Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Fr 23. Jan 2015, 11:08

Beschäftigung und die Moral der Zootierhaltung

Sowohl im ersten Gehege als auch im zweiten, ab Sommer 2007, wurde ein Mangel deutlich, der erst nur aus Gedankenlosigkeit entstanden zu sein schien. Dann offenbarte sich allmählich, dass dahinter Methode steckte. Knut erhielt offiziell kein Spielzeug. Manchmal fand er einen Ast, manchmal einen Stein, manchmal kullerte er mit seinem Trinknapf herum.

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Die Besucher waren enttäuscht und nahmen ganz zu recht an, dass es Knut besser gehen würde, wenn er Spielsachen um sich hätte.

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Dann wurde dem Druck der sich beschwerenden Besucher stattgegeben. Er verfügte nun über einige Objekte. Jetzt aber lehnte man die Annahme von Spielzeug aus Kunststoff ab. Die Gegenstände sollten aus natürlichen Materialien sein. Großes Rätselraten. Waren ein Fußball erlaubt oder ein Basketball? Aus einer norddeutschen Hafenstadt wurde ein Fender angeschleppt, garantiert aus Sisal.

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Dem Direktor passte das alles nicht, er mochte weder das Wort Spielzeug noch die Gegenstände, die man als solche hätte bezeichnen können. Er fand, dass Spielzeuge Menschenkindern vorbehalten sein sollten. Bärenkinder durften nicht „vermenschlicht“ werden oder so erscheinen. Er formulierte doktrinär und keinen Widerspruch zulassend, seine Tiere seien ihm so lieb, dass er verhindern würde, diese mit „menschlichem Müll“, wie er sich ausdrückte, abzuspeisen. Spielzeuge aus Plastik seien Müll, Abfall der Spezies Mensch. Dafür seien ihm seine Tiere zu schade. Nicht zu schade waren sie ihm offensichtlich für ein anregungsloses Leben in Langeweile oder für fragwürdige Zuchtprogramme.

Vilma wartet jeden Tag sehnsüchtig auf den Plastikkanister (Berliner Zoodirektor "Müll" ) und jongliert virtuos mit ihm

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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Fr 23. Jan 2015, 11:33

Bekanntlich gibt es anthroposophisch gesinnte Eltern, die ebenfalls etwas gegen Plastik haben und ihre Kinder nur mit Holzspielzeug spielen lassen. Wir hätten nichts gegen Spielmaterialien für Knut (und die anderen Tiere) aus lauter natürlichen Materialien gehabt. Kautschuk statt Kunstgummi, Sisal statt Nylon, Holz, Kork und Segeltuch statt Plastik. Internet-Kataloge wurden gewälzt. Im anthroposophisch inspirierten Angebot wurde Ausschau gehalten nach Spielzeugen, die der direktorialen Inquisition standhalten mochten. Allein, von Seiten des Zoos erhielt Knut keinerlei Spielsachen, natürlich nicht aus Plastik, weil des Teufels, aber auch keine aus sogenannten natürlichen Materialien. Selbst solche Naturobjekte, wie sie Eisbären in Nordsibirien, Kanada oder auf Spitzbergen in den Küstenregionen finden, also Treibholz, Baumstammabschnitte, Tau-Enden, wurden den Tieren nur äußerst knauserig zugeteilt. Die Besucher sahen sich weiter in Hundefachgeschäften um und studierten die Internet-Kataloge von Aussiedog, einer australischen Firma, die anregungsreich konstruierte, strapazierfähige Spielobjekte für Elefanten, Robben und Raubtiere aller Art anbietet.

