Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon SylviaMicky » Di 27. Jan 2015, 20:00

Anneliese, ich danke dir sehr für Deine treffend formulierten [prima] Berichte über das Leben des unvergessenen Knut.
Wie oft haben wir bei Gewitter bei ihm -im strömenden Regen- gestanden.
Auch an den ersten Geburtstag und die wenigen danach habe ich schöne Erinnerungen.
Es war wirklich eine besondere Zeit.
Ich freue mich auf die folgenden Erinnerungen an ihn.
[tschuess]
SylviaMicky
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Di 27. Jan 2015, 20:14

Kommunikation mit den Besuchern

Ich fragte den Tierpfleger, ob Knut die Besucher auf den Wecker gingen. Nein, das Gegenteil wäre der Fall. Wenn es mal wenige Besucher gab, wäre Knut richtig ungehalten gegenüber den Pflegern. Er war dann muffelig und schlecht gelaunt. Ausgeglichen war er, wenn er viele Besucher hatte, am besten neben dem Kamerateam vom RBB noch Radio Moskau, Tokio und Peking TV. (Seine Freunde wussten das und ließen ihn auch am gefühlsbeladenen Heiligabend nicht allein.) Zufrieden war Knut natürlich auch, wenn er toll und ausdauernd gespielt hatte. Nicht zu vergessen der Höhepunkt jedes Tages, die Mahlzeiten. Es sei denn, Giovanna hatte ihm interessante Stücke entwendet. Dann dürfte sie umso besserer Laune gewesen sein. Beute machen bringt Spaß!

Wir erlebten einen grauen regnerischen Novembertag im Jahr 2008. Kaum jemand verirrte sich in den Zoo, nur die Touristen, die von weither kamen und sich das Wetter nicht aussuchen konnten, waren vertreten. Vier Frauen aus Russland traten an die Brüstung, während Knut missgestimmt auf seinem Aussichtsplatz lag. Sie sprachen aufgeregt miteinander, suchten mit den Augen nach dem weltberühmten Knut und nahmen schon an, er sei bei diesem trüben Wetter vielleicht im Innengehege. Da erhob sich Knut, die Damen fixierend, eilte trab, trab die Stufen hinab, baute sich vor ihnen auf, schaute ihnen tief in die Augen, erhob sich auf seine Hinterbeine und brummte laut, sichtlich in freundlicher Stimmung. Die Besucherinnen waren entzückt, stießen begeisterte Laute hervor, riefen „Knutjenka!“ und klatschten schließlich. Der Tag dürfte für ihn gerettet gewesen sein. Hatten doch die Russinnen ihm die gebührende Ehre erwiesen.

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Die Besucher hatte Knut immer im Auge. Und selbstverständlich kannte er die häufig wiederkehrenden Besucher. Er war erfreut, wenn sie vor der Scheibe seines letzten Geheges auftauchten. Dann begrüßte er sie, es sah so aus, als ließe er sich durch das Glas hindurch streicheln und als schmuste er Kontakt suchend an der Scheibe entlang. Einer der getreuen Fotografen, die Knut von der ersten Zeit her kannte, sagte: Das musste ja so kommen! Jetzt wird er immer an der Scheibe kleben. Und Knut schaute, diesen Eindruck musste man gewinnen, seinen Freunden oft tief in die Augen. Er vergewisserte sich immer wieder mit kurzen Blicken ihrer Gegenwart. Der wiederholte Blickkontakt schien beruhigend zu wirken: Meine Leute sind noch da!

Giovanna, seine zeitweilige Gefährtin, schien im Gegensatz zu Knut keine Notiz von den Besuchern zu nehmen. Sie schaute niemandem tief in die Augen, wusste die Lebensäußerungen der Menschen weniger oder gar nicht zu deuten. Knut hatte mit der Flasche eingesogen, was seine Familie ihm sagen wollte, wenn sie lachte, weinte, beruhigte, ungeduldig oder ärgerlich wurde, wenn Herr Dörflein „komm, komm, komm“ rief. Er fühlte, was das Lachen bedeutete und wiederholte, wenn er dazu aufgelegt war, Handlungen, die die Besucher belustigten. Er wusste, was die Ahs! und Ohs! ausdrücken sollten, wenn er sich zu voller Größe aufrichtete, wobei in der Regel auch noch applaudiert wurde. Giovanna dürften diese Zeichen rätselhaft geblieben sein, Knut aber fühlte deren Bedeutung. Nur einmal sah ich sie in Aufregung und versucht, den Graben zu überspringen, als nämlich die Tierpflegerin zwischen den Besuchern stand. Giovanna war schier begeistert. Als wir vermuteten, Giovanna würde sie wohl sehr lieben, meinte die Tierpflegerin prosaisch: Wohl eher den Eimer mit der Mahlzeit!

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Ein Zoodirektor von außerhalb meinte, Knuts Späßchen seien Selbstdressur, er merke eben, was Anklang finde, und das mache er dann. Das klang mir zunächst abwertend und war wohl auch so gemeint. Aber nach einigem Überlegen denke ich, dass viele Handlungsweisen und Lernvorgänge von Kindern oder Erwachsenen ebenfalls einer solchen „Selbstdressur“ entspringen. Sie merken, welche Verhaltens- und Handlungsweisen ihnen Vorteile bringen und stellen sich darauf ein. So ist es bei den Menschen, so ist es bei den Eisbären und bei den übrigen intelligenten Wesen. Beim Menschen würde man von Selbstbeherrschung und Selbststeuerung sprechen. Je intelligenter ein Lebewesen ist, umso besser lernt es, die Wirkungen seiner Verhaltensweisen einzuschätzen und nimmt sie in sein Verhaltensrepertoire auf. Knut war auf einem vielversprechenden Weg. Das mag man Selbstdressur nennen, es ist im Prinzip jedenfalls etwas Gescheites und Positives, hilft es doch dabei, im Leben besser zurechtzukommen oder etwas Besonderes zu leisten.

Die oberflächlichste Bemerkung zu diesem Thema habe ich übrigens ausgerechnet von einem südwestdeutschen Zoodirektor in einer Zoo-Fernsehsendung gehört: Eisbären sähen in den Menschen vor dem Gehege nur „wandelndes Fleisch“!

Knut hatte Zuschauer und Verehrer jeder Gemütslage, Altersgruppe, regionalen und nationalen Herkunft. Alle Charaktere und Temperamente waren vertreten. Man machte unvermeidlicherweise so seine Beobachtungen und konnte sich manchmal wundern.

