Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Fr 30. Jan 2015, 20:14

Knuts Mienenspiel, sein Ausdrucksvermögen

Es wird meist behauptet, ein Eisbär habe keinen Gesichtsausdruck. Wenn doch, dann nur den, der den Appetit auf sein Gegenüber verrät. Aber wir, die wir mit Knut vertraut waren, versichern, dass Knut voller Gefühle war und dass er diese unmittelbar durch Mimik und Gestik nach außen kehrte, so dass wir immer gut über seinen Gemütszustand informiert waren.

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Neugier und Staunen gegenüber neuen Objekten konnte man ihm ansehen, wenn er beispielsweise den Regenschirm untersuchte, der ihm so unverhofft ins Wasser geweht war. Ein rätselhafter Gegenstand, der sofort gründlich betrachtet und auf seine Verwendungsmöglichkeiten überprüft werden musste. Befriedigung darüber, dass etwas Unbekanntes ihm zur Untersuchung überlassen wurde. Freude und Zuneigung, wenn Frau Weckert ihn mit erlesenen Delikatessen versorgte. Knut mochte sie, sie war ihm vertraut und sie hätte ihm gefehlt, wenn sie nicht mehr gekommen wäre.

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Angst und Erschrecken konnten wir sehen, wenn ein Gewitter mit fürchterlichem Donnergetöse seine heile Welt zu zerstören drohte. Auch die Höllenmaschine im Bärenhof, die im Sommer 2009 bei Bauarbeiten eingesetzt wurde, erschreckte Knut. Aber die Sonne schien, die Freunde waren vor seinem Gehege versammelt. Seine Freunde ermutigten ihn: Es ist gar nichts, Knut. Siehst du, wir haben keine Angst. Wir unterhalten uns ganz fröhlich. Vorsichtig kletterte Knut, achtsam die Pfoten setzend, den Hang hoch und lugte nach dem Ungetüm. Allmählich konnte er den Lärm einschätzen: Er war nur lästig, kein Vorbote eines bösen Lindwurms.

Auch Vilma, im März 2010 noch in Rostock, zeigte ein wild bewegtes Minenspiel, als ihre Mutter Vienna ihr den geliebten Plastikkanister entwendete, in dessen Inneren jedes Mal ein Hering darauf wartete, erlöst zu werden. Bevor sich Vilma aber an ihr Befreiungswerk machte, spielte sie virtuos wie ein Artist mit dem Kanister, warf ihn in die Höhe, fing ihn wieder auf, schleuderte ihn mit dem Maul in den Abgrund. Da war das Unglück geschehen. Der Kanister landete im Graben und eine dünne Eisschicht hielt Vilma davon ab, sich kopfüber in den Graben zu stürzen, wie sie es sonst tat. Sie fürchtete sich zu verletzen. So musste sie erleben, wie sich ihre Mutter den tollen Kanister holte, der gemäß Rostocker Bärengehege-Ordnung zweifelsfrei Vilma zustand. Vilmas Gesicht spiegelte in der folgenden Sequenz alle Seelenzustände und Urteilsebenen aufs Genaueste und Deutlichste wieder:

1 Der Kanister fällt in den Wassergraben. Nicht weiter schlimm.
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2.Wie schade, eine Eisschicht bedeckt das Wasser! Ich kann keinen Kopfsprung machen, denn dann würde ich mich vielleicht verletzen.
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3.Welch ein Unglück. Mama holt sich den Kanister. Oh weh!!!
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4.Welch ein Unrecht!
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Anneliese
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Sa 31. Jan 2015, 08:01

Altruismus bei Eisbären - nicht bei Giovanna!

In der Verhaltensforschung bei Tieren und in der Untersuchung tierischer Intelligenz ist die Fähigkeit zu altruistischem Verhalten ein wichtiges Thema. Altruismus bei Tieren meint dasselbe wie bei Menschen, nämlich ein Handeln, dass einem selbst keinen Vorteil verschafft – jedenfalls nicht unmittelbar.

Knut war die meiste Zeit seines Lebens allein. Insofern lässt sich seine Fähigkeit zum selbstlosen Handeln nicht durch Beispiele erläutern und nur schwer einschätzen. Natürlich waren wir von ihm überzeugt und hätten von ihm ein vorbildliches Verhalten erwartet. Er selbst hatte leider frustrierende Erlebnisse. Seine Erfahrung mit anderen Eisbären beschränkte sich zuerst auf Giovanna. Die begründete für Knut ein Regime des einseitigen Zwangs-Altruismus, genauer: des Giovanna-Egoismus: Alles gehörte ihr. Knuts Essen, sein Gehege, seine Spielsachen.

Ganz genau wie bei Giovanna verhalten sich die jungen Kamschatkabären . Irina beisst ihrem Bruder Iwan in die Seite beim Kampf um die besten Bissen
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Die Absicht der Tierpfleger bestand darin, Knut eine Eisbärensozialisation zu verschaffen. Er sollte lernen, was allerdings auch manch wildlebender Eisbär nur unvollkommen beherrscht, nämlich sich unter seinesgleichen zu bewegen, ohne sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Und natürlich auch, ohne die anderen totzubeißen. Giovanna war gleich eine große Herausforderung, denn sie beanspruchte alles für sich. Man muss also feststellen, dass Giovanna ihr altruistisches Potential gut verbarg. Bei Knut konnten wir immerhin beobachten, dass er Giovanna beruhigen wollte, als sie wegen der Veränderung in ihrem Körper (der ersten Menstruation) in anhaltende Aufregung geriet. Erfolglos, aber er war guten Willens!

Später, ab September 2010, wurde Knut zwangsweise mit den drei erwachsenen Eisbärinnen vergesellschaftet. Dort verwies man Knut zwar in seine Schranken, und er hatte einen prekären Status, man nahm ihm aber im Allgemeinen nichts weg. Jeder hatte um sich herum gewissermaßen eine mobile Zone, die mehr oder weniger respektiert wurde. Außer gelegentlich von Katjuscha.

