aufnahmen, die unsere Kameraleute machten, waren umwerfend. Foma beim Füttern, beim Aufräumen von Tanuks Behausung, beim Fußballspielen und beim Stöckchenwerfen. Tanuk beim Verspeisen von Honigkuchen, Niederegger-Marzipan und Rosinenbrot. Was mich persönlich am meisten beeindruckte: Beide schwammen ein Stück in der offnen See. Es war zwar Sommer und das Weiße Meer war wärmer als früher, aber von Mittelmeertemperaturen war das Wasser gewiss weit entfernt. Foma sprang mit Kopfsprung hinein, Tanuk hechtete hinterher. Wie ein kleiner Eisbär bei seiner Mutter schien sich Tanuk auf Fomas Rücken zu legen mit den Vordertatzen auf seinen Schultern. Tatsächlich hielt er sich aber paddelnd mit den Hinterbeinen über Wasser und berührte Foma nur leicht. Es ging ihm offensichtlich um die Geste, die kindliches Vertrauen auszudrücken schien. Dumm war der Bär nicht. Ich wusste gar nicht, wen ich sympathischer finden sollte, den Bären oder seinen Ziehpapa.

In der folgenden und letzten Nacht in der Forschungsstation wachte ich auf, weil ich an die beiden Ziehpapas, Hannes Weiler und Foma Gorodok denken musste. Und plötzlich schoben sich die beiden Gesichter übereinander. Foma und Hannes Weiler waren eine Person. Es gab keinen Zweifel. Am frühen Morgen sprach ich mit Felsengeld über Foma. Ich benutzte seinen wirklichen Namen, und Felsengeld verstand sofort, denn ihm war auch schon so eine Ahnung gekommen. Am nächsten Tag besprachen die Medienleute die Modalitäten: Veröffentlichungen, Senderechte, Filme, Mitspracherechte, Honorar. Sie wollten alle Fragen im gegenseitigen Wohlwollen regeln. Die modernen Medien machten eine jederzeitige Verständigung ohne Zeitverzögerung möglich. Zum Abschied sprach ihn Felsengeld als „Hannes“ an. Der hatte ihn offensichtlich auch erkannt, schlug ihm auf die Schulter und knuffte ihn in die Seite. „Dass ausgerechnet du mir mal auf die Schliche kommen würdest, nach zweiundzwanzig Jahren, hätte ich nicht gedacht. Obwohl, bei einem Team aus Berlin musste ich damit rechnen.“ Auf die Kürze verabredeten wir unser Wiedersehen, hier oder in Berlin. Wir wollten jetzt alles wissen. Hannes Weiler sah ein, dass Widerstand zwecklos war.
Drei Wochen später war ich zusammen mit Ben Taler und dem bewährten Kamerateam, Felsengeld und seinen Fotografen wieder da. In einem langen Interview erzählte Hannes Weiler eine unglaubliche Geschichte, die Felsengeld hier kurz zusammengefasst wiedergibt.



Weilers Erzählungen

aufgezeichnet von Bodo Felsengeld
HZ, 21.10. 2029

Es stand nun fest: Knut sollte nach Helsinki. Drei Eisbärinnen sollten Knuts Gefährtinnen werden.
Die Eisbärenanlage war ausreichend groß und über die Finnen ließ sich nichts Nachteiliges sagen, wenn man mal von ihrer Sprache absieht, für die sie ja nichts können. „Minä rakastan sinua“. Hörte sich schön an, nur absolut unverständlich. Die Finnen schienen die Leichtigkeit des Lebens nicht gerade entdeckt zu haben. Die Selbstmordrate war hoch. Und die Kaurismäki-Filme. Immer ging es um geschundene Menschen, und jedes Mal kämpften sie erfolgreich um ihre Würde, so dass man dann doch versöhnt und beschwingten Schrittes aus dem Kino nach Hause ging. Eisbären begehen sowieso keinen Selbstmord. Und Knuts Zusammenleben mit den Eisbärinnen ließ ihn hoffentlich die Trennung von Berlin und mir verwinden. Ich sollte Knut auf dem Flug begleiten und in Helsinki so lange wie nötig zur Verfügung stehen. Über die Länge meines Aufenthaltes sollte ich zusammen mit den finnischen Kollegen entscheiden. Das war eine Vorzugsbehandlung für Knut. Andere Tiere wurden ohne Umstände in der Welt herumgeschickt.

Noch einmal gab es einen riesigen Medienrummel: Bilder der drei finnischen Eisbärmädels (Yksi, Kaksi und Kolme), die Anlage, seine künftigen Pfleger, Interview mit der finnischen Zoodirektorin, der dortige Tierarzt und René Schlue im Gespräch, Interviews mit den finnischen Zoobesuchern, was sie wissen von Knut, was sie erwarten, ob sie glauben, dass er Heimweh haben werde. Eine Reisetasche mit dem Kinderspielzeug von Knut wurde gezeigt mit der Bildunterschrift. „Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin“. Jeden Tag standen Berichte in den Zeitungen, der Sicherheitsdienst musste wieder einschreiten, damit niemand in den Wassergraben stürzte.

Der letzte Tag verging ähnlich wie Knuts erster Auftritt in der Öffentlichkeit. Der Direktor und der Patenonkel hielten Ansprachen, diesmal vor dem Gehege, und die Fotografen und Kameraleute schickten die Aufnahmen in alle Welt. Ein letztes Mal erschien Hannes Weiler bei Knut, und der nuckelte seine Hände ab. „Der muss doch mal erwachsen werden, so ging das ja auch nicht weiter“, war die Meinung einer kleinen Minderheit. Besucher wurden befragt, es flossen Tränen. Ein kleines Mädchen kriegte sich gar nicht wieder ein. Der HZ-Reporter versprach, sie dürfe Knut bald in Helsinki besuchen, mit ihren Eltern. Ja, auch mit ihrer Freundin. Zusammen mit den Reportern. Die HZ werde bezahlen. Sie freute sich, schluchzte aber weiter. Alle waren ratlos und den Tränen nahe.