In der Weihnachtszeit 2008 stand eine freundliche Frau vor Knuts Gehege mit einer Mundharmonika in der Hand. Sie betrachtete Knut aufmerksam, während er seine stereotype Wanderung machte. Hin und her. Her und hin. Auf einer Strecke von 6 Metern. Thomas Dörflein war seit einem viertel Jahr tot. Es waren wenige andere Knut-Freunde da. Die Frau fing an zu spielen, „Leise rieselt der Schnee“. Knut merkte auf, hob den Kopf und blickte in ihre Richtung. Da intervenierte eine andere Knut-Freundin. Sie sagte, Musizieren sei auf dem Zoogelände verboten. Das könne sie in der Zoo-Ordnung nachlesen. Die Musik würde Knut schaden. Ich gab zu bedenken, dass Knut ja schon im Säuglingsalter Musik gehört habe. Jede Zeitung hatte von Thomas Dörfleins Gitarrenspiel für Knut berichtet. Songs von Elvis Presley. Von ernsthaften Schädigungen von Knut sei nichts bekannt geworden. Ja, entgegnete die vehemente Verteidigerin seiner Interessen, das habe Knut nichts geschadet. Aber das sei ja etwas ganz anderes gewesen, nämlich erstens von TD gespielt und zweitens auf einer Gitarre. Ich war sprachlos, und die Besucherin, die Knut eine Freude hatte machen wollen, ließ die Mundharmonika in der Jackentasche verschwinden. Ich wandte noch ein, dass dieser Passus in der Zoo-Ordnung wohl eher als Schutz vor Ghetto-Blastern gedacht sei, die möglicherweise von jugendlichen Besuchern laut aufgedreht herumgetragen werden könnten. Ohne Erfolg, die gestrenge Knut-Freundin beharrte auf dem Verbot jeglicher Musik für Knut. Als sich die vermeintliche Knut-Beschützerin in Richtung Affenhaus entfernte, ermutigte ich die Mundharmonika-Spielerin, ihr Instrument wieder hervorzuholen. Knut hörte aufmerksam zu. Leider spielte sie nicht mehr lange, sie fühlte sich unbehaglich. Schade. Knut hatte das Spiel ganz offensichtlich gefallen.

Verschiedentlich konnte ich bei einigen Knut-Freunden eine leicht gereizte Unduldsamkeit beobachten. Zu ihrem Missvergnügen befand sich gegenüber von Knuts Gehege der Spielplatz. Da ging es besonders in den Schulferien naturgemäß laut und bewegt zu. Knut war mit dieser Lärmkulisse aufgewachsen, und ich konnte nie ein Erschrecken oder Aufblicken bei ihm bemerken. Wohl aber konnte ich beobachten, wie vielen Knut-Freunden bei diesen Geräuschen die Gesichtszüge leicht entgleisten. Im Blog wurde oft und ausgiebig über die schrillen Kinderstimmen geklagt, die Knuts Leben angeblich zur Vorhölle machten, mindestens. Wir konnten Knut nie dazu befragen. Auf mich machte er keinen irritierten Eindruck. Ja, es stimmt, in Tundra und Arktis war es meistens eher leise. Man müsste allerdings mal genauer hinhören, vielleicht würden uns dann Sturm, Brandung, krachende Eisschollen und kalbende Eisberge eines Besseren belehren. Oder Seevögel, randalierende Robben und Walrösser. Aber Knut war ein Berliner Zoobär und mit den Geräuschen groß geworden, die nun einmal entstehen, wenn Kinder vor dem Gehege ihre Begeisterung über ihn äußern oder nebenan auf dem Zoospielplatz ausgelassen spielen. Dagegen sah ich häufig die genervten Reaktionen von Knut-Freunden, die schmerzhaft ihr Gesicht verzogen. Ihre eigene Aversion gegen Kinderlärm haben sie auf Knut übertragen. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass er weniger an diesen hörbaren Zeichen kindlicher Lebensfreude leiden würde als sie selbst. Ich aber bin überzeugt davon, dass Knut sich an das mehr oder weniger laute kindliche Stimmengewirr gewöhnt hatte. Zwar konnten wir Knut nicht direkt befragen. In seiner Gestik, seinem Verhalten und auch in seinem Gesichtsausdruck, die wir ein wenig zu deuten gelernt hatten, waren aber für uns keine genervten Reaktionen zu entdecken.

Charismatische Tiere haben es an sich, dass sie von den unterschiedlichsten Menschen aufgesucht werden. Die ganze Bandbreite der Bevölkerung fand sich bei Knut ein, alle fühlten sich von ihm angezogen oder waren zumindest neugierig. Dazu gehörten die Ausgeglichenen, Zufriedenen und Glücklichen. Dazu gehörten die alten und einsamen, die verbitterten und die sanften, die enthusiastischen und inspirierten, die freundlichen und die ungehaltenen Menschen. Und die vom Schicksal Gezeichneten. Und natürlich gehören zur Bevölkerung auch die Nicht-Angepassten, die Gestörten und auch Menschen mit erheblichen psychischen Abweichungen. Im Dezember 2008 gesellte sich zu Knut der junge Mann, der ihm in seiner Einsamkeit beistehen wollte. Knut blickte erstaunt, aber bevor er sich auf ein Spiel mit dem jungen Mann einlassen konnte, meldete sich seine menschliche Familie und lenkte ihn ab. Knut nahm sofort Kurs aufs Innengehege. Wie ich glaube, war es nicht so sehr die Rinderkeule, die ihn den jungen Mann vernachlässigenswert erscheinen ließ, sondern eher die Freude auf ein Spielchen mit seinen bewährten Bezugspersonen. Das war für ihn allen anderen Unterhaltungen vorzuziehen, nehme ich an.

Gefährlich wurde es dagegen für die Frau, die Ostern 2009 ins Gewässer der erwachsenen Eisbären sprang. Sie wurde erheblich verletzt, kam aber mit dem Leben davon, weil die Tierpfleger beherzt und geistesgegenwärtig reagierten. Die Eisbären wurden mit dem Knut vorenthaltenen Spielzeug aus der Asservatenkammer bombardiert, was sie sofort als spannende Unterhaltung und Abwechslung begriffen. Sie ließen von der Frau ab, den Pflegern gelang es, Rettungsring und Tau ins Wasser zu lassen, sie konnte sie ergreifen und hochgehievt werden. Die Frau war gerettet.

Wäre Knut nicht so berühmt gewesen, dann wäre der junge Mann auch nicht auf die Idee gekommen, ihm Gesellschaft leisten zu wollen. Und die Frau hätte auf dieses Abenteuer verzichtet. Vielleicht hätten sie ihr Leben auf andere Art aufs Spiel gesetzt. Nun war eben Knut der Auslöser, über den immer noch in den Zeitungen berichtet wurde. Weniger in den „seriösen“, aber häufig in den Boulevard-Zeitungen.

Vor Knuts Gehege fanden sich auch Leute ein, die auf andere Weise nicht der Norm entsprachen. Ihre lauten Zwiegespräche und Monologe nahmen einige der anderen Besucher nicht immer mit der notwendigen Gelassenheit auf. Sie notierten nur das ungewöhnliche Betragen, konnten aber keine Erklärung dafür finden und reagierten gereizt, statt es mit geduldigem Gleichmut hinzunehmen.