Zwei dieser Objekte der Firma Aussiedog gelangten in Knuts Gehege, und er hat sich oft hingebungsvoll daran abgearbeitet. Es war genau das Richtige. Wegen der großen Bedeutung von Beschäftigungsmöglichkeiten für Zootiere, zumal so hochentwickelten wie Bären, zur Verbesserung ihrer Lebensqualität und zur Vermeidung von Schäden, z.B. Stereotypien, Abstumpfungen und Depressionen, wäre es wünschenswert gewesen, dass die Zooleitung wenigstens Kompromisse zugelassen hätte. Es gibt für Zootiere schließlich Schlimmeres als Kunststoff-Gegenstände. Wie es eine Tierpflegerin in einer der beliebten Zoosendungen des Deutschen Fernsehens ausdrückte: Die meisten Zootiere sterben nicht an Krankheiten, sondern an Langeweile. Den Tieren ist die Frage Kunststoff oder nicht („Jute statt Plastik“) völlig egal, für sie kommt es auf das Anregungs- und Herausforderungspotential der Gegenstände an. Kunststoff kann nur diejenigen stören, die im Zoo unbedingt an der Illusion einer reinen Naturszenerie festhalten wollen.

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Man konnte der Auffassung sein, es komme letztlich darauf an, dass die Tiere überhaupt Gegenstände zur Beschäftigung haben, und solche aus „natürlichen“ Materialen würden diesen Zweck ebenso gut erfüllen. Aber das eigentliche Skandalöse bestand eben darin, dass unter der Regie des Direktors die Tiere ganz generell mit Beschäftigungsmöglichkeiten unterversorgt waren. Autoreifen, mit denen die Elefanten im Tierpark Friedrichsfelde oft angeregt gespielt hatten, wurden entfernt. Es gab keinen Ersatz, und die Elefanten mit ihrem Spieltrieb ergingen und ergehen sich im Leeren.

Auf Langeweile und Leiden unter den Lebensverhältnissen im Zoo reagieren Tiere häufig mit stereotypen Verhaltensweisen, d.h. wiederholten und andauernden monotonen Bewegungen. Bei Elefanten ist es das sogenannte „Weben“, ein Hin- und Herschwenken des Kopfes, man kann es im Tierpark beobachten. Leider bildete auch Knut eine solche Verhaltensform aus und praktizierte sie häufig, soweit ich sie beobachten konnte, bis über eine Stunde lang. Knut lief dann permanent eine Strecke von etwa sechs Metern immer wieder hin und zurück (verstärkt ab Januar 2009).

Es ist nicht ernsthaft zu bestreiten, dass Beschäftigung die Lebensqualität von Zootieren erhöht und die Vorenthaltung von Beschäftigungsangeboten das Gegenteil bewirkt. Ab wann muss eigentlich von Tierquälerei gesprochen werden? Warum man in den Berliner Zoos die Lebensqualität der Tiere mindert, per Direktionsrecht offenbar auch mindern darf, versteht kein Mensch. Es ist zunächst schlicht unprofessionell und widerspricht den Einsichten und Standards moderner Zootierhaltung.

Unter dem Gesichtspunkt eines am Wohlbefinden der Tiere orientierten Tierschutzes1 ist ein solcher Umgang mit hochentwickelten Tieren im Zoo moralisch unakzeptabel, wenn auch vermutlich nicht justiziabel.

Die Tiere können leiden, und sie können sich wohlfühlen. Die elementare moralische Maxime gegenüber den Tieren im Zoo (wie gegenüber jedermann) besagt, dass man Leiden vermeiden und Wohlergehen ermöglichen soll.2 Als ein „Kern der Moral“ gilt, „das Wohlbefinden nicht durch Leidenszufügung und Einschränkung der Betätigungsmöglichkeiten zu verhindern.“3

Auch in wirtschaftlicher Hinsicht ist das Verhalten des Direktors nicht nachvollziehbar. Zur Kostenseite: Kosten wären nur in geringer Höhe entstanden, vermutlich hätte alles durch Sachspenden abgedeckt werden können. Zur Einnahmeseite: Gehege, in denen die Tiere zumeist apathisch „herumhängen“, sind Gehege, an denen die Besucher schnell vorbeigehen. Ist dagegen munteres Leben und Treiben angesagt, bilden sich schnell Ansammlungen vieler Zuschauer oder Menschentrauben. Der Zoo gewinnt an Attraktivität.