Allgemein zeigten die Leute Unverständnis darüber, dass Knut fortgehen musste. Das Platzproblem hätte man doch lösen können. Schließlich gab es den zweiten, viel geräumigeren Zoo in Berlin Friedrichsfelde. Da hätte man doch was umschichten können. Um achtzehn Uhr wurden die Leute aufgefordert, den Zoo zu verlassen. Lieder erklangen. „Auf Wiedersehen…“ Wunderkerzen und Feuerzeuge wurden entzündet. Der Sicherheitsdienst eskortierte die letzten Besucher mit sanfter Gewalt.
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Sa 26. Dez 2015, 08:56

Wieder in Berlin

Allmählich fühlte Robert sich verfolgt. Da wartete wieder dieser hagere Trapper-Typ mit den weißen Igelhaaren bei den afrikanischen Wildhunden. Seit zwei Tagen schon folgte er ihm auf den Stationen der Mittagsfütterung. Jetzt ging es zu den Nasenbären. Robert musste um das Gelände herum, dort befand sich der Eingang zu ihrem Gehege. Die Nasenbären liefen ihm schon entgegen, als er mit seiner Futterkiste zur Schau-Fütterung schritt. Zuoberst lagen die weißen Mäuse. Jeder Minibär griff sich eine und verzog sich damit auf eine sichere Stelle im Baum. War die Maus verspeist, folgten appetitliche Obststückchen, und die Nasenbären umlagerten Robert mit seiner Obstkiste. Alle versuchten, sich in den herrlichen Obstsalat reinzusetzen, aber mehr als zwei Bären passten nicht in die Kiste. Sie fraßen ihm aus der Hand, und der Trapper-Typ schaute zu. Robert ließ sich Zeit. Er mochte diese possierlichen Tierchen, das sah man.

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Vom Wolfsgehege her heulte es seit geraumer Zeit. Vielleicht wollten die weißen Wölfe ihr Futter anmahnen. Im angrenzenden Gehege wurden die Braunbären unruhig. Da tauchte Robert auf, warf ihnen ein paar Häppchen Fleisch rüber, und die Bären mussten zusehen, dass ihnen von den Wölfen nichts weggeschnappt wurde. Es gab zwei Verbindungen zwischen Wolfs- und Braunbärengehege, und manchmal durften die Wölfe rüber zu den Braunbären. Das brachte Spannung in ihr Leben. Manchmal gelang es den Wölfen, den Bären Futter wegzuschnappen. Es sah gut aus, wenn ihnen ein grüner Salatkopf aus dem weißen Maul hing. Als ob sie damit vor den sieben Geißlein einen harmlosen Gärtner spielen wollten!
Aber auch die Kinder unter den Zuschauern glaubten nicht, dass die Wölfe nun zu Vegetariern geworden waren. Ob sie den Salat tatsächlich auffraßen, wurde nicht beobachtet. Jedenfalls zogen sie erhobenen Hauptes damit los und schleppten den Salat irgendwo auf ihr Gelände. Dies war ein gelungener Tag, sie hatten richtige Beute gemacht. Viel schöner war es noch, wenn es ihnen gelang, dem alten arthritischen Bären Brunetti, Nachfolger von Berni, eine Makrele wegzuschnappen. Fisch, das schmeckte schon besser als Salat. Brunetti musste sich mal wieder mit Obst begnügen. In der Wildnis hätte er als arthritischer Bär wohl keine Überlebenschance. Aber hier im Zoo ließ man ihn bei seinen Töchtern. Die Gefährtin und Mutter seiner Töchter war schon lange tot. Die Zoodirektion wollte Brunetti gegen einen jungen zeugungsfähigen Braunbärenmann austauschen, aber der Widerspruch in der Öffentlichkeit war zu groß. So beließ man es vorläufig bei dieser Lebens- und Schicksalsgemeinschaft, die leidlich funktionierte, trotz einiger Streitereien mit Knurren und Zähnefletschen. Manchmal geriet ein Wolf in die Klemme, wenn er verkannte, dass nicht alle Bären so unbeweglich waren wie Methusalem-Brunetti. Robert rief und lockte Brunetti und seine Töchter ans andere Ende des Geheges, und jetzt prasselten Schlag auf Schlag Salat, Wurzeln, Äpfel und für jeden eine Makrele hinüber. Das meiste Obst flog in Bach und Graben, damit die Bären in den folgenden Stunden was zu tun hatten.

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Im benachbarten Gehege lebte Lars, auch er nun uralt, aber von den Eisbärenfrauen, Nachfolgerinnen vonTosca, Katjuscha, Nancy, getrennt. Ihnen hatte man einen jungen Eisbären zugeteilt, einen Sohn des legendären Rieseneisbären Troll aus Berlin-Friedrichsfelde und wie dieser schön und stattlich. Lars wurde nur zu den Mahlzeiten wach, er bekam gekochte Wurzeln wegen einiger ausgefallener Zähne und gedämpftes Seelachsfilet. Als Vater des berühmten Knut zehrte er immer noch von dessen Ruhm und das Publikum las mit Interesse die Informationstafel.

Der Trapper-Typ sprach ihn an. „Ist das tatsächlich Lars? Ich kann es gar nicht glauben. Wie alt ist er denn jetzt? - Sag mal, bist du Robert? Rat mal, wer ich bin. Ich wette, du erkennst mich nicht.“ Er schlug sich mit den flachen Händen auf die Oberschenkel und lachte sein Hähä, da dämmerte es bei Robert. Und sie gaben sich die Hände und fielen sich in die Arme und klopften und tätschelten sich die Rücken. „Ich werd’ verrückt! Ich glaub’s nicht! Du lebst ja noch! Mensch, ich hab geglaubt, du bist nach Tonga Tonga ausgewandert! Wo warst du denn die ganzen Jahre? Mensch, hab’ ich dich vermisst! Altes Haus, das gibt’s nicht! Ich werd nicht wieder! Hannes!“ „Robert!“ „Komm rein und erzähl.“ So riefen sie durcheinander, und sie betraten den Hof des Bärengeheges und das altbekannte Dienstzimmer.