Bei Tosca habe ich aber ein Verhalten beobachtet, das ich unter Altruismus einordnen würde. Als der mächtige Eisbärenmann Troll aus dem Tierpark nach Knuts Tod zu den Eisbärinnen in den Zoo verlegt wurde, reagierte er in seiner Verunsicherung (oder im Rahmen der Klarstellung seines Ranges oder als Genuss seiner Macht, wer weiß?) mit Drangsalierungen gegenüber seinen Mitbewohnerinnen. Er “hütete“ seine Weibchen, wie der Direktor später im Jahresbericht erklärte. Nancy und Katjuscha verhielten sich passiv, die zierliche Tosca dagegen setzte sich mutig, unter großem Risiko, für ihre Freundinnen ein.1 Sie lenkte den gewaltigen Bären einige Male von ihren Freundinnen ab, als er sie bedrängte, machte Scheinangriffe und fügte Troll schließlich sogar mit ihrer Tatze blutige Schrammen an der Backe und Tatze zu.

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Davon wird unten im Kapitel „Mehltau auf den Hauptstadtzoos“ und im Anhang noch die Rede sein. Troll musste schließlich wegen der immer riskanteren Situation auf Anordnung des Amtsveterinärs aus dem Gehege genommen werden - eine große Blamage für den Direktor. Vgl. S.226 und Anhang (42), S. 350ff.
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Sa 31. Jan 2015, 18:24

Dörfleins Tod

Knut litt, wenn sein Ziehpapa abwesend war. Im August 2008 war es wieder soweit. Für drei Wochen verschwand Thomas Dörflein, und Knut wurde von Woche zu Woche niedergedrückter. Wollte er denn gar nicht wiederkommen? Dann wurde er immer antriebsärmer, saß irgendwo und bewegte sich kaum. Schließlich benachrichtigten Besucher den Tierarzt, denn es schien ihnen, als würde Knut schwanken. In Windeseile sprach es sich herum: Knut war krank. Würmer. Auf meine Frage antwortete der Pfleger R. H., er habe eine harmlose Infektion, die würde behandelt, und bald sei er wieder auf dem Damm. Tatsächlich schied er bald darauf Würmer in großen Mengen aus. Wir hatten gelesen, dass Würmer für junge Bären gefährlich werden können. Ja, Wurmbefall sei „nicht ohne“ für junge Bären, bestätigte Dörflein nach seiner Rückkehr. Wie es passieren konnte, dass die Würmer sich unbemerkt und rasant in Knut entwickelten, wusste niemand zu sagen, denn die Bären würden regelmäßig entwurmt. Zwischen zwei Wurmkuren hätten sie sich offenbar explosionsmäßig vermehrt. Die Sache ging glimpflich aus, bald waren keine Würmer mehr feststellbar. Im Rückblick fragen wir uns aber, ob hinsichtlich medizinischer Versorgung und Prävention alles Notwendige getan wurde.

An einem Freitag Ende August bemerkte ich bei meiner Ankunft, dass Knut nach langer Zeit wieder putzmunter agierte, an den Ereignissen des Tages Anteil nahm, sein Restspielzeug hervorholte und ausgelassen damit spielte. Aufgeräumt betrachtete er seine Freunde, und ihm wurde nicht langweilig. Thomas Dörflein war wieder zurück, Knut hatte ab sofort gute Laune, war wieder ein agiler Unterhalter seiner selbst und der Zuschauer, und er freute sich morgens, mittags und abends seines Lebens. Dörflein hatte davon gehört, dass es seinem Bärenkind während seiner Abwesenheit nicht so gut ergangen war. Um ihn wieder aufzumuntern und für die wochenlange Ungewissheit zu entschädigen, ließ er sich mancherlei einfallen. Plötzlich regnete es Leckerli und Heringe außerhalb der Fütterungszeiten. Unvermutet kamen sie durch die Luft geflogen. War jetzt alle Tage Sonntag? Oder Nikolaustag? Oder gar Weihnachten und Ostern an einem Tag?

Nach den Mahlzeiten schmiss ihm Dörflein jetzt des öfteren riesige Knochen herüber. Eine seiner Funktionen im Zoo, wir wussten es aus den Fernsehberichten, war das Zerteilen von Rinderhälften in der zentralen Futterküche. Da fiel manchmal etwas besonders Interessantes für Knut ab.

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Ochsenschwänze kannte Knut, sie reiften über Wochen und Monate im Graben, bis Knut sie wiederentdeckte. Mittlerweile sahen sie glibschig grünlich gräulich bläulich abscheulich aus. Wie sie wohl riechen mochten? Ihre Konsistenz ließ nichts Gutes erwarten. Obwohl Bären meist ziemlich genau den gleichen Geschmack haben wie wir europäischen Gourmets, gibt es doch einige Spezialitäten, bei denen wir ihnen nicht folgen mögen. Knut konnte sein Glück nicht fassen und die Riesenknochen kaum schleppen. Dann wiederum hielt Dörflein Knut große belaubte Zweige hin, kitzelte ihm damit die Nase und strich über seinen Rücken, foppte ihn gar, indem der Zweig völlig unvermutet verschwand und an ganz anderer Stelle wieder auftauchte. Knut sprang vergnügt ins Wasser und suchte den Zweig zu erhaschen. So spielten die beiden, und wir sahen sie glücklich und ausgelassen.

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Eines Abends sah ich Thomas Dörflein von weitem etwas entrückt in Richtung Gehege blicken. Es war der 2. September 2008. Er war auf dem Weg zum Ausgang vom Fahrrad gestiegen und beobachtete Knut. Er betrachtete eine ganze Weile den selbstvergessen spielenden und rundum zufriedenen Bären. Das ist das letzte Bild, das ich von ihm in Erinnerung habe.

Knut spielte mit einem Stöckchen oder Stein oder einem Fetzen Stoff oder einem seiner zerfetzten Aussiedog-Spielzeuge. Er war ganz in sein Spiel versunken, turnte mit dem Gegenstand herum, schmiss sich auf den Rücken, hob das Objekt in die Höhe, warf es, schleuderte es mit der Schnauze weg. Die Schrecken des vergangenen Tages waren vergessen, beiseite geschoben, er hatte einen tollen Tag mit seinem Pfleger und seinen Freunden und seinen Spielzeugen gehabt. Und wieder hatte er einen gewaltigen Knochen bekommen, riesiger noch als die Vorgänger und noch jede Menge Fleisch daran zum Abknabbern.

