Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Moderatoren: UliS, Jochen

Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Mi 2. Dez 2015, 17:29

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Wer war Knut?




Eine phantastische Geschichte



Anneliese Klumbies


bauschan1@googlemail.com

Alle Rechte insbesondere das der Vervielfältigung vorbehalten.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen waren unvermeidlich.
Das Manuskript wurde im Dezember 2007 fertiggestellt. Seitdem hat es einige Korrekturen gegeben, die aber nicht den Handlungsverlauf betreffen. Ein paar Kapitel wurden hinzugefügt.

Hamburg, letzte Fassung Juli 2009




Thomas Dörflein


13. Oktober 1963 - 22. September 2008



gewidmet








geschrieben 2007/2008, gedruckt 2009




Im Jahre 2029 werden Knuts Aufzeichnungen gefunden, die für reges Interesse und einige Aufregung sorgen. Die Zeitungen veröffentlichen Berichte von Zoo-Besuchern und beteiligten Akteuren, die 2007/2008 dabei waren und sich erinnern. Die Zeitumstände werden beleuchtet: Was ereignete sich in diesen Jahren, was war den Menschen damals wichtig? Wir erfahren von Knut, wie er sich in der Menschenwelt des berühmten Berliner Zoos zurechtfand und was ihm begegnete. Und wir erfahren, wie die Geschichte im Jahre 2029 einen unerwarteten Verlauf nimmt. Und im Gegensatz zum wahren Leben wird alles gut.Viele Aspekte zum Thema Knut sind in die Erzählung integriert worden.

So hatte ich im Jahre 2009 im Forum „World of animals“ das Buch angekündigt. Das ist lange her, doch Knut ist nicht vergessen. Wenn am 5. Dezember 2016 der zehnte Jahrestag seiner Geburt gefeiert werden wird, haben wir vermutlich Gelegenheit, die alten Knut-Filme im Fernsehen anzusehen, und Georg Berger, der RBB-Filmer, der Knut seit seinen ersten Kindertagen begleitet hat, wird uns erinnern.

Schon im Jahre 2007 hatte ich große Befürchtungen, was Knuts Zukunft anlangte. Während wir am Leben des kleinen Eisbären Knut teilnahmen, drohte ihm eine ungewisse Zukunft. Wie schmerzvoll musste die Trennung von Thomas Dörflein sein, die unausweichlich in einem oder in zwei Jahren erfolgen würde? Oder gar schon in einigen Wochen?

Er würde wegkommen, seinen Berliner Heimatzoo verlassen müssen, möglicherweise in ein fernes Land, in dem wir ihn nicht mehr täglich besuchen könnten. Von irgendeiner Wildnis in Schweden berichteten besorgte Knutfreunde vor dem Gehege. Auch ich war erschrocken. Wie sollte dieser kleine Bär, der von Menschen groß gezogen worden war, in der Natur zurechtkommen? Dass der schwedische Wildpark Orsa ein Paradies für Knut gewesen wäre, ahnten wir damals nicht, und wir haben es versäumt, uns zu erkundigen. Der Eisbär mit Namen Wilbär aus dem Stuttgarter Zoo, etwas jünger als Knut, fühlt sich heute sehr wohl in Orsa. Für uns stand, im nachhinein betrachtet, wohl allzu sehr im Vordergrund, unseren Liebling am gewohnten Ort zu behalten. Allerdings unter den besten Bedingungen, die man einem Eisbären im Zoo bieten konnte! Dieser Wunsch sollte sich nicht erfüllen.

Was tun? Ich beschloss auf meine Weise, als Erzählerin, Knuts Leben in die Hand zu nehmen und ihm eine glückliche Zukunft zu bescheren. Diese Freiheit hat man als Autorin, und so war ich geradezu verpflichtet, für einen glücklichen Verlauf seines Lebens zu sorgen. Deshalb wird es im Jahre 2029 neue Nachrichten von Knut und Thomas Dörflein geben. Wir dürfen schon heute einen Blick in die Zukunft werfen.

Den Text habe ich nicht verändert. Einige Kapitel aber habe ich herausgenommen, weil ich sie schon an anderer Stelle und überarbeitet veröffentlicht habe, zum Beispiel in „Knut. Der Bär, die Stadt und der Zoo“. Einige Kapitel habe ich anderswo unvollständig abgedruckt, diese belasse ich hier in voller Länge. Die Auswahl der Bilder ist vorläufig, wahrscheinlich werde ich einige Bilder austauschen. Einige Bilder sind auch schon bekannt. Ich werde noch mal in meinem Fundus graben und nach Ersatz suchen. Spenden sind willkommen.
Die Namen habe ich anonymisiert, um dem Vorwurf der Verfälschungen (das war doch ganz anders) zu entgehen . Im Anhang gibt es eine klarstellende Namensliste.


Hamburg, 5. Dezember 2015



Liebe Freundinnen und Freunde von Knut!

Als die ersten Bilder und Berichte über Knut in der Presse auftauchten, war ich entzückt über den winzigen Bären und seine tragisch-glückliche Geschichte. Als am Freitag, den 23. März 2007, Knut der Presse und der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, beschloss ich, noch bis Dienstag zu warten. Dann wäre der Ansturm vorbei, vermutete ich, weil alle interessierten Berliner und auswärtigen Besucher ihn bis dahin gesehen haben würden. Sie wissen, was daraus geworden ist: Noch viele Wochen danach warteten Menschenschlangen vor dem Gehege auf den Auftritt des Publikumsmagneten. Niemand hätte für möglich gehalten, dass ein kleiner Bär Berlin, Deutschland und die ganze Welt in Begeisterung versetzen würde. Es gab erste Versuche der Deutung, viele nicht falsch, alle unvollkommen. Es meldeten sich auch flugs die Gegner der „Knutomanie“. Sie wirkten sauertöpfisch und ihre Einwände überzeugten nicht.

Den Anblick des kleinen Knut in der Symbiose mit Thomas Dörflein und der übrigen „Familie“ auf der Bärenanlage im Berliner Zoo, seine Präsentation in der Öffentlichkeit und das weltweite Echo fand ich aufregend. Ich war von allem tief berührt und kann mir diese Faszination bis heute nur unvollkommen erklären. Vielen anderen geht es genauso. Das Ereignis „Knut“ ließ mich darüber hinaus über weitere damit zusammenhängende Fragen nachdenken, wie die Haltung von Tieren im Zoo und über das Verhältnis Mensch - Tier. Den Umgang der Zooleitung mit dem Fall Knut finde ich in mancher Hinsicht fragwürdig. Die Diskussionen über dieses Thema gehen bekanntlich weiter. Ich habe versucht, einige meiner Eindrücke und bisherigen Überlegungen in der vorliegenden Erzählung wiederzugeben oder anzudeuten. Aus unterschiedlichen Perspektiven, nicht zuletzt aus der Sicht von Knut selbst, werden die vergangenen Ereignisse dargestellt und beleuchtet.

Im November 2007 war die Geschichte in der ersten Fassung fertig geschrieben und wurde von mir an einige Knutfreunde verteilt. Der Handlungsverlauf einschließlich der Schluss-Kapitel stand fest, und ich habe ihn auch so belassen, unbeeinflusst von den traurigen Ereignissen im September 2008, als Thomas Dörflein starb. Nach der ersten Fassung habe ich einige Kapitel, unter anderem aus Knuts Zoo-Alltag, hinzugefügt und immer mal wieder Korrekturen vorgenommen.

Ich danke meinem Kollegen Bernd Renken für die aufwendige und geduldige Hilfe bei der Gestaltung des Ganzen, insbesondere der Montage der Bilder in die Text-Datei. Die äußere Gestaltung der Geschichte ist allein sein Werk! Ohne ihn wäre nix daraus geworden.


Anneliese Klumbies Hamburg, 25. Juli 2009


Wer war Knut
Vorbemerkung

Bei den folgenden Aufzeichnungen handelt es sich um die teils wörtliche, teils zusammenfassende Wiedergabe von Artikeln in der HZ (Hauptstadt-Zeitung) und in anderen Zeitungen und Zeitschriften durch die Verfasserin. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen und das Archiv der HZ durften wir benutzen.
Wegen strittiger urheberrechtlicher Fragen konnten wir den letzten in der Gegenwart spielenden Teil nicht bebildern.

Hamburg, den 5. Dezember 2029, A. K.




Frühsommer 2029

In einigen Cafés um den Winterfeldtmarkt herum wurde schon das Frühstück serviert. Bäume spendeten wohltuenden Schatten. Eukalyptus, Kokos- und Dattelpalmen überwogen, weil sie sich als robuster erwiesen hatten als Kastanien, Linden und Akazien, die in ganzen Straßenzügen resistenten Pilzen und aggressiven Wollläusen zum Opfer gefallen waren. Die aus Zoohandlungen und Haushalten entflohenen exotischen Vögel kakelten und krakeelten in Wipfeln und Baumkronen. Schon lange war Berlin die Hauptstadt der Amazonas-Aras. Ihre kräftigen Farben erfreuten die Caféhausbesucher. Die Aras ließen sich gerne füttern und wippten auf Tischkanten und Stuhllehnen. Häufig verwickelten sie die Caféhausbesucher in Gespräche. Sie hatten die Plätze der Spatzen eingenommen, die lange entschwunden waren.

In der Nähe der Havel war ein halbwüchsiger Kaiman überfahren worden. Wildschweine hatten keine Probleme mehr, sich verkehrsgerecht zu verhalten. Schon seit Jahrzehnten pflügten sie die Vorgärten der Außenbezirke um. Nun besuchten sie auch die zentralen Parks. Die Parkverwaltungen richteten Futterstellen und Wühlareale ein, ausgestattet mit wildschweingerechten Spielgeräten, so dass sie die Grünflächen und Blumen verschonten. Erst gestern wieder war eine Rotte beim Überqueren des Spandauer Damms hinüber zum Charlottenburger Schloss gesehen worden.
Marder trieben sich überall herum, wo Autos waren. Man hatte ihnen abgewöhnt, die Bremsschläuche zu fressen; aber sie blieben Autonarren und tummelten sich weiter gerne unter den geliebten Fahrzeugen.

Die Natur eroberte sich die Stadt zurück. Auf dem Sony-Hochhaus hatte ein Königsgeier-Paar seinen Horst errichtet.

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Berlin bot den Raum für eine weitgehend friedliche Koexistenz zwischen Mensch und Tier. Die intelligenteren unter den Füchsen verschmähten Aas und hatten sich ganz auf den direkten freundschaftlichen Verkehr mit den Menschen umgestellt. Marder, Fuchs, Waschbär gehörten zu den Gewinnern der neuen Zeit, zu denen sich seit geraumer Zeit der Marderhund gesellt hatte. Letzterer wiederum begrenzte sie in ihrem Bestand. Außerdem wurden gelegentlich Kontrazeptiva unters Futter gemischt. So regulierte sich beinahe alles wie von selbst.
Die Landflüchtigen vertauschten das anstrengende Landleben mit beschaulichen Winkeln in Parks, Gärten und Stadtbrachen. An verborgenen Ruheplätzen war kein Mangel, und die Nacht gehörte ihnen und den Nachtschwärmern. Die Berliner hatten gelernt, sich mit ihnen zu arrangieren, und auch die Tiere passten sich an. Sehr bewährt hatten sich Tiertrainingskurse für sozialverträgliches Verhalten.
Robert Robbe blickte nur mäßig interessiert, als er den einheimischen Vertretern des nordafrikanischen Wüstenfuchses kurz vor dem Zeitungskiosk begegnete. Im Berliner Zoo besaßen sie eine kleine Familie dieser Art. Gerade hatte es wieder Nachwuchs gegeben. Aber trotz des künstlichen Dunkels in der Abteilung für Nachttiere musste man schon Geduld mitbringen, dieselben zu entdecken. Bei den Füchsen der Stadt hat man es einfacher als im Zoo, überlegte Robert. Schon wollte er am U-Bahnhof Nollendorfplatz die Rolltreppe hocheilen, da sprangen ihm die heutigen Schlagzeilen ins Auge.


„Sensationeller Fund im Zoo! Knuts Tagebuch gefunden! Experten sprechen von Fälschung. Kujau-Enkel behauptet: Diesmal ist das Tagebuch echt.“

Das war ja mal wieder typisch. Das neueste über den eigenen Arbeitsplatz erfuhr man am Kiosk. Die Empörung über den Umgang mit den Mitarbeitern machte schnell ungläubigem Staunen Platz. War heute der erste April? Die Hitzewelle schien ihre Opfer unter den Journalisten zu finden. Er griff sich die HZ. Der Artikel begann:
„Sensationeller Fund im Schuppen der Zoo-Werkstatt. Dort entdeckten Tierpfleger-Azubis die alte Wohnkiste von Knut, dem seinerzeit berühmtesten Eisbären der Welt. Sein Tagebuch wurde in der zusammengefalteten grünen Decke gefunden, die Hannes Weiler bei den öffentlichen Auftritten benutzte.“
„Die Kollegen und die Zooleitung hielten den Zettelhaufen für wertlos. Die findigen Lehrlinge aber hatten eine Vermutung, wandten sich an die Ombudsfrau ‚Für die Rechte der Tiere’ und übergaben ihr die bekritzelten Zettel. Deren Haus-Experten schlossen sich nach einer ersten Prüfung der Vermutung der Azubis an.“

HZ, Seite 2:
„Nie wieder sollte ein Eisbär so berühmt werden wie Knut.“

Viele Berliner werden sich an ihn erinnern. Der Zoo musste einen Sicherheitsdienst engagieren, um die Besucherströme zu ordnen. Später starb er in einem fremden Land. Sein Tagebuch gibt bewegende Auskunft über die Befindlichkeiten eines kleinen Bären, seine Erlebnisse und Erfahrungen in der Menschenwelt eines berühmten Zoos.“ Seite 3, Seitenaufmacher:



„Wer war Knut?“

Nachforschungen in unserem Archiv ergaben folgende Informationen. Er wurde am 5. Dezember 2006 zusammen mit einem Bruder im Berliner Zoo geboren. Die Mutter Tosca konnte wie schon bei früheren Geburten nichts mit den beiden Neugeborenen anfangen und ließ sie auf den Fußboden fallen. Zwar war die Erderwärmung schon deutlich spürbar, und es war eher herbstlich als winterlich an diesem warmen Dezembertag, aber die nackten kleinen Würmer hätten auf dem kühlen Zementboden keine Überlebenschance gehabt. Diesmal lagen sie so nahe am Gitter, dass der Leiter des Bärenrevieres sie mit Hilfe einer langen Stange herausrollen konnte. Hannes Weiler hieß dieser bemerkenswerte Mensch und Tierpfleger, der schnell fast so berühmt werden sollte wie sein Pflegekind Knut.
Die Zooleitung hatte der erneuten Niederkunft der Eisbärin Tosca mit Sorge entgegengeblickt. Sie war die einzige der drei Eisbärinnen, die schwanger wurde und gesunde Jungtiere gebar. Nie aber kümmerte sie sich um die Neugeborenen, so dass diese unversorgt blieben und bald starben. Nie kam man an die Jungtiere heran, so dass die kläglichen Jammerlaute bald erloschen.

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Diesmal aber konnte man zwei unversehrte kräftige Eisbärenbabys bergen. Ein Brutkasten, den man sonst für Pinguineier nutzte, stand schon bereit, und bei einer Temperatur von 37 Grad und auf kuscheligen Schafsfellen überlebten die kleinen Brüder die ersten Tage. Einer der beiden starb nach vier Tagen an einer Infektion. Die beiden Tierärzte vermochten ihn nicht zu retten. Den Überlebenden nannte Hannes Weiler Knut. Das war ein norwegischer Name und bedeutete „Der Starke“. Aber diesen Namen bekam er erst, als er die ersten kritischen Wochen überstanden hatte. Jeden Tag wartete das gesamte Zoopersonal auf das ärztliche Bulletin: Hatte er Fieber? Oder Koliken? Hatte er sich verschluckt und drohte zu ersticken? Verweigerte er die Nahrung? (Nie!) Ereilte ihn die Grippe? (Eisbärenbabys haben bei der Geburt so gut wie keine Abwehrstoffe.) Gelang die Rettung? Oder musste er sterben wie sein Bruder?
Tatsächlich überlebte er. Erst nach sechs Wochen trat der Zoo an die Öffentlichkeit. Ein Foto wurde in allen Zeitungen abgedruckt. Knut lag auf dem Rücken, und eine menschliche Hand streichelte oder kitzelte seine Fußsohle. Das Bärenbaby war offensichtlich davon angetan, streckte die breite Zunge aus dem kleinen Maul und riss die Arme begeistert nach oben. Es war winzig, nicht viel größer als die menschliche Hand. A star was born. Morgen berichten wir weiter. Mit vielen Bildern.“

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Robert legte die Zeitung sorgfältig zusammen. Knut war ihm immer noch gegenwärtig. Zwölf Jahre war er nun schon tot, und zweiundzwanzig Jahre waren seit seiner Geburt vergangen. Robert war klar, dass sein berufliches Leben nach Knuts Weggang nie wieder so intensiv geworden war wie damals, im Jahre 2007/2008. Wenn man einmal von dem kurzen Intermezzo absah, als er vom Betriebsrat für den freiwerdenden Posten des Zoodirektors vorgeschlagen worden war und unterlag. Der Konkurrent hatte BWL und Event-Management studiert und es zuvor zum „Senatsbeauftragten für Kulturelle Highlights“ der Hauptstadt gebracht. „Die heiße Nacht der Krematorien“ war seine Erfindung. Nach anfänglichem Zögern wurde das neue Volksfest sehr gerne angenommen und die kritischen Stimmen verstummten. Bei seinen sommerlichen Feuerwerken „Berlin – Eine Stadt wie Rom“ ließ er für kurze Zeit ganze Stadtviertel ohne Beleuchtung, um dann ein brillant inszeniertes Feuerwerk zu entzünden, so dass die Stadt in einem Brand unterzugehen schien. Einmal im Jahr wurde der „Nero des Jahres“ gewählt.
Berlin war noch attraktiver geworden, und die Besucherzahlen schnellten in die Höhe. Gegen so einen reißerischen Typen konnte Robert natürlich nicht gewinnen. Mit dem Bau eines Riesenrades hatte alles begonnen. Lange hatte der Zoo unter dem alten Direktor Dr. Martin Grabowski versucht, sich den Modeströmungen der Zeit zu widersetzen, die sich eher an den Bedürfnissen von Rummelplatzbesuchern als an denen der Zootiere ausrichtete. Nun drohte dem Zoo endgültig die Eingliederung in den benachbarten Vergnügungspark.

Als Robert bei den Bärengehegen anlangte, lauerte schon die Medienmeute auf Interviewpartner. Der Rummel begann. Gut für die Besucherzahlen und damit gut für den Zoo. Seine Kollegen wussten nicht so recht, was sie von den Neuigkeiten halten sollten. Allen war Knut ein Begriff. Die Filme über seine Kindheit waren für die Azubis immer noch Bestandteil des Unterrichts. Die Meinung überwog, dass ein Witzbold die angeblichen Aufzeichnungen von Knut gefälscht hatte.