Viel hatte sich hier im Hof nicht verändert. Die Zeit schien stillgestanden zu sein. Benny Greiff saß wie im September 2008, als Hannes Weiler Knut nach Helsinki begleiten sollte und sich tatsächlich für lange Zeit verabschiedete, am Tisch und aß sein Käse-Vollkornbrot, das Knut immer so gut geschmeckt hatte. Die Thermoskanne stand wie gehabt daneben. Er erkannte Hannes Weiler sofort, nachdem der ihn angesprochen hatte: „Wie geht’s denn so Benny? Schmeckt dir die Arbeit noch?“ „Ja, aber die Kraft lässt nach. Das glaub ich nicht, wo kommst du denn her? Was haben wir dich vermisst.“ Nachdem er seine runde Figur aus dem Stuhl gestemmt hatte, fielen sie übereinander her und drückten und knufften sich. Auch er war begierig, Hannes’ Geschichte zu erfahren. Und Hannes erzählte.

Robert und Benny kriegten sich nicht wieder ein. Das sei ja eine richtige Abenteuer-Geschichte, original Jack London plus James Bond! Unglaublich! Nicht zu fassen! Und der alte Minister von damals hätte mitgemacht? Naja, nicht richtig. Seiner Frau hatten sie einmal den Zutritt zu Knut verschafft, sie war ganz wild auf den Kleinen. In der Zeitung durfte nichts stehen, sonst hätte es geheißen, sie würde die Minister-Position ihres Mannes ausnützen. Und Knut lebt tatsächlich noch? Und Kinder hat er gezeugt, immer mit derselben Eisbärin? Und er hat sich um sie gekümmert, hat den Jungtieren kein Haar gekrümmt? Unglaublich! „Ich muss ihn sehen. Ich komm dich besuchen, das steht fest.“ Da saßen sie schon längst beim Bier in der Kneipe.

Auch Benny und Robert hatten etwas zu erzählen. Sie hatten schließlich auch was erlebt! Sie hatten viele Neuerungen durchsetzen können, um den Bären einen abwechslungsreicheren Alltag zu verschaffen. Berlins Bärengehege galten als Vorbild und waren eine große Attraktion geworden. Sie berichteten von Zoo-Internas, den alten und neuen Kollegen, von der neuen Zoodirektorin. Sie gaben in Maßen mit ihren Kindern an. Benny war dreifacher Großvater und hätte gerne mehr Zeit für seine Enkel gehabt. Aber die Rente war noch in weiter Ferne und die Altersteilzeit war abgeschafft. Gerade hatten sie das Rentenalter von 72 auf 75 Jahre heraufgesetzt, da hieß es noch zehn Jahre ackern. Die Enkel hätten dann andere Interessen als was mit ihrem Opa zu unternehmen. Benny sah sich in seinen Alpträumen enden wie die alte Kragenbärin Mäuschen, die ihre letzten Lebensjahre auf dem Hof sich hinschleppend oder liegend verbracht hatte. Er hoffte, dann auch mal ein paar Leckerbissen angeboten zu bekommen. Und zwar frische und keine altbackenen Croissants. Mindestens! Hauptsächlich aber hoffte er, dass seine jüngeren Kollegen die Knochenarbeit übernehmen würden. Schon jetzt fiel es ihm schwer, die Knie zu beugen, und der Rücken spielte ihm übel mit. Früh verrenten lassen wollte er sich jedoch nicht.

Aber, da waren sie sich einig, sie konnten auf eine schöne gemeinsame Vergangenheit zurückblicken, und auch im Nachhinein waren sie immer noch froh über ihre Berufswahl. Sie hatten ihr langes Arbeitsleben lang mit sympathischen Tieren und Menschen zu tun gehabt. Sie waren in ständigem Kontakt mit den Zoobesuchern; dabei ergaben sich oft Gespräche mit sehr interessanten Leuten. Und dann der unglaubliche Höhepunkt ihrer Arbeit, als Knut die Welt zu Füßen lag. Einiges von diesem Glanz hatte sehr zu Recht auch sie beschienen.

Es wurde eine lange Nacht, und aus der letzten Kneipe gingen sie gleich ins Bärenrevier. Benny stellte ihn seinen Kollegen als Hannes vor. Einem blieb der Mund offen stehen, denn bei ihm war der Groschen gefallen. Für vierzehn Tage nahm Hannes Weiler seine Arbeit wieder auf. Wegen seiner Werbewirksamkeit für den Zoo erhielt er einen unbefristeten Vertrag, dem er nach Belieben nachkommen konnte, ohne dass er seinen Platz in der sibirischen Station aufgeben musste. Denn Knut wollte er natürlich nicht in Stich lassen. Die Medienmeute stürmte den Zoo wie in alten Zeiten.


„Auferstehung“

HZ vom 29.10.2029

Die HZ berichtet fortlaufend.

Liebe Leser! Es ist nicht zu fassen. Hannes Weiler lebt! Knut lebt! Und beide leben einträchtig zusammen! In einer gottabgeschiedenen Forschungsstation in Sibirien. Beide wurden damals von einer radikalen Tierschützerorganisation entführt. Statt Knut landete ein sibirischer Eisbär in Helsinki. Kein Wunder, dass ihm Hannes Weiler damals nur kurz bei der Akklimatisierung half. Und Knut landete in Sibirien. Hannes Weiler folgte ihm umgehend. Die Frau des damaligen Umweltministers hatte ihre Finger im Spiel. Sie bediente sich der Beziehungen ihres Mannes, ohne dass dieser etwas ahnte. Ihre gemeinsame Tochter ist die heutige Ombudsfrau „Für die Rechte der Tiere“, Ursula Engel. Hatte sie damals als Kind etwas mitgekriegt? Oder hat ihre Mutter ihr später mal was angedeutet? Die Ombudsfrau ist nicht zu erreichen. Ihr Büro teilt mit, sie sei dienstlich unterwegs. Versteckt sie sich? Wächst ihr alles über den Kopf? Wir bleiben am Ball.
Anneliese
 