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Am Abend davor, am 1. September 2008, war das schlimme Gewitter mit dem furchtbaren Getöse, das Knut nicht einordnen konnte und das ihm Todesangst eingejagt hatte. Die Pfleger hatten schon Feierabend, aber vor dem Gehege standen noch jede Menge treuer Knut-Freunde, bei denen er Schutz finden konnte. Sie redeten ihm begütigend zu und vermittelten angstfreie Normalität. Als ihn schließlich die Freunde so gegen 22 Uhr verlassen mussten, hatte Knut sich beruhigt und konnte ohne Angst schlafen gehen. Wir berichteten davon, siehe oben.

Wir hätten Thomas Dörflein öfter ansprechen sollen, als wir es getan haben! Er kannte uns mittlerweile flüchtig, er wusste, dass wir ihn bewunderten, aber wir dachten, es könnte ihn nerven. Wo ihn doch so viele Leute ansprachen. Und dann war es zu spät.

Thomas Dörflein starb an seinem freien Tag, dem 22. September 2008; gut drei Wochen nach seinem Urlaub. Sein Tod kam ganz überraschend. Er war erst fünfundvierzig Jahre alt, dem äußeren Eindruck nach ein sportlicher Typ, mitten im Leben stehend, die Inkarnation des aktiven Menschen. Nur nebenher hörte man gelegentlich, dass er nicht so gesund war, wie er schien.

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Die Anteilnahme der Bevölkerung war groß. Vor Knuts Gehege häuften sich die Blumen, Bilder, Gedichte und Worte der Trauer und des Respekts vor Dörfleins Eigensinn. Auch draußen vor dem Zoo wurde von den fassungslosen Berlinern mit Bekundungen der Bewunderung und der Anerkennung seiner außergewöhnlichen Leistungen gedacht. Blumen, Kerzen, Bilder, Gedichte, Aphorismen, Zitate aus der Weltliteratur.6 Er war eine Art Volksheld geworden, das wurde spätestens bei seinem Tode klar. Er hatte die Interessen Knuts kompromisslos vertreten und sich unverständlichen Anordnungen des Direktors nicht gebeugt. Er galt als jemand, der als einfacher Bürger in Ausübung seines Berufs die Haltungen verkörperte und die großen Werte vertrat, die viele Funktionsinhaber in herausragenden Positionen oft vermissen ließen: Bescheidenheit, Aufrichtigkeit, Rückgrat, Fürsorge, Empathie, Unbestechlichkeit, Sachverstand; er war nicht korrumpierbar.
Foto von Frans
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Foto Quelle unbekannt
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Auf dem Spandauer Friedhof „In den Kisseln“ steht sein Grabstein aus Marmor, gestaltet und gespendet vom Steinmetz Bernd Kuhne.

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Die beste Würdigung Dörfleins fand ich in der „Welt“, geschrieben von Michael Miersch:

Der Mann der Nein sagen konnte
Aus „Die Welt“, 5. Oktober 2008 von Michael Miersch
„Vor zwei Wochen starb der Berliner Tierpfleger Thomas Dörflein, der Ziehvater des Eisbären Knut. Die Anteilnahme am Tod des Mannes ist nach wie vor hoch. Dafür gibt es gute Gründe in einem gesellschaftlichen Klima hitziger Eitelkeit, wo selbst Terroristen in Talkshows drängeln und Pilgerreisen zu Events werden.
Tierpfleger ist kein bequemer Beruf. Man hat mit Wesen zu tun, die streng riechen, Hygieneregeln ignorieren und nicht wissen, was ein Dienstschluss ist. Sie haben ständig Angst, nicht genügend Futter zu bekommen, wehren sich nach Leibeskräften, wenn man ihnen helfen will, sagen nicht einmal Danke, wenn man ihren Stall ausmistet.
Angenehm dagegen scheint, in Talkshows zu plaudern, Tantiemen für Bücher zu kassieren (die dann andere schrieben), auf Galaempfängen das Büfett zu plündern und Preise in Empfang zu nehmen.
Thomas Dörflein wollte Tierpfleger sein und bleiben. Dafür verzichtete er auf eine Menge Geld. Er hätte sich einen PR-Berater nehmen, Werbeverträge abschließen und Aufrufe zur Rettung der Welt verfassen können. Doch selbst die Avancen weiblicher Fans brachten ihn nicht aus der Ruhe. Die Gefühlswelle, die der Tod des Tierpflegers auslöste, ist mit dem Knut-Hype nicht ausreichend erklärt. Da war mehr. Je häufiger man Thomas Dörflein im Jahr 2007 sah, desto mehr wuchs der Respekt vor ihm. Ein Mensch, der unverhofft berühmt wurde, jedoch keine wohlfeilen Sprüche klopfte und sich nicht vor Kameras prostituierte. War es diese Wortkargheit, die ihn so sympathisch machte? Dörfleins Wirkung beruhte nicht auf effekthascherischem Schweigen. Das Besondere lag in der Weigerung, die ihm zugedachte Rolle anzunehmen. Dörflein machte nicht auf „Bärenflüsterer“ und „Klimabotschafter“, sondern blieb Tierpfleger. Menschen, die durch Genügsamkeit und Gelassenheit ihre Seelenruhe finden, sind selten geworden in einem Klima hitziger Eitelkeit, in dem selbst Terroristen in die Talkshows drängeln und Pilgerreisen zu Events werden.
Der bewusste Verzicht auf öffentliche Präsenz irritiert mehr als alles andere. Sogar mehr als der Verzicht auf Geld. Wer sich von Besitz befreit, möchte auch dies in der Regel allen verkünden, das ungläubige Staunen und die Achtung der anderen genießen. Nichts sagen, nichts wollen, nichts fordern: Das ist die größtmögliche Provokation. Was hatte dieser Mensch, dass er die Selbstbestätigung nicht brauchte, nach der wir alle gieren? Dörflein wurde zur Ikone, weil er ein radikales Gegenbild war, ein moderner Diogenes.
Wer längere Zeit Tiere beobachtet, der wird ein anderer. Tiere lehren, dass Zufriedenheit beginnt, wo Eitelkeit endet. Von Tieren kann man auch lernen, sich nicht ablenken zu lassen. Wer Dörflein bei der Arbeit zusah, dem fiel sofort diese Konzentration auf. Autogramme? „Ja gern, aber erst muss ich die Wildhunde füttern.“ Das klang nicht arrogant. Er konzentrierte sich nur auf das, was ihm wichtig war: die Tiere. Tiertümelei? Wer täglich zu einem Rudel Wölfe ins Gehege geht, kennt Tiere zu gut, um sie zu vermenschlichen.
Wer Nein sagen kann, ist frei. Er entdeckt ein Gefühl, von dem uns eingeredet wird, man bekomme es einzig in schnellen Autos, auf Urlaubsreisen oder beim Ausüben trendiger Sportarten. Doch nur der Genügsame kann wirklich frei sein. Das ist das Provozierende an seiner Existenz.
Der Genügsame ist kein Asket, der anderen durch leidvollen Verzicht ein moralisches Vorbild geben will. Der Genügsame konzentriert sich auf das, was er wichtig findet. Und wenn es für alle anderen unwichtig ist – umso besser. Er ist die radikalste Infragestellung einer Kultur, deren Währung die Aufmerksamkeit ist. Wer nicht mitmacht, muss stark sein. Oder vielleicht einen kleinen Bären zum Freund haben, für den die Welt eine Kuscheldecke ist.“