Eines Tages, es war ein Wochenendtag und sehr voll vor Knuts Gehege, rief ihm eine junge Frau mit heller und durchdringender Stimme ihre Botschaften hinüber. Alle merkten auf und hörten es. Allen schien klar, dass diese junge Frau psychisch aus der Norm fiel. Man reagierte zunächst gelassen auf die Situation. Was sollte man auch sonst tun? Aber als die junge Frau anfing, Knut Äpfel hinüberzuwerfen, verließ einige Knut-Freunde die Contenance. Sie taten so, als würde Knut ein Leid angetan. Vielleicht dachten sie an die böse Stiefmutter, die Schneewittchen mit einem vergifteten Apfel zu töten versuchte. Jedenfalls wurden der Kurator benachrichtigt und Pfleger herbeigerufen, um diese Person am Apfelwurf zu hindern.
Schließlich ging sie von Kurator und Tierpfleger eingerahmt Richtung Ausgang. Es wirkte so, als würde sie abgeführt werden. So ähnlich war es ja auch. Verzweifelt rief die junge Frau, sie müsse noch ihre Kinder mitnehmen. Sie war ohne Kinder gekommen. Ich nehme an, dass diese nur in ihrer Vorstellung existierten. Einige Knut-Freunde waren mit solchen Situationen überfordert. Sie brachten nicht die Geduld auf, die Frau zu beruhigen.
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mi 28. Jan 2015, 09:40

Knut und die Kinder

Knut fühlte sich zu allen Menschen hingezogen, besonders aber zu Kindern.

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In seinen ersten Lebensmonaten konnte ich nicht zweifelsfrei feststellen, ob er die Menschen vor seinem Gehege überhaupt wahrnahm. Dann aber, im Sommer 2007, nach Ende der Vorführungen und allein in seinem zweiten Gehege, wurde klar, dass er sie interessiert wahrnahm, ihre Aufmerksamkeit herausforderte und sie in seine Aktivitäten einbezog. Schwamm er zuvor meist den gesamten Graben lang, hin und her, von einem Ende zum anderen, mit Gegenständen spielend, so fiel mir irgendwann im Sommer auf, dass er nur an der Länge der Sichtscheibe entlang schwamm. Dort war er den Kindern ganz nahe. Er tauchte vor ihnen, schwamm auf dem Rücken, drehte Pirouetten, streckte die Hinterbeine aus dem Wasser und zeigte seine lustigen breiten Fußsohlen mit den schwarzen Zehenballen,

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stand Kopf, hechtete nach seinem Ball und betörte die Kinder hinter der Sichtscheibe, sprang hoch, schnappte freundschaftlich nach ihnen.

Die Kinder klatschten und waren begeistert. Das war ihr Kumpel Knut, mit dem sie sich identifizieren konnten. Sie hielten ihm als Beweis ihrer Zuneigung und ihres eigenen Kontaktbedürfnisses ihre Plüscheisbären entgegen. Viele Kindergärten besuchten Knut regelmäßig. Auch eine japanische Vorschule kam mit ihrem Lehrer.

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Die ungefähr fünf Jahre alten Kinder erhielten den Auftrag, Knut zu zeichnen. Die Ergebnisse waren bemerkenswert.

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Es war an einem grauen Novembertag im Jahr 2007. Fast niemand befand sich im Zoo. Doch, ein etwa dreijähriges Kind lag bäuchlings vor der Sichtscheibe. Es betrachtete Knut, und dieser betrachtete das Kind. Beide fühlten sich zueinander hingezogen. Anwesend war noch ein berüchtigter Fotograf, der immer mal wieder versucht hatte, mit Hilfe des Teleobjektivs und einer Leiter Einblicke ins Innere des Bärengeheges zu erlangen. Einmal veröffentlichte eine Boulevardzeitung das von ihm geschossene Bild, auf dem Thomas Dörflein und Knut im Hof des Bärenhofes miteinander schmusten. Der Direktor soll humorlos reagiert haben, als er die beiden im trauten Zusammensein abgebildet sah, obwohl er ein strenges Kontaktverbot ausgesprochen hatte. Wahrscheinlich war eine Abmahnung die Folge. Auch der Fotograf erhielt eine „Abmahnung“ der Zooleitung. Er durfte den Zoo fortan nicht mehr betreten. An den Kassen lag sein Foto aus, damit er sich nicht hineinschummeln konnte. Der Fotograf klagte gegen diese Entscheidung und bekam Recht. Der Zoo wäre sein Arbeitsplatz und ihm würde seine Erwerbsmöglichkeit genommen, wenn er diesen nicht mehr betreten dürfte.

Auf dem Bild, um das es hier geht, sah man ein Kind im roten Anorak, das, nur durch eine Scheibe von ihm getrennt, Knut studierte. Knut machte dem Kind Avancen, er wollte mit ihm spielen und schnappte vergeblich nach ihm. Zwar wusste er mittlerweile, dass die Glasscheibe eine Trennscheibe war, die ihm jeden körperlichen Kontakt unmöglich machte. Aber Knut gab nicht auf und überprüfte immer wieder die Möglichkeit, ob die Gegebenheiten sich vielleicht verändert hätten oder ob man auch trotz der Scheibe kurzweilige Spielchen machen könnte. Der Fotograf lag auf dem Boden und fotografierte Knut und das Kind. Knut schnappte nach dem – unerreichbaren – Kind, und die Boulevardzeitungen machten ihn zu einer Bestie, die dem unschuldigen und wehrlosen Kind nach dem Leben trachtet. „Der weiße Hai“, dritter Teil. Knut war immer noch ein Thema, das die Stadt bewegte. Viele wussten jetzt Bescheid: Das Raubtier kommt bei Knut durch! Der Zootierarzt Dr. Ochs stellte in einem Interview richtig, dass Knut in den Kindern vermutlich Artgenossen gesehen hatte und bei einer tatsächlichen Begegnung mit dem Kind lediglich an diesem gezupft hätte, um mit ihm zu spielen. Ein aggressiver Akt seitens Knut sei ganz unwahrscheinlich gewesen. Ich vermute darüber hinaus, dass Knut aufgrund der Körpergröße, der kindlichen Spontaneität und des Spielverhaltens so etwas wie eine Verwandtschaft mit menschlichen Kindern empfand.

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Zur Wiedergutmachung erschien in der BZ eine Bilderserie, die Knut in geistreich umgedeuteten Posen zeigten: Knut als Papst, Hamlet, Rocker, Filmstar. Es war alles sehr witzig und liebevoll gemacht, eine Sternstunde des Knut-Fotojournalismus. Die Bilderserie hätte eine größere Beachtung, wenn nicht einen Preis verdient gehabt!