In den nächsten Tagen veröffentlichte die HZ weitere Ergebnisse ihrer Recherchen, die ich hier zusammenfassend wiedergebe:

Mit beinahe zwei Jahren, im September 2008, wird Knut in eine Kiste verfrachtet, zum Flughafen gefahren und landet in Helsinki. Die Leute dort wundern sich über das Prachtexemplar von Eisbär. Tierpfleger und Ziehpapa Hannes Weiler hat „sein Kind“ begleitet und übergeben, er beantragt noch von Helsinki per SMS seine Beurlaubung. Er brauche Abstand und möchte mal was anderes machen, schreibt er. Der Zoo-Direktor ist erschrocken, hat Weiler sich bisher doch vorbildlich professionell verhalten. Hat er doch mehr unter den Maßnahmen zur Trennung von Mensch und Eisbär gelitten, als er nach außen zeigte?
Der Direktor genehmigt die Beurlaubung und überlegt, wen er das nächste Mal als Ziehpapa einsetzen soll. „Das nächste Mal“ könnte schon bald akut werden. Tosca könnte wieder schwanger sein, und niemand glaubte an eine Steigerung ihrer mütterlichen Fähigkeiten. Man musste auf jede Situation vorbereitet sein.
Benny Greiff war nicht so verliebt in Knut. Er fand den einen Monat älteren Malaienbären Ernst niedlicher, „nicht so zickig“ wie Knut. Obwohl er Knut gegenüber auch wieder gerecht war. Ernst wachse schließlich bei der eigenen Mutter auf, es sei deshalb erklärlich, warum er ausgeglichener und ruhiger sei. Nach ein paar Monaten wurde die Malaienbär-Familie sogar um den Vater vervollständigt. Der hatte keine Konkurrenzgefühle, wie bei Eisbärenvätern üblich, und alle drei wirkten sehr zufrieden.
Robert Robbe war sehr vernarrt in Knut, tobte wild mit ihm herum, wurde reichlich aber freundschaftlich gezwickt und konnte sich immer wieder über den tapsigen Trumm amüsieren. Auch ihm fiel der allmähliche Abschied von Knut schwer, aber er fand sich mit den Abnabelungsschritten ab.
Oder sollte es der Pfleger von Paul machen, dem Flusspferd-Jugendlichen, zwei Gehege weiter? Der hatte viel Erfahrung und war den Tieren auch sehr zugewandt. Das Kind Paul war groß, es lebte aber noch mit seiner Mutter zusammen. Allerdings ging er gar zu liebevoll mit den kleinen Zwergflusspferdchen um. Der würde vielleicht auch zu sehr sein Herz an ein Bärenkind verlieren, denn das schien ihm nun doch der Grund für Weilers Beurlaubungsantrag zu sein.
Hannes Weiler hat man übrigens nie wieder gesehen. Zu Beginn der Herbstferien 2008 verschwand auch Weilers Lebensgefährtin mit den Kindern. Niemand schien zu wissen, wohin sie entschwunden war. Eine Freundin gab an, dass sie nach Kanada gegangen sei. Sie habe nie wieder etwas von ihr gehört. Letztlich war auch ihr Verschwinden rätselhaft und geheimnisvoll.

Der Eisbär hatte in Helsinki großen Erfolg. Seine Kindheit in menschlicher Obhut schien ihm ein solides Fundament an Selbstbewusstsein mitgegeben zu haben. Er wirkte souverän und sicher. Er machte drei Eisbärinnen glücklich, bekam fünfmal Nachwuchs, um den er sich so wenig kümmerte wie alle Eisbären-Väter. Man wollte nichts riskieren und separierte ihn wie alle Eisbären-Männer von seinen Jungtieren. Seine Kindheit unter den Menschen schien ohne Folgen für sein artgerechtes Verhalten zu sein.
Als er zehn Jahre alt war, starb er. Eines Morgens lag er tot im Käfig. Bei der Obduktion stellt man fest, dass er einen Magendurchbruch hatte. Zuviel gefressen, ein altes Eisbären-Leiden? fragt man sich. Aber woher hatte er die Nahrung, die erst zu einer Magenerweiterung und dann zum Magendurchbruch geführt hatte? Hatten Verehrer unter den Zuschauern ihn heimlich mit Leckerbissen gemästet?
Sein Tod interessierte noch einmal die Medien. Dann herrscht lange Jahre Schweigen. Kurz nach Knuts Tod hatte es noch einen kurzen Streit gegeben, der in den Zeitungen von damals dokumentiert ist. Der Berliner Zoo wollte seinen Kadaver, um ihn ausstopfen zu lassen für das Berliner Naturkundemuseum, in dem schon Knorke, ein seinerzeit berühmter Gorilla und von den Medien zum unangefochtenen Liebling der Berliner erklärt, verewigt ist. Der Zoo von Helsinki hatte dasselbe für sein Naturkunde-Museum vor und bestand auf seinen Eigentumsrechten. Schließlich handelte es sich um einen Bären mit Vergangenheit, der einst weltberühmt war.
Der Berliner Zoo stellte eine lebensgroße Porzellan-Figur auf (163x90x251 cm), von dem berühmten französischen Künstler Francois Pompon geschaffen, mit einer Tafel, auf der die wichtigsten Daten stehen. Manchmal liegen noch heute Blumen darunter, es treffen immer noch Karten und Gebinde aus Japan und Neuseeland ein. Gedichte von kleinen Kindern und großen Dichtern sammelte man und stellte sie in einer Vitrine aus.


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Schlagzeilen der HZ und anderer Medien vom 23. 6. 2029 und den folgenden Tagen und Wochen:

Tagebücher echt?
Alles Fälschung!
Dichtung oder Wahrheit? Experten uneins.
Semiologe aus den USA: Es handelt sich um vorägyptische Hieroglyphen.
Berliner Graphologe sagt: So eine Klaue kann nur ein Eisbär haben.
Professor René Schlue, Dozent für Eisbärenkunde an der Humboldt-Universität und ehemaliger Kinderarzt von Knut, enthüllt: Eisbären können gar nicht schreiben
!
Und schließlich, nach wochenlangem Streit und unzähligen Expertisen:
Jetzt steht es fest: Die Tagebücher sind echt!
Konrad Kujaus Enkel, Eyke Kujau, renommierter Schriftkundler und Historiker, legt unwiderlegbare Beweise vor.
Kujau jr.: „Die Ehre des Namens Kujau ist wieder hergestellt!“

HZ vom 03. 07.2029

Wir haben uns die Abdrucksrechte gesichert. Sobald es den Schriftsachverständigen gelungen ist, Teile von Knuts Aufzeichnungen zweifelsfrei zu entziffern, werden wir mit dem Abdruck beginnen.
Unser verdienter Berlin-Redakteur Bodo Felsengeld, damals federführend bei der Berichterstattung über Knut und darüber zum Eisbär-Experten geworden, ist aus dem Ruhestand zurückgekehrt und wird die Berichterstattung kommentieren und lenken.
Lassen Sie sich entführen in die Welt vor 22 Jahren!
Und nehmen Sie teil an den Erfahrungen und Erlebnissen eines kleinen Eisbären, der nun auch Ihr Herz erobern wird!
Wie war die Stimmung damals im Lande?
Welche Ereignisse bestimmten unser Leben?
Auch Sie, liebe Leser, können zu Wort kommen.
Schicken Sie uns Ihre Erinnerungen, Fotos, Tagebücher, Briefe von damals.
Viele von Ihnen werden als Kind oder Erwachsener Knut damals besucht haben. Berichten Sie uns!

Deutsche Männer: Schlue, Cox, Weiler, Klinsmann, Knut

HZ, 08.07. 2029

„Deutschlands zweites Sommermärchen“
Wie weit sind die Schriftsachverständigen mit der „Übersetzung“ von Knuts Aufzeichnungen? Die Experten sind immer noch bei der Arbeit, und ein Ende ist nicht abzusehen.
Man will sich keine Nachlässigkeit gestatten, schließlich werden diese Aufzeichnungen rund um die Welt gehen. Sie müssen jeder kritischen Überprüfung standhalten.
Sobald Knuts Aufzeichnungen zum Abdruck freigegeben sind, werden wir selbstverständlich einige Schriftproben als Faksimiles abdrucken, damit Sie sich ein Bild von seiner Eisbären-Klaue machen können. Bisher mussten wir uns mit Schilderungen zufrieden geben.

Wir wissen nur, dass Knut auf Blanko-Formularen geschrieben hat. Es handelt sich um Vordrucke zur täglichen Dokumentation über seinen Gesundheitszustand, die Menge und Zusammensetzung der Nahrung, Gewicht, Größe, seine Stimmung usw. Sein Futter hat er beispielsweise immer mit überschwänglicher Begeisterung zu sich genommen, erfahren wir von Frau Dr. Verena Schmidt, Mitarbeiterin der Senatsstelle „Für die Rechte der Tiere“ und Bärenexpertin. Alle Bären sind ausgesprochene Leckermäuler, da war Knut keine Ausnahme.

Der letzte Eintrag von Knut stammt von Dezember 2007. Waren ihm dann die Formulare ausgegangen? Seine Bewegungsfreiheit wurde ja immer weiter eingeschränkt. Vielleicht gelang es ihm nicht mehr, sich Formulare aus dem Tierpfleger- oder Tierarztzimmer zu besorgen?

Diese Formulare sind vom Personal bis zum Abflug Knuts nach Helsinki im Herbst 2008 ausgefüllt worden. Sie waren Grundlage für die Doktorarbeit des engagierten und strebsamen Tierarztes René Schlue. Wenig später veröffentlichte er ein Lehrbuch für die Auszubildenden „Eisbären aufziehen mit Herz und Verstand“ und einen Erlebnisbericht „Ein Patient mit Namen Knut“.
Dr. Schlue wurde Professor für Tiermedizin an der Humboldt-Universität und lehrt immer noch hoch geachtet und unter Experten weltberühmt mit Schwerpunkt Eisbärenkunde.

Die Inuits, die Ureinwohner Grönlands und Nordkanadas, die die Eisbärenjagd im ehrenden Gedenken an die Sitten und Bräuche ihrer Vorfahren angesichts des kläglichen Restbestandes seit einigen Jahren aufgegeben haben, lernen nun bei Professor Schlue alles über die Pflege und Erhaltung dieser Tiere. Die Rest-Population lassen sie in großen Gebieten, quasi der natürlichen Umgebung, ein beinahe authentisches Leben als Eisbären führen.

Das Konzept orientiert sich an dem in Berlin erfolgreich erprobten Projekt „Betreutes Wohnen“ für Senioren: Fütterung und medizinische Versorgung auf Wunsch, ansonsten weitgehende Wahrung von Selbständigkeit und Freiheit und unbedingte Respektierung der Würde.

Professor Schlue wird 2009 Ehrenbürger der Stadt Berlin
HZ, 09.07.2029

Anlässlich des dritten Geburtstages von Knut im Jahre 2009 erhielt Prof. Schlue die Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin, verbunden mit dem Anrecht auf ein Ehrengrab und einer Freifahrtkarte für das Großverkehrsnetz. Was das Ehrengrab anlangt, hat René Schlue sich noch nicht festgelegt. Aber die Neigung geht zum Friedhof in Friedenau, auf dem auch Marlene Dietrich und Helmut Newton begraben liegen, wie er in einer Talkrunde mal halb im Scherz äußerte. Außerdem erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande, verliehen für seine Verdienste in der Steigerung des internationalen Ansehens des Berliner Zoos, damit der Stadt Berlin und schließlich ganz Deutschlands. Seit der weltweiten Berichterstattung über Knut, seinen Ziehvater Hannes Weiler sowie seinen Kinderarzt René Schlue gehöre der „hässliche Deutsche“ endgültig der Vergangenheit an, hieß es in der Laudatio, gehalten von Bürgermeister Wawrannek, liebevoll genannt Wiwi – auch er einst ein neuer deutscher Mann. Mit dem als verschollen geltenden Tierpfleger und dem sympathischen Tierarzt sei ein neuer Typ von Mann etabliert worden, der einfühlsam, attraktiv, männlich und androgyn zugleich das authentische Lebensgefühl des neuen Deutschlands wiederspiegelte. Und das sei auch gut so. Hannes Weiler hatte bereits im Oktober 2007 den Verdienstorden der Stadt Berlin für seine Verdienste bei der Aufzucht von Knut erhalten. Er gehörte mit seiner Familie auch zu den Ehrengästen beim Sommerfest 2007 des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler.
Die Bilder und Filme, die den liebevollen Umgang der beiden mit dem kleinen Eisbären zeigen, seien um die Welt gegangen und hätten den Typus des neuen deutschen Mannes vorbildhaft etabliert und bekannt gemacht. Beide hätten viel für das Ansehen unseres Landes in der Welt getan. Sie würden stellvertretend für alle Tierpfleger und Tierärzte der Berliner Zoos ausgezeichnet.
Knuts Kindheit und Hannes Weilers Rolle waren auch eine Demonstration der Bemühungen des Zoos in Sachen „Gender Mainstreaming“ (so drückte man sich damals aus, wenn man „Gleichstellung der Geschlechter“ meinte). Auch Männer können zärtliche Mamas sein!

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Knut wurde auf der ganzen Welt geliebt, und etwas von diesem Glanze fiel auch auf das Land, in Fortsetzung des Gewinnes an Sympathie ein Jahr zuvor bei der Fußballweltmeisterschaft. Keine Zeitung von internationalem Rang hatte versäumt, über das Phänomen Knut zu berichten. Die berühmtesten Star-Fotografen drängten sich danach, dieses kleine Fellbündel abzulichten und in nahe liegende Zusammenhänge einzubauen: Die Bedrohung der Arten, in diesem Fall der Eisbären, und der Klimaveränderung. Die Idee von der Notwenigkeit des Klimaschutzes wurde weltweit anerkannt und seit Knuts Erscheinen ungeheuer populär. Selbst die USA waren nach und nach zu Konzessionen bereit.
Knuts Geschichte war die des Underdog
Oder: „Wir können alles besser machen“

HZ, 12.07.2029

Knut verkörperte die vom Schicksal gebeutelte, hilflose unschuldige Kreatur. Er kam mit geringen Chancen auf die Welt, aber dank der unendlich geduldigen und liebevollen Pflege des Ziehpapas und der Begleitung durch die beiden Tierärzte Schlue und Cox überstand er im Gegensatz zu seinem Bruder die kritische Phase. Er entwickelte rasch einen kämpferischen Überlebenswillen, was besonders das Publikum in den USA bewegte.


Vom „Underdog“ zu „A star is born“.

Dramatische Geschichte und Rettungsaktion.

Seine Rettung schien gleichnishaft: Sollte man nicht die Ärmel aufkrempeln, um eine bessere Welt zu schaffen? Knut wurde überall auf der Welt zum Symbol für den Neubeginn.

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Alles schien plötzlich bewältigbar. Hier nur ein Beispiel für viele Anzeichen einer Wende. Als im Sommer 2007 über zwei Monate eine Feuerwalze Menschen, Städte und Dörfer, die Wälder und das antike Olympia vernichtete oder zu vernichten drohte, erhoben sich die Menschen Griechenlands aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit und regelten ihre öffentlichen Angelegenheiten. Es herrschte so viel Empörung über das allgegenwärtige Versagen der Bürger und der Institutionen, dass der gemeinsame Wille endlich eine funktionierende und am Gemeinwohl orientierte Verwaltung hervorbrachte. Die Griechen hatten vor dieser Katastrophe wenig übrig für die Natur. Wälder interessierten als Picknickplatz. Vor allem aber als Bauplatz, und dazu gehörten sie abgebrannt. Aber es gab gar nicht so wenige Griechen, die sich davon beeinflussen ließen, dass man nördlich des Mittelmeeres Wälder schätzte. Und schützte. Auch gingen etliche von ihnen in Zoos, und vor Knuts Gehege hörte man oft griechische Sprachfetzen. Von Knut, erst vom Untergang bedroht, dann gerettet und mit einem unzerstörbarem Lebenswillen ausgestattet, schienen sie sich etwas abgeguckt zu haben. Viele Berichte und Bilder in griechischen Zeitungen zeugen davon. Hier der Feuerfrevel, dort der tapfere kleine Bär, der mit seinem Patenonkel für den Schutz der natürlichen Lebensräume eintrat.

Ob der Anstoß, die öffentlichen Angelegenheiten endlich besser zu regeln, in Griechenland anhielt, soll hier nicht weiter verfolgt werden.

Ein Wirtschaftswunder im Jahre 2007

HZ, 13.07.2029

Beinahe zeitgleich mit der Bekanntgabe von Knuts Existenz, den dramatischen ersten Stunden und der wundersamen Errettung begann in seiner Heimat der Wirtschaftsaufschwung, an den niemand mehr geglaubt hatte, und die Arbeitslosenzahlen sanken Monat für Monat.
Gerne wies der ehemalige Bundeskanzler auf seine Reformen hin, die er sich mit seinem Freund Peter ausgedacht hatte. Es glaubten ihm nur wenige, viele dachten eher an Klinsmann, Knut und die sympathische neue Bundeskanzlerin.
In einer Publikation, dem HZ-Album, wurde Knut sogar mit Klinsmann verglichen. Beide Fotos nebeneinander ergaben eine frappierende Ähnlichkeit des jungen Knut mit Klinsmann. Oder umgekehrt. Beide hatten offene, lächelnde, jungenhafte Gesichter.

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Und ein dritter Hoffnungsträger gehörte unbedingt in diese Reihe, nämlich René Schlue.

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Auch ihm wird man eine gewisse Ähnlichkeit mit Knut nicht absprechen wollen. Was aber bisher niemandem auffiel: Alle drei haben einen gemeinsamen Vorfahren, der schon vor gut 150 Jahren das Vorbild abgab für den neuen deutschen Mann: Alexander von Humboldt. Sehen Sie selbst, liebe Leser.

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Damals, mit der Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft im Jahre 2006, gewann Deutschland an Sympathie in aller Welt. Der dokumentarische Fußballfilm „Deutschland, ein Sommermärchen“ wurde im darauf folgenden Jahr fortgesetzt mit den ebenfalls dokumentarischen Filmen „Knut, das Eisbärbaby“, „Knut entdeckt die Welt“, „Verrückt nach Knut“, gefolgt von „Ein Eisbär wird erwachsen“. Ben Taler statt Sönke Wortmann hieß der bald weltberühmte Filmemacher.