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Es gab auch Missverständnisse. Ich hörte, wie eine Schweizer Familie ihre Verwunderung über die vielen toten Tierpfleger äußerte. Da es an vielen Stellen Trauerbekundungen gab, nahmen sie offenbar an, dass viele Tierpfleger gleichzeitig gestorben waren. Thomas Dörflein hätte das sicherlich amüsiert. Leider sollte es aber später tatsächlich noch weitere traurige Ereignisse im Zoo geben, so den Tod des Reviertierpflegers Reimon Opitz.
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Sa 31. Jan 2015, 18:34

Zur Trauer über Dörfleins Tod kam die Sorge um Knut. Was sollte nun aus ihm werden? Wie würde Knut reagieren, wenn sein Ziehpapa nie mehr auftauchen würde? Würde sich ihm die merkwürdige Stimmung der Besucher vor seinem Gehege mitteilen? Einige befürchteten das. War Knut gefestigt genug, ohne seine primäre Bezugsperson, ob nun Mama oder Papa genannt, auszukommen? Was geschah in der Wildnis, wenn die Mutter plötzlich verschwand und das Kind unvorbereitet zurückließ? Darüber gab es naturgemäß keine Erfahrungsberichte. Knut war eindreiviertel Jahr alt. In der Natur dauerte die Symbiose zwischen Mutter und Kind zwei bis drei Jahre. Einige Knut-Freunde wollten beobachtet haben, dass Knut auf den Verlust in der Tat mit Zeichen von Trauer reagierte, als die Abwesenheit von Dörflein länger als die drei bis vier Wochen anhielt, die er zuvor schon das eine oder andere Mal ohne ihn auskommen musste.

Die alte Umgebung blieb erst einmal erhalten, ebenso wie der Rest der Familie. Thomas Dörflein und seine Kollegen hatten schon früh die Auffassung vertreten, dass Knut früher oder später den Zoo wechseln solle. Bekannt sind die Zukunftswünsche Thomas Dörfleins für Knut: Ein schönes, großes und abwechslungsreiches Gehege, eine nette Gefährtin und Kinder. Die Stammbesucher waren sich nicht einig, ob er den Weggang Knuts in ein schöneres Gehege nur deswegen gewünscht hatte, weil er unter der Zucht des Zoodirektors keine lebenswerte Perspektive für Knut sah.

Wir wissen letztlich nicht, wie lange Knut an Thomas Dörflein gedacht und auf seine Wiederkehr gehofft hatte. Von einem Besuch im Rostocker Zoo wusste ich, dass die Eisbärenmutter Vienna ihre Tochter Vilma nach zwei Jahren der Trennung nicht wiedererkannt hatte. Jedenfalls konnten die Pfleger kein Zeichen im Verhalten entdecken, das auf ein Wiedererkennen hindeutete. Es ist möglich, dass verwandtschaftliche Sentimentalitäten bei Eisbärens keine Gültigkeit haben, also mit dem Verjagen des herangewachsenen Eisbärenjungtieres jede verwandtschaftliche Nähe entschwindet. Björn Heinrich, der Ostberliner Handaufzucht-Eisbär aus den achtziger Jahren, erkannte nach zwanzig Jahren seine Pflegerin nicht wieder. Jedenfalls nicht sofort und nicht für die Dauer der Filmsequenz im Fernsehbericht. Wir können aber mit Gewissheit sagen, dass Knut ein anderer geworden wäre, wenn er bei seiner leiblichen Mutter Tosca hätte aufwachsen können. Auch dann hätte er Umgang mit den Pflegern gehabt, die gerne mit kleinen Bären spielen. In diesem Sinne waren auch die Tropenbären Ernst und Devi „zahm“. Knut aber war zutraulich und sanftmütig bis zu seinem Tod. Die Tierpflegerin Frau Weckert erzählte, sie habe schnell begriffen, dass Giovanna im Vergleich zu Knut wirklich ein „wildes Tier“ war, vor dem man sich in Acht nehmen musste. Sicher, auch Giovanna war den Kontakt zu den Menschen gewohnt. Aber auf Zuwendung reagierte Knut aufgeschlossen, Giovanna unwirsch. Knut guckte seine Pfleger und seine Freunde mit seinen schönen Augen häufig vertrauensvoll an. Er liebte seine Pfleger. Und die Pfleger liebten ihn. Giovannas Blick schweifte über die Menschen hinweg.