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » So 27. Dez 2015, 19:17

Die Ombudsfrau „Für die Rechte der Tiere“

HZ, 1.10.2029

Die Behörde der Ombudsfrau befasst sich amtlich mit der Aufarbeitung von Knuts Biografie. Man hofft, Hinweise für eine verbesserte Haltung von Eisbären in Zoos zu erhalten. Schon ihre Eltern griffen in Knuts Schicksal ein. Jetzt setzt die Tochter die Tradition der Familie fort:

Mein Name ist Ursula Bianca Engel. Ich bin die Tochter von Gabriele und Waldemar Engel, dem ehemaligen Umweltminister. Ich bin sehr stolz auf meine Eltern, besonders auf meine Mutter. Sie hat mir nie etwas angedeutet über die Entführung von Knut, schon gar nicht über ihre Mittäterschaft. Aber beide, meine Mutter und mein Vater, haben mir vorgelebt, wie man sich für Schwächere, Menschen und Tiere, einsetzt. Mein Vater war in seinem Amte zum Patenonkel des berühmtesten Eisbären der Welt geworden. Meine Mutter war richtiggehend neidisch. Gerne hätte sie das kleine Eisbärenbaby gestreichelt und mit ihm gespielt. Mein Vater sah drollig aus, als ihn Kameras aus aller Welt im unbeholfenen Spiel mit Knut, so hieß der kleine Eisbärenjunge, aufnahmen. Als er die Aufnahmen sah, musste er feststellen, dass er Knut an Tapsigkeit übertraf. Allerdings fand ihn niemand auch nur annähernd so niedlich.

Ich wuchs auf mit der Liebe zu Tieren. Oft besuchten wir die beiden Zoos in Berlin. Es gibt ein Foto von mir, mein Vater hält mich auf dem Arm, neben dem Schild „Das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit hat die Patenschaft für Knut übernommen“. Im Hintergrund ist Knut zu sehen, und er ist immer noch nicht ausgewachsen, obwohl er schon 120 Kilogramm wiegt, wie auf der Rückseite des Fotos vermerkt. Dann gibt es mein Lieblingsbild, ich bin 8 Jahre alt, sitze auf einer Wolldecke mit Eisbärenabbildungen und habe mein Lieblingsstofftier auf dem Arm. Es ist ein sehr natürlich nachgebildeter Eisbär.

Früh verfolgte ich die Leidensgeschichten von Tieren. Am meisten entsetzte mich das Schicksal von Schlachttieren, und mit zehn Jahren wurde ich Vegetarierin. Mein Vater rang mir ab, dass ich wenigstens einmal in der Woche Fisch aß. Und Eier und Milchprodukte. Mit vierzehn Jahren geriet ich in eine radikale Tierbefreiungs-Bewegung.

Meine erste Tat, die Mut- und Bewährungsprobe, war die Befreiung von Nerzen aus einer Tierfarm. Die befreiten Nerze haben daraufhin leider eine Hühnerfarm besucht und die Insassen umgebracht. Diese und weitere Befreiungsaktionen von gefangenen Tieren kamen mir nicht sehr durchdacht vor. Meiner Mutter hatte ich mich anvertraut, und sie riet mir, mich einer örtlichen WWF-Gruppe anzuschließen. Die machte aber damals gerade keine interessanten Aktionen außer Spenden und Unterschriften auf Wochenmärkten zu sammeln.

Nachdem ich eine Weile beschlagnahmte Kampfhunde aus dem Tierheim regelmäßig ausführte, musste ich erleben, dass ein harmloser Boxer in mir ein unterlegenes Rudelmitglied sah, an mir hochsprang, die Pfoten auf meine Schulter legte und mich anknurrte. Ich schwor dem Hund, dass ich ihm doch gar nichts tun wolle. Erst später habe ich begriffen, dass der Hund mich zum untergeordneten Rudelmitglied degradieren wollte. Spazierengehende Hundekenner befreiten mich. Ich belegte daraufhin an der Volkshochschule den Kurs „Der Hund, das unbekannte Wesen“.
Zu dieser Zeit starb vermeintlich Knut im fernen Helsinki, und die Zeitungen berichteten noch einmal ausführlich, über den tragischen Beginn seines Lebens, die Zeit der glücklichen Symbiose mit seinem Tierpfleger Hannes Weiler, die Aufmerksamkeit der Welt für das kleine Eisbärenbaby, dessen Leben beinahe lückenlos mit der Kamera begleitet wurde, die schmerzhaften Trennungsphasen von Hannes Weiler und über die anderen Menschen, die ihn im Zoo betreuten. Später erlebte man ihn mehr oder weniger lethargisch über einen Baumstamm hängend, schlafend oder wachend, nach der Tür blickend, die ihn von seinen Leuten trennte. Ein paar Fotos aus dieser Zeit existieren in meinen Alben aus der Kindheit. Ende des zweiten Lebensjahres kam „Knut“ nach Helsinki in den Zoo. Er soll es dort gut gehabt haben und sichtbar zufrieden gewesen sein mit seinen drei Gefährtinnen.

Ich wandte mich misshandelten Tieren zu. Wir befreiten Kettenhunde hier und anderswo. Uns wurden misshandelte Tiere gemeldet. Interessant aber nicht überraschend ist, dass es auch Misshandlungen in besseren Kreisen gab, bei Leuten, die glaubten, Beziehungsprobleme und beruflichen Frust an die wehrlose Kreatur weitergeben zu können. Einmal habe ich bei einem Spaziergang an der Alster in Hamburg ein wohl situiertes Ehepaar gesehen, das sich mit einem niedlichen kleinen Hund, einer damals modischen Terrierart, auf ihr gehobenes Mittelstandsauto zu bewegte und ihn „trainierte“. Der kleine Hund sollte sich alle paar Meter auf den Rücken legen, bewegungslos. Erhob er sich wieder, kreischte das empörte Ehepaar ihn wieder nieder, und er streckte angstvoll auf dem Rücken liegend seine kurzen Beinchen in den Himmel. Als ich eingriff,
gingen die Pöbeltiraden auf mich hernieder. Die Zuschauer wiegelten ab und meinten, ich würde das Schicksal des kleinen weißen Hundes nur verschlimmern. Meine Erkundigungen bei Polizei und Tierschutzverein bestätigten diesen Pessimismus. Niemand sah eine Möglichkeit einzugreifen. Ich beschloss, künftig anders vorzugehen.

