Wissenswertes über Eisbären

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Wissenswertes über Eisbären

Beitragvon UliS » Mo 14. Sep 2015, 18:10

Biologie
Wo leben Eisbären? Warum kann ein Eisbär in der eiskalten Artkis überleben? Wie finden Eisbären in Eis und Schnee etwas zum Fressen? Wie ändert sich das Verhalten von Eisbären im Zoo? Diese und andere Fragen klärt das Kapitel „Biologie“.

Steckbrief Eisbär
Körpermerkmale, Verbreitung, Lebensraum, Nahrung, Jagdverhalten, Fortpflanzung, Feinde, Bedrohung und Schutz. Der Eisbär auf einen Blick.

Steckbrief Eisbär

Systematik
Klasse: Säugetiere, Ordnung: Raubtiere, Familie: Bären, Art: Eisbär

Wissenschaftlicher Name
Ursus maritimus (Phipps 1774), lateinisch: „Bär vom Meer“

Abstammung
vom sibirischen Braunbären, vermutlich vor 200 000 bis 300 000 Jahren
Merkmale
• vergleichsweise schlanker Körper mit langem Hals
• schmaler Kopf mit kleinen Augen und Ohrmuscheln
• paddelartige Tatzen mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen
• kurzer Schwanz (7 bis 13 cm)
• fünf kurze, nicht einziehbare Krallen
• Körper außer Lippen, Nasenspiegel und Teilen der Fußsohle behaart
• Unterwolle bis 5 cm, Deckhaare am Bauch bis 15 cm
• Wärme isolierende Speckschicht unter der Haut (bis 10 cm)
• hohle, fast durchsichtige, Licht leitende Haare
• 42 Zähne

Farbe
• Fell weiß bis gelblichweiß
• Haut, Lippen, Nasenspiegel und Krallen schwarz
• Zunge blau

Maße
• Größtes lebendes Landraubtier
• Männchen: 2,0 bis 2,6 m, selten über 3 m und Schulterhöhe bis 1,6 m
• Weibchen: 1,8 bis 2,1 m, Schulterhöhe bis 1,4 m

Gewicht
• Männchen: 300 bis 800 kg, nach historischen Berichten bis zu einer Tonne
• Weibchen: 150 bis 350 kg, trächtige Weibchen über 500 kg

Verbreitung
• im gesamten Nordpolargebiet, vor allem nördlich des Polarkreises
• Alaska, Kanada, Grönland, Spitzbergen und Sibirien
• Einzelbeobachtungen zwischen 46 und 88 Grad nördlicher Breite

Lebensraum
• Nordpolarmeer (Packeis, Eisfelder)
• Inseln und Küstenstreifen (Tundra)

Streifgebiet
• Eisbären können jährlich viele Tausend Kilometer zurücklegen.
• Dabei durchstreifen sie pro Jahr Gebiete von ca. 10 000 bis 600 000 Quadratkilometer.

Sinnesorgane
• Der Geruch ist exzellent ausgebildet. Der Eisbär kann das schneebedeckte Atemloch einer Robbe aus einem Kilometer Entfernung wittern; Kadaver können vermutlich aus über 30 km Entfernung entdeckt werden.
• Das Gehör ist etwas besser als beim Menschen.
• Die Sehschärfe ist in etwa mit der des Menschen vergleichbar.

Fortbewegung
• Eisbären sind Sohlengänger
• Laufen: bis über 70 km pro Tag, kurze Sprints mit mehr als 40 km/h
• Springen: an Land bis 4 m weit und 2,3 m aus dem Wasser heraus
• Klettern: zum Beispiel an Steilhängen mit 45 Grad Neigung
• Schwimmen: bis zu 9,6 km/h schnell und 65 km am Stück
• Tauchen: in geringer Tiefe bis 2 Minuten

Nahrung
• vor allem Ringelrobben, seltener Bart-, Sattelrobben und Klappmützen
• Kadaver von Walrossen und Walen
• gelegentlich Kleinsäuger, Vögel, Vogeleier, Fische, Kräuter, Beeren, Seetang
• Kannibalismus (selten): vor allem durch erwachsene Männchen an Jungtieren
• Eisbären können bis maximal 12 Monate fasten

Jagdverhalten
• Pack- oder Treibeis ist für den Jagderfolg unerlässlich
• Anschleichen an Wurfplätze und Atemlöcher der Robben
• Antauchen der Robbenruheplätze auf der Eisscholle
• Lauern vor Atemlöchern bzw. Stellen, die die Robben zum Sonnenbad nutzen
• Antauchen von Seevögeln (selten)
• Angriffe auf Walrosse und kleine Wale (selten)
• Verfolgung von Rentieren an Land (selten)