Frau Dörflein besucht ihr " Enkelkind " und spielt mit Ball

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Foto von Frans van der Kolff

Frau Dörflein brachte eine alte Hose von ihrem Sohn vorbei. Knut spielte ausgiebig damit. Später beendeten die Pfleger den Umgang mit solchen Erinnerungsstücken. Knut sollte wohl von der Vergangenheit loskommen. Die Pfleger gaben sich Mühe, Knut ein angenehmes Leben zu bereiten. Ronny Henkel warf ihm vom Nachbargehege der Lippenbären Heringe herüber, ab und zu bekam er einen Ochsenschwanz. Im Laufe der Monate wurden solche Zuwendungen weniger. Die Besucher spendierten nach wie vor Leckereien, Croissants, Rosinenbrote, Lachs, Weintrauben und Kürbisse. Aber so einen tollen Riesenknochen erhielt Knut nie wieder. Warum eigentlich nicht?

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Nach Dörfleins Tod beunruhigte es uns, dass bei Knut lange Phasen stereotyper Lauferei zu beobachten waren. Manchmal fing er schon morgens oder am frühen Vormittag an, hin- und herzulaufen, hin und her, den Kopf in die Ferne gerichtet, dahin, woher die Pfleger mit dem Futtereimer zu kommen pflegten. Die Tatkräftigen unter seinen Zuschauern suchten ihn abzulenken, sprachen mit ihm, winkten, warfen ihm Schneebälle hinüber oder bliesen Seifenblasen, die ihn ob ihrer zarten Schönheit entzückten, ob ihrer Kurzlebigkeit verwunderten. Die Pfleger meinten, dass sei schon eine leichte Störung seines Verhaltens. Viele Zootiere würden solche Stereotypien entwickeln. Sie würden versuchen, die Tiere mit geeigneten Mitteln abzulenken.

Knut lebte sein Leben. Er spielte, er lief hin und her, er machte manche Tage gar nichts, er spielte ausgiebig, jedoch nicht jeden Tag. Mittlerweile war der Prozess um die Eigentumsrechte an Knut gelaufen. Rein rechtlich gehörte Knut dem Tierpark Neumünster. Denn dieser war noch immer der Eigentümer des stolzen und schönen Eisbären Lars. Der Erstgeborene sollte vertragsgemäß ebenso Neumünster gehören. Dort wollte man zwar Knut nicht ernsthaft haben, wohl aber ein paar Brosamen von den Eintrittsgeldern, die er dem Zoo zusätzlich in die Kassen gespült hatte. Nach zwei Gerichtsterminen einigte man sich, von Seiten des Zoodirektors widerwillig, auf 430 000 Euro. Normalerweise ist es üblich, dass man Tiere austauscht, anderswo „einstellt“, wie der Ausdruck heißt. Und eigentlich käme niemand auf die Idee, am finanziellen Zugewinn beteiligt zu werden. Nur dürfte ein Zugewinn kaum jemals derart hoch und auf ein einziges Tier zurückführbar gewesen sein. Im Falle Knut machte man also eine Ausnahme. Der kleine Provinzzoo Neumünster konnte das Geld gebrauchen, und es war ihm zu gönnen. Knut gehörte nun dem Berliner Zoo. Im Grunde hatte nie jemand daran gezweifelt.

Was jetzt? Was sollte mit Knut geschehen? Wie sollte seine Zukunft aussehen? Die Anhänger der Aktion „Knut forever in Berlin“ hatten nie an der Richtigkeit ihres Tuns gezweifelt. Natürlich gehörte Knut nach Berlin. Und in den Berliner Zoo. Sie übergaben dem Regierenden Bürgermeister Wowereit mehrere Aktenordner mit insgesamt 40.000 Unterschriften. Der Bürgermeister rief beim Zoodirektor an. „Meinetwegen kann er bleiben“, berichteten die Medien über dessen Reaktion. Aber jetzt stellte sich die Frage umso dringlicher. Wohin mit Knut? Der Zoodirektor hatte schon früh seine Absicht bekundet, Knut auf gar keinen Fall ein neues Gehege zu bauen. Und er war nicht für seine Konzessionsbereitschaft bei Positionen, auf die er sich festgelegt hatte, bekannt. Dabei hatte es ein großzügiges Spendenangebot gegeben. Die meisten Umbaupläne kamen von den Besuchern. Man könne doch eine Brücke bauen hinüber zu den Lippenbären. Und die Lippenbären könnten nach Friedrichsfelde, wo bekanntlich viel Platz war. Am besten sollte die ganze Gehegeseite der Tropenbären für Knut genutzt werden! Die einzelnen Gehege könne man leicht verbinden, den Wassergraben leicht vergrößern. So erzählte man sich seine Ideen und Pläne für Knuts Zukunft, und Knut hörte zu.

Und dann musste natürlich eine Gespielin her für Knut, gleichaltrig oder etwas jünger. Und schön musste sie sein. Und klug. Und liebenswürdig. Und verspielt wie Knut. Und voller Ideen und Tatendrang. Wir malten uns die künftige Schwiegertochter aus und studierten die Eisbärenstammbäume des Zuchtbuchkoordinators in Amsterdam so wie die Leser der Grünen Blätter die Stammbäume der Königshäuser Europas.

Ehen wurden in Gedanken geschlossen und wieder geschieden, noch bevor es zur Hochzeit gekommen war. Die X in Y war ein wenig klein geraten. Wir hatten ja keine Vorurteile und nichts gegen kleine Bären, aber würde zu Knut eine größer geratene Schönheit nicht besser passen? Bedingung bei all diesen Verkupplungen in spe war immer, dass die künftige Gespielin nach Berlin käme, denn, nun mal ehrlich, was sollte Knut in Gelsenkirchen? Wollte da etwa jemand von uns hin? Außer den Schalke-Fußballfans natürlich. Na also! So vertrieben wir uns die Zeit mit Zukunftsplänen, und Knut wuchs und wurde größer.