Übers Internet bekam ich Kontakt zu einer Organisation, die sich der Hilfe für schlecht behandelte Haustiere aller Art verschrieben hatten. Meine erste Aktion war die Befreiung eines Kettenhundes in Südtirol. Die Besitzer hatten ihn draußen angebunden. Sein körperlicher Zustand war kläglich, er erhielt minderwertige Hungerrationen; sie dienten nur dazu, seinen Hungertod hinauszuschieben. Er war außerordentlich liebenswürdig und zuwendungsbedürftig. Dieselbe Familie besaß zwei Schoßhündchen, die es erheblich besser hatten. Liefen sie zu ihm hin, wedelte der Kettenhund hoch erfreut und beugte sich zu den kleinen Kumpanen. Die Schoßhündchen wurden zurückgepfiffen, und der Kettenhund ließ die Ohren hängen. Zutiefst traurig legte er sich nieder. Die Kette war nicht länger als zwei Meter. Seine Hundehütte war eine Ruine. Vereinsamt, seelisch und körperlich vernachlässigt konnte man nur darauf hoffen, dass sein klägliches Leben bald ein Ende finden würde. Noch besser aber wäre es, ihn zu befreien und ihm ein schönes Leben zu bereiten. So geschah es, und liebevolle neue Besitzer standen schon bereit. Der Hund wusste sein Glück nicht zu fassen und war nach kurzer Eingewöhnungszeit von der Lauterkeit der neuen Besitzer überzeugt. Das schwere Schicksal hatte seinen gutmütigen Charakter nicht zerstört, er liebte die Besitzer sehr und war auch schon mal ausgelassen und fröhlich. Nur an seinen Alpträumen merkte man, dass ihn die Vergangenheit nicht losließ.

Die nächste Befreiungsaktion galt einem Hund auf Mallorca. Die örtliche Gruppe, ein paar Engländer, Deutsche und Einheimische, hatte die Aktion bis ins Detail geplant, so dass wir in kurzer Zeit gut vorbereitet waren. Es galt das Prinzip, dass immer nur Leute von außen die Aktion durchführten. Wenn etwas schief ging, musste man die örtlichen Experten nicht austauschen. Aber es war noch nie etwas schief gegangen. In diesem Fall ging es um eine Dogge, deren Pflicht es war, ein landwirtschaftlich genutztes Grundstück zu bewachen. Tagsüber war sie so kurz angekettet, das sie sich weder setzen noch hinlegen konnte, ohne sich zu strangulieren. Auch diese Aktion gelang. Wir konnten den Hund trotz seiner auffälligen Größe sogar nach England bringen. In Spanien ist für Tierschützer entsetzlich viel zu tun. Warum nur gibt es so große Unterschiede zwischen den Ländern im Verhältnis ihrer Bewohner zu Tieren?

Schopenhauer hat sich in seiner Schrift „Über das Mitleid“i mit der Liebe zu den Tieren bzw. mit dem Mangel an Liebe zu ihnen befasst.
„Mitleid ist nach Schopenhauer das Fundament der Menschenliebe, der Gerechtigkeit und der
Ethik. Es schließt die Liebe zu den Tieren ein und ist die natürliche, uneigennützige und allein wirklich moralische Triebfeder ethischen Handelns. Es ist damit die Basis einer jeden Tugend.“ii In dieser Schrift hat Schopenhauer auch auf den unterschiedlichen Umgang der verschiedenen Kulturen mit den Tieren hingewiesen und lobend die Engländer hervorgehoben.iii

Ich danke der HZ, dass sie mich so ausführlich hat zu Wort kommen lassen. Unser Arbeitsfeld ist sehr weit gefasst. Alle Tiere, die in Not sind, können von uns betreut werden. Wenden Sie sich an uns, liebe Leser, wenn Sie von einem Missbrauchsfall oder einem Missstand wissen. Informieren Sie uns lieber einmal mehr als einmal weniger. Sie wissen von meinem frühen Engagement für Tiere. Und Sie wissen nun von meiner besonderen Verbundenheit mit Knut. Wir alle erwarten mit Spannung seine Ankunft. Eine Wohnung für Hannes Weiler auf dem Zoogelände steht bereit. Wir hoffen, dass er dieses Angebot annimmt. Wenn die beiden aber in Sibirien bleiben wollen, müssen sie mit vielen Besuchern rechnen.

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Ministergattin entführte Knut!

HZ, 3.10. 2029

Liebe Leser!
Immer mehr Informationen fügen sich wie ein Puzzle zusammen. Hier die neuesten Knut-Nachrichten im Überblick.

Gabriele Engel war die Frau des damaligen Umweltministers, der, verbunden mit einem öffentlichen Auftritt im Gehege, die Patenschaft für Knut übernahm. Sie besuchte in schwangerem Zustand den kleinen Eisbären und verliebte sich in ihn. Wenige Monate später gebar sie eine Tochter, die sie Ursula Bianca nannte. Niemandem fiel etwas auf. Sie weinte häufig, was man für eine postnatale Depression hielt, durchaus nicht ungewöhnlich.