Nachdem Knut zunächst den Eindruck haben musste, dass auf der großen Freianlage, auf die er Anfang September 2010 umquartiert wurde, keine Monster auf ihn lauerten, genoss er die Gunst einer Schar von kleinen, kleinsten und großen Kindern, die sich vor einer nun sehr viel größeren Glasscheibe drängten, um ihn zu sehen. Mit denen hätte er so gerne gespielt. Dann wurde er aktiv, drehte Pirouetten, gab den Delphin, „schmuste“ durch die Scheibe und kratzte mit seinen Tatzen nach den Plüscheisbären, die die Kinder ihm hinhielten. Was auf ihn zukommen sollte, vermochte er sich nicht vorzustellen. Dass drei alte Eisbärinnen ins Haus standen, ahnte er vielleicht, ignorierte es aber erst einmal. Die befanden sich nämlich vorerst noch im Mutter-Kind-Nachbargehege und schauten gelegentlich herüber, konnten ihn aber nur von wenigen Punkten aus erblicken.
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mi 28. Jan 2015, 17:45

Ballspiele

Knut liebte es, mit Bällen, Säcken, Textilien, Baumstämmen zu hantieren. Er nahm sie ins Maul, schleuderte sie weg, sprang danach, tauchte unter ihnen her, nahm sie in den Arm, schlang sich Tücher wie Turbane um den Kopf und verhüllte sein Antlitz wie die zwanzigste Ehefrau eines saudischen Prinzen.

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Den Holländer-Michel aus dem Schwarzwald1 gebend, schulterte er dicke Äste, biss in kapitale Stämme, die seine Kiefern gerade umfassen konnten, und schleuderte damit herum wie beim Wettkampf auf dem Flößerfest.


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Besonders beeindruckend war, dass er ein Ballspiel ersann, in das er die Besucher als gleichberechtigte Partner einbezog. Eines Tages hatte er einen zerbissenen Ball im Maul, nahm mehrmals mit seinem mächtigen Hals Schwung, wobei er jeweils den Kopf hob und senkte, schleuderte den Ball schließlich über den Wassergraben, und seine Freunde fingen ihn auf. Sofort begriff man Knuts Absicht und warf ihm den Ball zurück. Manchmal konnte er ihn mit dem Maul auffangen. Fiel er in den Graben, sprang er hinterher. Manchmal hatte er aber keine Lust, sich nass zu machen und wandte sich anderen Tätigkeiten zu. Seine Freunde waren dann enttäuscht.

Ballspielen mit Knut war bald eine der vergnüglichsten Tätigkeiten im Zoo. Besorgte Eltern retteten ihre Kinder vor dem Computerspiel mit dem Versprechen: Wir gehen in den Zoo, mit Knuti Ball spielen. Seriöse Damen wetteiferten, Knuts Bälle aufzufangen. Oft landete der Ball zwischen Scheibe und Sicherheitsreling. Dann hievten sich ungelenke ältere Herren und Damen unerschrocken über das Geländer oder Kinder wurden heruntergelassen, um Knut den Ball wieder zurückzuwerfen. Wie groß war das Glück, wenn man einen Ball direkt fing, und wie enttäuscht war Knut manchmal über seine Freundinnen, die mit ihren Würfen noch nicht einmal die Distanz des Grabens überwinden konnten. Da hieß es hineinspringen oder sich beleidigt abwenden. Das Glück kannte keine Grenzen, wenn Knut eine Freundin dreimal in Folge anspielte und der Ball auch aufgefangen wurde. Meinte er tatsächlich mich? Ja, das konnte unmöglich ein Zufall sein. Dreimal schon habe ich seinen Ball gefangen. Glückwünsche von allen Seiten – und ein wenig Neid. Lass doch mal die Kinder ran! Du fängst ihnen ja alle Bälle weg! Widerspruch: Der Ball war für mich bestimmt! Wir wurden euphorisch und infantil.

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2010

Giovanna ist weg und Knut spielt nun endlich wieder Ball mit seinen Freunden

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Welch eine Auszeichnung, mit einem Bären Ball spielen zu dürfen! Aus keinem Zoo dieser Welt war uns ein solches Phänomen bekannt. Knut hatte Ausdauer und großen Spaß am Spiel, manchmal lief es über eine halbe Stunde hin und her. Was ging hier vor? Ich frage mich bis heute, ob wir wirklich erfasst haben, was sich hier abspielte. Es muss etwas Unerhörtes, Außergewöhnliches gewesen sein. Das jedenfalls erahnten wir. Ein Knutfreund erzählte mir, er habe geweint, als er diese Szenen im Blog sah.

Im Folgenden schildert ein Journalist der Berliner Morgenpost seine Erlebnisse:

Berliner Morgenpost
Mit Darwin und Knut durch den eiskalten Zoo
Dienstag, 10. Februar 2009
„Darwin! Der runde Geburtstag am 12. Februar füllt jetzt schon alle Medien. Beim "Struggle for Life" gilt es, schneller zu sein als die anderen. Vielleicht ein Relikt aus der Epoche der Sammler und Jäger.
Dabei hat die Evolution, die Darwin als Grundgesetz allen Lebens auf der Erde herausfand, bis heute 350 Millionen Jahre gedauert, ganz ohne Eile.
An diesem eiskalten Sonntagvormittag im Berliner Zoo gilt es, Entbehrungen auszuhalten, um der Evolution zuzuschauen. Der Wind beißt ins Gesicht. Wehe dem, der leichtsinnig seine Handschuhe vergessen hat. Die Natur bestraft alle, die ihr Verhalten nicht zweckmäßig anpassen. Zu spät, ich bin schon auf dem Weg zu Knut. Die Anthropologie sagt, dass auch die Zivilisation, also das Entwickeln von Werkzeugen und Hilfsmitteln, zur menschlichen Evolution gehört. Vom Zoo aus sind ihre Zeichen zu sehen: Das Rattern der Züge vom Bahnhof und der Mercedes-Stern hoch über dem Europa-Center erinnern an das Rad.
Das Chemie-Logo von Bayer auf dem Nachbar-Hochhaus zeugt für die Fortschritte des Kräutersammelns. Und die zerstörte Gedächtniskirche mahnt, dass Evolution auch destruktive Kräfte freisetzen kann. Auf dem Weg zu Knut begegnen mir Mütter und Väter, die Kinderwagen schieben. Die Babys sitzen so, dass sie in die Gegend schauen müssen statt in die Gesichter ihrer Eltern. Jeder weiss, dass die frühkindliche Sozialisation über das Nachahmen der elterlichen Mimik erfolgt. Die Menschen müssen offenbar auch falsche Wege ausprobieren.
Wo ist Knut? Ich irre herum. Ein wesentlicher Schritt der Evolution war die Erfindung der Sprache aus dem Ritual von Frage und Antwort: Weitergabe nützlichen Wissens in der Horde. Ich lerne von einem Erfahrenen: Einmal rechts, gleich hinter den Wölfen!
Und schon zeigt sich, dass ich jetzt richtig bin: Menschentrauben, umlagern Knuts Revier mit "Hoj" und "Hoh" und "Oh". Alle drängeln . "Ich möchte auch mal!"
Und nun geschieht das, was Darwin für den erstaunlichsten Schritt der menschlichen Evolution gehalten hat: Verzicht der Stärkeren auf ihre Durchsetzungsmacht um des besseren sozialen Klimas willen - das langfristig für das Überleben der Spezies wichtiger ist als alles andere: "Komm, wir lassen jetzt mal die anderen ran." Knut wirft geschickt mit dem Maul einen zerbissenen Fußball ins Publikum. Immer wieder. Man kann sich nicht satt sehen an dem Hin und Her, das den Akteur und Zuschauer gleichermaßen begeistert.
Die Ohren und Nasen frieren, meine Hände werden steif. Aber alles ist vergessen, weil das sympathischste aller Evolutions-Prinzipien am Werke ist: das Spiel.
Bis morgen
Ihr
Christoph Stölzl“