In den Medien hieß es „Deutschland und das zweite Wirtschaftswunder“. Weil wir unsere gute Laune behalten wollen, sehen wir mal nicht so genau hin. An Knut lag es jedenfalls nicht, wenn es ein paar Schönheitsfehler in der Bilanz gab.
Muss man noch erwähnen, dass auch die Kanzlerin Knut sehr tapfer und niedlich fand und sich die Filme und Bücher ansah, die mittlerweile über ihn erschienen waren? So darf sich Knut anrechnen, die Kanzlerin beflügelt zu haben.
Sie fuhr nach China, sprach dort über die Menschenrechte und erkundigte sich nach dem Stand der Gleichberechtigung. Freundliches Kopfnicken der Gesprächspartner. Sie musste schon gar nichts mehr sagen, der Ministerpräsident Wen Jiabao versprach von alleine das Ende der Industrie- und Politikspionage und der Produktpiraterie. Von westlichem Hochmut weit entfernt, informierte die Kanzlerin sich über das chinesische Förderprogramm für Pandabären und beschloss, es auf Problembären tierischer und menschlicher Natur in Deutschland zu übertragen. Der Wermutstropfen, nämlich die Information darüber, was man in China Furchtbares mit Kragenbären anstellt, wurde der Kanzlerin vorenthalten.
Claudia Roth von der Partei „Die Guten“ (damals nannten sie sich noch „Die Grünen“) lobte die Wahrung der Wirtschaftsinteressen ohne Verrat an der Menschenrechtsidee. (Die FAZ vermutete, dass die Grünen mit dieser Schmeichelei eine schwarz-grüne Koalition anbahnen wollten. Und so kam es dann ja auch ein Jahr später in Hamburg.) Der Sommer nach der Fußballweltmeisterschaft war etwas verregnet, aber das war auch alles, was die Freude beeinträchtigte.

Natürlich hieß der künftige russische Präsident, der im Frühjahr 2008 mit dem Segen seines Vorgängers Putin gewählt wurde, Dmitrij Medwedjew. Medwed heißt auf russisch Bär. Die Bundeskanzlerin wusste das (sie kann ja Russisch) und unterhielt sich nach einem leidlich zufriedenstellenden Gespräch politischen Inhalts „über bestimmte lebensgeschichtliche Dinge“. Und das sind nun mal die Dinge, auf die es wirklich ankommt: Merkel berichtete von Knut, und Medwedjew erzählte von einem Stoffbären, den ihm sein Vater mal aus Berlin mitgebracht hatte, als er noch ein Kind war. Da war das Eis zwischen beiden endgültig gebrochen. Wusste der künftige Präsident die Geste von Merkel zu schätzen, „ihn als erster ausländischer Gast nach seiner Wahl aufzusuchen“ (Süddeutsche Zeitung, 10.3.2008), so brachte sie ihre beiderseitige Begeisterung für Bären menschlich nahe. Nach diesem erfreulichen Gespräch erhielten die deutsch-russischen Beziehungen ein neues Fundament; die Herzlichkeit und Zuneigung der menschlichen Seite ihrer Beziehungen war nun durch keine politischen Turbulenzen zu erschüttern, jedenfalls nicht, so lange beide regierten. Ob Knut klar war, dass man ihn ins Spiel der internationalen Politik versetzt hatte? Dass er eine diplomatische Rolle spielte?
In Warschau bekam allerdings der deutsche Botschafter Arbeit. Dort wurde in der Boulevardpresse behauptet, es seien finstere Machenschaften zwischen einem deutschen und d e m russischen Bären geplant.

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Problembär Bruno
HZ, 14.07.2029

Der Fußballsommer hatte mit einem schmachvollen Mord an einem hoffnungsvollen von jugendlichem Tatendrang erfüllten Braunbären begonnen, sinnigerweise Bruno geheißen, und die Tierfreunde der Welt zeigten anklagend auf Deutschland. Schon wieder Deutschland! Klinsmann konnte diesen Schandflecken zum Verblassen bringen. Ein Jahr später folgte ihm der Berliner Zoo. Die liebevolle Aufzucht von Knut erwärmte die Herzen in aller Welt und bewies, dass Deutschland nunmehr nicht das Land der Jäger, sondern das Land der Heger war.

Es gab damals auch eine Verschwörungstheorie, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen, weil sie uns den Sieg der Italiener über die Deutschen im Fußball im Jahre 2006 in einem anderen Licht erscheinen lässt. Danach lebte der Braunbär Bruno mit seiner Mamma im italienischen Trentino. Beide waren zu Müllbären (wir schlagen die neutrale Bezeichnung „Wertstoffbär“ vor) geworden, d. h. sie nährten sich von den Abfällen menschlicher Siedlungen und trennten dort die essbaren Reste von den nicht essbaren. Wobei die Bewohner dieser Siedlungen sich verständlicherweise unbehaglich fühlten. Hier gibt es eine Parallele zu Toscas Mutter, die ebenfalls eine Wertstoffbärin war. In Kanada fing man solche Tiere ein und verfrachtete sie in den hohen Norden. In Italien schickte man sie über die Grenze. Man wurde mit Bruno nicht mehr fertig und erhoffte sich einen resozialisierenden Abenteuerurlaub unter der Leitung eines deutschen Sozialpädagogen. Solche Maßnahmen für jugendliche Delinquenten waren damals üblich und bei allen Beteiligten sehr beliebt. Jedenfalls wollten die Italiener ihn los sein, und Bruno landete auch schnell in Bayern. Wo er seine Müllbärenkarriere fortsetzte. Auch einige Schafe und Kaninchen mussten daran glauben.
Als man ihn wegen der vermeintlichen Gefahr für Mensch und Tier erschoss, erhob sich ein großes Klagen in Italien.


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Das arme Tier!
Assassinato perfidamente! (Heimtückisch gemeuchelt!)
Che bello! (So schön und gut, von so edler Gestalt und Gesinnung, die Sanftmut in Person!)
La vendetta per Bruno! (Rache für Bruno!)
Die italienische Fußballmannschaft kochte vor Zorn. Und donnerte die Tore ins Netz der Deutschen Mannschaft. Das war klug eingefädelt von der italienischen Fußballmafia.
Ja, so könnte es gewesen sein, damals, im Sommer 2006. Überlegen Sie selbst, liebe Leser!

Wenn Abruzzen-Bären vergiftet werden, regen sich dagegen nur die paar italienischen Ökohanseln auf. Und das im Lande des Franz von Assisi! Der die Tiere unsere Geschwister nannte! Der vor den Fischen, Vögeln und Bären predigte! Der heilige Franz hätte sich in seinem Sarkophag umgedreht, wäre bis in die Krypta der Grabeskirche die Nachricht über das gelangt, was mit Bruder Abruzzenbär geschah.
Wie die Menschen in Berlin unseren Bruder Knutbär behandelten, hätte St. Franziskus aber sehr wohl gefallen.
Presse über Knut

HZ, 15.07.2029

Vom kläglich fiependen nackten Häufchen Elend, embryoähnlich in total hilflosem Zustand wuchs er in wenigen Wochen zu einer kleinen weißen Schönheit heran, neugierig, niedlich, tapsig, verspielt, voller Vertrauen in seinen Ziehpapa und in alle Menschen, denen er begegnete. Dabei war er von Anfang an auch fordernd und keck, bis zu gelegentlichen Frechheiten, wie sie wohl allen selbstbewussten Kindern eigen sind.

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Das Adjektiv „süß“ war absolut kein Euphemismus, schrieb die FAZ. Es war vielmehr die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Gegen jene, die mit kompliziertem begrifflichen Besteck hantierten, war in der FAZ zu lesen, dass „süß“ der elaborierteste (also anspruchsvollste und differenzierteste) mögliche Ausdruck sei. So weit das Blatt aus Frankfurt.
Knut entzückte mit seinem teddybärgleichen Anblick und mit seinem kindlichen Gebaren.

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Was Knut darüber hinaus auslöste, betrifft wohl ein Urphänomen unserer Empfindungswelt. Wenn wir es mit bestimmten Tieren unter ungewöhnlichen Umständen zu tun haben, können sie eine tiefe Rührung hervorrufen. Aber auch im alltäglichen Umgang mit Hund und Katze können sich solche Momente einstellen. Die Vorgeschichte unserer eigenen Spezies und eine fortbestehende Verwandtschaft wird nachempfindbar. Dazu hatten die Romantiker einiges zu sagen. Bei Ricarda Huch heißt es: „Alles, was unsere Seele in Sprache und Kunst nach außen gestrahlt hat, liegt noch ungelöst im Auge des Tieres; sein Blick berührt die Seele unmittelbar wie Musik“. Die Tiere könne man als die „älteren Brüder des Menschen“(Herder) betrachten, „auf die Tiere zurückblickend sieht der Mensch gewissermaßen die Stufenjahre seiner Seele, die inzwischen gewachsen ist, ohne aber ihre angeborene Art ganz abgetan zu haben“ .

In der Süddeutschen Zeitung saßen Anhänger von Knut, das merkte man der sympathisierenden Berichterstattung an. Aber auch hier wie in der vergleichbaren Presse meinte man mit dem Anspruch eines kritischen Journalismus nicht auf gelegentliche herablassende Bemerkungen verzichten zu können, zu Lasten von Hannes Weiler und seinem Schützling. Generell näherte man sich dem Thema Knut mit schmunzelnder bis hämischer Herablassung. Es bot Anlass für allerlei lustige Analogien und Vergleiche. Man beschwor den baldigen Verfall des öffentlichen Interesses an Flocke, bevor diese auch nur der Öffentlichkeit vorgestellt war, und behauptete die Abkehr der Zoobesucher von Knut, seit dessen Fell sich bräunlich an unvorteilhaften Stellen verfärbe. Gegen die wachsende Unförmigkeit helfe auch kein Botox, und so weiter (SZ, 2.4.2008). Ganz abgesehen davon, dass Knut sich weiterhin höchster Beliebtheit erfreute und die Zoobesucher sich nach wie vor vor seinem Gehege drängelten, wenn er nicht gerade schlief oder das Wetter einen Zoobesuch ausschloss, trugen diese Texte mit bemühter und geballter Wort-Akrobatik wenig bis gar nichts zur Erhellung der Ursachen für Knuts weltweite Beliebtheit bei. Auch in der Zeitschrift „Das Parlament“ behauptete man die Abkehr von Knut und begründete sie mit der Zunahme seines Gewichtes. „Knut jedenfalls, der kleine flauschig-weiße Held des vergangenen Jahres, wiegt heute, mehr als ein Jahr nach seiner Geburt im Zoologischen Garten Berlins, ganze 130 Kilogramm. Und das ist auf jeden Fall zuviel für den gemeinen Zoobesucher.“ (31.3.2008) Kaum anzunehmen, dass diese Journalisten überhaupt selbst im Zoo waren.
Die seltene Berichterstattung über Knut in der „seriösen“ Presse bedauerten viele Leser und kompensierten sie mit dem heimlichen Kauf der „HZ“, die fast täglich über Knut berichtete oder wenigstens mit einem „Foto des Tages“ seinen wunderbaren Alltag dokumentierte.
Aber auch die Snobs, die Neunmalklugen und die Verächter marschierten auf! So der Schriftsteller, der mit seinem Kind den Zoo besuchte und sich in einer Zeitung mit der Bemerkung als kühner Nonkonformist profilierte, er habe Knut bloß banal und schmutzig gefunden. So die „Zeit“, in der sich jemand in einem Artikel mit gänzlich unpassendem gesellschaftsanalytischem Aufwand über das Ereignis „Knut“ mokierte. Da konnte man mutig beweisen, dass man noch ein Organ für die gebildeten Stände oder gar für kritische Intellektuelle war! Der Artikel war eine unfreiwillige Satire.
Diese und ähnliche pseudotiefsinnigen Reaktionen folgten dem Muster:
Kein Entzücken der Vielen ohne Stirnrunzeln der Durchblicker!
Keine unschuldige Freude ohne kritisch erhobenen Zeigefinger!
Keine Begeisterung ohne Ideologieverdacht!

Diejenigen unter den Verächtern von Knut und seinen Bewunderern, die sich auf ihre kritische Bildung etwas zugute halten, würden – vielleicht – nachdenklich werden, wenn sie das läsen, was Ludwig Feuerbach zum Verhältnis von Mensch und Tier geschrieben hat. Oder Albert Schweitzer oder Schopenhauer oder viele weitere kluge Denker. Und viele zeitgenössische Philosophen!
Viele Knut-Verächter bringen nicht einmal die Souveränität auf, die Knut-Manie als harmlosen Spleen zu akzeptieren. Viele von ihnen kultivieren selbst den einen oder anderen Spleen, verehren Rennfahrer, Pop-Sänger oder Fußballspieler.
Auf Partys konnte man Leute antreffen, die meinten, wer für Knut schwärme, vergesse die hungernden Kinder in Afrika, wahlweise die in Indien. Sie konnten aber nicht recht erklären, was das eine mit dem anderen zu tun habe. Knut schadet niemandem, nimmt niemandem etwas weg und hindert keinen daran, etwas Nützliches zu tun – im Gegenteil! Selbst pflegten sie zumeist etliche Liebhabereien, z. B. Segeln im eigenen Boot in den schwedischen Schären, eine Datscha auf dem Lande oder das Sammeln alter Bücher, für deren Preis man in Afrika manchen Sack Hirse oder Milchpulver hätte kaufen können.
Dagegen war sich der große alte Journalist und Schriftsteller nicht zu schade, seine Liebe zu allem zu bekennen, was einen Pelz trägt, ohne dass das seinem politischen Engagement jemals abträglich gewesen wäre. Nach einer Lesung beim Signieren von einer Knut-Freundin angesprochen, verklärte sich sein Blick beim Stichwort Knut: „Der ist natürlich süß. Wenn er so seine Tatze hebt …!“

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Anneliese
 
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Fr 4. Dez 2015, 09:15

Versöhnung von Mensch und Bestie
HZ, 16.07.2029

Gastkommentar von Alfred Bohring

In den ersten Monaten machte Knut keinerlei negative Erfahrungen und hatte darum auch keinerlei Furcht. Beschlich ihn doch einmal eine böse Ahnung, war seine „Mama“ da, um ihn zu beschützen und zu beruhigen. An ihren Fingern nuckelte er sich alle Ängste und Sorgen fort. Wusste auch jeder, dass er mal ein riesiger und damit gefährlicher Eisbär werden würde, so lag dies doch in weiter Ferne und man genoss die Gegenwart.

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Ein Philosoph sah in dem Ereignis die Utopie der Versöhnung von Mensch und Bestie aufscheinen. Auf Goethes „Novelle“ mit dem sanften Löwen wurde hingewiesen. Ihm erschien das grenzenlose Vertrauen des Tieres Knut in seine Umgebung wie eine Aufhebung seiner ihm ursprünglich zugedachten Natur. Raubtier Eisbär und Raubtier Mensch hatten plötzlich die Option auf ein friedliches Miteinander. Nahm man dem Eisbären die Angst vor dem Hungertod und lernte er den Menschen in seiner liebenswürdigsten Variante einer fürsorgenden Mutter, in diesem Fall Herrn Weiler, kennen, so musste seine Bedrohlichkeit aufgrund der körperlichen Stärke verblassen.

Nichtsdestoweniger wurde schon nach wenigen Wochen seit Knuts Geburt seine Gefährlichkeit heraufbeschworen. Man blickte gar nicht mehr auf dieses unter einmaligen Bedingungen groß werdende Bärenindividuum, sondern man verwies auf „den Eisbären an sich“ (oder: „im allgemeinen“), und der war nun mal gefährlich. Es gab viele Tiere, die größer waren als Bären. Es gab Hunde, die über gefährliche Fangzähne und kräftige Kiefer verfügten. Auch sie konnten zu einer Gefahr für Menschen werden. Trotzdem isolierte man sie nicht wie jederzeit gewaltbereite potentielle Killer.

Warum hielt man ein von Hand aufgezogenes Bärenkind für gefährlicher als Elefanten? Es gab Beispiele, dass Elefanten Pfleger töteten. Aber gemeinhin nahm man solche Vorfälle nicht als Anlass, den menschlichen Umgang mit allen Elefanten fortan zu meiden. Konnte man nicht von Erfahrungen beim Umgang mit diesen tonnenschweren Tieren profitieren und tierpsychologische Erkenntnisse auch beim Eisbären nutzen? Es heißt, Toscas Dompteuse habe eine manegefüllende Gruppe erwachsener Eisbären nur mit ihrer Stimme und mit Leckerli dressiert!
Die Pessimisten unter Knuts Freunden sahen die Zeit der bitteren Enttäuschungen für den kleinen Eisbären am Horizont heraufziehen. Auch sie freuten sich, dass Knut lebte, hätten ihm aber gerne seelische Verletzungen erspart. Man muss sich erinnern, dass es Hardliner unter den Befürwortern einer artgerechten Haltung von Zootieren gab, die es lieber gesehen hätten, wenn Knut als Neugeborener gestorben wäre wie zuvor seine Geschwister. Ganz zu schweigen von der „angedachten“ Möglichkeit, das nun schon weltbekannte kleine Eisbärbaby „abzuspritzen“. Am Anfang des Jahres 2008 wurde diese böse Wortschöpfung zum Unwort des Jahres 2007 erklärt. Zu Recht.


Eine Zoo-Besucherin erinnert sich

HZ, 17.07.2029

Das Echo auf den Fund von Knuts Aufzeichnungen ist enorm. Wir werden Dokumente, Kommentare und Erinnerungen unserer Leser veröffentlichen.

Ich habe Knuts Lebensweg von Anfang an verfolgt. Zuerst las ich Ende Januar 2007 auf der „Panorama“-Seite der Süddeutschen Zeitung von einem kleinen Eisbären, der von seiner Mutter nicht angenommen worden sei und nun dank liebevoller Pfleger-Betreuung bestens gedeihe. Dazu war ein Bild von Knut abgebildet, einem offensichtlich winzigen Bärchen, denn man sah die menschliche Hand, die ihm die Fußsohle kitzelte und ihm den Kopf streichelte. Knut streckte seine Zunge raus und hob die kleinen Vordertatzen in wohligem Entzücken. Ich war hingerissen und fieberte neuen Bildern und Berichten entgegen. So einen kleinen Bären hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen.

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Als ich ihn das erste Mal sah, war es der 4. Tag, nachdem er dem Publikum vorgestellt worden war. Es war der 27. März 2007. Zwei Stunden lang spielte er mit den Tierpflegern; die Bilder gingen um die Welt. Nicht alle hatten so viel Ausdauer wie ich und das kleine etwa achtjährige Mädchen neben mir. So bekamen wir bald einen Platz am Geländer. Wir tauschten unsere Informationen über Knut aus. Wir waren Experten, denn wir hatten beide das HZ-Knut-Album gelesen. Die Oma drängelte: „Nun hast du doch Knut gesehen. Lass uns gehen.“ Aber das Mädchen antwortete: „Ich gehe erst, wenn Knut geht“. Als Herr Weiler ihn einmal hochhob, da passierte dem Bären etwas Menschliches. Ein Raunen ging durch die Menge: „Er pullert.“ Manchmal schlief Knut ein. Er war ja erst vier Monate alt. Als Robert Robbe ihm die Decke wegziehen wollte, weil die zwei Stunden um waren, schnellte er plötzlich hellwach nach oben und verbiss sich in die Decke. Es sah so aus, als wollte er demonstrieren: Vorsicht, ich bin ein Raubtier. Das war natürlich ein reizvoller Kontrast: Das weiße Wollknäuel und das Raubtier, das sich ankündigte.