Jetzt gab sie in einem Gespräch mit unserem Knut-Koordinator Bodo Felsengeld die wahren Gründe für ihre damalige anhaltende Traurigkeit bekannt. Sie war verzaubert von Knut und konnte sich nicht satt sehen an diesem kleinen Pelztier. Jeden Filmbeitrag von RBB nahm sie auf und sah ihn mehrere Male täglich an. Selbstverständlich hing sie auch sehr an ihrer Tochter, aber lieber wäre ihr gewesen, diese hätte ein Fell wie Knut gehabt. (Zum Thema Menschenmutter und Bärenkind vgl. Musäus: Die Bücher der Chronika der drei Schwestern, A.K.) Das allein machte sie nicht depressiv. Aber sie war ungewöhnlich verletzlich und ohne Distanz zur leidenden Kreatur. Ihre Fähigkeit zur Empathie, zum Hineinfühlen in das Leid anderer, wurde ihr beinahe zum Verhängnis. Sie litt so an der irgendwann bevorstehenden Trennung von Knut und Hannes Weiler, dass sie schon Tränenausbrüche bekam, wenn sie nur an die Möglichkeit dachte. Sie stellte sich Knuts Schmerz vor, wenn dieser Hannes Weiler nur noch durchs Gitter oder gar nicht mehr sehen würde. Sie stellte sich vor, dass dieser kleine Bär leiden müsste wie ein Kind in derselben Situation.

So saß sie häufig da, wenn ihr Mann nach Hause kam, das Baby auf dem Schoß, und heulte sich die Augen aus. Ihr Schluchzen war für ihren Mann kaum zu ertragen. Er sprach sich mit einem Referenten aus, einem jungen Zoologen mit dem Schwerpunkt Tierschutz in seinem Ministerium. Der nahm sich der Frau des Ministers an und begab sich mit ihr in die Welt der Tierschutzorganisationen. Dort deckte er sie mit Aufgaben zu, und im Bewusstsein, Tieren zu helfen, fand sie zu ihrer alten Fröhlichkeit und Lebenstüchtigkeit zurück.

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Bald arbeitete sie höchst aktiv in der Tierschutzorganisation „Vier Tatzen“, die rumänische Tanzbären den Besitzern abkauften und Löwen aus heruntergekommenen Safari-Parks befreiten und ihnen eine angemessene Bleibe verschafften. Die Besuche mit der kleinen Tochter und ihrem Mann vor Knuts Gehege und im Hof verliefen fortan entspannt. Wie wir jetzt wissen, brach sie nicht mehr in Tränen aus, weil sie Knuts Zukunft gesichert wusste. Der junge Referent kannte sich aus, hatte Beziehungen und Organisationstalent. Gemeinsam bereiteten sie nach James-Bond-und Greenpeace-Manier die Rettung Knuts vor. Knuts Rettung?

Die wahnwitzige Idee wurde gut geplant und ohne Panne durchgeführt. Weiler plante seine eigene Entführung. Auch seine Freundin wurde für die Idee gewonnen. Das Netzwerk von sympathisierenden Wissenschaftlern, Forschern, Mitarbeitern in Ministerien und Behörden, Tierpflegern, Kaufleuten, Handwerkern, Künstlern funktionierte.

Nicht zu vergessen: Die finnischen Bärenjäger, die sich in Bayern ihrem Auftrag, Bruno zu töten, mit Hilfe von Enzian, Obstler und etlichen Maß Bier entzogen hatten, waren in Finnland eine große Hilfe bei der Absicherung der Aktion.

Als Knut im September 2008 nach Helsinki geflogen werden sollte, stand in einer stillgelegten Fabrik in Ost-Berlin schon lange ein sibirischer Eisbär bereit. Der Fahrer des Transport-LKWs lenkte das Auto mit Knut auf dieses Gelände. Knut wurde ausgeladen, der Sibirier eingeladen, und man traf mit nur geringer Verspätung am Flughafen ein. Wie geplant, flog Weiler mit dem leicht betäubten Eisbären nach Helsinki. Vertraulichkeiten zwischen Weiler und dem falschen Knut waren nicht vorgesehen; Weiler sollte ihn nur aus der Distanz beobachten und bei unvorhergesehenen Schwierigkeiten beratend eingreifen. So fiel bei dem Eisbären nur eine leichte und zudem erklärliche Irritation auf. Er jammerte nicht nach seinem Pfleger, interessierte sich sehr für die Mahlzeiten und bald auch für die Eisbärinnen. Weiler schickte sein Gesuch um Beurlaubung nach Berlin, wartete die Genehmigung ab, verabschiedete sich von seinen finnischen Kollegen und ward nicht mehr gesehen.

Der Rest ist genauso schnell erzählt. Die beteiligten Tierschützer hatten die sibirische Forschungsstation aufgetan und für Weiler die Stelle als Verhaltensforscher organisiert. Verkehrssprachen waren Englisch, Deutsch und Russisch, so dass Weiler/Gorodok gut zurechtkam. Eine Woche nach Weilers Dienstantritt stand ein ungewöhnlich zutraulicher noch nicht ausgewachsener Eisbär auf der Schwelle, und der neue Verhaltensforscher-Kollege aus Deutschland erwies sich als Eisbärenflüsterer. Das konnte bei seinem Forschungsvorhaben nicht schaden.

Alles ging gut, genau zweiundzwanzig Jahre, bis der Ölsucher aus Deutschland auf die Forschungsstation, den perfekt Deutsch sprechenden Forscher und den zahmen Eisbären stieß. Die Begegnung hätte der Ölsucher wohl für sich behalten, wenn nicht die Aufzeichnungen Knuts aufgetaucht und Thema der Forschung, Wissenschaft und Öffentlichkeit geworden wären. Alle Welt erinnerte sich an Knuddel-Knut und seinen Ziehpapa. Man interessierte sich wieder für Eisbären, besonders für integrierte oder gar assimilierte.

Und so kam es, dass der Ölsucher unserem Experten Bodo Felsengeld von seiner Eisbären-Begegnung in Sibirien schrieb, dessen Knut-Artikel er gut erinnerte, weil er sie als kleiner Junge verschlungen hatte. Und in Sibirien fand die Felsengeld-Taler-Mannschaft nicht nur einen zivilisierten Eisbären vor, sondern einen ungewöhnlichen Menschen und Eisbärenversteher, den Felsengeld dann als Weiler identifizierte. Das ist die unglaubliche Geschichte von Knut und seinem Ziehpapa Hannes Weiler. Zweiundzwanzig Jahre nach ihrer scheinbaren Trennung, zwölf Jahre nach Knuts vermeintlichem Tod sind sie wieder auferstanden und bestimmen die Schlagzeilen.