Bedauerlicherweise wurde dieses lustige Treiben von Seiten des Zoos nur hingenommen, nicht aber unterstützt, auch nicht in der Form, dass man jederzeit geeignete Bälle oder Wurfobjekte zugelassen hätte. Knut hatte häufig nur zerknautschte Ballfragmente zur Verfügung, die sich schlecht handhaben und werfen ließen. Man hätte jederzeit auf Spenden zurückgreifen können. Wie begeistert Eisbären mit geeigneten Bällen spielen können, sieht man auf Blog-Videos unter anderem aus dem Wuppertaler Zoo, wo Vilma und Anori ein eiförmiges orangefarbenes Objekt (eine Art Rugbyball) neben vielen anderen Spielsachen zur Verfügung haben.1

Fotos von Barbara Scheer

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Es war manchmal geradezu bewegend anzusehen, wie Knut mit den Kindern Kontakt aufnahm. An einem warmen Abend im Juni 2008 näherte sich ein Junge, ungefähr acht Jahre alt, dem Gehege. Wir unterstellten, dass Knut, übertragen auf menschliche Entwicklungsstadien, ungefähr gleichaltrig war. Der Junge spielte mit einem großen Nivea-Wasserball, kam ans Gehege und schlug mit der Hand den Ball auf. Knut rannte nach vorne, die Ohren hochgestellt, mit einem höchst interessierten und animierten Gesichtsausdruck. Oh, ein Junge, und auch noch ein Ball! Der will mit mir spielen. Da sage ich nicht nein. Endlich Gesellschaft. Und Äktschn. Knut hatte Monate zuvor auf dem Bärenhof mit einem anderen gleichaltrigen Jungen schon einmal Ball gespielt. Dann aber erkannte er, dass dieser Junge hier ihm den Ball nicht hinüberwerfen würde, dass er schon gar nicht zu ihm kommen würde, um mit ihm Ball zu spielen, und Knut guckte enttäuscht und resigniert. Verlegen blickte er nach unten, scharrte ersatzweise mit der Pfote im Gras. Wie oft war er schon enttäuscht worden, gehörte er doch nicht zur Menschenwelt, allein gelassen, sich selbst überlassen. Resignation war ein Teil seines Alltags geworden. Die mitleidigen Zuschauer sorgten dafür, dass der Junge nicht mehr mit dem Ball auftippte. Er wurde gebeten, die Luft herauszulassen, damit Knut den Ball nicht mehr sehnsüchtig anschauen konnte. Die zusammengefallene Hülle wurde versteckt, der Junge zeigte Knut die leeren Hände.
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Aus dem Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff.
Anneliese
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mi 28. Jan 2015, 19:04

Tiergefährte Knut und die Moral des Umgangs mit ihm

An dieser Stelle einige Überlegungen in Anknüpfung an Ausführungen der Philosophin Ursula Wolf zum Mensch-Tier-Beziehungstyp der “Tiergefährten”: Als “Tiergefährten” bezeichnet sie solche Tiere, die in naher Beziehung zu Menschen leben. Gedacht wird dabei von Frau Wolf in erster Linie an Hunde und Katzen, aber es gibt durchaus Parallelen zum Fall Knut. Für Tiergefährten können Menschen so etwas wie soziale Partner und Freunde sein. Daraus ergeben sich bestimmte Erwartungen und Ansprüche.

“Was hier die Moral ausmacht, sind sogenannte spezielle Verpflichtungen, die in persönlichen Bindungen als Folge einer engen Interaktion entstehen. Solche Interaktionen erzeugen berechtigte Erwartungen, die nicht durch Leistungen und Gegenleistungen entstehen, sondern aus einem geteilten Leben, aus Kooperation und Interaktion hervorgehen. (...) So kann ein Tier aus Gewohnheit erwarten, dass man es beachtet und lobt, mit ihm spielt und es streichelt.”1


Für Knut waren die Tierpfleger, aber auch die Zuschauer (einige häufige Besucher hatte er sich sehr wahrscheinlich gemerkt), Gefährten oder Quasi-Gefährten, Bestandteile seiner sozialen Welt und Interaktionspartner. Er war den Menschen zugewandt und erwartete seinerseits Zuwendung. Er richtete, wenn er dazu aufgelegt war, Erwartungen an sie, mit ihm zu spielen, weil er das seit seiner Kindheit so gewohnt war. Er machte sogar selbst Angebote und ließ sich etwas einfallen (Ballwerfen). Wenn er Lust dazu hatte, ihm eine solche Interaktion aber verweigert oder unmöglich gemacht wurde, litt er, ebenso wenn er keine (neuen) Gegenstände zur Beschäftigung hatte. Sofern man ihn ohne vernünftigen Grund unter einem solchen Mangel leiden ließ, handelte es sich um einen Verstoß gegen eine spezielle moralische Verpflichtung, die sich aus der besonderen Beziehung seiner menschlichen Umgebung zu ihm ergab. Die Verweigerung von Beschäftigungsmöglichkeiten, die im Rahmen einer modernen Zootierhaltung ohnehin nahegelegen hätten, wog also im Fall Knut besonders schwer.

2 Anhang (23) Seite 320f.
3 Wolf, U. 2012, S.96f.
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Do 29. Jan 2015, 08:12

Schneebälle

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Ein anderer Junge kam auf die Idee, und wir nahmen sie begeistert auf. Knut war sowieso in guter Stimmung, beschäftigte sich ausdauernd, heiter und angeregt mit den Spielsachen, die man ihm gelassen hatte: Brett, Aussiedog. Nun auch noch Schneebälle. Der Bär spielte mit seinen Freunden, unterbrach gerne sein Einzelgänger-Dasein, um sich mit uns auszutauschen und um seine Ballbeherrschung zu verbessern. Er begriff sofort, was er mit den ihm zugeworfenen Schneebällen anzufangen hatte. Er hob diese auf, trug sie stolz im Maul davon und verspeiste sie dann. Schnell hatte er erfasst, dass er sie nicht zurückwerfen konnte, hatten sie doch nicht die notwendige Griffigkeit und Festigkeit. Aber er wurde sich seiner Begabung als Torwart bewusst und winkte die Schneebälle herbei: Nur zu, ich bin bereit! Viele Bälle fing er mit dem Maul. Das war ja ein interessantes neues Spiel. Nur war er hier auf einsatzbereite Mitspieler angewiesen, die nicht zu faul waren, die Bälle zu formen und ihm zuzuwerfen. Einige hatten jedoch nach kurzer Zeit keine Lust mehr und gingen. Knut guckte enttäuscht.