Vieles spricht dafür, dass Knut, wäre er bald nach Gelsenkirchen umgezogen, eine gute Gefährtin und ein besseres Leben als in Berlin gehabt hätte. Und vielleicht wäre er dort nicht früh gestorben, sondern alt geworden.
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » So 1. Feb 2015, 12:47

Knuts kurzes Leben unter Eisbären: Gianna - Giovanna

Die Verwandlung der Welt

Als Knut eines Morgens erwachte, hatte sich sein Leben grundlegend verändert. Zwar lag er nicht wie Kafkas Gregor Samsa auf dem Rücken, in einen engen Panzer gegürtet und hilflos mit den Beinchen strampelnd, und es klopfte auch niemand, um ihn zum Aufstehen zu ermahnen, das Publikum warte schon, der Herr müsse zur Arbeit. Aber er erinnerte sich an schauderhafte Träume. Mitten in der Nacht, so träumte ihm, sei ungewohnter Lärm vor dem Tor gewesen, dumpfe Stimmen und ein brummendes Ungeheuer begehrten Einlass. Lautlos schwang die Flügeltür auf, langsam schob sich der vibrierende dunkle Moloch in den engen Hof und hielt direkt vor seinem Verlies. Dunkle Gestalten sprangen herunter, eilten aus dem Schatten des Hofes herbei. Sie winkten, pfiffen, er hörte Kommandorufe, und dann wurde etwas heruntergelassen, ein schwarzes Geviert. Nicht weit von ihm setzte man es auf die Erde, kurze Befehle wie „hierher!“, „komm!“, „lass locker!“ ertönten, die erst einmal keinen Sinn ergaben.

Knut hasste laute Geräusche, besonders unbekannte. Aber das war nicht das Schlimmste. Vielmehr roch es erbärmlich. Knut konnte sich nicht erinnern, etwas Ähnliches je gerochen zu haben. Was ihn an diesen fremden Gerüchen am meisten störte, war der penetrante Geruch nach Angst. Bisher hatte Knut nicht gewusst, dass man Angst auch riechen kann. Am Ende des Ganges tat sich etwas. Aus dem Kasten polterte es. Und dort kauerte nun die Angst. Irgendetwas wurde hingestellt, mit schepperndem Geräusch. Je länger er in die Dunkelheit starrte, umso benommener wurde er. Schließlich fielen ihm die Augen zu. Das war der Traum. Er wachte auf, als Frau Weckert rief: „Aufstehen, Knut! Das Publikum wartet schon!“

Ende September 2009 landete nach langer Fahrt aus München ein Laster mit kostbarer Fracht: einer schönen Italienerin. Gleich alt wie Knut. Giovanna sollte Knut bei der Selbstfindung als Eisbär helfen. Es traf sich gut, dass sie wegen Umbauten im Münchener Zoo vorübergehend eine andere Bleibe brauchte. Eine große, ehrenvolle Aufgabe also für sie. Wer von den beiden letztendlich mehr davon hatte, weiß man nicht. Knut lernte ein Eisbär zu sein, aber ein sensibler, defensiver. Giovanna versuchte sich recht schnell in der Rolle einer Domina, denn für eine wie sie hatte Knut ein allzu sanftes Gemüt. Umgangsformen wie die ihren war er nicht gewohnt.

Giovanna wurde die erste Woche drinnen gehalten. Sie war zunächst ruhelos und voller Angst. Sie fraß nicht. Als sie hinausgelassen wurde, hielt man Knut drinnen, damit sie sich an das Gelände gewöhnen konnte. Giovanna rannte, stob über das Gelände, nicht aus Lebenslust, sondern voller Panik. Diese wurde noch gesteigert, wenn sie die braunen oder schwarzen Bärennachbarn erblickte. Sie verharrte, starrte sie an, dann stürzte sie davon. Doch wohin? So groß war das Gelände nicht, dass sie sich irgendwo hätte verstecken und in Sicherheit bringen können. Floh sie vor den Braunbären, tauchten auf der anderen Seite die Lippenbären auf, in der Ferne dräuten die Kragenbären, dazwischen die ebenfalls nicht geheuren Malaienbären. Machte sie entsetzt kehrt, drohten wieder die Braunbären.

Es war wie bei den Monstern in der Sesamstraße oder den Wilden Kerlen von Maurice Sendak, nur beängstigender. War kein dunkler Bär zu sehen, stellte sie sich auf die Hinterbeine und hielt Ausschau. Tauchten sie auf, rannte sie davon. So ging es viele Tage, bis ihr klar wurde, dass sie zwar da waren, sich aber offensichtlich nicht näherten. Allmählich beruhigte Giovanna sich. Sie hielt immer noch Ausschau, aber sie zeigte keine panischen Reaktionen mehr. Für unseren Freund Knut zeigte sie sowieso nur gemäßigte Neugier. Er wirkte nicht bedrohlich, war nicht größer als sie, sah aus wie Eisbär Yoghi in München, nur kleiner, zurückhaltender und noch harmloser als dieser. Zunehmend interessanter fand sie dagegen Jürgen, den Lippenbärenmann, sie schwärmte ihn schließlich geradezu an. Auf Giovanna, Knut und die Dunkelbären werden wir noch einmal zurückkommen.

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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » So 1. Feb 2015, 13:13

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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » So 1. Feb 2015, 14:01

Ruhepausen
Das war das erste und häufigste Bild, das ich von beiden sah: Giovanna observiert die Braunbären, Knut observiert Giovanna

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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » So 1. Feb 2015, 19:24

Als der große Schrecken Elfriede bei Knut Einzug hielt 1

Eine Menge erwartungsvoller Besucher wollte den Augenblick erleben, an dem es zur ersten Begegnung der beiden jungen Eisbären kam. Es war soweit. Knut betrat sein Revier, lief beunruhigt ein paar Schritte am Felsen entlang, machte kehrt und fand seine Tür zum Binnengehege verschlossen und verriegelt. Giovanna raste übers Außengehege, als gehörte es ihr. Im rastlosen Bärengalopp durchquerte sie die Hochfläche, stürzte sich in vollem Lauf in die Tiefe, schwamm ein paar Züge, raste vertikal den Felsenabhang hoch und nahm ihren rastlosen Lauf wieder auf. Wenn sie Knut, ihn scheinbar gar nicht bemerkend, gefährlich nahekam, drückte er sich noch enger an die Felsenwand oder entzog sich in die eine oder andere Richtung. Bald etablierte er sich auf seinem Aussichtsplatz links, der Plateauspitze mit dem mittlerweile steinhart gepressten Sandhaufen. Von hier aus hatte er sie im Blick, da konnte sie ihn nicht überraschen.