So war es bei Knut. Man darf also behaupten, dass der Direktor dem Zoo finanzielle Nachteile zufügt, wenn er auf die Attraktivität von beschäftigten Tieren verzichtet. Er hat dem Zoo Schaden zugefügt, indem er darauf verzichtete, Knut besonders herauszustellen. Jeder Geburtstag von Knut wurde gefeiert, und das mediale Interesse war jedes Mal groß. Aber stets lehnte die Zooleitung die Ausrichtung des Geburtstagsfestes ab. Nur der erste Geburtstag von Knut wurde vom Zoo organisiert, mit einer gespendeten Geburtstagstorte der Berliner Bäckerinnung, gespendeten Preisen für ein Preisausschreiben, Ansprachen, Informationsständen, großem Auftritt der Medien, usw.

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Beim zweiten, dritten und vierten Geburtstag schickte die Zooleitung den Kurator als Gesprächspartner für die zahlreich vertretenen Medien. Von Seiten des Zoos gab es darüber hinaus keine weiteren Bemühungen mehr. Alle Geschenke für Knut kamen fast ausschließlich von Knut-Freunden. Die Tierpfleger bedachten Knut jedes Mal mit einer Eistorte. Sie enthielt Obst, Gemüse, Nüsse, Fleisch, Makrelen oder Heringe. Die aus der Torte herausragenden Makrelen markierten das jeweilige Lebensjahr, das Knut vollendet hatte.

Der Zoodirektor dagegen wollte keine Feiern mehr für Knut. Man kann nur spekulieren, ob es tiefer liegende Gründe gab. Vielleicht fand er, dass einem Zootier eine so starke Beachtung durch Medien und Besucher nicht zustand. Vielleicht hatte er etwas gegen die Starrolle von Thomas Dörflein, und er übertrug das auch auf Knut.

Jedenfalls verkündete der Zoodirektor, Knut sei ein ganz normales Zootier, und der Kurator tat es ihm gleich. Gelegentlich gab es Anzeichen und Äußerungen, die darauf hindeuteten, dass der Kurator eine differenziertere Sicht auf Knut und dessen Freunde hatte und beiden mehr gerecht werden wollte, aber aus welchen Gründen auch immer wider die eigene Überzeugung der Linie des Direktors folgte. Fest steht, dass die Medien bei jedem Anlass im Zoo waren und die kostenlose Werbung für den Zoo und die Einnahmen jedes Mal größer hätten sein können, wären diese Anlässe genutzt worden. Wie groß muss das Unbehagen des Direktors über das Phänomen Knut gewesen sein, dass er auf die zusätzliche Reklame für den Zoo und die Mehreinnahmen verzichtete. Ganz sicher wäre der Publikumsandrang noch viel größer gewesen, wenn die Werbetrommel von Seiten des Zoos genutzt worden wäre. Es hätte niemandem geschadet. Aber all diese Versäumnisse schienen den Zoodirektor in seinem Amt nicht erschüttern zu können, obwohl es an öffentlicher Kritik hinsichtlich seiner Leitungspraxis und seines Verhaltens nicht mangelte.
1
„Im Tierschutzprotokoll der EU-Vertrages von 1997 werden Tiere als ‚fühlende Wesen’ anerkannt und die Verpflichtung festgeschrieben, ‚den Erfordernissen ihres Wohlergehens in vollem Umfang Rechnung zu tragen’“ Wolf, U. 2012, S.11
2
Diese gut nachvollziehbare Maxime und ihre Konsequenzen werden von Ursula Wolf, Professorin für Philosophie und Expertin in Fragen der Ethik im Verhältnis von Menschen und Tieren, seit längerem und so auch in ihrer neuesten Buchveröffentlichung zum Thema Tierethik (2012) erläutert. Sie gibt darüber hinaus einen Überblick über die tierethische Diskussion (2008, 2012), in der z. T. radikalere Positionen und weitergehende Konsequenzen zugunsten von Tieren als von ihr selbst vertreten werden.
3
Wolf, U. 2012, S.97
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Rose » So 25. Jan 2015, 23:52