Sozialstruktur
• Einzelgänger
• Junge bleiben bis 2,5 Jahre bei der Mutter

Geschlechtsreife
• Männchen: mit 5 bis 6 Jahren, im Freiland mit 8 bis 10 Jahren konkurrenzfähig
• Weibchen: mit 4 bis 5 Jahren

Fortpflanzung
• Paarungszeit je nach Region von April bis Juli
• meist konkurrieren mehrere Männchen um ein empfängnisbereites Weibchen

Tragzeit
195 bis 265 Tage
Wurfgröße
• Zwillinge (70 Prozent)
• ein Junges (25 bis 30 Prozent)
• sehr selten Drillinge oder Vierlinge

Geburtenintervall
• mindestens 3 Jahre (bei erfolgreicher Aufzucht der Jungen)
• bei Verlust der Jungen 1 Jahr

Geburtsgewicht
500 bis 700 Gramm, in Ausnahmefällen bis 900 Gramm

Geburtshöhle
• trächtige Weibchen graben im Spätherbst eine Höhle in den Schnee
• Wurfhöhle meist mit Tunnel (1 bis 3 m lang, selten bis 6 m) und Kessel (ca. 2 bis 3 Quadratmeter)
• meist an Land unweit der Küste (in so genannten „Höhlengebieten“)
• in manchen Regionen auch auf mehrjährigem Packeis (Verdriftung)

Entwicklung der Jungen
• die Jungen kommen hilflos, blind, taub und mit spärlichem Fell zur Welt
• schnelle Entwicklung durch Eisbärenmilch (anfangs ca. 30 Prozent Fett)
• Ende des 1. Monats öffnen sich die Augen
• im 2. Monat brechen die ersten Zähne durch
• im 2. Monat können die Jungen hören
• im 3. Monat stehen sie sicher auf den Beinen
• mit ca. 3 bis 5 Monaten verlassen die Jungen die Geburtshöhle
• nach Verlassen der Höhle nehmen sie erstmals feste Nahrung zu sich
• im 4. Monat ist das Milchgebiss vollständig
• mit ca. 8 bis 10 Monaten können die Jungen ihre erste Beute machen
• Entwöhnung mit ca. 2 bis 2,5 Jahren (selten früher, zum Beispiel mit 1,3 Jahren)
• die Jungen verlassen die Mutter nach der Entwöhnung

Lebenserwartung
• im Freiland 20 bis 35 Jahre
• Eisbären im Zoo wurden schon 43 Jahre alt

Bestand
• 20 000 bis 25 000 Tiere in ca. 20 Populationen
• Status „vulnerable“ (gefährdet) auf der Roten Liste der IUCN.

Natürliche Feinde
• keine, außer dem Menschen
• junge und schwache Tiere sind zum Teil von Artgenossen und Wölfen bedroht

Bedrohung
• globale Erderwärmung (Packeis schmilzt, weniger Zeit für die Jagd)
• Meeresverschmutzung (giftige Chemikalien, Erdöl)
• Überfischung (weniger Nahrung für die Robben)
• Störungen durch Rohstoffabbau, Militär, Schifffahrt, Tourismus
• kommerzielle Jagd (bei einigen Populationen)
• illegaler Handel mit Eisbärprodukten (zum Beispiel Gallenblasen)

Schutz
• internationales Abkommen zum Schutz der Eisbären (1976)
• regionale Jagdverbote

zusammengestellt von Mathias Orgeldinger
http://tiergarten.nuernberg.de/zoowisse ... sbaer.html
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Re: Der Eisbär auf einen Blick

Beitragvon UliS » Mo 14. Sep 2015, 18:19

Sozialverhalten und Fortpflanzung von Eisbären
Wie verstehen sich Eisbären mit ihren Artgenossen? Leben sie in Gruppen oder lieber allein?
Wer kommt am besten bei den Weibchen an? Und: Ist ein Eisbär treu?

Fressen und Gefressen werden
Der Eisbär ist das größte lebende Landraubtier der Erde. Er steht am Ende der Nahrungskette und wird daher oft als „König der Arktis“ bezeichnet. Im Polarlicht betrachtet ist er jedoch ein König ohne Land und Volk, ein Eremit der Packeiswüste, die von Wind und Strömung nach Belieben zerteilt, zerrissen und zusammengepresst wird.
Die einzelgängerische Lebensweise seiner Hauptnahrung, der Ringelrobbe, zwingt auch den Bären in die Einsamkeit. Da das Nahrungsangebot übers Jahr recht ungleich verteilt ist, muss er oft monatelang fasten. Wenn der Hunger zu groß wird, kann es bei beiden Geschlechtern zu Kannibalismus kommen.