Das nächste Mal, als ich ihn sah, war er schon acht Monate alt. Ich bin seinet- und der Hauptstadt wegen nach Berlin gereist. Ich konnte einen günstigen Flug erwischen. Mir war bewusst, dass Flugreisen nicht gerade das Klima verbesserten. Aber wie fast alle meine Zeitgenossen war ich inkonsequent. Die öffentlichen Vorstellungen waren eingestellt, Weiler machte einen dreiwöchigen Urlaub, und Knut war von morgens bis abends alleine, ohne jede menschliche Ansprache. Er litt und langweilte sich gewaltig. Anfangs hing da noch ein Schild „Von 13 - 14 Uhr macht Knut Mittagspause“, dann verschwand es. Die Phasen des Alleinseins wurden ausgedehnt. Knut hatte einen langen Tag vor sich, ohne jede Animation.
Welch ein Unglück! Hannes Weiler war weg! Protest und Trauer schlugen in Resignation um. Unbegreiflicherweise gab es in dem Gehege nicht die Andeutung eines Spielzeugs. Keinen Ball, keine Holzstückchen, keine Steinchen, keinen Korb, keinen Sack. Manchmal fand Knut einen Zweig.


Hallo, hier ist Knut!
HZ, 18.7.2029

Knuts erster Eintrag von Mai 2007, da ist er gerade sechs Monate alt.

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Ich nehme an, dass ihr mich alle kennt. Bestimmt habt ihr die Baby-Fotos und Filme von mir gesehen. Die wurden im Fernsehen gebracht, einmal sogar in der Tagesschau. Die meisten finden mich süß, weil ich so knuddelig und tapsig bin, sagen sie. Meine Freunde finden diese Eigenschaften immer noch zutreffend für mich. Obwohl ich gewachsen bin. Und ehrlich gesagt, finde ich das auch. Sechs Monate bin ich jetzt alt. Ich bin ja immer noch ein Kind und weit von der Pubertät entfernt, das sagen meine Kinderärzte René Schlue und Reinhard Cox auch.
Weil ich so berühmt bin und für den Zoo so wertvoll, außerdem als Säugling sehr anfällig für Krankheiten war, habe ich gleich zwei Kinderärzte. Aber jetzt bin ich lange nicht mehr krank gewesen, da reicht auch einer. Obwohl, entbehren möchte ich keinen. René Schlue ist fast so viel Mutter für mich wie Hannes. Reinhard Cox kann sich gut in sensible kleine Eisbären hineinversetzen. Wenn er mir eine Spritze geben muss, wählt er immer eine besonders feine Nadel aus, die ich gar nicht merke.
Früher, in meiner Säuglingszeit, in der ich öfter lebensbedrohlich erkrankt war, standen meist beide um mich herum. Während der eine Kanüle legte, ging der andere schon los, um die Medikamente aus dem Kühlraum zu holen, und Hannes hielt tröstend meine Pfote.

Hannes schätzt, dass ich nach menschlichen Maßstäben jetzt eingeschult werden müsste. Wenn er wüsste, dass ich schon lange eingeschult bin, nämlich bei der Kragenbär-Oma. Mäuschen heißt sie. Und stellt euch vor: Mäuschen ist mit Muschi befreundet. Muschi ist tatsächlich eine Katze. Aber dass Muschi Mäuschen frisst, ist eher unwahrscheinlich.

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Muschi, Mäuschen und die Croissants


HZ, 19.07.2029

Aus Knuts Aufzeichnungen, wahrscheinlich Mai 2007

Bald bin ich sieben Monate alt und den ganzen Tag mit meinem Ziehpapa Hannes Weiler und den beiden Tierpflegern Benny Greiff und Robert Robbe zusammen. Ich habe nie Langeweile. Vormittags und nachmittags sind wir für je eine Stunde auf der Anlage. Dann spielen wir vor Zuschauern. Es sind immer noch eine Menge Leute, die sich täglich einfinden.

Wenn keine Vorstellung ist, ist es noch interessanter für mich. Im Bären-Revier laufe ich frei herum. Dort sind auch Muschi und Mäuschen, von denen ich schon schrieb. Mäuschen wird verwöhnt, jeder mag sie. Sie war auch mal ein Star; zuletzt ist sie bekannt geworden, weil sie mit einer Katze befreundet ist. Die heißt Muschi und lebt mit der alten Bärin eng zusammen auf dem Hof.
Es soll sehr ungewöhnlich sein, dass Bären und Katzen befreundet sind. Ich glaube aber eher, dass es den anderen Bären an Gelegenheit mangelt, sich mit Tieren oder Menschen anzufreunden.

Ich stibitze häufiger mal was von den schönen Sachen, die die Bärin zu fressen kriegt. Das merkt meine Stief-Oma gar nicht. Neulich habe ich ein altes Croissant erwischt. Das schmeckte fast so gut wie ein Kopenhagener. Dass es alt war, merkte ich erst, als ich ein frisches probierte. Herr Merkatz, der Revierleiter aus dem Affengehege, sollte mir absichtslos zu vielen frischen Croissants verhelfen.

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Das kam so. Er macht immer die erklärenden Ansagen, wenn wir vor Publikum spielen. Er erzählt dem Publikum, was ich alles schon gelernt habe, wie viel ich wiege und was ich zu essen kriege. Und er erzählt von den wild lebenden Eisbären in der Arktis und ihrem freien, häufig aber auch beschwerlichen Leben. Müsste ich dort mit meiner Eisbären-Mama leben, würde ich am Tag schon 30 Kilometer zurücklegen auf der Suche nach Nahrung, in der Hauptsache Robben, erzählt er. Und Eisbären seien die größten lebenden Raubtiere auf der Welt. Und die Zuschauer sollten nicht vergessen, dass ich bei aller Niedlichkeit und Zahmheit auch ein gefährliches Raubtier sei. Immer wieder „Raubtier, Raubtier“. Obwohl das gar nicht dazu passte, erwähnte er auch, dass ich gerne Croissants esse, die ich der alten Bärin Mäuschen klaue.

Wenn alles in der Französischen Küche schmeckt wie die Croissants, will ich gerne ein Liebhaber dieser Küche sein. Die französischen Besucher sind auch in Ordnung, sie rufen immer „mignon“, das heißt „süß, niedlich“, wie mir René Schlue verraten hat.

Ich finde nicht alles korrekt, was Herr Merkatz erzählt. Darauf gehe ich später ein. Dass er die Sache mit den Croissants öffentlich breitgetreten hat, fand ich erst nicht in Ordnung. Ich befürchtete, mein positives Image würde leiden, wenn die Leute annähmen, dass ich einen Hang zum Kriminellen habe. Aber dann merkte ich, dass die Leute das als Anregung nahmen, mir eine Freude zu bereiten. Immer mehr frische Croissants wurden abgegeben, einige sogar mit Nüssen bestreut oder mit Schokolade gefüllt, oder beidem. Auf einigen Tüten stand was von Bio. Von denen hat Hannes sich immer eins genommen. Ob die Bio-Crossis was bringen, weiß ich nicht, denn Hannes hat wieder angefangen zu rauchen, was ich natürlich rieche, auch wenn er in meiner Gegenwart das Rauchen unterlässt. Hannes meint, ich würde zu dick, wenn ich mir alle reinstopfe und hat darum die Croissants aufgeteilt zwischen den Pflegern und mir. Und Mäuschen kriegt als Beteiligte auch einen frischen ab, der viel intensiver duftet als die alten, die man ihr hinlegt. Dabei müsste sich doch herumgesprochen haben, dass Bären Feinschmecker sind. Sogar das Fernsehen hat mich gefilmt, wie ich ein Croissant esse und einen kurzen Ausfallschritt zum Kamerateam mache, damit die nicht auf die Idee kommen, mir was wegzunehmen.

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Kommentar von Bodo Felsengeld

Dieses sind also die ersten Aufzeichnungen von Knut. Sie müssen im Mai, vielleicht auch im Juni 2007 geschrieben worden sein, denn in dieser Zeit ist seine Vorliebe für Croissants entdeckt worden. Vom Alter her mag es schon hinkommen, dass Knut schreiben konnte. Sechs Monate entsprechen in etwa dem Alter eines Menschenkindes von fünf Jahren. Darüber hinaus darf man seine frühe Förderung nicht vergessen. Nie dürfte ein Eisbärenkind soviel Zuwendung und Anregungen von seinen Bezugspersonen erhalten haben wie Knut. Von morgens bis abends war er mit unzähligen Eindrücken konfrontiert und befand sich in ständigem Kontakt mit den witzigsten, originellsten, gebildetsten Menschen seiner Zeit. Schauspieler, Schriftsteller, andere Künstler, Industriemagnaten, Geisteswissenschaftler, Verhaltensforscher, Diplomaten, Politiker, hohe Würdenträger der Kirchen baten um eine Audienz bei ihm. Er hat auch immer zugehört, wenn die Pfleger den täglichen Knut-Pressespiegel vorlasen. An Anregungen war wahrlich kein Mangel. Kein Wunder, dass Knut ein aufgeweckter Eisbär wurde. Dass er aber lesen und schreiben lernte, das grenzt an ein Wunder!

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Aus Felsengelds Reporter-Tagebuch

Vorstellung am 13.5.07

HZ, 20.07.2029

So., 13.05.07: Schönes Wetter. Knut ist nicht so lebhaft wie sonst. Um 14.15 Uhr schmeißt Weiler sich in den Wassergraben. Knut bleibt am Rand, wo er stehen kann. Weiler zieht ihn ins Wasser, Knut schwimmt. Aber er will gleich wieder ans Ufer. W. packt ihn um die Taille und zwingt ihn ins tiefe Wasser. Knut guckt gequält, legt die Ohren an und strebt ans Ufer. Hannes Weiler erwischt ein Bein und zieht ihn ins Tiefe. Knut will ihm gefallen und folgt ihm im Tiefen. Dann versucht er, das Wasser aus dem Fell zu schütteln, was mitten im Wasser so leicht nicht ist. Jetzt reicht’s. Kaum erreicht er das Ufer, schnellt er hinaus, um sich gleich darauf wohlig im Sand zu wälzen und zu räkeln. Eine dicke Schicht klebrig-sandiger Panade bedeckt ihn.
Mo., 14.05.07
Knut hat sich auf der Decke herumziehen lassen. Weiler ist fürs RBB ins Wasser gesprungen und hat die Seepferdchen-Nummer abgezogen. Frage der HZ: Weiß Weiler, wo er Knut das Seepferdchen-Abzeichen an den Pelz heften soll? Knut hat auch gut mit Robert Robbe gespielt. Viel getobt, auf Weilers Rücken. Viel genuckelt. Wenn Weiler seine Hand versteckt, leckt Knut ihm das Gesicht ab. Und die nackten Arme. Auch unter den Achseln. Auf dem Rücken sucht er nach Beißbarem, z. B. die Gürtelschnalle, die sich abzeichnet.
Di., 15.05.07: Herr Merkatz erklärt dem Publikum, welchen erzieherischen Wert die Spiele mit Knut haben. „Es geht nicht nur um Spielerei, sondern es geht um Lernprozesse. Er muss lernen, sich wie ein richtiger Eisbär zu verhalten. Er beißt oft, aber er wird nicht dafür bestraft. Das würde er nicht verstehen – ein Eisbär beißt eben. Das müssen die Pfleger aushalten. Er wird artgerecht erzogen (damit er später mit anderen Eisbären zurechtkommt?). Er soll lernen, sich durchzusetzen.

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Anneliese
 
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Eva » Fr 4. Dez 2015, 16:38

Sehr interessant!!! Freue mich auf die Fortsetzung [prima]
Eva
 
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Sa 5. Dez 2015, 14:26

Wie ich schwimmen und tauchen lernte

HZ, 21.07.2029
Aus Knuts Aufzeichnungen, Juni 2007
„Wasser ist sein Element“ sagte Hannes immer, wenn er mich im Eimer oder später in der Wanne badete. Kleine Eisbären stecken den Kopf komplett ins Wasser, wenn sie eine Pfütze sehen, hatte René Schlue gelesen, und so war es auch bei mir. Dabei kriegte ich einmal Wasser in die Nase und drohte zu ersticken. Aber ich wurde gerettet. Hannes hielt mich an den Füßen hoch, René klopfte mir auf den Rücken, Reinhard Cox legte eine Nasensonde an. Dann richtete Hannes im Spielkäfig ein Wasserbecken ein und warf mich rein. Es konnte ja nichts passieren. Das Wasser war flach, und er war dabei. „Schwimmen kann man das noch nicht nennen“, sagte der Kommentator vom RBB.

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Im Mai war es dann soweit. Es gab ein paar heiße Tage, und Hannes sah seine Aufgabe als Eisbären-Mutter darin, mir Schwimmen und Tauchen beizubringen. Man nimmt an, dass der Eisbär das von Natur aus kann, aber so genau weiß man’s auch nicht, denn jeder Eisbär ahmt seine Mutter nach. So auch ich meine „Mutter“. Hannes machte einen Köpper in die Tiefe des Wassergrabens, dahin, wo man nicht mehr stehen konnte. Ich traute mir nicht zu, ihm zu folgen, nachdem ich mit den Pfoten drin gewesen war. Es wurde mir unheimlich, wenn ich keinen Grund unter den Pfoten hatte. Ich folgte ihm lieber vom Ufer aus. Die Fotoreporter wurden ganz aufgeregt. „Das hat er noch nie gemacht“, hörte ich sie rufen. Mit „er“ meinten sie Hannes und nicht mich. Sie knipsten wie die Teufel von den guten Plätzen aus, die eigentlich den Kindern vorbehalten waren. Schließlich folgte ich doch der Stimme der Natur, die sagt, dass Eisbären-Jungtiere immer der Mutter folgen müssen. Aber als ich den Boden unter den Pfoten verlor, war ich schnell wieder draußen.

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Schon lockte Hannes mich wieder. Immer, wenn ich dem Ufer zustrebte, fasste er mich im Nacken, um den Bauch oder am Fuß und zog mich wieder ins tiefe Wasser. So ging das nun jeden Tag. Ich ahnte immer, wenn es wieder so weit war und Hannes sich die Gummistiefel auszog. Ich versuchte mich dann zu verkrümeln und folgte Benny oder Robert, sofern die nicht auch ins Wasser gingen. Manchmal versteckten sie sich, in der Absicht, mich auf Hannes zu verweisen. Ich sollte ihm ins Wasser folgen. Und ihr glaubt gar nicht, welch interessante Dinge ich dann auf einmal fand, die viel aufregender waren als das, was Hannes anzubieten hatte: Die schönsten Stöckchen und Steinchen, auch Grasbüschel zuhauf, mit denen ich mich aufs Intensivste auseinandersetzte.
Es half alles nichts.
Als Eisbärenkind kann man Mamas Stimme doch nicht widerstehen, und bald war ich wieder im Wasser. Mir war’s aber immer noch unheimlich, und wie ein Blitz rannte ich wieder aufs rettende Ufer. Das muss ein wenig peinlich ausgesehen haben. Ein kleiner Junge sagte: “Knut kommt aus dem Wasser geschossen wie Batman!“

Im Laufe der nächsten Tage wurde ich sicherer, und wenn wir zu dritt im Wasser waren, spielten wir Jagen und Fangen. Ich sprang auf einen Felsvorsprung, aber nur, um Anlauf zu nehmen und nach einem der beiden anderen zu hechten. Wir lachten und waren die besten Kumpels.
Herr Merkatz sagte immer, alles, was ich täte, sei kein Spiel, sondern die Vorbereitung auf das Leben. Hannes und die anderen sozusagen als Robbenersatz. Mag sein. Aber beißen werde ich sie immer nur aus Spaß. Ich bin kein wildes Tier, ich werde nie in die Verlegenheit kommen, lebendige Robben schlagen zu müssen. Klar bin ich ein Eisbär, aber hat jemand schon mal einen Eisbären gesehen, der seiner Menschenmutter die Finger abnuckelt? Dessen Lieblingsbeschäftigung es ist, mit ihr zu schmusen? Der am liebsten Croissants, Äpfel und Möhren isst, gerne auch Römersalat?
Die Eisbären, die ich kennengelernt habe, sind meine leiblichen Eltern. Die Verhältnisse sind klar. Ich interessiere sie gar nicht, höchstens als Beute. Die würden mich sofort auffressen, meint Hannes. Kann ich gar nicht fassen. Hannes meint, das liege daran, dass ich noch nie was Böses erlebt habe. Stimmt. Die liebsten Lebewesen sind mir die mich umgebenden Menschen.

Die anderen Tiere im Zoo betrachte ich mit Interesse. Ich weiß, dass es welche gibt, sogar eine Menge, die mich fressen würden, z. B. die weißen Wölfe. Und es gibt welche, die sind harmlos. Ich glaube nicht, dass ich denen was tun könnte. Vielleicht könnte ich sie beim Spielen verletzen, weil ich nicht weiß, dass man mit ihnen nicht wie mit Robert herumbalgen kann und dass sie empfindlicher sind, als ich ahne. Darauf muss Hannes eben aufpassen.

Der Direktor will, dass ich möglichst bald nichts mehr mit Menschen zu tun habe. Damit ich später mal was mit „feschen Eisbär-Bräuten“ anfangen kann. (Herr Grabowski beliebte sich so auszudrücken.) Das kann ich mir nun gar nicht vorstellen. Aber ich bin ja noch lange nicht erwachsen. Von Hannes will ich mich nicht trennen, wegen irgend so einer Eisbären-Tussi. Wenn ich in einen anderen Zoo komme, muss er mitkommen, habe ich ihm gesagt. Das hat er auch ohne Worte verstanden. Er ist ausgewichen und hat gemurmelt: „Kommt Zeit, kommt Rat“.


Herr Merkatz

HZ, 22.07.2029

Aus Knuts Aufzeichnungen Juni 2007


Herr Merkatz, der Leiter des Affengeheges, ist derjenige, der dem Publikum meine Vorlieben und Verhaltensweisen erklärt. Oft etwas diskriminierend, wie ich finde. Warum muss er denn bei jeder neuen Besuchergruppe mit Tremolo in der Stimme erklären, dass ich ein Raubtier bin, das größte und gefährlichste auf der Welt? „Vergessen Sie nicht, wenn Sie den kleinen Knuddel sehen: Knut ist ein Raubtier!“ Soll das Publikum erschaudern, wenn es mich erblickt? Sollen sie denken, dass ich abends durch den Zoo spaziere und verirrte Dackel einfange und auffresse? Zugegeben, ich mag gerne gequirltes mit Lebertran und Milch vermischtes Fleisch. Aber Kuchen mag ich noch viel lieber. Das köstlichste, was ich je gegessen habe, war eine Nougat-Praline, die ich gefunden hatte. Hannes sah nur, dass ich was im Mund hatte und versuchte, mir mit dem Finger den köstlichen Pralinen-Matsch aus dem Mund zu polken, was Gott sei dank nicht mehr möglich war. Apropos Raubtier – was ist eigentlich mit den Menschen? Die, die ich persönlich kennen gelernt habe, sind meist sehr nett. Wenn sie auch manchmal nicht wissen, was sie bewirken und anderen Lebewesen Schmerz zufügen. Dazu später mehr. Aber „der Mensch als solcher“ soll mir doch mal erklären, wie die Fleischstücke in die Tiefkühle bei Aldi kommen? Hüpfen die aus Begeisterung, den Menschen einen geschmacklichen und nahrhaften Dienst erweisen zu dürfen, von alleine in die Kühlbehälter? Ich muss dieses Thema nicht weiter ausführen, es ist schauderhaft. Jeder weiß es, aber keiner will es gewusst haben, jedenfalls nicht in den grausigen Details.