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Wurden die Freunde müde, schaute er sie auffordernd an, dazu brauchte es keine Worte. Am liebsten stellte er sich aufrecht auf seinen Aussichtsplatz und erwartete die Bälle. Kam ein Ball geflogen, riss er sein Maul auf und fing den Ball. Verfehlte er ihn, suchte er ihn im Schnee und nahm ihn behutsam in sein Maul, drehte damit ein paar Runden, bevor er ihn hinlegte und sorgsam verspeiste. Er fand das Spiel aufregend, visierte vornüber geneigt die kommenden Bälle an oder er stand, wie der Tormann beim Elfmeter, aufrecht und winkte: Hierher mit dem Ball! Manchmal berührte der Ball seine Wangen, wenn der haarscharf an ihm vorbeisauste. Beide Seiten wollten sich noch vervollkommnen. Knut hätte noch stundenlang spielen können, wenn nicht seine Mitspieler aufgegeben hätten, weil sie beispielsweise noch andere Zootiere besuchen wollten. Das fand Knut schade. Er hätte gerne weitergespielt. Knut mochte keine passiven Besucher, auch Besucher haben Verpflichtungen! Entweder mitspielen oder etwas mitbringen!
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Aber ein intelligenter Bär kennt keine Langeweile, solange er irgendetwas vorfindet. Da war ja noch seine Sperrholzplatte, die mit etwas gutem Willen wie ein Surfbrett aussah. Im Sommer war sie noch ziemlich groß, sie mochte wohl der Einlegeboden eines Kleiderschrankes gewesen sein. Knut hantierte damit, als wäre er Möbelpacker oder Jongleur. Das Brett wurde in den Graben geworfen, hinterher gesprungen, darunter getaucht, gewendet, gestemmt, seitwärts verkantet, draufgesprungen, gekippt, gekratzt und in zahllosen Variationen bearbeitet. Davon nahm das Brett Schaden, aber das machte nichts, denn nun eröffneten sich neue Möglichkeiten: Ein Loch deutete sich an. Mit Hilfe seiner Eisbärenzähne konnte man das Loch erweitern, und siehe, schon passte die Tatze hindurch. Der Berufsfotograf, der täglich gewissenhaft seiner Pflicht zur Dokumentation aller Tages- und Lebensabschnitte von Knut nachkam, mochte nicht zur Mittagspause ins Zoorestaurant gehen, denn es war absehbar, dass das Loch im Brett bald so groß sein würde, dass der Bär seinen Kopf durchstecken könnte.

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Als wir Schneebälle formten und Knut zuwarfen, beobachtete er uns genau, erwartungsvoll und auffordernd, um dann die geworfenen Schneebälle aufzufangen, die heruntergefallenen zu suchen und zu verspeisen. Wir konnten sehen, dass er mit der Tatze versuchte, Schnee zusammenzuschieben. Mag sein, dass diese Bewegung zufällig war, wir aber als seine Bewunderer hielten nichts für unmöglich. Dass Knut intelligent war und von sich aus die Zuschauer zu interaktivem Spiel aufforderte, war uns selbstverständlich. Dass er beobachten und eins und eins zusammenzählen konnte, war ganz klar. Er war ein denkendes, planvoll und zielgerichtet handelndes Wesen. Warum sollte er nicht nachmachen wollen, was er bei uns sah? Wobei eben diese Intelligenz ihm half, sein Vorhaben rasch aufzugeben, denn Schnee mit einer Eisbärentatze zu Kugeln zu formen, ist fast aussichtslos.4 Bei solchen Gelegenheiten wurde mir bewusst, wie eingeschränkt doch viele Tiere leben, wenn ihnen der Daumen fehlt, wenn sie mit der Pfote keine Hohlform bilden können, und so weiter, von der Sprache wollen wir gar nicht erst reden. Es muss einmal gesagt werden: Die Schöpfung hat so ihre Mängel!

4 Eine Knut-Freundin hat mich korrigiert: Sie hat ein Foto von Knut gemacht, auf dem zu sehen ist, wie er eine große Kugel (für Schneemänner geeignet) zusammenrollte!
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Do 29. Jan 2015, 19:29

Der mäkelige Feinschmecker

Ungläubigkeit und Begeisterung hielten sich die Waage, als im Blog berichtet wurde, Knut habe Herrn Röbke einen Salatkopf zurückgeworfen. Im Laufe der Zeit hatte Knut eine Geringschätzung gegen Salat und Äpfel entwickelt. Sie waren im Verlauf seiner Entwicklung zum Gourmet an die letzte Stelle der Beliebtheitsskala gewandert. Die Speisen, die danach folgten, waren meist erheblich interessanter (Lachs!), und Knut wollte nicht mit Banalitäten aufgehalten werden. Das wussten die Pfleger, denn Knut ließ vom Salatkopf oder Apfel sofort ab, nachdem er ihn zunächst reflexartig aufgefangen hatte. Beides ließ er dann einigermaßen lustlos bis angewidert aus dem Maul fallen. Meistens dümpelten sie daraufhin unbeachtet im Wasser, bis er sich irgendwann erbarmte, weil nichts anderes mehr da war. Giovanna war nicht so geschmäcklerisch und fraß ihm gerne alles weg.

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Nun also hatte er den Salatkopf erstmals nicht nur gefangen, sondern postwendend auf die Rückreise geschickt. Das war die Sensation. Wie sollte der Knut-Observator das anders deuten, denn als Verachtung und Protest gegenüber ungeliebten Bestandteilen seines täglichen Menüs: Kannst du selber essen, lieber Marcus! Er wiederholte dieses Verhalten noch einige Male; ich hatte das Glück, ein paar Tage später selbst dabei zu sein. Allmählich machte es den Pflegern Spaß, ihm Äpfel und Salat zuzuwerfen, gespannt auf seine Reaktion. Man konnte seiner prompten Reaktion jedes Mal sicher sein, wie beim Suppen-Kaspar. Anders als beim Suppen-Kaspar wurde die Verweigerung aber nach dem verschmähten Gang sofort beendet.

Knut, als ihm der Salat noch schmeckte
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Was ist das Besondere am Ballspiel und am Zurückwerfen von Salatköpfen? Es ist die Interaktion mit Menschen, die Knut ohne Anleitung und Vorbild von sich aus betrieb. Und die Geste des Unwillens. Ich weiß von keinem Hund, der einen Ball zurückwirft. Oder einen Knochen, den er nicht mag; er würde ihn lediglich fallenlassen.