Jäger haben immer wieder beobachtet, dass junge oder schwache Eisbären von starken gejagt, getötet und gefressen wurden. Da die Weibchen deutlich kleiner als die Männchen sind, werden sie wohl häufiger zu Opfern. 2006 berichteten erstmals Forscher der US-Wissenschaftsbehörde Geological Survey (USGS) von drei Kannibalismusfällen, die sie auf Futtermangel zurückführten. Sie fanden die Leiche einer Bärenmutter, die von einem Männchen aus ihrer Schneehöhle gerissen und teilweise aufgefressen wurde. An anderer Stelle entdeckten sie einen Bären, der gerade ein Junges fraß, das er vermutlich ausgegraben hatte.

Besonders aufschlussreich war der angefressene Kadaver eines Weibchens auf Herschel Island, einer kanadischen Insel in der Beaufortsee. Die Spuren im Schnee ließen den Schluss zu, dass ihr Jungtier entkommen konnte. Der Bär hatte es also nicht speziell auf den Nachwuchs abgesehen, sondern tötete aus Hunger.

Kindstötung aus Gen-Egoismus
Biologen werden hellhörig, wenn von der Attacke eines erwachsenen Männchens auf ein hilfloses Jungtier berichtet wird. Nicht weil sie dieses Verhalten für gestört oder gar unmoralisch halten, sondern weil Kindstötung bei einer großen Anzahl von Säugetieren bis hin zum Gorilla vorkommt.

Jedes Individuum strebt den größtmöglichen Fortpflanzungserfolg an. Das Verhalten scheint genetisch vorgezeichnet, weshalb die Forscher von Gen-Egoismus sprechen. Nicht die Erhaltung der Art, sondern der GenEgoismus, die Weitergabe eigener Erbanlagen, ist die treibende Kraft im Tierreich. Wenn ein Männchen fremde Jungtiere, die noch gesäugt werden, tötet, wird das Weibchen in kurzer Zeit wieder paarungsbereit.
Auch bei Eisbären: Ein Weibchen, das seine Jungen verliert, kommt noch im selben Frühjahr in die „Hitze“. Bei erfolgreicher Aufzucht liegt das Geburtenintervall dagegen bei mindestens drei Jahren.

Aus der Sicht der Bärin sieht die „Rechnung“ allerdings ganz anders aus. Sie hat ihre Gene bereits vervielfältig und will ihren „Erfolg“ nicht gefährden. Daher machen Bärinnen mit Jungen stets einen großen Bogen um geschlechtsreife Männchen. Das Männchen kann sich natürlich auch eine kinderlose Sexualpartnerin suchen, weshalb die Gefahr der Kindstötung in der Theorie größer ist als in der Praxis. Im Freiland ist es sowieso schwer nachzuweisen, ob ein Junges aus Hunger oder Gen-Egoismus getötet wurde. Eines ist jedoch sicher: Erwachsene männliche Eisbären stellen eine permanente Gefahr für die Jungen dar.

Eisbären sind Einzelgänger
Abgesehen von der innigen Beziehung zwischen Mutter und Kind, sind Eisbären eher ungesellig. Trotzdem trifft man immer wieder auf Gruppen von Bären, die zu bestimmten Zeiten friedlich zusammenleben. So sammeln sich Eisbären am Strand, wenn im Sommer das Eis der kanadischen Hudson Bay schmilzt. Da sie in dieser Jahreszeit weder um Beute noch um Sexualpartner konkurrieren, können sich die Tiere von ihrer geselligen Seite zeigen. Das bleibt aber eine Ausnahme.

In der Regel gehen sich Eisbären außerhalb der Paarungszeit aus dem Weg. Bei Begegnungen verhalten sie sich gleichgültig. Manchmal sieht man mehrere Tiere, die gemeinsam an einem gestrandeten Wal fressen. Bei Anwesenheit eines starken Männchens oder zunehmender Nahrungsknappheit kann die Gleichgültigkeit jedoch schnell in Aggression umschlagen.

Rivalenkämpfe um Weibchen
Vor allem während der Paarungszeit von Ende März bis Ende Mai kommt es zu heftigen Kämpfen zwischen erwachsenen Männchen. Waffen für diese Kämpfe sind vor allem die Eckzähne. Im Verhältnis zur Kiefergröße gesehen sind die Eckzähne der Männchen länger als die der Weibchen. Da beide Geschlechter auf die gleiche Weise jagen, lassen sich solche Unterschiede nur mit der Konkurrenz zwischen den Männchen erklären: Bären mit starken und langen Eckzähnen gewinnen mehr Rivalenkämpfe als andere. So entsteht ein Selektionsdruck, der kräftige Eckzähne begünstigt.