Ab und zu entstehen literarische Meisterwerke zu diesem Thema. So hat Upton Sinclair in den zwanziger Jahren die Zustände auf den Schlachthöfen Chicagos in dem Roman “Sumpf“ (später „Dickicht“ genannt, A.K.) beschrieben, und er hat nicht nur das Leid der dort arbeitenden Menschen angeklagt, sondern auch das der leidenden und herabgewürdigten Kreatur, die dort vom Leben zum Tod befördert wurde. Und Bertolt Brecht hat dieses Thema in „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ aufgenommen. Beide Schriftsteller lese ich übrigens sehr gerne. Ihre Sprache ist einfach, aber ausdrucksstark. Zurück zu Herrn Merkatz; eigentlich müsste er dem Publikum erklären: “Denken Sie immer daran, Sie sind das größte Raubtier auf Erden.“ Vielleicht sagt er das nicht, weil das sowieso jeder weiß.

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Zuviel Rummel um Knut


HZ, 23.07.2029
Aus Knuts Aufzeichnungen Juni 2007
Einige sagen, sie halten den Rummel um mich für übertrieben. Sogar Hannes, der mich natürlich auch niedlich findet und mich liebt, kann den Trubel nicht fassen. Jede Zeitung, die sich für seriös hält, bringt etwas über die kinderlose Nation und Leute, die sich nach einem Kindersatz verzehren. Der unterdrückte Kinderwunsch würde sich ersatzweise ausgerechnet bei einem Eisbärenbaby austoben, weil dieses in idealer Weise dem Kindchenschema entspreche.
Habe ich gelesen. Mag sein, dass da was dran ist. Aber mich finden auch Leute süß, die Kinder haben. Zum Beispiel Familienministerin Frau von der Leyen. Die hat sogar sieben Kinder. Und die vielen Kinder erst mal, die mich so süß und kuschelig finden, sind die auch frustriert, weil kinderlos?
Man kann es vielleicht so ausdrücken: Mein Anblick bringt in den Menschen etwas zum Klingen. Ich löse ganz einfach Gefühle aus, die man mit klugen Überlegungen wie „verdrängter Kinderwunsch“ allein nicht erklären kann. Nicht umsonst gibt es seit 100 Jahren Teddybären. Andere Jungtiere sind natürlich auch umwerfend süß. Das Jaguar-Baby, das im März geboren wurde. Paul, ebenfalls im März geboren, der zwei Gehege weiter bei seiner Zwergflusspferdmama lebt. Nicht zu vergessen Ernst, als Malaienbär ein Verwandter von mir.
Der Unterschied zu mir ist vielleicht, dass diese beiden bei ihrer richtigen Mutter aufwachsen. Da gibt es nicht so viele Spielsituationen wie es sie gäbe, wenn sie von ihrem Pfleger groß gezogen würden. Das habe ich aufgeschnappt von zwei Besucherinnen, die gerade von Paul kamen. Eine hat gesehen, wie der Tierpfleger Paul Apfelschnitze gereicht hat, von denen er gar zierlich abgebissen habe. Wenig später spazierte Paul unter Bäumen, fing an zu hüpfen, machte groteske Sprünge und versuchte, indem er mit allen Vieren gleichzeitig in die Luft sprang, die Schwerkraft zu überlisten. Das sei angesichts seines kompakten Körperbaues sehr rührend gewesen. Ursache war einfach die Lebensfreude und der kindliche Übermut. Er versuchte wohl auch herauszufinden, was er so alles anstellen kann mit seinem Körper. Nur wenige Zuschauer haben diese Szene erlebt. Ansonsten bewegt er sich gemächlich. Oder gar nicht.

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Zurück zum Rummel. Ich finde, mich zu besuchen, kostet viel Geld. Da werden die Leute schon überlegen, ob sie mich sehen wollen. Das ist die Entscheidung eines jeden Einzelnen, man kann dem Publikum nicht die Mündigkeit absprechen.
Außerdem höre ich, dass mit diesem Interesse an mir Millionen verdient werden. Und zusätzliches Geld können alle Zoos gebrauchen. Übrigens haben in allen Zoos die Besucherzahlen zugenommen, seit mich jeder kennt. Die Leute haben sich erinnert, ach ja, wir haben hier ja auch einen Zoo mit vielen schönen und interessanten Tieren!
Einige Menschen vermuten, dass die Mitarbeiter vom Tierpark Friedrichsfelde ganz schön neidisch sind. Sie haben jede Menge kleiner und halbwüchsiger Elefanten und Giraffen, z.B. Inge. Aber aus irgendeinem Grunde bin ich fürs Publikum interessanter. Weil ich eine dramatische Geschichte abgebe, so richtig aus dem grausamen Leben gegriffen? Oder weil ich so schön kuschelig bin? Oder gar, weil ich einen weißen Pelz habe, wie einige politisch Überkorrekte meinen? Wenn ich ein Braun- oder Schwarzbär gewesen wäre, mit derselben Geschichte, hätte ich niemanden interessiert, behaupten sie. Wohlmeinende Ausländer denken dann, die Deutschen spinnen. Aber sie sagen das nicht laut und überlassen sie ihrer Bereitschaft zum tiefen Argwohn gegen sich selbst.
Übrigens: Tatsächlich ist meine Haut schwarz. Ich trage lediglich einen weißen Ganzkörperanzug.

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Anneliese
 
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Sa 5. Dez 2015, 15:28

Mein Patenonkel

HZ, 25.07.2029

Aus Knuts Aufzeichnungen Juni 2007

Erst hat Hannes Weiler ja gedacht, Waldemar Engel wolle von meinem Ruhm profitieren, als sein Ministerium (das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit; was das letzte Wort bedeutet, werde ich mir mal erklären lassen) mich als Patenkind erkor. Der ganze Medienwirbel, die vielen Berichte und Bilder und Interviews. Und mitten im Trubel Waldemar Engel, der ein kleines weißes Bärentier streichelt und krault. Welchem Wähler werden solche Bilder wohl nicht gefallen? Aber jetzt weiß ich, dass man gar nicht genug Freunde haben kann und dass es von Onkel Waldemar eine wirklich gute Idee war, diese Patenschaft anzubieten. Denn das Echo auf meine ersten Auftritte hat gezeigt, dass mein umwerfender Charme allen Eisbären helfen könnte. Das Interesse an der Artenschutzkonferenz im nächsten Jahr in Bonn wird allein durch mich riesig sein. Das hört sich an, als wäre ich größenwahnsinnig. Bin ich nicht. Ich habe mir meine Rolle nicht ausgesucht.

P.S. Später hat Waldemar Engel mir einige Male geholfen.

(Der Nachtrag wurde möglicherweise später vorgenommen. Jedenfalls benutzte Knut hierfür einen anderen Stift. A.K.)

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Der Vater des Eisbären-Jungtieres versteht sich nur als Erzeuger


HZ, 26.07.2029
Aus Knuts Aufzeichnungen Juli 2007

Die Eisbären-Jungtiere haben keinen Vater, nur einen Erzeuger. Meiner heißt Lars
und hat mich zum Fressen gern. Das soll normal sein bei Eisbären-Vätern. Nicht zu fassen. Es gibt einen Fachausdruck dafür: Infantizid. Bei gar nicht so wenigen Tierarten töten männliche, manchmal auch weibliche Tiere fremden oder sogar eigenen Nachwuchs. (Gründe: Nahrungskonkurrenz; weibliche Tiere werden sofort wieder paarungsbereit, wenn ihre Kinder tot sind.) Die Eisbären-Männer unterbrechen ihr „solitäres Dasein“ (Zoodirektor) für eine kurze, heftige Affäre, zeugen Nachwuchs. Dann verlassen sie die Gefährtin, und die Eisbären-Mutter zieht die Jungtiere alleine groß. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Eisbären-Männer gar nicht wissen, dass sie Kinder gezeugt haben. Wenn das so ist, töten sie eben alle männlichen Konkurrenten, jedenfalls, solange die sich nicht wehren können, und merken gar nicht, dass ihre eigenen Kinder darunter sind

Bei den Menschen soll das anders sein. Obwohl, wenn man an die Bibel denkt? Da will der Herodes das Jesuskind umbringen, und damit er es auch ganz sicher erwischt, lässt er gleich alle Kinder im Lande töten, die vom Alter her in Frage kommen. Das zeugt auch nicht gerade von zivilisierten Umgangsformen. Aber immerhin wird seine Handlungsweise als Verbrechen gebrandmarkt. „Der Kindermord von Bethlehem.“ Bei den Römern war es nicht ungewöhnlich, unerwünschte (meist weibliche) Säuglinge auszusetzen. Im Osmanischen Reich wurden die Prinzen, die eine Konkurrenz für den Thronfolger sein konnten, häufig getötet. Später wurden sie auf der „Prinzeninsel“ zu ihrem Schutz eingesperrt. Auch heute erfährt man täglich von Grausamkeiten in der Menschenwelt. Ich mag gar nicht in die Zeitung schauen. Obwohl offiziell geächtet, kommt es in Indien, Pakistan und China immer noch vor, dass Töchter nach der Geburt umgebracht werden. Oder man treibt, geradezu human, die weiblichen Föten ab. Die Ultraschall-Diagnostik macht es möglich.

Aber meine Welt im Zoo hier ist heil. Ich bin froh, dass ich hier lebe. Und ich bin froh, dass ich von meinen Eltern getrennt lebe. Und dass ich eine Mutter wie Hannes habe. Wenn wir gemeinsam meinen Erzeuger Lars im Freigehege besuchen, kann ich ihn nur durch die Panzerglasscheibe sehen.

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Das hört sich an, als würde man den eigenen Vater im Knast besuchen, in einem Gefängnis für Schwerverbrecher. Aber mittlerweile weiß ich, dass er gar keinen Spaß macht, wenn er mit den Pranken gegen die Panzerglasscheibe donnert. Wenn er merkt, dass er mich nicht zu fassen kriegt, spielt er den Schmusebär. Dann kommt er mir vor wie der Wolf in dem Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“. Der verstellt sich nämlich auch, färbt sich die schwarze Wolfspfote weiß und zeigt sie den Geißlein am Fenster. Ein andermal frisst er sogar Kreide, um seine Wolfsstimme in eine meckernde Geißenstimme zu verwandeln. Prompt fallen die Geißlein darauf herein. Das Märchen hat mir Hannes zur Belehrung vorgelesen, und darum falle ich nicht auf Lars’ Schmeicheltour herein. Die Geißlein sind nämlich fast alle vom Wolf gefressen worden.

Warum mein Ziehvater in Wirklichkeit meine Ziehmutter ist


HZ 27.07.2029
Aus Knuts Aufzeichnungen Juli 2007

Ich erkläre jetzt mal die Sache mit den Müttern. Nur diese sind für Eisbärenkinder zuständig. Natürlich habe ich schon lange mitgekriegt, dass meine Mutter Hannes Weiler gar nicht meine Mutter ist. Und Hannes ist keine Frau, biologisch gesehen ist er sogar eindeutig ein Mann. Meine leibliche Mutter ist zwar meine Mutter, und ich besuche sie auch. Wohlweislich sind wir allerdings immer durch Panzerglas oder dicke Eisengitter getrennt. Denn sie hat mich zwar geboren, aber nicht angenommen. Um es noch dramatischer auszudrücken: Sie hat mich verstoßen! Sie schaffte es nicht, mich erfolgreich an ihre Brust zu legen.
Normalerweise sorgen Eisbärenmütter gut für ihre Kinder, aber mit meiner leiblichen Mutter stimmt irgend etwas nicht. Sie ist eine Zirkus-Maus, wie Hannes immer sagt. Sie war einst Star in der Manege und reiste um die Welt. Sie lebte auf winzigstem Raum in viel zu kleinen Käfigen. Außerdem ist sie ihrer Mutter schon mit sechs Monaten weggenommen worden. Da hat sie wohl einen seelischen Schaden erlitten. Hannes hat mir mal das Gutachten der Zoo-Sozialarbeiterin vorgelesen, und ich habe mir einen Artikel aus der „Constanze“ unter die Kralle gerissen, der meine Eltern zum Thema hatte. Ich interessiere mich einfach für meine Wurzeln, das ist doch nicht ungewöhnlich. Ich lege den Artikel mal dazu. Vielleicht ist es irgendwann von öffentlichem oder wissenschaftlichem Interesse.

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Benny Greiff ist nach Hannes und René Schlue meine wichtigste Bezugsperson. Er ist meine Tante. Und Robert ist der jüngste in meiner Familie. Er ist mein großer Bruder. Mit ihm mag ich am liebsten raufen. Bei einem älteren Bruder kann man auch mal kräftig zubeißen und herumtollen und sich auf der Erde wälzen. Bei ihm kann ich richtig spielen, und er ist auch von allen am wildesten mit mir. Bei Hannes und auch Benny bin ich nicht so wild. Wie Hannes mal so treffend sagte: Wer kämpft schon gern mit Mutti?


Rabenmütter in aller Welt

HZ, 28.07.2029 (Aus der Constanze vom 01.10.2007: letzte Folge der Serie „Rabenmütter in aller Welt“)


Dem folgenden „Constanze“-Artikel liegt das Protokoll der Zoo-Sozialarbeiterin zugrunde. Der Zoopsychologe Dr. Beck hat die Geschichte von Knuts Geburt und die seiner Eltern Tosca und Lars für diese Frauenzeitschrift aufgeschrieben. Der Artikel ist die letzte Folge einer Serie „Rabenmütter in aller Welt“ und von der bekannten Moderatorin und Mutterexpertin Eva Herman inspiriert. Der Tierarzt René Schlue hat sie auf Richtigkeit hin gegengelesen.

Es waren einmal zwei winzige kleine Eisbärchen, nackt, blind und taub geboren, denen ein baldiges Ende ihres kurzen Lebens drohte. Denn ihre Eltern waren rücksichtslose Selbstverwirklicher, die gar nicht daran dachten, ihren bisherigen Lebensstil zugunsten der beiden Schutzbedürftigen zu verändern. Der Vater hatte seinen Spaß gehabt, die Folgen interessierten ihn nicht.
Schon während Toscas Schwangerschaft hatte er sich schnell an andere Eisbärendamen in seinem Revier rangemacht. Tosca blieben seine Seitensprünge nicht verborgen, und sie geriet in eine tiefe Depression. Ihre bisherigen Schwangerschaften waren nach dem ewig gleichen Muster verlaufen. Der Verursacher dieser Schwangerschaften wendete sich von ihr ab, wenn Tosca behäbiger wurde. Während der gesamten Schwangerschaft ging Toscas ganzes Sinnen und Trachten dahin, Lars wieder attraktiv und unwiderstehlich vor die Augen zu treten. Adieu Traurigkeit und kläglich durchdringende Jammerrufe der Jungen

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Die Mutter wusste wohl, dass ihr, zöge sie die Jungen auf, nicht viel Raum bliebe für die Spaßgesellschaft, in der sie gewohnt war, sich zu tummeln: Im Wasser spielend leichte Beute machen, Zoobesucher begucken, sich in der Sonne bleichen, manchmal mit den anderen plauschen und sich mit Lars vergnügen. Brachte sie ihre Kinder zur Welt, war sie jedes Mal ratlos und ungeschickt. Sie ließ die Jungen auf den kalten und nackten Zementboden plumpsen und ignorierte sie schlicht und bald verstummten die Klagerufe der Jungen.
Zwar benötigte Tosca immer ein paar Tage, um die aufkommenden Gewissensbisse zu beruhigen. Aber dann richtete sie sich wieder her, betrat das Gehege, die anderen Gespielinnen drehten die Köpfe, und ein Raunen der Bewunderung grummelte durch das Gehege. Auch Lars setzte seine Tatzen in Bewegung: Tosca schien ihm so strahlend weiß und schön. Sie roch so gut, ein klein wenig erinnerte sie ihn an seine Tante, eine Schwester seiner Mutter und deutlich jünger als diese. Bevor sein Interesse an seiner Tante heftiger wurde, bot man ihm einen Job als Animateur-Praktikant in Bremerhaven, dann in Neumünster an. Er bewährte sich und bald wurde ihm eine Festanstellung mit ähnlichen Aufgaben in der Hauptstadt angeboten. Die Konditionen schienen zu stimmen, Gehege und Klientel hatten nun hauptstädtische Ausmaße erreicht.
Er fragte Tosca nicht nach dem Grund ihres Wegbleibens. Und er fragte nicht nach den Neugeborenen. Sie nahm ihr Leben im Gehege an der Stelle auf, an der sie es vor ein paar Tagen verlassen hatte.

Der Tierarzt kannte sich in den Abgründen der menschlichen und tierischen Seelen aus und hatte nach ihren bisherigen Schwangerschaften versucht, ernsthafte Gespräche mit ihr zu führen. Um es genau zu sagen: Er redete auf sie ein und stellte sich vor, wie Tosca argumentieren würde: Sie konterte verbockt mit den Machenschaften einiger Menschen, über die man beinahe täglich in der Zeitung lesen konnte. Das wusste sie von den Tierpflegern, die sich manchmal besonders Aufsehen erregende Ereignisse vorlasen und die Tosca mittlerweile Medea nannten. Unerwünschte Menschenkinder verschwanden in Tiefkühltruhen, Kühlschränken oder Blumentöpfen, wurden vom Hochhaus geworfen oder im Keller verscharrt. Da könne man von einer einfachen Eisbärin, die der unvernünftigen Spezies Tier zugerechnet würde, nicht den Aufwand verlangen, die Neugeborenen durch die Babyklappe zu werfen, wo immer die im Zoo auch sei.
Auch wusste Tosca geschickt an die sozialpädagogischen Ambitionen des Tierarztes zu appellieren. In ihrer Jugend habe sie viel Unrecht erlitten. Zwar sei die früheste Kindheit sei glücklich gewesen. Die ersten sechs Monate habe sie gemeinsam mit ihren Geschwistern und der Mutter in Kanadas Weiten verbracht. Auf ihren Wanderungen entlang der kanadischen Küste und in den Mülltonnen naher menschlicher Siedlungen fanden sie reichlich Nahrung und führten ein unbeschwertes und abwechslungsreiches Leben. Doch dann wurde ihre Mutter von Müll-Eisbären-Einfängern in menschenleere Gegenden Kanadas ausgeflogen. Andere Eisbären-Fänger ergriffen sie und die Geschwister und verkauften sie an einen Tierhändler aus Hamburg. Der verkaufte sie mit großem Gewinn weiter an einen Ost-Berliner Zirkus.