Wir wissen nicht, wie die Geschichte weitergeht. Wird Hannes Weiler zurückkehren nach Berlin? Bringt er Knut dann mit? Kehrt er nach Sibirien zurück? Wird ein Sibirien-Rummel losbrechen mit organisiertem Besichtigungstourismus? Kann man diesen Tourismus in verträgliche Bahnen lenken?

Eines ist sicher, das Leben dieser beiden wird verfilmt werden. Wird Knut sich selber spielen? Er ist nun 23 Jahre alt. Er könnte noch viele Jahre leben.

Und ob er wohl wieder schreiben wird? Schön wäre es, wenn man Knut dazu bringen könnte, über das Leben mit seiner Bärenfrau und seinen Kindern zu schreiben, das ja ohne menschliche Zeugen stattgefunden hatte. Oder über das, was ihn sonst bewegte und bewegt. Dass Knut in Berlin Tagebuch geführt hat, war auch für Foma eine große Überraschung. Er will eisbärengerechtes Schreibwerkzeug basteln, geeignetes Papier besorgen und Knut ermutigen, seine alten Fähigkeiten zu beleben.
Die alternative Computer-Firma „Wuseltronick“ in Berlin will außerdem eine eisbärengerechte und arktistaugliche PC-Tastatur herstellen (1,50 m x 2,00 m).

Wir wissen nicht, wie es weitergeht, liebe Leser. Wir wissen nur, dass wir Zeitzeugen einer unglaublichen Geschichte geworden sind. Und wir wissen, dass wir weiterhin regen Anteil am Leben dieser ungewöhnlichen Mensch-Tier-Beziehung nehmen werden. Jetzt werden erst einmal einige „Familienfeste“ stattfinden, hier und in Sibirien.

Wir erinnern noch einmal an die Personen, die Beteiligte waren oder sind in dieser außergewöhnlichen Geschichte. Neben Hannes Weiler sorgten Benny Greiff und Robert Robbe, Knuts Tierpfleger, René Schlue und Reinhard Cox, Knuts Tierärzte, Martin Grabowski, damaliger Zoodirektor und damit Hauptverantwortlicher, Gabriele Engel, Ministergattin und Knut-Entführerin, Ursula Bianca Engel, deren Tochter und heutige Ombudsfrau „Für die Rechte der Tiere“ für Knut und einen glücklichen Ausgang seiner Geschichte.

Wir werden Sie, liebe Leser, auf dem Laufenden halten. Versprochen! Ihr Bodo Felsengeld.
Anneliese
 
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » So 27. Dez 2015, 20:17

„Wer war Knut?“

Anonymisierte Namen und ihre Klarnamen


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5. Dezember 2029 Anneliese Klumbies


Anmerkungen, Erklärungen, Literaturnachweise

HZ = Hauptstadt-Zeitung, in Anlehnung an die BZ, Berliner Zeitung

RBB = Radio Berlin – Brandenburg

Foma, russische Version von Thomas

Gorodok, russisch: Städtchen, Städtlein

„Minä rakastan sinua“, finnisch, heißt „Ich liebe dich“.

[1] Die damals renommierte Illustrierte „Stern“ hatte Ende der siebziger Jahre von Konrad Kujau Hitlertagebücher gekauft, die dieser gefälscht hatte. Das hatte der Zeitschrift sehr geschadet und war monatelang Thema in den Medien.

[1] BZ extra. Das offizielle Knut-Magazin für Berlin & Brandenburg. Das große Knut-Album. Frühjahr 2007

[1] Ricarda Huch: Die Romantik. Tübingen 1979. Darin das Kapitel: Das Tier in der romantischen Weltanschauung, S. 458

[1] J. G. Herder, nach Ricarda Huch, S. 459

[1] Vgl. Ricarda Huch, S. 460

[1] „Wohl hat die Natur den Menschen zum Herrn der Tiere gemacht, aber sie hat ihm nicht nur Hände gegeben, sondern auch Augen und Ohren, um die Tiere zu bewundern. Die Selbständigkeit, die die grausame Hand dem Tiere raubt, geben ihm die mitleidigen Ohren und Augen wieder zurück. (…) Wohl ist der Mensch die Wahrheit des Tieres, aber wäre das Leben der Natur, wäre selbst das Leben des Menschen ein vollkommenes Leben, wenn nicht die Tiere selbständig existierten? Hat der Mensch zu den Tieren nur ein despotisches Verhältnis? Findet der Verlassene und Verstoßene nicht allein in der Treue des Tieres einen Ersatz für den Undank, die Ränkesucht und Treulosigkeit seiner Mitmenschen? Hat nicht für sein zerbrochenes Herz das Tier eine versöhnende Heilkraft? Liegt nicht dem Tierkultus auch ein guter, vernünftiger Sinn zugrunde? Ist er uns nicht bloß deswegen vielleicht lächerlich, weil wir in einen Götzendienst anderer Art gefallen sind? Spricht nicht auch das Tier in der Fabel dem Kinde zu Herzen? Hat nicht einst selbst ein Esel einem verstockten Propheten die Augen geöffnet?“ Ludwig Feuerbach: Zur Kritik der Hegelschen Philosophie (1839), in: Ludwig Feuerbach: Philosophische Kritiken und Grundsätze (1839-1846), Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1969, S. 24-26

[1] Ähnliche Gedanken äußert Albert Schweitzer in der Aufsatzsammlung: Ehrfurcht vor den Tieren. Herausgegeben von Erich Gräßer. Becksche Reihe im Verlag C.H. Beck, München 2006

[1] David Macdonald (Hrsg.): Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Könemann Verlag 2004, S. XIV

[1] Johann Wolfgang Goethe: Novelle. In: J. W. G. : Novellen, dtv Gesamtausgabe 20, München Juni 1962, S. 157. Im zitierten Gedicht heißt es nicht „Bär und Bärin“, sondern „Löw und Löwin“.