Geschlechtsunterschiede sind im Tierreich weit verbreitet, sie haben verschiedene Ursachen und Funktionen. Bei den Eisbären sind die Männchen deutlich größer und schwerer als die Weibchen, obwohl dies bei der Jagd auf flinke Robben eher von Nachteil ist. Dieser Sexualdimorphismus, wie Biologen den anatomischen Unterschied zwischen Männchen und Weibchen nennen, findet sich bei Säugetieren überall dort, wo die Tiere nicht in Einehe leben bzw. sich das Männchen mit mehr als einem Weibchen paart. Der aufmerksame Beobachter kann allein aus dem Vergleich der Körpergröße gewisse Rückschlüsse auf das Sozialsystem einer Tierart ziehen.

Eisbärinnen ziehen in ihrem Leben nur durchschnittlich fünf Jungtiere groß. Da die Jungen etwa zweieinhalb Jahre bei der Mutter bleiben, steht pro Jahr nur etwa ein Drittel der Weibchen für die Paarung zur Verfügung, was den Konkurrenzdruck unter den Männchen weiter verschärft. Weibchen paaren sich mit vier bis fünf Jahren erfolgreich, doch ob der erste Wurf groß wird, steht auf einem anderen Blatt. Männliche Tiere werden etwa mit fünf bis sechs Jahren geschlechtsreif. Allerdings können sie sich gegenüber älteren Männchen in der Regel noch nicht durchsetzen, so dass ihr tatsächliches Fortpflanzungsalter wohl bei acht bis zehn Jahren liegt. Dann sind sie ausgewachsen. Die Konkurrenz unter den Männchen wird auch dadurch verstärkt, dass jedes Weibchen höchstens vier Wochen empfängnisbereit ist. Im Zoo wurden Zeitspannen von nur acht bis 23 Tagen beobachtet.

Ungesellig, aber polygam
Eisbären leben polygam, sie bevorzugen die „Mehrehe“. Trotzdem können sich in der Bärzeit, wie die Fortpflanzungsperiode genannt wird, Paare bilden, die allerdings nur wenige Tage zusammenbleiben. Das Männchen hält dann nach einer anderen Partnerin Ausschau. Manchmal ziehen einzelne Weibchen aber auch einen Tross von bis zu sieben Männchen hinter sich her. Ob sich die Bärin dabei mit verschiedenen Männchen einlässt oder am Ende den Stärksten bevorzugt, ist noch nicht ausreichend erforscht.

Eisbären kopulieren mehrfach hintereinander. Wissenschaftler vermuten, dass der Eisprung erst durch eine bzw. mehrere Paarungen ausgelöst wird. Die Männchen besitzen einen etwa 20 Zentimeter langen Penisknochen, der eine Koitusdauer von zehn bis 40 Minuten erlaubt. Möglicherweise werden die Weibchen mit Hilfe des Penisknochen so stimuliert, dass der Eisprung einsetzt. Das befruchtete Ei „wartet“ im 64-Zellstadium am Ende des Eileiters. Erst wenn die Weibchen ausreichend Fettreserven gebildet haben, um die Schwangerschaft und die Kräfte raubende Stillzeit zu überstehen, nistet es sich im September/Oktober in die Gebärmutter ein.

Mathias Orgeldinger
http://tiergarten.nuernberg.de/fileadmi ... halten.pdf
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Re: Der Eisbär auf einen Blick

Beitragvon UliS » Mo 14. Sep 2015, 18:28

Jagd und Ernährung bei Eisbären

Ansitzen, Anpirschen, Antauchen, Zertrümmern, Täuschen und Totstellen: Eisbären sind intelligente und flexible Raubtiere, die gelernt haben, in einer sich ständig ändernden, lebensfeindlichen Umwelt zu überleben.

„Wir erzählen Geschichten über die weißen Felsen, denen Beine wachsen und die plötzlich aufstehen, oder über die Bären, die sich in weiße Felsen verwandeln.“

Chris Davies

Gefährliche Begegnung auf dem Eis
„Auf dem Eis jagen sie, und auch Menschen können unter den Gejagten sein.“
Ansitzen, Anpirschen, Antauchen - Zertrümmern, Täuschen und Totstellen: Eisbären sind intelligente und flexible Raubtiere, die gelernt haben, in einer sich ständig ändernden, lebensfeindlichen Umwelt zu überleben. Während Tiger und Löwen nur in Ausnahmefällen zu „Menschenfressern“ werden, gehen hungrige männliche Eisbären gezielt auf Menschenjagd. Für Homo sapiens ist der Polarbär das gefährlichste Säugetier auf Erden.