Fortan lebte sie in der Manege und in einem engen Käfig. Sie bekam ausreichend zu essen und man schätzte ihre zirzensischen Leistungen. Bekanntlich hatte die DDR auf einigen Gebieten der populären Unterhaltung hohe professionelle Standards. Aber der todesähnliche Verlust ihrer Mutter, die Trennung von den Geschwistern und der Wechsel von der freien Wildnis in enge Kisten und Käfige und schließlich in die Großstadt mit einer rätselhaften und unentwirrbaren Kakophonie von Lauten und Gerüchen hatten sie aufs Schwerste traumatisiert. Diese Traumatisierung wurde nicht erkannt und folglich nicht behandelt. Es schien keine Notwendigkeit zu geben, sich genauer mit ihr zu beschäftigen, denn vordergründig funktionierte sie ja. Einige Symptome beachtete man nicht, denn sie traten häufig bei Zirkustieren auf, z. B. das Hospitalismussyndrom. Schaukelnd bewegte sie Kopf und Oberkörper von einer Seite auf die andere, trat vor und zurück, als würde sie sich an die Meeresbrandung erinnern.

Einige Jahre vergingen so. Einmal verfiel sie in einen tiefen Schlaf, und als sie aufwachte, befand sie sich wieder in einem Käfig, aber in einem anderen als dem gewohnten. Es roch nach Eisbären, aber anderen, unbekannten. Und es roch nicht mehr nach Zirkus. Abends füllte sich der Nachbarkäfig mit zwei ausgewachsenen Eisbärinnen. Man beroch sich durch die Gitterstäbe, Zähne wurden gefletscht und Knurrlaute ertönten. Tosca war froh, erst einmal getrennt zu sein von diesen schwer einschätzbaren Anderen. Das erste Mal in ihrem Leben empfand sie die Gitterstäbe als Schutz, als Schutz vor ihren eigenen Artgenossinnen. Allmählich siegte die Kontaktfreude über das Imponiergehabe, und Tosca war zufrieden, den untersten Rang in der Hierarchie einzunehmen. Man beroch sich zunehmend friedlicher.

Eines Tages wurde Tosca mit den anderen ins Gehege entlassen. Es war ein schönes Gehege, mit verschieden geformten Felsformationen und einem für einen Zoo – denn in einem solchen befand sie sich, wie sie mittlerweile mitbekommen hatte – großzügigen Wasserbecken. Tosca war es zunächst mulmig, und sie rettete sich auf eine kleine Felseninsel. Beinahe fühlte sie sich wie auf einer Eisscholle. So vergingen die Tage, Monate und Jahre.

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Sie führte ein Inselleben, trottete aber auch zu den anderen Eisbärinnen hinüber, schwamm, tauchte und beguckte die Zuschauer. Dreimal am Tag gab es Essen, das die Tierpfleger meist ins Wasser warfen bzw. abends als Lockmittel in den Käfig legten. Es war eine Lust, es tauchend aufzufischen.
Ihr Leben veränderte sich radikal, als Lars auftauchte, ein junger imposanter Eisbärmann. Er kannte sich aus in der Welt der Zoos. Er war ein Großstadteisbär, der etwas von Deutschland gesehen hatte. Er hatte eine glückliche Kindheit im Münchener Zoo mit Bruder Michi bei seiner Mutter Lisa verbracht.
Lisa war in ihre Söhne vernarrt, hielt sie für die schönsten und klügsten Eisbärenjungen der Welt und verwöhnte sie von morgens bis abends und von vorne und hinten.

Die Söhne hatten an der übergroßen Mutterliebe nichts auszusetzen, vielmehr gingen sie mit einiger Selbstverliebtheit durchs Leben, nahmen devote Huldigungen anderer Zoobewohner gelassen entgegen und entwickelten Prinzen-Allüren. Zweifellos hielten sie sich für die Schönsten und Größten. Andere Zoos rissen sich um die Jungtiere. Niemand wagte, sie scheel anzugucken. Alle wichen vor ihnen zurück, und die Eisbärdamen schickten schmachtende Blicke.
Als beinahe erwachsener Bär kam Lars nach Bremerhaven, bewährte sich, wechselte nach Neumünster, bis es dem Berliner Zoo gelang, ihn abzuwerben.

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Die drei Berliner Eisbärinnen konnten einen Eisbärenmann gut gebrauchen. Lars entschied sich für Tosca, warb um sie, und sie erhörte ihn in ziemlicher Eile.

Die Liebe hielt, blieb nicht ohne Folgen. Immer wieder wurde Tosca schwanger. Dann wendete sich Lars den anderen Eisbärinnen zu. Regelmäßig verschwand Tosca und kehrte begehrenswerter denn je zurück. Sie duftete so gut, da konnte keine seiner anderen Gespielinnen konkurrieren.
Nur Tosca wurde schwanger, aber nie gab es Ergebnisse zu bestaunen. Und Lars vermisste nichts.

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Eines Tages, als wieder einmal Toscas Zeit gekommen war, saß sie ratlos vor ihren gerade geborenen nackten und kläglich fiependen Jungen. Eine Ahnung stieg in ihr hoch, was nun zu tun war. Sie versuchte die Kleinen zum Säugen anzulegen, aber vergebens. Sie saugten nicht. Tosca verhielt sich ungeschickt und gab schnell auf. Der Tierpfleger, der schon einige tote Eisbärenbabys geborgen hatte, erfasste auch dieses Mal Toscas Situation und hielt eine lange Stange bereit. Etwas war anders als früher. Ein Eisbärenjunges, das Tosca aufgegeben hatte, war nach vorne gekrabbelt, so dass der Pfleger Hannes Weiler es mit der Stange herausrollen und ins Warme bringen konnte. Das andere Jungtier trug sie ratlos umher, um es schließlich auch fallen zu lassen.

Es war ebenfalls mit der Stange gut zu erreichen, und so kullerte er das weiche Tierchen nach vorne. Herr Weiler trug es zu seinem Bruder, und die geplante Versorgungsaktion konnte anlaufen. Hier beginnt Knuts Geschichte.

Tosca aber zog sich in die hintere Wurfhöhle zurück, die sie nach ein paar Tagen verließ, machte sich hübsch zurecht, um unbeschwert und munter ihr altes Leben aufzunehmen.

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Anneliese
 
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Sa 5. Dez 2015, 16:28

Wie ich die Sprache lernte

HZ, 31.07.2029
Aus Knuts Aufzeichnungen Juni 2007

Ich lernte rasch die Sprache verstehen. Das war nicht weiter schwer, weil es sich um einfaches Deutsch handelte, wie es jedes Kind von seiner Mutter lernte. „Komm, komm“, „Nicht beißen“, „Böse Flasche“, „Jetzt kommst du auf die Decke“, „Jetzt geht’s in die Kiste“, „Schön schlafen“, „Feines Happa“, „Hier ist es schön“, „Fein machst du das“, „Was du schon alles kannst!“, „Wo tut es dir denn weh?“ „Jetzt puste ich, und schon ist das Aua weg“, „Was ist hier los?“, „Danke, dass du mir hilfst!“, „Wie behände du bist! Wie eine Elfe!“, „Wie du aussiehst!“, „Ich will dein Fressen nicht“. Den Gesprächen zwischen meinen Kinderärzten und Hannes konnte ich nach wenigen Wochen folgen, weil mir meist klar war, worum es ging, und so erriet ich die Wörter im Zusammenhang.
Vorerst war meine Sprachfähigkeit passiv, aber mit der Kragenbärin konnte ich mich auch aktiv verständigen. Allerdings sind wir beim Sprechen leise, die meisten Frequenzen können vom menschlichen Ohr nicht gehört werden. Zusätzlich erschwert unser starker Bärenakzent eine Verständigung zwischen Bär und Mensch.

Bald beherrschte ich einen größeren Wortschatz als Mäuschen. Ich erkläre mir das damit, dass viel mit mir gesprochen wurde und viele sich in meiner Gegenwart unterhalten haben. Auch hat Hannes mir abends immer Geschichten vorgelesen. Er hat darauf vertraut, dass ich ihn immer besser verstehe. Er konnte das wohl an meinen Reaktionen ablesen. Obwohl, beim Wörtchen „Nein“ stellte ich mich häufig dumm und fraß den Fisch in der Futterküche einfach auf oder biss Robert Robbe immer wilder. Wo es mir Vorteile brachte, war ich eben „der kleine Eisbär ohne Verstand“.

Allerdings wurde mir bald klar, dass ich mich auf eine Gratwanderung begeben hatte. Der Zoodirektor glaubte zu wissen, wie Eisbären so sind, und weil er Angst vor dem Raubtier in mir hatte, verordnete er bald viele Einschränkungen. Ziel war, mich ganz von Hannes zu isolieren, damit ich ihm nicht nach Raubtierart gefährlich werden konnte. Genauso wichtig war ihm, dass ich mich für Eisbärenmädchen interessierte. An dem Entschluss zu meiner Aufzucht gab es Kritik, verbunden mit der Prophezeiung, dass von Menschenhand aufgezogene Eisbären für die Art verloren seien. Ich sollte zum Gegenbeweis Eisbärenkinder zeugen, und man nahm an, dafür sei es notwendig, dass man mich möglichst schnell vom Menschen trennte. Wenn ich nun das unvernünftige gefährliche Tier gab, konnte das den Trennungsprozess nur beschleunigen.
Darum bemühte ich mich, der einsichtige liebenswürdige kleine Knut zu sein. Erwischten Hannes und das allgegenwärtige Kamerateam von RBB mich mal wieder dabei, wie ich die Futtertüte für die Bären oder Wölfe aufriss, hüpfte ich bei Hannes’ „Nein“ sofort gehorsam herbei und nuckelte stattdessen an seinen Fingern, was mir sowieso sehr angenehm war und den Zuschauern meine süße Babynatur vor Augen führte.

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Zurück zum Spracherwerb. Hannes las viel, wenn er denn mal Zeit hatte. Bald las ich stumm mit, aber das hätte er trotz seines Vertrauens in meine Fähigkeiten sicher nicht für möglich gehalten. Und für Menschen verständlich sprechen lernte ich nie. Die Bedeutung der meisten Wörter erfasste ich im Laufe der Zeit, aber einige kapierte ich nicht. Was mag wohl „Erotik“ sein? Und von der Welt der Technik habe ich bisher wenig verstanden. Auch wenn Hannes versucht hat, mein Interesse für Autos zu wecken. Für mich waren das tote Dinger, und niemand hat mich mal reingesetzt, damit ich „erfahren“ konnte, was Autofahren bedeutet. Interessant finde ich aber die Fahrzeuge für die Garten- und Bauarbeiten im Zoo, die manchmal an meinem Gehege vorbeifahren. Neulich habe ich meinen ersten Krankenwagen gesehen. Der Fahrer fuhr sehr langsam, weil er die Gelegenheit nutzen wollte, den berühmtesten Eisbären der Welt zu begucken. So konnte ich den Krankenwagen genau studieren.

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Schreiben musste ich mir selber beibringen. Das war wirklich harte Arbeit, und nur, weil ich wusste, was ich geschrieben hatte, konnte ich mir mein eigenes Geschreibsel zusammenbuchstabieren. Ich bin gespannt, ob Hannes oder irgendjemand sonst meine Aufzeichnungen entziffern kann. Wer weiß, vielleicht sind sie ja irgendwann und für irgendwen von Interesse. Das kann ich mir bei den Unmassen von Büchern, die jedes Jahr erscheinen, zwar nicht vorstellen, andererseits gibt es möglicherweise gar keine anderen Bären, die selber schreiben. Pu hat seine Erlebnisse von Christopher Robin unter der Assistenz von A. A. Milne aufschreiben lassen, Paddington Bär von Michael Bond. Und Petzis Abenteuer haben Carla und Vilhelm Hansen aufgeschrieben. Große Autoren haben sich daran gemacht, den Tieren eine Stimme zu verleihen. Rudyard Kipling beipielsweise im „Dschungelbuch“. Astrid Lindgren hat sich für die Tiere eingesetzt, besonders für die misshandelten Haus- bzw. Schlachttiere. Viele Tiere, denen ich bei der Lektüre begegnet bin, konnte ich bei unseren Spaziergängen im menschenleeren Zoo wiedererkennen. Ich war sehr interessiert, hielt anfangs mein Leben für normal, bis ich erkannte, dass es einen Unterschied machte, ob ich mich vor oder hinter den Gitterstäben befand Als ich meine besondere Situation unter den Tieren erkannte, fand ich, dass meine Erlebnisse, Beobachtungen, Überlegungen, Einsichten eines Tages von Interesse sein könnten. Ich konnte nur hoffen, dass man meine Tatzen-Schrift entziffern und meine Aufzeichnungen entdecken würde. Ich habe sie erst einmal versteckt.


Wie ich lesen und schreiben lernte
HZ, 01.08.2029

Aus Knuts Aufzeichnungen, wahrscheinlich Juli 2007

Als ich klein war, bekamen wir viel Post und häufig auch Päckchen und Pakete. Mich fanden alle süß, aber in Hannes verliebten sich viele kleine Mädchen und große Frauen. Ich glaube, er sieht gut aus. Obwohl mir das egal ist. Für mich ist er der beste Mensch auf der Welt. Aber als ich größer wurde, habe ich schon mitgekriegt, dass einige Frauen ihn genauso intensiv angeschaut haben wie mich. Es faszinierte sie wohl, dass jemand wie Hannes, den man für einen Abenteurer-Typen halten könnte, ein kleines Bärchen so liebevoll wie eine Mutter aufzog. Er hätte gut der Reklame-Mann für Camel-Zigaretten sein können. Abbildungen habe ich in alten Illustrierten entdeckt. Die Ähnlichkeit vom Typ her und im Verhalten finde ich erstaunlich. Vielleicht wird er ja mal Model für Welpen-Aufzugsmilch oder für Milupa oder für Haribo-Gummibärchen. Aber ich weiß, so etwas mag Hannes nicht. Obwohl, so attraktiv wie Hannes Gottschalk ist er allemal.

Ich bin schon wieder ins Plaudern gekommen. Also, wir beide erhielten viele Geschenke, und für mich war es eine wichtige Aufgabe, diese Geschenke auszupacken. Wir bekamen viele Süßigkeiten, Robben und Fische aus Marzipan und Schokolade, aber auch Spielsachen, neue Kuscheldecken, Bären-Uhren: Anstelle eines Kuckucks guckte ein Braunbär aus dem Uhrenfenster und brummte. Wenn ich mitzählte, wusste ich, wie spät es war.
Zählen hatte ich schon früh gelernt. Wenn Hannes, Robert und Benny ihre Pausenbrote aßen, zählte ich die Bissen und kletterte an ihnen hoch, damit sie mich nicht vergaßen. Jeder dritte Bissen sollte für mich sein, hatte ich für mich beschlossen. Und häufig erreichte ich auch dieses Ziel. Manchmal kriegte ich auch eine ganze Klappstulle, wenn es mir gelang, mich besonders niedlich auf die Hinterbeine zu stellen, mit angewinkelten Armen wie ein Osterhase. Ich hatte immer den üblichen Bären-Hunger und musste mich nicht anstrengen, um eine umwerfend anrührende Pose hinzubekommen. Und Lesen habe ich von meiner Stiefoma, der Kragenbärin, gelernt.
Aber richtig Lust auf Lesen bekam ich erst, als ich von einer Bären-Freundin aus Hamburg „Pu der Bär – Aufzeichnungen eines Bären von geringem Verstande“ bekam. Hannes hat mir abends immer ein Kapitel vorgelesen - er kann gut vorlesen - und ich musste mich manchmal vor Lachen kugeln. Zum Beispiel, als Pu feststellt, als er bei Esel anklopft: „Komisch, je mehr ich anklopfe, umso mehr ist Esel nicht da“. Pu hat seine eigene Art zu denken.
Das zweite Kapitel hatte Hannes zuerst vorgelesen, weil ich dringend lernen sollte, meine Lust am Essen zu bezähmen. Komisch, wilde Tiere kann man (be)zähmen. Den Hunger auch. Ist der Hunger ein wildes Tier? Ich muss mal darüber nachdenken.
Wir machten es uns gemütlich, setzten uns auf seine Pritsche, und er kraulte mein Ohr. Dann las er mir vor, wie gerne Pu viele Happen Honigscheiben bestrichen mit Orangenmarmelade isst, dazu süße Dosenmilch trinkt. Mir lief das Wasser im Munde zusammen. Hannes kraulte mein anderes Ohr, sah mir bedeutungsvoll in die Augen und sagte: „Pass gut auf, Knut!“ Jetzt las er mir vor, was Pu alles auf einem Besuch bei Kaninchen aß. Anschließend verabschiedete sich Pu und wollte durch das Kaninchenloch hinauskriechen. Und jetzt kommt’s. Er konnte weder vor noch zurück, er steckte fest, weil er beim Essen auf die Schnelle um Hinterteil und Bauch herum ein paar Zentimeter zu dick geworden war. Eine Woche ohne Essen dauerte es, bis Pu sich aus dem Loch gehungert hatte. Während dieser Zeit benutzte Kaninchen die in die Höhle hängenden Beine von Pu als Handtuchhalter. Praktisch, aber ein wenig entwürdigend für Pu, finde ich.
Pu quälte von nun an öfter die Furcht, zu dick zu werden. Aber schlanker ist er nicht geworden. Er kam an keinem Leckerbissen vorbei. Das sollte bei mir anders sein, wünschte sich Hannes. Denn er behauptete, ich würde zu fett. Um meine Taille hätte ich schon richtige Rollen. Dabei haben Bären gar keine Taille, das weiß jeder. Wie würde das denn aussehen, ein dünner Eisbär. Solche gibt es am Nordpol, weil es da nichts mehr zu fressen gibt. Vor Hunger fressen die dort alles, was sie finden, auch ihre Artgenossen. Ich bin zwar stolz darauf, dass Hannes eine so gute Figur macht und hat, aber Benny ist kuscheliger und fühlt sich weich und gemütlich an. Und der Direktor erstmal, der könnte sich ein Teddy-Fell umhängen, der würde in keinem Bärengehege auffallen.

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Ich muss mir nun einmal Fettreserven anfressen. Denn wenn der Berliner Zoo auch nicht am Nordpol liegt, so liegt mir doch die Vorsorge in den Genen. Und wer weiß, ob nicht doch einmal Not herrschen könnte. Ich sage nur das Stichwort „Terrorismus“. Robert hat erzählt, dass ein hypochondrischer Freund von ihm beim letzten Irak-Krieg seine ganze Wohnung mit Mineralwasserflaschen vollgestellt hatte. Er hat Fotos gezeigt, die er gemacht hat, als er dort mal besuchsweise gewohnt hat, weil er den Kater einhüten sollte, während der Freund verreist war. An allen Wänden waren die Wasserkästen gestapelt, bis unter die Decke. Auch vor den wenigen Regalen und auf den Schränken standen die Kästen. Dieser Mensch lebte in Angst und Schrecken bei jeder U-Bahn-Fahrt und mied jedes Volksfest.