Knut nuckelt und guckt ein wenig bekümmert
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Knut folgte mit den Augen ihrem hektischen Umhergerenne. Dass sie von Panik erfüllt war, konnte ihm nicht verborgen geblieben sein. Aber warum? Angst vor dem Alleinsein kannte er, vor der Dunkelheit, dem Verlassensein, dem Gewitter, vor Krach, den er nicht einordnen konnte. Giovannas Panik überstieg sein Einfühlungsvermögen, er sah nur, dass sie hin und her raste und erst in der Dunkelheit zur Ruhe kam. Aber allmählich gab sich das, und sie ließ sich immer häufiger auch mal nieder und schloss die Augen.

Knuts erste Konfrontation mit Giovanna war verstörend für beide. Giovanna selbst kannte sich mit Eisbären aus. Yoghi und Oma Lisa aus München kannte sie, allerdings nur durchs „Schmusegitter“. Er dagegen wusste nicht, woher sie kam, wer sie war, was sie wollte. Plötzlich war sie da, wie durch Magie herbeigezaubert oder wie ein Naturereignis über ihn hereingebrochen. Festzustehen schien, dass sie vorerst nicht wieder fortgehen würde. Obwohl sie sicher gerne geflüchtet wäre, denn viel wohler fühlte sie sich ihrerseits auch nicht.

Zwar wusste sie bereits, was ein Eisbär ist und dass sie einer war. Und sie kannte den Unterschied zwischen dem Ich und dem Anderen, zwischen Ego-Bär und Alter-Bär. Sie hatte sich diese neue Situation aber nicht ausgesucht, ebenso wenig wie Knut. Ohne gefragt zu werden, hatte sie ihre vertraute Umgebung verlassen müssen, hatte einen beunruhigenden, langen Transport hinter sich und war jetzt den Bärenhof-Tierpflegern in Berlin ausgeliefert. Was waren das für Menschen? Sie waren ihr fremd. Sie musste um ihr Leben fürchten - woher sollte sie denn wissen, dass die Berliner – Bären wie Menschen - es gut mit ihr meinten?

Wie die Tierpfleger berichteten, nahm Giovanna die ersten 14 Tage keinerlei Nahrung zu sich, dann fing sie an, „heimlich“ zu essen, nicht in Gegenwart der Pfleger. Bei einem Stück Schokolade, das Frau Weckert ihr anbot, konnte sie schließlich nicht widerstehen. Danach war immer öfter morgens, wenn die Pfleger kamen, das Futter weg. Sie aß also. Und mit welcher Lust und mit welcher Begeisterung aß sie jetzt! Es bringe Spaß, ihr zuzugucken, meinte Frau Weckert.

Sie aß viel, mit Andacht und war den Pflegern nun sehr zugetan; taten diese ihr doch nichts, sie waren vielmehr die guten Götter, die mit dem verheißungsvollen Eimer schlenkerten und überhaupt dafür sorgten, dass das Leben lebenswert war. Scheinbar ganz so, wie sich der Zoodirektor mit seinem verengten Bärenbild die Bedürfnisse dieser Geschöpfe zurechtgelegt hatte: Morgens Aufschluss – irgendwann Fütterung – abends Einschluss.2

Sind diese drei Punkte gegeben, dann hast du den zufriedengestellten Bären. So ist es Usus beim Ursus. Nun, all das spottet dem Hohn, was wir selbst beobachten konnten und bereits berichtet haben. Und weiter berichten werden.

1
Der große Schrecken Elfriede – Ein Lehrbuch von Otto Jägersberg mit Bildern von Victoria Chess für höfliche, nette, liebe, zuvorkommende und bescheidene Kinder, Köln Middelhauve Verlag 1969

2 So in einem RBB-Interview
Anneliese
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » So 1. Feb 2015, 19:32

Die Bestimmerin

Zunächst aber: Wir Zuschauer konnten sehen, mit welcher Lust und in welchem Tempo Giovanna sich mit ihrer zurückgewonnenen Lebensfreude die Nahrungsmittel einverleibte. Knut musste leidvoll hinnehmen, dass Giovanna meist wieder ins Freie gelassen wurde, wenn er noch mit dem Rest vom Fisch zu tun hatte oder sich dem Nachtisch, meist einem Kürbis, zuwandte. Er sollte wohl lernen, sich zu behaupten. Giovanna betrachtete das als pädagogische Herausforderung, nahm ihre Rolle an und hielt stets nach Knut Ausschau. Hatte er noch was zu beißen? Wenn ja, dann gehörte ihr das, das war für beide fraglos klar. Kraftvoll kam sie herangaloppiert und machte kurzen Prozess mit den noch verfügbaren Nahrungsmitteln. Oft kontrollierte sie sogar sein Maul, indem sie ihres hineinsteckte.

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Verdutzt nahm Knut das hin und machte sich bald geduckt davon. Einmal habe ich erlebt, dass er sich den Kürbis im Wassergraben erst gar nicht mehr holte. Vermutlich resignierte er von vornherein. Oder wollte er sie womöglich nicht auf den Leckerbissen aufmerksam machen? Nur einmal wurde ich Zeuge, dass er Widerstand leistete. Das kam nicht allzu oft vor. Knut hatte einen zwei Kilo schweren Lachs (nicht etwa „nur“ Lachsforelle!) bis auf ein interessantes Schwanzstück fast verspeist. Giovanna hatte ich gar nicht nahen sehen, weil mein Teleobjektiv auf Knuts Kopf gerichtet war. Plötzlich ein Gefauche und Gebrüll, eine heftig bewegte Flokati-Wolke und ein Gefuchtel ungezählter Tatzen. „Weg da, das ist mein Lachs!“ Knut verpasste Giovanna einen kraftvollen Schlag auf ihr Hinterteil, ein für seine Verhältnisse unglaublich kühner, aufmüpfiger Akt. Freundlicherweise auf eine dafür gut geeignete, gepolsterte Stelle.