[1] Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main 1971,S. 229

[1] Arthur Schopenhauer: Über das Mitleid. Das Mitleid hebt die Mauer zwischen du und ich auf. dtv C. H. Beck, München. 2. Auflage 2006

[1] Vortext von Franco Volpi, in: Arthur Schopenhauer, Über das Mitleid, a.a.O.

[1] Vgl. Arthur Schopenhauer, S.121 ff

Zum Thema ‚Tier in Philosophie und Ethik’ sei auf folgende Einführungen hingewiesen:

Ingensiep, Hans Werner / Baranzke, Heike: Das Tier. Stuttgart 2008, Reclam

Wild, Markus: Tierphilosophie zur Einführung. Hamburg 2008, Junius-Verlag

Wolf, Ursula (Hrsg.): Texte zur Tierethik. Stuttgart 2008, Reclam

Die Zitate am Ende des Kapitels „Knut und der Artenschutz“ sind diesem Buch entnommen.

Eindrucksvolle tierphilosophische Reflexionen finden sich in J. M. Coetzee: Elizabeth Costello. Frankfurt 2004, S. Fischer

Spannend und aufschlussreich sind die Erlebnisse und Reflexionen, die Kilham/Gray bei der Handaufzucht von Schwarzbären schildern: Benjamin Kilham, Ed Gray: Unter Bären. München 2003, Goldmann

Zu Ursula Böttcher, der Dompteuse von Tosca:

Ursula Böttcher: Kleine Frau, Bärenstark, Ursula Böttcher erzählt aus ihrem Leben. Berlin 1999, Verlag: Das neue Berlin

Dietmar Winkler: Wie beerdigt man einen Zirkus?

Zum Schluss wenige Anmerkungen zum Wahrheitsgehalt einiger Passagen. Grundsätzlich gilt, dass die Geschichte, so wie sie von mir aufgeschrieben worden ist, der Wahrheit entspricht, auch wenn sie zuweilen phantastisch erscheint. Manchmal konnte ich allerdings der Versuchung nicht widerstehen, die Tatsachen zuzuspitzen, zu übertreiben und auszugestalten. Auf einige dieser Textpassagen gehe ich im Folgenden ein.

S. 1: Leider trifft es nicht zu, dass die griechische Bevölkerung Lehren aus der Feuersbrunst gezogen hätte. Vielmehr blieb alles beim alten, wenn ich bei den Nachforschungen im Archiv nichts übersehen habe.

S. 1: Es ist wahr, dass „Medwed“ „Bär“ bedeutet und dass bei der ersten Begegnung zwischen Merkel und Medwedjew diese von Knut erzählte und Medwedjew von dem Teddybären, den ihm sein Vater einst aus Berlin mitgebracht hatte. Nicht belegt dagegen ist, dass von polnischer Seite finstere Machenschaften zwischen einem deutschen und d e m russischen Bären befürchtet oder laut wurden.

Die Umschlaggestaltung ist ebenso wie das gesamte Layout von Bernd Renken.

Hamburg, 5. Dezember 2029 Anneliese Klumbies

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Knut mit Brigli vom 13.11.2010 aufgenommen von ChristinaM Berlin
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Brigli » Mo 28. Dez 2015, 09:52

Danke Anneliese, danke Thomas Doerflein, danke Knut

Es ist eine schoene Geschichte und wie es ja hier im Forum geschrieben steht mit einem gluecklichen Ausgang. Ich habe das Buch ja erst Mitte 2011 gelesen und zwar sprach mich darauf meine Freundin Madeleine aus Bruxelles an, die ich kennengelernt habe beim 4. Geburtstag von Knut und es war fuer mich klar, ich muss es auch lesen, wenn es zu Knut gehoert .

Nichts einfacher als das, die Post macht es moeglich und so ging es los bis auf einmal da stand :” Knut ploetzlich im Alter von 10 Jahrern gestorben “ . Oh weh schrieb ich der Autorin , jetzt ist Knut tot , wie schrecklich und ich werde nie vergessen was Anneliese mir drauf schrieb , naemlich kurz und buendig :

“WEITERLESEN” .

Und so war ich eine gewisse Zeit dem Knut sehr nahe und ueberrascht hat es mich schon ein wenig , Knut konnte schreiben, und das mit mit einem wundervollen BaerenHumor, den wohl nur er besitzt . An vieles konnte ich mich sehr gut erinnern, selbst miterlebt vor Ort oder durch die vielen Erzaehlungen in den verschiedenen Knutblogs.

Ich werde auch das Ende nicht verraten , nur das , mir tat und tut es immer noch gut , und das Buch liegt immer in meiner Naehe und wenn mir danach ist, gucke ich und blaettere darin rum und Knut und ich sind fuer immer ganz fest verbunden

Biene
Knutfreundin fuer immer

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Aufgenommen am 7. Dezember 2010
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon MarkusI » Do 2. Jun 2016, 10:25

Thomas Dörflein hat sehr anschaulich gezeigt, dass er nicht einfach nur ein Tierpfleger war. Er lebte für seine Eisbären! Und diese Hingabe konnte man an Knut sehr gut erkennen, denn er hat geschafft, dass dieser kleine Kerl eine Chance auf Leben bekam. Als Dörflein dann starb, konnte man deutlich erkennen, wie sehr Knut seinen Ziehpapa vermisste und dies hat sicher auch dazu beigetragen, dass er schon so zeitig gestorben ist.
MarkusI
 
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon ralph » Fr 11. Nov 2016, 13:38

Liebe Anneliese
Ich habe dein Buch wirklich hoch geschaetzt. Es ist auch schoen diese Seiten un Bilder elektronisch zu haben.
Zehn Jahre sind jetzt vorbei und wir leben in dunklen Zeiten. Knut und Thomas Doerflein schencken uns immer noch
waerme und hoffnung.
ralph
 
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