Weibchen mit Jungtieren meiden andere Artgenossen. Sie werden auch dem Menschen nur gefährlich, wenn ihre Jungen unmittelbar bedroht sind. Anders die Männchen, vor allem die heranwachsenden, die noch nicht so erfolgreich jagen können und daher stets vom Hunger bedroht sind. Von 20 Begegnungen, in denen Menschen getötet oder verletzt wurden, waren vermutlich zwei Drittel Beutezüge, das heißt die Opfer wurden nicht vorgewarnt. Dies geht aus einem Bericht kanadischer Forscher hervor, die alle Zwischenfälle mit Eisbären untersucht haben, die sich im Zeitraum von 1965 bis 1985 in Manitoba und den Nordwest-Territorien ereigneten. Sechs Menschen starben, 16 wurden verletzt und mindestens 230 Bären getötet.

Es gibt kaum einen Reisebericht aus der Arktis, der nicht von einer gefährlichen Begegnung mit einem Eisbär zu berichten weiß. So nennen die Inuit den „ewigen Vagabunden“, „den, der keinen Schatten hat“. Hungrige Polarbären reißen Zelte auf und brechen in Häuser ein, sie schnappen nach Fotografen, die sich zu weit aus dem Busfenster lehnen und versuchen sogar abhebende Hubschrauber vom Himmel zu holen.

Es gibt aber auch Begegnungen der ganz anderen Art, vor allem an Land, wenn die Tiere fasten und Energie sparen. Der russische Eisbärforscher Savva Uspenski präsentierte seinen verdutzten Kollegen 1981 auf einem Kongress in Oslo Fotos aus Nordsibirien, die eine Frau zeigen, die in ihrer Haustür steht und einen großen männlichen Eisbären füttert.

Dennoch: „Der sichere Bär ist der Bär, der weit weg ist.“ So steht es in einem Kinderbuch, welches das Eisbären-Notruf-Programm im kanadischen Churchill herausgegeben hat. Die dort aufgestellten Regeln gelten natürlich auch für Erwachsene: „Geh langsam weg, ... immer mit Blickrichtung auf den Bären“. „Dreh dich nicht um und renne“. Sollte der Bär schon ganz nahe sein, „roll dich mit den Händen hinter deinem Nacken zusammen und stell dich tot“.

Am allerliebsten Ringelrobbe
Draußen auf dem Eis, dem Jagdrevier des Eisbären gibt es freilich nur eine Regel: Vermeide jede Ähnlichkeit mit einer Robbe! Denn Eisbären sind hoch spezialisierte Robbenjäger, die in ständiger Wechselwirkung mit ihrer Beute leben. Ohne die Robben gäbe es keine Eisbären. Ohne die Robben hätten sich die Braunbären nie aufs Eis gewagt. Ohne die Robben hätten die Vorfahren des Eisbären nie ein weißes Fell bekommen, sich vom Land- zum Meeressäuger und vom Allesfresser zum Fleischfresser entwickelt.

Mit schätzungsweise bis zu sieben Millionen Individuen ist die Ringelrobbe die häufigste Robbenart des Nordpolarmeeres. Sie wird durchschnittlich 1,25 Meter lang und 65 Kilogramm schwer. Damit zählt sie zu den kleinsten Vertretern aus der Familie der Hundsrobben. Trotzdem ziehen die Eisbären die Ringelrobben den größeren Klappmützen-, Bart- und Sattelrobben vor.

Ringelrobben ernähren sich hauptsächlich von Fischen und Krebstieren. Sie bilden keine Kolonien, sondern leben als Einzelgänger. Und sie leben fast ausschließlich auf dem Eis, denn an Land – ohne den Schutz einer Kolonie – wären sie und ihre Jungen eine leichte Beute.

Im Herbst, wenn der Ozean langsam zufriert, bekommen die Meeressäuger allerdings ein Problem: Sie müssen regelmäßig an die Oberfläche, um zu atmen. Deshalb graben sie mit ihren scharfen Krallen Löcher durch das bis zu zwei Meter dicke Eis, die sie den ganzen Winter über offen halten. Diese Atemlöcher ähneln umgekehrten Trichtern, oben sind sie nur 15 Zentimeter breit, damit die Bären nicht einsteigen können. Jede Ringelrobbe nutzt drei bis vier, manchmal sogar sechs Atemlöcher. Im Winter sind sie meist mit Schnee zugedeckt. Manche sind mit selbst gegrabenen Eis- bzw. Schneehöhlen verbunden, in denen die Robbe Schutz vor der Kälte und den allgegenwärtigen Bären findet. Die Höhlen können bis zu 4,5 Kilometer auseinander liegen.