Die Tierpflegerin erzählte von einem weiteren bemerkenswerten Vorfall. Gerade hatte er ein Baguette mit dem Maul aufgefangen, da sah er die Pflegerin mit einem Lachs in der Hand zum Wurf ausholen. Wie sollte er den Lachs auffangen mit einem Baguette im Maul? Ließ er es fallen, lauerten diebische Krähen. Knut erkannte sofort: Die Flugdauer des Lachses unterschritt entschieden die Zeit, die man zum manierlichen Verzehren eines Baguettes benötigte. Knut war ein ausgesprochener Genuss-Esser, langsam und sorgfältig ging er zu Werke: Bissen für Bissen verspeiste er Baguettes oder Rosinenbrote. Sorgfältig knabberte er auch Plattfische ab, erst auf der einen Seite, dann auf der anderen. Zurück blieben jeweils Grätengerippe, bevor er auch diese zerkaute. Also, wohin mit dem Baguette? Einfach fallen lassen wie den ungeliebten Apfel hieße, die welsche Weißbrotstange gering zu achten. Er schätzte Backwaren gar sehr, und so ließ er ihr die nötige Achtung zuteil werden, indem er sie aus dem Maul frei gab, mit seinem Arm auffing und mit der Pfote unter seine Achsel schob. So konnte er mit dem Maul den Lachs auffangen und sicher vor sich ablegen. Nur die Baskenmütze und die Gauloise im Mundwinkel fehlten noch.

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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Do 29. Jan 2015, 20:24

Die breite Pfote als Kleinbühne

Knut besaß anders als Bao Bao keinen sechsten Finger, den er wie dieser als Daumen einsetzen konnte. Der hielt gar zierlich einen Zweig Bambus oder ein Achtel Honigmelone in der Pfote und biss davon genüsslich ab. Es erforderte Übung und Anstrengung für Knut, die dicken Pfoten zum Greifen, Hantieren, Präsentieren und Fixieren zu benutzen. Es zeugte von großem Geschick, die Gegenstände seines täglichen Gebrauchs dennoch mit den Pfoten zu handhaben oder auf dem Pfotenrücken zu balancieren. Der Pfoten(Hand-)rücken war immerhin tellergroß und konnte als kleine Servierplatte, als Arbeitsfläche oder als Mini-Bühne benutzt werden.

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So hantierte Knut mit seinen kleinen Spielzeugen wie dem rosa Gummi-Igel, aber auch einmal mit einer verirrten lebendigen Schildkröte; die schob er hierhin und dorthin und betrachtete sie aufmerksam. Auch die großen Eisbären wussten geschickt mit ihren scheinbar ungelenken Pfoten umzugehen, so dass Walnüsse und Brötchen dekorativ darauf zu liegen kamen, bevor sie sorgsam betrachtet und anschließend manierlich verspeist wurden.

Übrigens gibt es einen YouTube Film, der Knut in der Begegnung mit einem Frosch zeigt. Knut hatte dieses lebendige Spielzeug in seinem Graben entdeckt, den Frosch genau betrachtet und versucht zu erhaschen. Ein paar Male schaffte es Knut, das widerspenstige Spielzeug auf seinem Pfotenrücken zu platzieren, aber da war das Zwerglein auch schon wieder davon gehüpft. Knuts Gesichtsaudruck zeigte eindeutig gutmütige Freude über dieses nie gesehene, unverhofft aufgetauchte interessante Lebewesen. Aber schwupp, schon war es wieder weg. Knut gab keine Anzeichen, Gewalt anwenden oder seine Liebe zur französischen Küche konsequent fortzusetzen zu wollen. Er wollte wirklich nur spielen und zart mit dem Spielzeug umgehen. Eisbären sind keine Gewalttäter (Robben weghören!). Jedenfalls nicht ohne Hunger und Not. Sie gehen auch mit den filigransten Gegenständen umsichtig und behutsam um. Und sie sind unerhört neugierig. Natürlich hat der Frosch überlebt, wenngleich ihm diese Erfahrung vermutlich fürs Leben reichte. Aber Knut hätte gerne zu ihm gesagt, was Thomas Dörflein immer zu ihm sagte, wenn Knut zum Wiegen in die Kiste steigen sollte, er das aber unattraktiv fand und immer wieder ausstieg: Nun sei doch nicht so, Knut! Stell dich nicht so an, Frosch! Oder: Verweile doch, du munterer Gesell!
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Fr 30. Jan 2015, 08:34

Der menschenähnliche Knut

Bären können auf zwei Beinen stehen. Beim Menschen wurde diese Fähigkeit als bedeutsamer Fortschritt in seiner Entwicklungsgeschichte gefeiert. Manchmal erheben sich Bären sogar auf die Fußspitzen. Sie können sich so problemlos einen Überblick verschaffen, die Lage sondieren und, im Falle von Knut, die Leckerbissen bei der Fütterung mit dem Maul auffangen. Den wildlebenden Eisbären werden nicht so viele gebratene Tauben ins Maul fliegen, so dass sie diese Fähigkeit erst trainieren müssten. Wahrscheinlich können sie aber von Natur aus fangen, zumindest mit dem Maul. Sie können Bälle fangen, Bälle zurückwerfen, sich aufrecht hinsetzen, als befänden sie sich im Fernsehsessel, aufrecht durchs Wasser waten, was durch den Wasserauftrieb noch unterstützt wird. Aber gesehen habe ich die Ausübung dieser menschenähnlichen Fortbewegungsweise nur bei Knut.

Im März 2011 pflegte er also aufrecht, die Arme waagerecht vor sich haltend, wohl wegen des besseren Gleichgewichts – wahrscheinlich aber, um diese vor dem Nass zu bewahren - auf zwei Beinen gehend, durchs Wasser zu waten. Wenn die drei großen Eisbärinnen nach 15 Uhr ins Innengehege gerufen wurden, nahte seine Stunde als Alleinherrscher der Außenanlage. Sofern er sich vorher, um seine Ruhe zu haben oder des besseren Überblickes wegen, auf die Toscana-Insel gerettet hatte, konnte man sicher sein, dass er es nun wieder Christophorus gleichtun würde. Am 17. März 2011 war es wieder soweit. Gitterklappe zu, Eisbärinnen drinnen, und Knut ließ sich, mit den Hinterbeinen zuerst, vorsichtig ins Wasser gleiten. Bodenberührung hatte er, wenn das Wasser ungefähr seinen Bauchnabel berührte. (Haben Eisbären einen Bauchnabel? Ja, haben sie!) Dann streckte er die Arme (Vorderbeine) nach vorne und schritt würdevoll seines Weges, zum Festland hin. Warum machte Knut das? An Land ging er höchstens mal zwei Schritte weit aufrecht. Mehr war für einen Bären wohl zu beschwerlich.

Wie kam er auf die Idee, aufrecht auf zwei Beinen zu gehen, wenn er sich im Wasser befand? Lernen durch Versuch und Irrtum, vermute ich. Knut schwamm und spielte zwar gerne im Wasser, wenn ihm danach war und nach Überwindung des ersten Schocks. Zunächst war er aber wasserscheu, türmte Hemmschwellen auf und vermied die Begegnung mit dem nassen Element, besonders, wenn es kalt war. Ich kann ihm das sehr nachfühlen, aber ich bin schließlich kein Kind des Eismeeres. Es kostete Knut immer Überwindung, im Winter seine Nahrung aus dem kalten Wasser zu fischen. Immer versuchte er der Begegnung mit dem nassen Element auszuweichen, indem er die „Komm-herbei-Rudermethode“ anwandte. Zu diesem Zwecke musste er zwar seine Vorderbeine ins Wasser stecken, aber seinen Leib hoffte er mit dieser Methode vor dem Wasserkontakt bewahren zu können. Abwechselnd ruderte er nun mit den Vorderbeinen im Wasser, um eine Strömung zu erzeugen, die das begehrte Gut vor seine Nase trieb. Manchmal hatte er Erfolg mit dieser Methode, meistens aber nicht. Dann musste er hinein ins kühle Nass. Der Grad seiner Wasserscheu hing natürlich mit dem Grad der Begehrlichkeit gegenüber dem Nahrungsangebot zusammen. Für einen Lachs ließ er schon mal alle Vorsicht fallen, selbst wenn eine Eisschicht das Wasser bedeckte. Einen Apfel oder Salatkopf ließ er um die Biegung des Grabens entkommen.