Hannes fand mein Verhalten verständlich, aber er bestand darauf, meine Naschhaftigkeit künftig stärker zu kontrollieren. Es lief aber alles weiter wie bisher, genau wie bei Pu. Ich war ja überall dabei, in der Futterküche, in den Pausenräumen. Ich konnte erbarmungswürdig bittend gucken und bekam immer, was ich wollte. Jedenfalls fand ich „Pu“ so witzig und lehrreich, dass ich das Buch immer wieder lesen wollte. Hannes hatte aber nicht immer Zeit, mir vorzulesen. Häufig entschwand er sogar unmütterlich schnell und stopfte mich gegen meinen wilden Protest in die Kiste, nur damit er bald zu seiner Freundin oder auch in die Kneipe kam. Neulich war ein Stapel Petzi-Hefte gekommen; ungelesen lagen sie auf der Fensterbank, und ich war ganz scharf darauf.
Die Kragenbärin konnte mit ihren altersschwachen Augen gerade noch die Schlagzeilen der Bild-Zeitung erkennen. Sie brachte mir erst die Buchstaben bei, dann übte sie mit mir, die Wörter zu erkennen. Es war ein hartes Stück Arbeit. Ich schaffte es, las erst die Petzi-Hefte, die zusammen mit den Bildern genau die richtige Lektüre für Einsteiger waren, und dann Pu. Den Inhalt kannte ich ja, und so konnte ich kontrollieren, ob ich richtig las, ob sich der Pu-mäßige Sinn und Hintersinn ergab.Der Paddington-Bär hat mir auch sehr gefallen. Er war wie ich ein verlassener Bär und von sympathischen Menschen aufgenommen worden. Die Überschriften der Zeitungen las ich im Vorbeigehen, dann immer öfter auch spannende Artikel.
Ich ahnte nicht, wie schwer es werden würde, das Schreiben zu lernen. Mit meinen Tatzen kann ich gerade noch den Ball rollern; manchmal gelang es mir, einen kleinen Ast festzuhalten. Ernst, der fast gleichaltrige Malaienbär-Kumpel ein Gehege weiter, hat schon beinahe Hände. Ich habe gesehen, wie er nur mit den Krallen feine Äste hielt und damit in Baumlöchern rumstocherte auf der Suche nach Insekten, die er so gerne mag. Der könnte einen Kuli viel leichter halten als ich. Aber er hat keine Lust. Seine Eltern können auch nicht lesen und schreiben, und er stellt keine Fragen. Von den Pflegern guckt er sich nichts ab. So lebt er in seiner beschränkten Welt.
Ich dagegen las jeden Abend, wenn Hannes losgezogen war, in seiner kleinen Bibliothek. So bekam ich allmählich eine Vorstellung von der Welt außerhalb des Zoos.
Bei meinen ersten Schreibübungen hat mich die studentische Hilfskraft Claudia sehr unterstützt. Sie hat mir einen besonders dünnen Filzschreiber zwischen die Tatzen-Zehen geklemmt und die ersten Striche mit mir geübt, auf und ab. Dann sollte ich Bälle und Schleifen malen. Das war so etwas von harter Arbeit, das glaubt kein Mensch. René Schlue behauptet ja immer, dass Eisbären nicht schwitzen können. (Sie können sich deswegen nur im Wasser abkühlen.) Aber das gilt nicht für Eisbären, die schreiben lernen! Die Schweißtropfen sind mir nur so aufs Schreibpapier gefallen. Dadurch wellte sich das Papier, und es war noch schwerer, anständige Zeichen aufs Papier zu bringen. Claudia hatte Mitleid mit mir und sagte:

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„Lass es doch.“ Aber nachdem mir die ersten Krakel gelungen waren, wollte ich auf keinen Fall aufgeben. Ich wollte aufschreiben, was ich erlebte. Denn mittlerweile war mir klar, dass mein Leben einzigartig war. Ich wollte mich nicht darauf verlassen, dass Hannes oder René mal mein Leben aufschreiben. Außerdem wussten sie ja nicht so genau, was ich wirklich fühlte und wie ich die Welt so sah.
Wir fanden dann eine Stelle in meinem Käfig, wo ich den Filzschreiber festklemmen und dann meine Tatze dagegen schieben konnte, so dass der Kuli zwischen zwei Zehen gedrückt wurde. Übrigens habe ich mit rechts schreiben gelernt, wie die meisten Menschen auch. Claudia war sehr stolz auf mich, aber auch auf sich selber. Denn sie wollte Grundschullehrerin werden. Und wenn sie schaffte, einem Eisbären das Schreiben beizubringen, dann wäre es ein Kinderspiel, es Kindern beizubringen. Sie war nur wenige Wochen bei uns, und sie weiß nicht, dass ich tatsächlich meine Erlebnisse zu Papier gebracht habe.
Ich weiß ja nicht, was aus diesem Zettelhaufen wird. Aber wenn ihn mal jemand findet und entziffern kann, dann wird Claudia eine ganze Menge über mich erfahren.

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HZ-Kommentar von Bodo Felsengeld in derselben Ausgabe

Es muss für Knut eine mühselige Arbeit gewesen sein, schreiben zu lernen. Wollte er den Menschen immer ähnlicher werden, mit denen er zusammen lebte? Sollte ihn nichts mehr trennen von den Menschen als seine Gestalt? Oder wollte Knut seine Erfahrungen für sich und seine Nachfahren aufzeichnen? Wollte er, dass seine Aufzeichnungen von seinen Freunden gelesen würden? Denn so sprechen, dass Menschen ihn verstehen, sollte er nie lernen. Seinen Reaktionen und Handlungen konnte man zwar entnehmen, dass er verstanden hatte, was man zu ihm sprach. Aber komplexere Überlegungen und Gedankengänge konnte er aufgrund der begrenzten Ausdrucksmittel nicht mitteilen. Wahrscheinlich hatte Knut begriffen, was ihn von anderen Zootieren unterschied, und er wollte die Chance nutzen, seine Fähigkeiten so weit wie nur irgendwie möglich auszuschöpfen.

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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » Sa 5. Dez 2015, 18:48

Als Hannes einmal fort war
HZ, 2.8. 2029

Aus Knuts Aufzeichnungen Mai 2007

Neulich, es war Anfang April, war er auf einmal fort. Wie vom Erdboden verschluckt. Hannes war nicht dabei, als Robert und Benny Greiff mich wie immer abholten und mit mir auf die Anlage gingen. Zuerst habe ich mit ihnen gespielt, aber dann wurde ich unruhig. Warum kam er denn nicht? Eigentlich war er noch nie unpünktlich gewesen. Er war zwar schon mal zwei Stunden später gekommen. So etwas kam vor, dann holte er was oder ging zum Arzt.

Aber nachmittags wurde ich immer besorgter. So lange hatte er mich noch nie alleine gelassen. Alleine bin ich dann ja nicht, aber er ist nun mal meine Mama. Ich dachte, ihm wäre was passiert. Ich habe ihn gesucht, bin zum Ausgang gelaufen. Robert ist mir nachgelaufen, hat mich unter seinen Arm geklemmt und mich wieder vorne beim Publikum abgesetzt, denn wir hatten Vorstellung.
Ich habe sofort kehrtgemacht und bin wieder schnurstracks zum Ausgang gelaufen. Ich wäre bis ans Ende der Welt gelaufen, um Hannes zu suchen. Vielleicht hätte ich seine Fährte aufnehmen können. Eisbären haben ja die besten Nasen der Welt, sagt man. Da hätte ich gute Chancen gehabt, ihn zu finden. Mir wurde ganz duhn im Kopf, als hätte ich Fieber, und ich konnte nur noch eines denken: Ich will Hannes finden, sofort. Beim dritten Mal gaben es Robert und Benny auf, mich auf die Anlage zurückzubringen.
Ich lief in den Hof des Bären-Revieres zurück und suchte sofort alles ab. Überall hing der Geruch von Hannes in der Luft, an den Sachen, aber er war nicht zu finden. Den Weg nach draußen versperrte man mir.
Nun musste ich heulen und die anderen waren besorgt. Sie hatten wohl schon befürchtet, dass ich weinen würde, denn sie schenkten mir einen kleinen Stoff-Osterhasen mit dem Geruch von Hannes. Er musste mit dem Hasen ein paar Nächte geschlafen haben, denn dieser roch sehr intensiv nach ihm. Für kurze Zeit war ich selig, schleckte den kleinen Hasen ab und die anderen bemühten sich, mich aufzumuntern und abzulenken. In meiner Wohnkiste weinte ich mich abends in den Schlaf. Ich konnte nicht verstehen, warum Hannes nicht kam.

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Herrn Schlue fand ich nicht mehr so nett, als ich ihn am nächsten Tag ins Mikrofon vom RBB sprechen hörte: „Knut muss lernen, auch mal ohne Herrn Weiler auszukommen. Der kann nicht 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr bei ihm sein. Er kennt ja die anderen Pfleger und ist nicht allein.“ Warum sollte ich lernen, ohne meine Mama zu leben? Ich hatte mich immer für den glücklichsten Bären der Welt gehalten. Ich dachte, mit Hannes als Mutter das große Los unter den Eisbären gezogen zu haben. Meine leibliche Mutter sagte mir gar nichts, und ich war froh, dass Hannes dabei war, wenn Tosca und Lars unter den Gitterstäben hindurch nach mir tatzelten. Soweit ich das bis jetzt verstanden habe, kann ich nur den Kopf schütteln über ihre merkwürdigen Sitten. Um mit Schopenhauer zu sprechen: „Seit ich die Eisbären kenne, liebe ich die Menschen.“ Und ich hatte keinen Grund anzunehmen, dass es Hannes anders erging. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich das Gefühl gehabt, als liebte Hannes mich so wie ich ihn. Taler war mit seinen Leuten vom RBB gekommen, um die lange vorbereitete erste Phase der Trennung zu filmen, wie mir später klar wurde.
Vielleicht war Hannes krank, oder verletzt, weil er vom Rad gefallen war. Ich sah die schrecklichsten Bilder vor mir, malte mir U-Bahn-Unglücke aus, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis, Attentate. Ich sah ihn verschüttet und von Lava verbrannt. Im Fernsehen waren ja häufig solche Bilder zu sehen. Plötzlich klopfte mein Herz so laut, dass ich nichts mehr hörte, nur ein Pochen und Rauschen. Ich jappte und schnappte nach Luft. Ein furchtbarer Verdacht stieg in mir hoch. Vielleicht hatte er mich verlassen? Vielleicht war seine Freundin eifersüchtig auf mich und verbot Hannes den Umgang mit mir? Und deswegen würde er mit Herrn Merkatz vom Affenrevier tauschen!

Am nächsten Tag war er wieder da. Er hatte drei Tage Urlaub verordnet bekommen, „um sich mal um seine menschliche Familie zu kümmern“. Aber nach einem Tag hatte er es nicht mehr ausgehalten, und er beugte sich über mich, als ich wach wurde. Ich glaube, ganz Berlin musste aufgewacht sein, so laut rumpelte der Felsblock, der nun von meinem Herzen fiel! Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich je wieder so etwas Schreckliches erleben sollte. Für mich war die Welt wieder in Ordnung. Das Leben war schön!

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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » So 6. Dez 2015, 12:05

HZ-Kommentar von Bodo Felsengeld

Als der unausweichliche Trennungsprozess von Knut und seinem Ziehpapa bevorstand, haben sich viele gefragt, wie das wohl ablaufen konnte, ohne dass Knut daran zerbrach. Wir mussten ja annehmen, dass er nichts von dem begreifen würde, was da ablief. Jede längere Trennung musste für ihn die Furcht vor der Endgültigkeit des Verlustes auslösen. Wir konnten uns alle vorstellen, wie ein Kind darauf reagieren würde. Die Schäden wären unausweichlich und nur unvollkommen zu reparieren. Warum sollte das bei Knut anders sein? Vielleicht könnte die Trennung so behutsam ablaufen, dass die später sowieso unvermeidliche Abnabelung quasi nur ein wenig beschleunigt würde? Tatsächlich gab es im Zoo unterschiedliche Standpunkte über Zeitpunkt und Umstände der Trennung.

Knuts Empfindungen beim ersten, ursprünglich auf drei Tage geplanten Trennungsversuch schildern sein Entsetzen und dann die Erleichterung, als Hannes Weiler zurückkam und alles wieder gut zu werden schien. Der zweite Trennungsschritt fand im Mai statt, als Knut, zwischen den öffentlichen Auftritten mit den Pflegern im Braunbärengehege, vormittags und nachmittags vom Hofleben ausgeschlossen und alleine auf der völlig kahlen kleinen Eisbärenanlage die langen Zwischenzeiten verbringen musste. Sein Weinen war weithin zu hören. Der dritte Trennungsschritt fand statt, als die öffentlichen Vorstellungen ganz abgeschafft wurden und Knut den ganzen Tag alleine war. Verschärfend kam hinzu, dass man ihn völlig ohne sein gewohntes Spielzeug ließ. Er stürzte aus einem äußerst anregenden Milieu in eine ihm unverständliche Isolation. Der vierte Schritt war dann der dreiwöchige Urlaub von Hannes Weiler und damit in Knuts Augen möglicherweise die vollständige Trennung.
Als Hannes Weiler aus dem Urlaub zurückkehrte und Knut aufsuchte, merkte man erst, wie schwer Knut an dem Verlust getragen haben musste. Er jammerte laut, man wusste nicht so recht, ob über das erlittene Leid oder aus Wiedersehensfreude, und stürzte sich auf Hannes Weiler. Ich war damals dabei, um über das Wiedersehen zu berichten, und hätte fast mit geweint. Die letzte Trennung fand im September 2008 statt. Knut siedelte in den Zoo von Helsinki um. Es gab einen ergreifenden Abschiedsbesuch der Berliner für Knut.


Mein erstes Gehege

HZ, 03.08.2029
Aus Knuts Aufzeichnungen Mai 2007

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Hannes hat mich nach der letzten Vorstellung mit dem Trinknapf in ein Gehege gelockt, das ich noch nicht kannte. Ich sollte es kennen lernen. Nichts ahnend war ich Hannes gefolgt, hörte dann, dass die Tür ins Schloss fiel, und als ich von meinem Wassernapf aufschaute, war ich allein. Ich lief zur Gittertür, versuchte, meinen Kopf durch die Stäbe zu drücken und jemanden zu erblicken. Ich sah nichts, hörte nichts, roch nichts. Ratlos lief ich zum anderen Ausgang. Genau dieselbe Leere und Stille. Ratlos trabte ich hin und her. War die Tür aus Versehen ins Schloss gefallen, und Hannes hatte gar nicht gemerkt, dass ich nicht bei ihm war, weil er zu tun hatte?
Erst rief ich nach ihm, laut, dann weinte und jammerte ich, auch sehr laut. Wenn er die Bärenanlage nicht verlassen hatte, musste er mich hören. Wenn er Besorgungen machte, warum kam dann keiner von den anderen, Benny, Robert, Angela? Einmal hörte ich, wie ein Fahrrad am Eingang des Bärengeheges abgestellt wurde, und ich hörte Renés Stimme; natürlich roch ich ihn auch. Und er hörte mich auch.

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Er wusste ja, wohin man mich verfrachtet hatte. Aber er kam nicht zu den Besuchern ans Gehege, die sich wunderten, dass ich da zu sehen war. Vielleicht wollte er nicht über diese Maßnahme befragt werden. Die meisten kennen ihn ja von den Sendungen im RBB. Jeder wusste, dass es sich bei diesem sympathischen Typ „idealer Schwiegersohn“ um meinen Tierarzt handelte. Die Leute sprachen von „meinem Kinderarzt“, weil ich nun mal ein Eisbären-Kind war. Ich war so interessant, weil ich klein war, zu Beginn meines Lebens sogar winzig, und jeder wusste, dass ich mal ein riesiger Eisbär werden würde. Nie ist das Leben vom neugeborenen Eisbären-Säugling bis zum ausgewachsenen Eisbären-Mann, der ich ja einmal sein werde, so lückenlos festgehalten worden. Auf dem Bildschirm präsentierte sich das Kuscheltier, das so vertrauensvoll in die Welt blickte, umsorgt von der Mutter, den Gouvernanten und Tanten.
René aber blickte diesmal gar nicht auf und verschwand geschäftig durch die Personaltür. Ich schritt das steinerne Gehege ab, während ich laut weinte. Das Panikgefühl, das ich schon einmal kennengelernt hatte, überschwemmte mich erneut. Ich bestand darauf, nicht verlassen zu werden. Ich wurde wütend und aus meinem Weinen wurde Protestgeschrei. Ich musste feststellen, dass ich nichts erzwingen konnte und verstummte. Den Felsen hinunter kletterte ich zum Wasser. Es war von dicker Entengrütze verdeckt. Nach Schwimmen war mir nicht, unentschlossen probierte ich die grünen Blättchen, die ich mit der Pfote abgehoben hatte. Einige Braunbären waren ja ganz wild darauf, aber ich konnte diesem Gemüse nichts abgewinnen. Dann kletterte ich den Felsen wieder hinauf, pendelte zwischen den Türen, machte mir die Wartezeit auf einer felsigen Erhebung bequem. Ich versuchte zu schlafen, legte den Kopf erst auf die eine Pfote, dann auf die andere. Ich saß halb aufrecht, konnte vorne meine Arme auflegen. Abwechselnd legte ich meinen Kopf auf die linke Pfote und hatte so blinzelnd das Publikum im Auge, wechselte ich auf den rechten Arm, hatte ich die Türen zum Bärenhof im Blickfeld. Manchmal gähnte ich, manchmal schlief ich, manchmal sprang ich auf und eilte zu den Eingängen, weil ich meinte, etwas gehört zu haben. Alles war öd und leer.
Wenn ich wieder enttäuscht klagte oder vor mich hin weinte, trösteten mich die Zuschauer. Meine Freunde, von denen viele Tränen in den Augen hatten, riefen mir zu: „Knut, du bist nicht alleine. Wir sind doch alle bei dir!“ Das tat mir gut.

Von „Ach Gott, er hat es aber auch schwer, der Arme. Er ist doch noch ein kleines Kind!“ über „Er muss sich daran gewöhnen“ bis zu belustigten Kommentaren und dem Nachäffen meiner Schmerzenslaute reichten die Reaktionen. Ich will diesen Leuten unterstellen, dass sie nicht meinen Schmerz erheiternd fanden, sondern nur die Laute, die ich von mir gab. Aber sicher bin ich mir nicht. Dann kam Hannes tatsächlich. Ich hielt mich nicht mit Begrüßungsritualen auf und trabte durch die offene Tür. Ich fühlte mich gerettet. Mein Napf stand schon bereit, und jetzt spürte ich den Hunger. Danach ging es zur Vorstellung, denn es war vierzehn Uhr.

Wir balgten wie immer, sogar ins Wasser ging ich, ich hatte mich ans Tiefe gewöhnt und schwamm schon wie ein richtiger Eisbär, wie René mir bescheinigte: Ich paddelte mit den Armen und steuerte mit den Beinen. Aber zu Beginn und immer wieder zwischendurch musste ich mich in langen Nuckel-Phasen bei Hannes beruhigen. Am rechten Ende des Braunbären-Geheges ist man nur wenige Meter vom Zuschauer entfernt, und aus den Augenwinkeln konnte ich ab und zu Menschen beobachteten, die uns staunend betrachteten.
Frohgemut verließ ich das Gelände und folgte Hannes ins isolierte Außengehege, wo er mir wieder den Trinknapf hinstellte. Wieder trank ich durstig, wieder hörte ich die Gittertür ins Schloss fallen. Wieder hob ich den Kopf, schaute herum und erblickte niemanden. Wieder hereingefallen, dummer kleiner Bär!