Eine typische Ringelrobben-Höhle hat mehrere Kammern. Mitte März bis Mitte April bringen die Weibchen ein vier bis fünf Kilogramm schweres Jungtier zur Welt. Da die Kleinen noch recht unerfahren sind und auch nicht ins Wasser flüchten können, haben die Bären leichtes Spiel. Dummerweise verbreiten die Flossenfüßer einen ausgeprägten Körpergeruch. Es wird vermutet, dass ein Eisbär das Atemloch einer Robbe auf mindestens einen Kilometer Entfernung riechen kann, selbst, wenn es unter einem Meter Schnee versteckt ist.

Besonders schlimm wird es, wenn durch einen Dauerregen das Schneedach der Wurfhöhle wegschmilzt. Dann kann es zu einem wahren Massaker kommen: „Die Bären gingen einfach von Robbe zu Robbe und töteten sie alle“, beobachtete der Eisbärforscher Ian Stirling 1979 an der Südostküste von Baffin Island. Wenn der Eisbär eine Wahl hat, jagt er am liebsten auf einjährigem, dünnen Eis mit geringer Schneebedeckung, das den Robben wenige Unterschlupfmöglichkeiten bietet.

Tarnen und Täuschen gehört zum Geschäft
Im Frühling und Frühsommer ist der Tisch für die Eisbären reich gedeckt. Zu keiner anderen Jahreszeit bringt er mehr Gewicht auf die Waage. Doch schon Mitte des Sommers verteilen sich die Jungrobben ins offene Wasser und Eisbären müssen sich etwas einfallen lassen, um zu überleben.

Eisbären nutzen vermutlich mehr Jagdstrategien als jedes andere Raubtier. Im Sommer gehen sie auf „Wasserpirsch“. Die Bären „spionieren“ die Ruheplätze und Atemlöcher der Robben aus, schwimmen oder tauchen den mutmaßlichen Aufenthaltsort ihrer Beute an und springen unvermittelt aufs Eis. Oder sie schleichen sich in Wassergräben an, die sich im Packeis bilden. Wenn die weißen Jäger flach auf dem Bauch liegend „heranrobben“, sind sie in den Eisrinnen nahezu unsichtbar.

Tarnen und Täuschen gehört zu ihrem Geschäft. Oft laufen die Bären gegen den Wind im Zick-Zack-Kurs über das Eis, indem sie jede Deckung ausnutzen. Ian Stirling beobachtete, wie sich ein Weibchen mit hoch gestrecktem Hinterteil durch eine Eisrinne schob, und so einen kleinen „Eisberg“ vortäuschte. Inuits erzählen, dass „Nanook“ (Eisbär) sogar einen Schneeblock vor sich herschiebt, um nicht erkannt zu werden. Einige Beobachtungen deuten auf Werkzeuggebrauch hin: Polarbären würden angeblich Eisblöcke benutzen, um Schneehöhlen oder Atemlöcher aufzubrechen. Auch lassen sich die weißen Jäger manchmal bewegungslos im Wasser treiben. Bis die Robbe merkt, dass die „Eisscholle“ Zähne hat, ist es oft schon zu spät.

Besonders „hinterhältig“ und für den „König der Arktis“ geradezu unwürdig erscheint uns folgende Jagdstrategie: Nachdem der Bär die Schneehöhle der Ringelrobbe mit der Vorschlaghammer-Methode aufgebrochen hat - dabei verlagert er sein Gewicht auf die Hinterfüße und lässt dann die Vordertatzen mit der Masse seines Oberkörpers auf das Höhlendach krachen -, tötet er die Jungrobbe, legt sie beiseite und verschließt die Einbruchstelle kopfüber mit seinem Körper. So verhindert der Eisbär, dass Sonnenlicht ins Wasser fällt. Wenn die Robbenmutter ganz unbekümmert herantaucht, um nach ihrem Nachwuchs zu sehen, wird sie überwältigt. Eine säugende Mutter enthält eben sehr viel mehr Fett als ihr Jungtier.

Lohnt sich die Jagd?
Eisbären können 84 Prozent der Proteine und 97 Prozent des Fettanteils ihrer Beute in körpereigene Eiweiße bzw. Fette umbauen. Dem Fett kommt dabei eine besondere Rolle zu, weil bei seiner „Verdauung“ Wasser entsteht. Würde der Bär dieses Wasser der tiefgefrorenen Umwelt entnehmen, indem er zum Beispiel Schnee frisst, müsste er für den Schmelzprozess wertvolle Energie aufwenden. Im hohen Norden hängt das Leben aber maßgeblich von der Energiebilanz ab. Eine erwachsene Ringelrobbe liefert „Treibstoff“ für elf Tage, etwa zwei Kilo Robbenfett sichern den Tagesbedarf eines durchschnittlich aktiven Bären.