Ich habe davon im Wirbel des Geschehens tatsächlich ein Bild machen können. Dann zog er seitlich an ihr vorbei den Hang hinauf, setzte sich auf seinen Aussichtsplatz und leckte sich die Lachspfoten.

Ich konnte fotografieren, wie sich Giovanna nach Beendigung des Mahles sachte die Steilwand zum Aussichtsplatz emporschob, dann, oben angekommen, mit dem Oberkörper flach aufliegend, hielt sie Knut ihren Kopf schräg hin, kokett, als würde sie um Verzeihung bitten. Eine Unterwerfungsgeste gegenüber dem großmächtigen Knut in seinem Zorn? Ein Bitten um gutes Wetter? Nimm es nicht persönlich, Knut! Vermutlich war es genau so zu verstehen. Knut nahm kaum Notiz von ihr, als wäre er noch verstimmt und beleidigt. Man konnte manchmal den Eindruck haben, dass es bei Giovanna Anfänge für das Empfinden von Recht und Unrecht im Verhältnis zu Knut gab. So selbstverständlich sie ihn um alle essbaren Leckereien erleichterte, so nahm sie doch wahr, wenn er beleidigt oder mit zaghaften Zeichen des Widerstandes reagierte. Dann näherte sie sich ihm bäuchlings und guckte ihm in die Augen und rückte ihm auf den Pelz. Knut erwiderte ihre Zärtlichkeiten in solchen Situationen nicht. Er war dann für eine Weile erkennbar verstimmt und gab sich unnahbar.

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Anneliese
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » So 1. Feb 2015, 19:36

Kindergeburtstag verkehrt

Am 5. Dezember 2009 lieferte Giovanna allerdings abermals eine Demonstration ihrer bedenklichen Vorstellung von Fairness und Gerechtigkeit, jedenfalls wenn es um Knut, dem Bären an ihrer Seite, ging. Dieser hatte, wie jedes Jahr, mit leuchtenden Augen seinen so wunderbar gedeckten Geburtstagstisch 1 bewundert, dann manierlich die große Drei aus Brot- oder Kuchenteig aufgeknabbert, das Croissant verspeist, ebenso den ganzen Lachs.

Fotos D.WEBB
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Nun bestaunte er die Eistorte, aus der drei gefrorene Makrelen als Geburtstagskerzen herausragten. Man sah alle möglichen Gemüse- und Obstsorten durchs Eis schimmern, auch Fleisch, Nüsse und Fische. Knut machte sich einen Plan. Er begab sich an eine Kerzen-Makrele, schmiss den Eimer um, wohl in der Erwartung, die Eistorte so schneller aus dem Eimer befreien zu können, knabberte hier eine geeiste Weintraube, versuchte dort ans Fleisch zu kommen und war guter Dinge, wusste er doch, dass das Eis den Genuss nur verzögern konnte und schließlich schmelzen würde. Vorher hatte Knut noch versucht, seinen Geburtstags-Überraschungssack aufzudröseln, aus dem es so verheißungsvoll roch. Der lag nun auf seinem Ruheplatz und war ihm sicher, so dachte, hoffte er.

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Mittlerweile war ungefähr eine Dreiviertelstunde vergangen und die Pfleger meinten, dass nun der Gast zum Kindergeburtstag hereingelassen werden sollte.

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Auf der Bühne erschien Signorina Furiosa Giovanna, sondierte schon zu Beginn des Auftritts die Verhältnisse und entschied sich zuerst für die Konfiszierung des Geburtstags-Überraschungssacks. Dass der Name Knut darauf genäht war, mit Herz und der Zahl Drei, störte sie nicht im Mindesten.

Foto D.WEBB
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Foto D.WEBB
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Sie stellte eine Tatze auf den Sack, biss am anderen Ende hinein.
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Man hörte ein erstes Reißen, einen erneuten Zugriff mit ihren Zähnen, von unten nach oben trennte sie schließlich den Sack mit lautem Geräusch auf und nahm sich der appetitlichen Fleischstücke an, gesäuberter Pansen, wie ich hörte. Sie fand, es stünde ihr zu, „Trippa Berlinese“ für die Dame aus Italien. Knut, der bei Giovannas Ankunft das sichere Weite gesucht hatte, sah dafür seine Eistorte ganz unbewacht. Vorsichtig schlich er sich von hinten in weitem Bogen heran und knabberte probeweise. Giovanna entging das aber nicht, und sofort war sie bei ihm.

Wollte der Schlaumeier sich an die Torte machen, während sie die Pansenstücke fraß? Doch nicht mit Giovanna! Bekümmert ließ Knut den Kopf hängen und schlich sich davon. „Immer nimmt sie mir alles weg!“ Da das Eis die eingefrorenen Leckerbissen nur nach mühevoller Kau- und Lutscharbeit freigab - nicht ihre Sache - wandte Giovanna sich wieder den Pansenstücken zu. Knut blickte sehnsuchtsvoll auf seine Eistorte, traute sich aber erst einmal nicht wieder heran.

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Der RBB befragte Zuschauer nach diesem Vorfall. Die meisten waren empört über die egoistische, rabiate Italienerin. Eine Besucherin erklärte Knuts resignierendes Verhalten damit, dass er eben nie um sein Futter kämpfen musste. Knut kenne kein Eisbärenverhalten, und die Menschen hätten sich ihm gegenüber nie unsozial betragen. „Ich will dein Fressen nicht“, sagte Thomas Dörflein so oft, wenn Knut wieder hastig das Essen in sich hineinschlang. Man hörte aber auch Stimmen mit der Vermutung, dass Berlusconi, der halbseidene „Cavaliere“ an der Spitze der damaligen Regierung, die guten Sitten selbst der Eisbären Italiens verdorben habe.

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Endlich! Knut wehrt sich

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1 Ergebnis einer Eigeninitiative der Pfleger und von Spenden der Knut-Freunde, vgl. dazu das Kapitel „Geburtstage“.
Anneliese
 
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