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Dieses für niemanden unterhaltsame Spiel wiederholte sich täglich. Nach dem Morgennapf wurde ich mit immer neuen Tricks ins Außengehege gelockt. Ich folgte Hannes oder Benny oder Robert, die jeweils einen verheißungsvollen Behälter in der Hand trugen, und die Tür schloss sich hinter mir. Im Nachhinein verstehe ich nicht, warum ich keinen Widerstand leistete. Wenn ich einfach sitzen geblieben wäre, hätte man schon einen Wasserwerfer bemühen müssen, um mich vom Pflaster zu scheuchen. Darauf bin ich nicht gekommen. Ich war es gewohnt, Hannes in unbedingtem Vertrauen überallhin zu folgen. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, eine seiner Handlungen in Frage zu stellen. Als ich Angst vor dem tiefen Wasser hatte, in dem Hannes schwamm, folgte ich ihm wenigstens am Ufer.

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Traumatisierte Tiere

HZ, 04.08.2029

Dipl.-Psychologe Dr. Beck, Tierpsychologe des Berliner Zoos, äußerte sich damals in einem Artikel der Fachzeitschrift „Tierpsychologie heute“ zum psychischen Zustand von Knut während der stufenweisen Trennungsprozesse, den wir hier mit freundlicher Erlaubnis des Verlages „Tierpsychologie heute“ nachdrucken. Dr. Beck war übrigens Gesprächspartner von Zoodirektor Dr. Grabowski, dem die Vorwürfe gegen seine als hart empfundenen Entscheidungen bezüglich Knuts Separierung durchaus nicht an den Kleidern haften blieben. Leider stieß Dr. Beck bei ihm an die Grenzen seiner therapeutischen Künste.

Es handelt sich zweifelsfrei um ein Trauma, das sich in dieser Schwere bei existentiellen Verwerfungen der Lebenslinie wie Tod und Trennung von einem geliebten Menschen einstellt. Für Erwachsene gibt es genügend Therapieplätze, auch für traumageschädigte Kinder gibt es mittlerweile spezialisierte Kliniken, die zur Soforthilfe in der Lage sind. Für geschädigte Tiere gibt es ansatzweise eine Versorgung in Großstädten. Doch meist bleiben Tiere auf die vorhandene oder nicht vorhandene Empathie der Bezugspersonen angewiesen. Wie man mittlerweile weiß, treten ähnliche seelische Erkrankungen beim Menschen wie beim Tier auf. Ursachen bei Tier und Mensch sind Verluste und Misshandlungen, wozu auch die psychischen Misshandlungen zählen, und Katastrophen jedweder Art. Ich will Ihnen von einem Fall erzählen, den ich wirklich selbst erlebt habe

Als meine Schwiegermutter starb, war meine Frau bei ihr. Der Rauhaardackel ihrer Mutter saß auf dem Bettvorleger, guckte abwechselnd zu seinem Frauchen hoch und ließ wieder den Kopf hängen, sprang aufs Fußende des Bettes, sprang winselnd wieder runter. Ihre kraftlose gebrochene Stimme und ihr Verbleiben im Bett vermittelten ihm wohl das Bedrohliche der Situation. Der Hund verkroch sich im Nebenzimmer. Meine Frau umfasste die Hände ihrer Mutter, während diese ihr das Geschäft beschrieb, in dem sie das Hundefutter kaufen sollte. Das waren, es klingt lächerlich und kitschig und dem Dramatischen der Todesstunde nicht angemessen, tatsächlich ihre letzten Worte.

Meine Frau hatte ihrer Mutter schon vor einiger Zeit versprochen, den Hund zu übernehmen. Es war für uns beide selbstverständlich, ihr die Gewissheit zu geben, dass für den Hund, dem Partner ihrer letzten Jahre, gesorgt war. Der Hund kannte uns gut, wir waren sogar schon gemeinsam im Urlaub gewesen. Wir wohnten auf dem Lande, hatten einen Campingbus und ich konnte ihn im Notfall mit in die Praxis nehmen. Der Hund bekam schwere Depressionen, was leicht ablesbar war an seinem Verhalten. Niedergedrückt von seiner Trauer schlich er die Waldwege entlang und war kaum vom erdigen Untergrund zu unterscheiden. Seine Ohren schleiften am Boden, seine Augen erhoben sich nur selten und blickten unendlich müde und traurig auf uns, seine Ersatz-Eltern. Er aß nur das nötigste, obwohl wir nicht am Gelde sparten und viele mögliche Leckereien ausprobierten.

Trotzdem bestand kein Zweifel: Er war unendlich erleichtert, dass wir die Nachfolge seines Frauchens übernommen hatten und ihm Nähe und Geborgenheit gaben. Manchmal entrang sich ihm, schlafend oder wachend, ein tiefer Seufzer. Obwohl wir eigentlich kein Tier im Bett haben wollten, brachten wir es nicht über uns, ihn der Einsamkeit der Nacht zu überlassen und gewährten ihm einen Platz am Fußende, was er dankbar annahm. Manchmal nahm er für kurze Zeit wieder gedämpft teil am Leben, wenn er besonders netten anderen Hunden begegnete oder ein Kaninchen seinen Weg kreuzte. Wir waren glücklich, seinem kleinen Leben wieder etwas Freude und Hoffnung gegeben zu haben. Für uns ist es keine Frage, dass Tiere, in diesem Falle Hunde, lieben und trauern können. Und sie reagieren auf tiefe Verletzungen mit denselben seelischen Reaktionen wie die Menschen.

Ich bin überzeugt davon, dass Knut Hannes Weiler so liebt, wie jedes Menschenkind seine Eltern liebt. Die elementaren Empfindungen wie Liebe, Freude, Wut, Enttäuschung, Trauer stehen ihm genauso zur Verfügung wie jedem Menschen.
Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Gefühlswelt von hoch entwickelten Tieren nicht im Ansatz ähnlich strukturiert ist wie die von Menschen. Dass es darüber hinaus angeborene Verhaltensmuster von Tieren gibt, ändert daran nichts.

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Morgen, liebe Leser, werden wir einen Brief veröffentlichen, den unsere Leserin Christine Montagne im August 2007 an den damaligen Zoodirektor Dr. G. geschrieben hat in Sorge um Knuts Wohlergehen. Das war die Zeit, als Knut endgültig alleine ein Gehege bewohnte und der Kontakt zu seinen Pflegern per Machtwort stark reduziert wurde
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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » So 6. Dez 2015, 18:36

Sorge um Knut!

HZ, 05.08.2029


Unsere Leserin Frau Christine Montagne hatte damals einen Brief geschrieben, der die Sorge um den Publikumsliebling beispielhaft dokumentiert und den wir in Auszügen wiedergeben.

Hamburg, den 12. 7. 2007

Sehr geehrter Herr Direktor Grabowski !

Als eifrige Zoobesucherin und Knut-Freundin aus Hamburg würde ich gerne wissen, welches Konzept der gegenwärtigen Gestaltung von Knuts Tagesablauf zu Grunde liegt.
- Wie gut kann ein kleiner Eisbär das Alleinsein und die Trennung von seiner „Mama“ verarbeiten, wenn er doch in der Natur zwei bis drei Jahre in der Obhut seiner Mutter wäre?
Auch wenn Eisbären „Solitäre“ sind, wie Sie angemerkt haben, so ist Knut auch mit der Eisbären-Elle gemessen noch ein Kind.
- Wie gut kann Knut die plötzliche Umstellung von einem anregenden Umfeld mit vielen Bezugspersonen in die Isolation und eine relativ reizarme Umgebung verkraften? Auch wenn er nicht mehr dauernd laut weint wie in seinem letzten (und ersten) Gehege, kann es nicht anders sein, als dass er leidet und abzustumpfen droht.
als dass er leidet und abzustumpfen droht.
- Warum versorgt man ihn nicht wenigsten mit Spielobjekten? Man kann beobachten, dass er gerne mit kleinen Gegenständen spielt, die er in seinem Gehege vorfindet, also mit Pflanzen und kleinen Holzteilen und Stöckchen oder mal mit dem liegengelassenen Napf.

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Nur gibt es nicht viel davon. Es wäre doch leicht zu bewerkstelligen, ihm viel mehr Spielobjekte zur Verfügung zu stellen, wie Holzstöcke, Klötze, Bälle, Stofftiere, Gummischwimmtiere etc. Man könnte vielleicht auch einzelne Kinderspielplatzgeräte benutzen. Sogar in der natürlichen Umgebung finden junge Eisbären funktional vergleichbare Objekte zum Spielen vor, so dass das Argument der „artgerechten Haltung“ nicht greift. Ein Zootier wird Knut ohnehin immer bleiben. Gegenwärtig, wenn er nicht schläft, nuckelt er an seinen Tatzen, guckt zur Tür, ob endlich jemand kommt. Aber da kommt niemand. Nur im Wasser ist er sichtbar vergnügt. Aber Schwimmen ist auch kein Tagesprogramm. Wenn er sich, noch nass, wieder auf dem Boden gesuhlt hat und wie ein Schwarzbär aussieht, also auch sehr hübsch, steht er wieder ratlos herum, nuckelt an seinen Tatzen, guckt zum Eingang und schläft mangels Alternativen wieder ein Stück.
- Ist Knut wirklich schon eine Gefahr für Herrn Weiler, der ihm doch Mutterersatz ist? „Wer kämpft schon gern mit Mutti?“ (Zitat Hannes Weiler ).
- Hätte man die Trennung von Herrn Weiler nicht allmählicher vollziehen können? Bei Kindern würde man von einer Traumatisierung ausgehen, wenn ihnen geschähe, was Knut passiert ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Knut diese plötzliche Trennung ohne Schaden zu nehmen übersteht. Ich weiß auch, dass Herr Weiler einen Anspruch auf Urlaub hat. Aber dann hätte man sich was einfallen lassen müssen, um dieses Problem zu lösen.

Ich bitte Sie um Verständnis für meine Anfrage.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre Christine Montagne

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Platin-DVDs interessieren mich nicht

HZ, 06.08.2029
HZ, 06.08.2029

Aus Knuts Aufzeichnungen August 2007

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Die Trennung wird vorbereitet: Hannes hat drei Tage frei und ich werde fast verrückt vor Angst. Die WG mit Hannes wird aufgelöst. Ich schlafe jetzt wie andere Tiere im Käfig. Ich bekomme ein eigenes Gehege und weine und darf nur noch für kurze Zeiten auf den Hof, aber wir haben noch gemeinsame Auftritte vor Publikum. Das Ende der gemeinsamen Auftritte kommt plötzlich. Ich bin fast den ganzen Tag allein im Brillenbärengehege. (Die Brillenbären sind jetzt im Tierpark Friedrichsfelde. Ich hoffe, sie nehmen mir ihre Umsiedlung nicht übel.) Aber das Publikum hat mich nicht verlassen. Ich bin sehr traurig und verstehe die Welt nicht mehr. Wo ist Hannes? Neulich gab es die Platin-DVD (die gibt es, wenn 50.000 Exemplare verkauft worden sind) für den ersten Film, „Knut - Aus der Kinderstube eines Eisbären“. Wichtige Leute ließen sich vor meinem Gehege fotografieren, Schlue, Direktor und Herr Taler, der die Filme gemacht hat. Ich befand mich weiter hinten auf dem Gehege. Wenn sie mir nichts Interessantes bieten konnten, waren sie mir egal. Aber ich sollte mit aufs Bild und auf die Filmaufnahmen, schließlich bin ich der Publikumsmagnet. Sogar Tom Cruise würde gerne mit mir posieren. Das will Hannes nicht. Er soll einer Gemeinschaft angehören, die ihre Mitglieder abhängig macht und finanziell ausbeutet. Hannes steht mehr auf Onkel Dagobert, der schwimmt wortwörtlich im Geld. Er steht dazu und über ihn kann man wenigstens lachen. Robbe wollte mich mit einem Eisbärlutscher locken, aber dafür mach ich mir nicht die Pfoten nass. Porree, Äpfel und Birnen waren in dem Eis, wie ich roch. Können die selber essen. Ich kehrte nach kurzer Zeit auf meinen Schlafplatz zurück und legte mich bequem zurecht. Konnten die mal sehen, was diese Aufnahmen wert sind, ohne mich im Mittelpunkt. Alle hatten sich schick gemacht, auch der Direktor; diesmal ohne Baskenmütze. Ihr merkt meine Reserviertheit. Ich habe mitgekriegt, dass er alles zu verantworten hat, meine Einsamkeit und den Verlust von Hannes habe ich ihm zu verdanken. Ich zeigte ihnen, was ich von ihnen halte, indem ich ihnen mein Hinterteil zuwendete.
(Hier eine Schriftprobe von Knut, in der er seine Meinung kundtut.)

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Re: Wer war Knut? Eine phantastische Geschichte

Beitragvon Anneliese » So 6. Dez 2015, 20:03

Leser kommen zu Wort: - Das Wasserballett (1)

HZ, 07.08.2029

Unser Leser Hans Merk hat einen Brief seiner Freundin aufbewahrt, in dem sie beschreibt, wie Knut sich in dieser schwierigen Trennungsphase allmählich erkennbar dem Publikum zugewandt hatte.
Es war der 5. oder 26. August 2007 und ausnahmsweise einmal heiß in diesem verregneten Sommer. Erst glaubte sie an einen Zufall, aber in den folgenden Tagen beobachtete sie, wie Knut Kontakt zu Kindern aufnahm.

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Knut stieg beim kleinen Wasserfall im Gehege herunter, schöpfte unentschlossen mit seiner rechten Tatze Wasser (ist er Rechtshänder?) und tapste wieder zurück. Polarbären sind sehr kälteempfindlich und wasserscheu, konnte man meinen. Dann hatte er einen Entschluss gefasst, stieg wieder runter, schöpfte wieder Wasser, blickte die Mädchen an, die hinter der durchsichtigen Trennwand kauerten, und stürzte sich ins Wasser hinab. Begeisterung. Er turnte dann die ganze Zeit vor den Kindern herum und schwamm nur mal kurz nach links und rechts. Sonst schwamm er immer den ganzen Graben ab, rundum und hin und her. Er vollführte viele Kunststücke, tauchte nach vorne, ließ sich hinterrücks und Pirouetten drehend ins Wasser fallen, so dass jeweils kurz die stämmigen Hinterbeinchen in die Luft ragten, um dann seine dicken breiten Tatzensohlen zu zeigen. Er schwamm hin und her, aber immer nur an der Trennscheibe, hinter der er die Kinder sehen konnte. Er guckte die Kinder an, drehte seine Kopfstand-Pirouetten, und wenn die Mädchen klatschten (an der rechten Ecke waren zufällig nur entzückte Mädchen), tauchte er vor ihnen auf, schnellte aus dem Wasser, dass es spritzte. Die Mädchen kreischten. Es war deutlich, dass ihm das Spaß brachte und dass eine Interaktion mit dem kindlichen Publikum stattfand. Ich glaube das erste Mal gesehen zu haben, dass er Kontakt zum menschlichen Publikum herstellte. Das wäre ja eine schöne Bereicherung seines ansonsten ereignisarmen Alltags.

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Allein im Brillenbärengehege: Wasserballett (2)

HZ, 08.08.2029
Aus Knuts Aufzeichnungen August 2007
Alles ist aus. Jetzt ist es über eine Woche her. Eine Woche ist es her, dass ich Hannes zuletzt gesehen habe. Ich habe keine Tränen mehr. Welches Spiel treibt man mit mir? Darf man mit mir so umgehen, weil ich nur ein Tier bin? Meine Baby-Neurodermitis ist wieder ausgebrochen. Es juckt scheußlich. Dauernd scheure und schubbere ich mich irgendwo. Die Sonne brennt mir auf den Pelz. Hannes! Wo bist du? Warum verlässt du mich? Was habe ich getan, dass man mich so bestraft?

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Ich halte es nicht mehr aus. Mein Fell juckt. Ich muss ins Wasser. Es ist wärmer als sonst. Was stehen da so viele Kinder? Jetzt sehe ich es, sie sitzen auf den Stufen und winken mir zu. Sie sind klein, einige sind ungefähr so alt wie ich. Acht Monate alt bin ich. Als Mensch wäre ich jetzt ungefähr 7 Jahre alt. Das Wasser tut meiner Haut gut. In der linken Ecke dort, da sind lauter kleine Mädchen. Sie haben geklatscht, als ich eine volle Bauchlandung ins Wasser gemacht habe. Sie lachen mich an. Allesamt kleine Schönheiten, auch hübsch angezogen. Sie klatschen in ihre Hände. Sie rufen mich: Knuuut! Ja, ich höre euch!, würde ich ihnen gerne zurufen. Sie würden meine Stimme nicht hören können. Sie würden mich nicht verstehen. Und brummen will ich nicht. Damit sie sich nicht erschrecken. Mit meiner ganzen Kraft stoße ich mich im Wasser ab, schnelle hoch, und da sehe ich ihre Gesichter, blaue, grüne, braune Augen sehe ich und kleine Nasen. Jetzt kreischen die Mädchen und lachen. Ich mache aus dem Stand einen Köpper, strecke meine Beine aus dem Wasser und drehe mich zweimal um mich selbst. Als ich auftauche, prusten die Kinder vor Lachen und gleichzeitig klatschen wieder alle.

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Nun tauche ich wieder, drehe mich, wackel mit meinen kurzen Beinen, kippe die Füße und zeige meine Eisbärensohlen. Die Kinder werden immer wilder. Sie lachen, juchzen, prusten, klatschen, rufen mich bei meinem Namen. Und höher schnelle ich aus dem Wasser, spritze noch doller und bin den Kindern ganz nahe, sehe ihre lachenden Gesichter, ihre bunten Augen, ihre langen Wimpern, ihre Augenbrauen. Ja, diese Menschenkinder sind schön, und sie sind Kinder, wie ich ein Kind bin. Und ich bin fröhlich wie sie. Ich tanze im Wasser, ich drehe mich, ich kugel mich, ich stehe Kopf, ich springe in die Luft, ich klatsche aufs Wasser.

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Es spritzt so hoch, die Kinder sind nass. Sie quietschen und lachen. Ich schnappe nach ihnen, sie lachen und kreischen. Ich würde so gerne Freunde haben. Menschenkinderfreunde. Aber wir sind durch Panzerglas getrennt. Und laut Direktor bin ich ein „Solitär“, ein Einzelgänger. Denkt er. Ich drehe meine Pirouetten im Wasser, auch über Kopf, strampel und winke mit den Beinen, dann mit den Armen.

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Ich kann nicht mehr. Hinterher paniere ich mich, die Erde ist schwarz, ich bin so was von schwarz. Ich höre die Kinder lachen. Knut, wie siehst du denn aus? Du bist ja ein Schwarzbär. Nein, Knut ist ein Braunbär. Knut ist ein Kodiak. Nein, ein Grizzly. Nein, ein Schornsteinfegerbär. Er ist ein Panda. Ich wälze mich, höre ihre Stimmen. Sie entfernen sich. Jetzt ist es still. Ich vergesse sie nicht. Wie könnte ich sie vergessen!

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Anneliese
 
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