Offenbar können die Eisbären den Nährwert ihrer Beute recht genau abschätzen. Im Sommer kann man an der Hudson Bay beobachten, wie Bären mitten durch eine Gänsekolonie wandern, ohne die Vögel anzugreifen. Physiologische Versuche, bei denen der Energieverbrauch von Eisbären in einem Laufrad gemessen wurde, liefern eine Erklärung für das seltsame Verhalten: Wenn ein 320 Kilogramm schwerer Bär länger als zwölf Sekunden braucht, um die Schneegans zu fangen, verliert er durch die Jagd mehr Kalorien, als die Beute liefert. Die häufigste Jagdtechnik des Eisbären ist das Ansitzen. Im Winter, wenn das Meereis gefroren ist, gibt es keine andere Alternative, als bewegungslos vor einem Atemloch zu warten, bis eine Robbe auftaucht. Meist liegt der Bär auf dem Bauch und legt sein Kinn auf einen Eisvorsprung. Das ist bequem und spart Energie.

Die weißen Jäger müssen sich absolut ruhig verhalten, um die Robbe nicht zu warnen. Experimente haben gezeigt, dass ein Spaziergänger auf dem Eis unter Wasser schon aus 400 Meter Entfernung deutlich zu hören ist. Manchmal wartet der Bär über eine Stunde auf seine Chance. Oft vergebens.

Taucht dennoch eine unvorsichtige Robbe auf, geht alles blitzschnell. Der Bär beißt oder schlägt mit der Pranke zu, packt die Robbe und wirft sie auf das Eis, wo er sie mit mehreren gezielten Bissen in den Kopf tötet. Allerdings laufen die meisten Angriffe ins Leere, selbst in der Hochsaison ist ihm das Jagdglück nur alle vier bis fünf Tage hold.

Nach dem Fressen wäscht sich der Bär
Geschah die Jagd an der Wasserkante, zieht der Eisbär die Beute noch einige Meter aufs Packeis, bevor er hastig zu fressen beginnt. In der Regel wird zuerst das kalorienreiche Fett gefressen. Denn die Angst vor größeren und stärkeren Artgenossen ist allgegenwärtig. Nach dem Fressen wäscht sich der Bär, bis sein Fell wieder tarnend weiß ist.

So weiß, wie das Fell eines Ringelrobbenbabys. Ian Stirling glaubt nicht an einen Zufall. Vielmehr sieht er in der weißen Tarnfarbe ein weiteres Indiz für die Co-Evolution, das heißt die sich wechselseitig beeinflussende Entwicklung von Eisbär und Ringelrobbe in ihrem Lebensraum, dem Meereis.

Ein Vergleich mit der antarktischen Weddelrobbe, die keine Landraubtiere fürchten muss, mag dies veranschaulichen. Das Fell ihrer Jungen ist grau, außerdem sind die erwachsenen Tiere deutlich größer und schwerer als die Ringelrobben, was ebenfalls auf fehlenden Jagddruck hinweist. Eine kleine, wendige Robbe kann sich sowohl leichter verstecken als auch schneller flüchten als eine große.

Während die Weddelrobben der Antarktis auf dem Eis in einen tiefen Schlaf verfallen, verhalten sich die Ringelrobben äußerst aufmerksam. Auch würde eine Ringelrobbe nie an ihrem Ruheplatz koten, was die Weddelrobbe ständig tut. Die Bedrohung durch Eisbären bestimmt – laut Stirling – sogar das Sozialverhalten der beiden Robbenarten. Die Ringelrobben leben zerstreut, um es ihren Räubern möglichst schwer zu machen. Ein Männchen kann daher schwerlich mehr als ein Weibchen für sich beanspruchen. Dagegen frönen Weddelrobben der Polygamie, wobei ein Bulle bis zu acht Weibchen um sich schart. Die entwicklungsgeschichtlich bedingte und heute geradezu existentielle Verknüpfung, die der Eisbär mit dem Lebensraum Packeis eingegangen ist, hindert die Tiere jedoch nicht daran, hin und wieder an Land zu gehen. Die weißen Nachfahren der Braunbären wurden schon über 160 Kilometer von der Küste entfernt gesichtet. Vor allem trächtige Weibchen suchen ihre traditionellen Höhlengebiete an Land auf.

Der bevorzugte Lebensraum des Eisbären bleibt jedoch der Lebensraum der Ringelrobbe, idealerweise jener Packeisgürtel im Bereich der 200 Meter langen Tiefenlinie, der selbst im Winter nie ganz zufriert. Savva Uspenski hat ihn wegen seiner biologischen Vielfalt den „arktischen Lebensgürtel“ genannt.