Liebe Anneliese, liebe Biene,
wir warten sehnsüchtig auf die Fortsetzung... :oops: und deshalb möchte ich die kleine Unterbrechung nutzen,
um schon mal ein ganz herzliches Danke an Euch Zwei auszusprechen... [give heart] ...wir haben nichts vergessen,
vielleicht in ein gedankliches Schatzkästchen gepackt und nun können wir alles noch einmal erleben ... [hurra]
...es war eine wunderbare Zeit mit einem zauberhaften Bärenkind, das mit ganz viel Liebe von Menschenhand
aufgezogen wurde... [herzig]
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mo 26. Jan 2015, 17:09

Spielzeuge als Lebensretter

Immer mehr Spielzeuge landeten bei Knut, und anscheinend beschlossen der Direktor bzw. seine Berater, Knut einiges davon zu belassen, um Proteste zu vermeiden. Allerdings nahm man ihm viele Spielzeuge wieder weg oder rückte sie gar nicht erst heraus. Auf Nachfragen sagten die Pfleger immer: Das liegt irgendwo im Graben. Und von dort brachte er in der Tat immer wieder etwas ans Tageslicht. Zum Beispiel einen grünblauviolett verfärbten Ochsenschwanz, Monate oder Jahre alt. Wir wussten nicht, ob er so scheußlich roch wie er aussah, jedenfalls hatte er für Knut, mangels Alternativen, seinen Reiz.

Es stellte sich heraus, dass es so etwas wie eine Asservatenkammer gab, in der man das von Knut-Freunden stammende Spielzeug stapelte. Offenbar wurde das, als eine verwirrte Frau um Ostern 2009 herum zu den vier großen Eisbären ins Wasser sprang. Ein paar Monate zuvor war bereits ein ebenfalls verwirrter Mann zu Knut ins Gehege gestiegen, weil er ihm in seiner Langeweile und Einsamkeit Gesellschaft leisten wollte. Knut war freundlich interessiert, ließ sich aber mit Leckerbissen vom Eindringling ablenken und weglocken. Seine menschliche Familie (oder der Leckerbissen?) war ihm wichtiger als der fremde Mann. Man war im Falle der Eisbären also auf Störungen dieser Art nicht ganz unvorbereitet, reagierte schnell und startete die Rettungsaktion mit Tau und Rettungsring. Die Bären verhielten sich zunächst raubtiermäßig aggressiv, ganz anders als Knut. Trotz einiger Attacken und schweren Bisswunden konnte die Frau aber gerettet werden.

Und wie gelang das? Die Eisbären wurden von den Tierpflegern mit den weggeschlossenen und gehorteten Spielzeugen für Knut bombardiert. Und siehe, die erwachsenen Eisbären nahmen das Angebot sofort an. Spielen war nämlich noch interessanter als Menschen beißen! Nicht enden wollendes Ballspielen, Tauchen und Traktieren und Misshandeln und genaues Untersuchen der Spielgegenstände! So vergnügt hatte man die Eisbären noch nie gesehen. Am nächsten Tag hatte man nichts Eiligeres zu tun, als die Spielzeuge wieder wegzuverschließen. Für den nächsten möglichen Einsatz, nicht aber zur Unterhaltung der Eisbären. Nach diesem durchschlagenden Erfolg gab es Briefe an die Zooleitung, den Bären das Spielzeug doch zu belassen. Die Zooleitung in ihrer Unbelehrbarkeit blieb stumm und hartleibig.
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mo 26. Jan 2015, 17:18

Beobachtungen vor dem Fernsehbildschirm und dem Gehege

Der normale Zoobesucher geht vielleicht ein- oder zweimal mal im Jahr in den Zoo, sieht dort Tiere stehen, gehen, liegen, vielleicht sogar spielen. Bei den Pavianen kann man immer von vielen Aktivitäten ausgehen, bei den Orang Utans und Gorillas schon seltener. Dem Gelegenheitsbesucher fällt vieles nicht so leicht auf.
Wir, die wir durch Knut zu regelmäßigen Zoobesuchern wurden, waren auch zu genauen Beobachtern geworden. Wir waren besorgt um unser Lieblingstier, dessen Bedürfnisse wir erkannt zu haben glaubten. Nie zuvor hatten wir ein Zootier so genau kennenlernen dürfen. Wir hatten seine erste Phase als Säugling miterlebt und die folgenden, als sich Knuts ganze Kraft nicht mehr allein im Saugen erschöpfte (André Schüle, Tierarzt), sondern sich auch auf die Entdeckung der Welt richten konnte. Zunächst auf einige Räume und den Hof des Bärenreviers, aber das war für kleine Bärenkinder nun mal die Welt.