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Video : Knut lässt sich ins Wasser gleiten

https://www.youtube.com/watch?v=GXXEzy3FJ6o

https://www.youtube.com/watch?v=_0LNtUOuFoU

Wenn er sich also ins Wasser gleiten ließ, rückwärts, mit den Hinterbeinen zuerst, um den Augenblick des Erschauerns durch die Berührung mit dem kalten Wasser hinauszuzögern, dann, oh Schreck, reichte das Wasser ihm bald bis zur Taille. Irgendwann blieb er so stehen, schritt alsdann voran, und das Wunder geschah: Er wandelte aufrecht durchs Wasser. Seine
Freunde waren begeistert, bewies Knut doch stets aufs Neue seine Lernfähigkeit. Nun gab es weiteren Anlass, keinen Besuchstag im Zoo auszulassen, denn, so erwartete man, es würde kommen der Tag, an dem Knut auf dem Wasser wandelte. Aber ich weiß, ich versündige mich mit solchen Bemerkungen! An der frommen Spitze des Zoos würde man, rückblickend, wohl sagen „das kommt davon!“

Bären erinnern in der Pose der aufrechten Gestalt an die des Menschen. Knut hantierte mit seinen Armen wie ein Mensch. Zwar fehlten ihm die Hände mit griffbereiten Fingern, vor allem fehlten ihm die Daumen, um Möhren bequem halten zu können, von denen er gerne so zierlich abgebissen hätte wie Bao-Bao.

Video BAO BAO beim Futtern

https://www.youtube.com/watch?v=Zs-Hd1ayIlU


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Immerhin bewerkstelligte Knut das mit zwei Pfoten. Die zweite Tatze ersetzte in Grenzen den Daumen. Panda-Bären haben, wie erwähnt, so etwas wie einen Daumen, ein sechstes Fingerglied.

Knut entwickelte eine große Fertigkeit, diese Mängel auszugleichen. Häufig stand er aufrecht und hielt eines seiner Lieblingsspielzeuge oder seinen Jutesack über den Arm gehängt. Mich erinnerte er dann immer an eine Hausfrau, die sich ein Wäschestück über den Arm gehängt hatte, oder an einen korrekten Wiener Kellner im Café Schwarzenberg mit seiner Leinenserviette. Knut und Giovanna liebten es auch, mit viel Aufwand und Energie Gegenstände in Ritzen, Spalten oder Löcher der Felswand hineinzuquetschen, selbst dann, wenn es sich um sperrige Dinge wie ein „Surfbrett“ handelte. Welche Bedeutung mag das wohl in der Eisbärenwelt haben? Vielleicht das Verstecken von Beute.

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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Fr 30. Jan 2015, 09:10

Knut und sein Gärtner

Knut reagierte schon früh auf das Winken der Menschen und winkte manchmal mehr oder weniger deutlich zurück. Nur wenn er Lust dazu hatte, nicht automatisch-reflexmäßig. Eine Ausnahme bildeten die Begegnungen mit dem Gärtner, da winkte er fast immer. Später äußerte der Tierpfleger Herr Henkel einigermaßen missgestimmt, Knut wäre kein Winkebär, sondern ein Eisbär; auch wenn die alten Damen sich noch so sehr nach dem Winkebär zurücksehnten, bald würden sie Knut als richtigen Eisbären erleben! Giovanna sollte es möglich machen.

Im Laufe des Tages tauchte immer irgendwann der Gärtner auf, genauer Knuts Gärtner. Knut und er waren dicke Freunde. Einige vermuteten, dass der Gärtner vor Öffnung des Zoos mit ihm seine Butterbrote teilte. Sobald sie sich von weitem erblickten, fingen beide an zu winken. Knut hob seine Tatze grüßend und senkte sie wieder. Beim Gärtner mochte Knuts Winken mit dem geteilten Frühstücksbrot zu erklären sein (Betteln), falls er das tatsächlich bekommen haben sollte. Er winkte aber - wenn er dazu aufgelegt war - auch ohne Belohnung. Knut schaute die Menschen, die ihm zuwinkten, interessiert an, und irgendwann hob er seine Tatze zum Gruß und, wie es schien, mit einer mehr oder weniger deutlichen Bewegung. Was hat ihn dazu bewogen, denn vor dem Beifall der Besucher war die Geste? Als er sie das erste Mal vollführte, wusste er noch nicht, dass ihm Beifall sicher war. Gehört es zum Verhaltensrepertoire von Bären, Bewegungen mit den Vorderpfoten (Armen), mit welcher Bedeutung auch immer, zu vollführen? Vielleicht hängt es einfach damit zusammen, dass er das Handaufheben sehr oft bei Menschen beobachtet hatte, als spontane Geste von Besuchern ihm gegenüber, als Auftakt zur Fütterung oder auch als Stop!-Zeichen beim Raufen mit Dörflein und seinen Kollegen.

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Ich erinnere mich an einen der ersten RBB-Filme: Knut sitzt nach der Flaschenfütterung noch bei Thomas Dörflein auf dem Schoß. Er zeigt große Zuneigung zu seinem Menschenvater. Knut berührt Dörfleins Gesicht mit seinem kleinen Maul und Dörflein hält ganz still. Er will Knuts Bedürfnis nach Liebkosung (oder Vergewisserung der Nähe) nicht abwehren. Dann langt Knut mit seiner kleine Tatze zu ihm hoch und streichelt ihm damit regelrecht über die Wange. Das ist so menschenähnlich, dass man sich kaum vorstellen kann, mit dieser Geste wäre etwas ganz anderes gemeint gewesen. Ich weiß nicht, ob Hunde und Katzen so etwas tun. Vielleicht sind Bären und Eisbären in einigen Verhaltensweisen und Ausdrucksformen dem Menschen ähnlicher als wir bisher wussten? Warum sollten einige Tiere uns nicht näher sein als andere? Bei den (Menschen-)Affen sind Affinitäten bekannt und anerkannt. Ich erinnere mich an einen Film über die Berggorillas in Uganda, in dem zu sehen war, wie eine Gorilla-Dame freundschaftlich den Arm um die Schultern des Filmemachers legte. Dass Bären in der Religion oder im animistischen Weltbild einiger nördlicher Ethnien einen götterähnlichen Status haben, leuchtet mir sofort ein.
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