Fastentrip auf dem Land
Doch nicht jeder Eisbär wird auf der „Eisseite“ des Lebens geboren und kann das ganze Jahr über Robben jagen. Die Populationen in der Hudson Bay müssen zum Beispiel damit leben, dass das Meereis im Sommer vollständig schmilzt. Sie müssen im Frühjahr genügend Fettreserven aufbauen, um den robbenfreien Sommer zu überstehen. Trächtigen Weibchen, die sich möglicherweise noch vor Rückkehr des Eises in ihre Höhlen zurückziehen, steht damit eine bis zu neun Monate andauernde Fastenzeit bevor. Die Natur wird auch mit diesem Problem fertig. Kein anderes Säugetier kann so lange ohne Nahrung und Wasser auskommen. Der König der Arktis ist ein Meister des Fastens. Schon nach einer Phase von zehn bis 14 Hungertagen kann das Tier in einen Zustand verfallen, der physiologisch große Ähnlichkeit mit einem „Winterschlaf“ hat, obwohl der Bär umherwandert. Daher wird dieser „Energiesparmodus“ im englischen Sprachraum „walking hibernation“ genannt. Er kann offenbar vom Eisbär je nach Nahrungsangebot und sogar unabhängig von der Jahreszeit „ein- und ausgeschaltet“ werden.

Äußerlich sieht man dem Bären nicht an, in welchem physiologischen Zustand er sich gerade befindet. Ein Eisbär an Land kann auf dem „Fastentrip“ sein oder sich in Braunbärmanier an Beeren, Moosen, Flechten, Gräsern, Muscheln und Vogeleiern gütlich tun. Er kann Vögel und Kleinsäuger jagen oder Müllhalden und Vorratslager durchwühlen. Im Juli 1778 wurden 32 Eisbären zusammen mit drei Schwarzbären beim Lachsfischen beobachtet. Einzelne Individuen gehen auch heute noch auf Fischfang, doch dies ist kein artgerechtes Verhalten.

Ein Eisbär an Land ist eine Karikatur seiner selbst. Abgesehen von trächtigen Weibchen, scheinen die Tiere nur notgedrungen an Land zu gehen. Ob sie dort hauptsächlich fasten oder ob die terrestrische Flora und Fauna eine notwendige Nahrungsergänzung darstellt, darüber streiten die Forscher noch.

Da Eisbären, vermutlich aufgrund ihrer massiven Beine und Pfoten, beim Laufen und Rennen zweimal soviel Energie verbrauchen, wie die meisten anderen Säugetiere, hält sich ihr Appetit auf Wild in Grenzen. Schon wegen der Überhitzungsgefahr sind sie nicht in der Lage, Rentiere, Karibus oder Moschusochsen zu verfolgen. Wobei Ausnahmen nur die Regel bestätigen.

Jeder Arktis-Bewohner kann im Eisbärenmagen landen
Die Kadaver von Meerestieren gehören dagegen zum normalen Nahrungsspektrum der weißen Bären. An einem toten Wal treffen sich im Extremfall bis zu 50 Tiere, um gemeinsam zu fressen. Jagdangriffe auf Walrosse und Narwale sind belegt. Auch der Polarfuchs, gewöhnlich als Resteverwerter geduldet, kann plötzlich auf dem Speisezettel landen. Eisenten und andere Seevögel müssen gelegentlich mit Unterwasserangriffen rechnen. Manchmal tauchen Eisbären bis zu fünf Meter tief nach Seetang.

Wenn Belugawale im Winter vom Eis eingeschlossen werden, versammeln sich oft mehrere Bären um das langsam zufrierende „Atemloch“. Immer wieder setzen sie den hilflosen Walen mit Prankenhieben zu. In solchen und ähnlichen Situationen töten die Eisbären mehr Tiere als sie verwerten können. Berichten zufolge sollen einmal mindestens 40 Belugas aufs Eis gezerrt worden sein. Kein Bewohner der Arktis, so groß er auch sein mag, kann sicher sein, dass er nicht irgendwann in einem Eisbärenmagen landet.

Doch auch der König des Nordpolarmeers ist nicht unantastbar. Angriffe von Schwertwalen, Eishaien und Walrossen sind belegt. Und manchmal stellen Wolfsrudel den Jungtieren nach, die von der Wurfhöhle zur Küste wandern. Einige Wölfe lenken die Mutter ab, während sich die anderen das Eisbärbaby holen.

Quelle: Mathias Orgeldinger (2007 auf der HP des Tiergarten Nürnberg)
http://tiergarten.nuernberg.de/fileadmi ... ehrung.pdf
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