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Als Knut das erste Mal die Schwelle nach draußen zum Hof überschreiten sollte, zögerte er zunächst vor dem Unbekannten. Doch die vertraute väterliche Hand lockte ihn nach draußen, und vorsichtig erkundete er die Umgebung, das Hofpflaster, richtete sich an der Mauer hoch, inspizierte das Fahrrad. Er erschrak, wenn etwas umfiel, besonders, wenn er der Schuldige war. Schnell wusste er das erweiterte Umfeld zu schätzen. Er joggte zu seinem Fressnapf (sehr sinnvoll, weil Zootiere zum Fettansatz neigten, wie der RBB-Kommentator erläuterte), liebevoll vom Kameramann aus der Bodenperspektive aufgenommen.

Knut war gar nicht so schüchtern zu seinen tierischen Mitbewohnern, wie wir angenommen hatten. Auf dem Hof des Bärenreviers hielt sich die uralte Kragenbärin Mäuschen auf, meist ein Nickerchen machend. Muschi leistete ihr Gesellschaft, sie war eine Katze, die sich ihr eines Tages einfach so zugesellt hatte.

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Eine erstaunliche Tierfreundschaft, wohlbekannt unter Zoobesuchern. Eines Morgens beim Aufschließen war die Katze da, schlafend zwischen den Pfoten der Bärin. Von da ab waren sie unzertrennlich. Die Tierpfleger nahmen an, dass Mäuschen die Katze Muschi als Kind adoptiert hatte. Jedenfalls hatte Muschi das große Los gezogen, als sie als streunende Katze den Weg ins Bärenrevier fand. Etwas Besseres, als im Tierpark dem Direktor zu begegnen, war das allemal, fand sie. Vielleicht war sie allzu früh von ihrer Mutter getrennt worden? Muschi schlief übrigens auch nach Mäuschens Tod noch immer in dem Käfig, in dem sie früher gemeinsam die Nächte verbracht hatten.

Knut ging furchtlos an die Hofbärin heran, entwendete Croissants von ihrem Mittagstisch (Croissants waren fortan seine Leibspeise) und wollte auch die Hofkatze genauer untersuchen. Das war nicht ungefährlich. Seiner natürlichen Entdeckerfreude sollte Einhalt geboten werden, weil man befürchtete, die alte Bärin könnte ungnädig reagieren und ihn ernsthaft verletzen oder die Katze könnte ihm mit ausgefahrenen Krallen eins überziehen. Gehorchen sollte er, aber Knut ließ sich nicht darauf ein, Gehorchen war nicht seine Sache. Ungehorsam macht Spaß, kann aber auch Nachteile haben. Weil Knut hinlief, wohin er gerade wollte und Dörflein immer vergeblicher hinter ihm herrief, mussten die morgendlichen Spaziergänge durch den Zoo, Privatführungen voller interessanter Eindrücke, leider eingestellt werden. Knut war zu abenteuerlustig und steckte überall seine Nase durchs Gitter. So auch bei den weißen Wölfen, die ihn gerne ganzkörperlich untersucht hätten. Anleinen wie einen Hund wollte Thomas Dörflein ihn nicht.


Knut hatte auf dem Hof eine Kindheit mit viel Bewegungsfreiheit, und er erkundete diese Umwelt, wie ein Menschenkind es auch getan hätte. Wir folgten begierig seinen Forschungen zum Thema Ursache und Wirkung am Beispiel von mancherlei Phänomenen. Schnell erkannte er die Gesetze der Schwerkraft, wenn er wissen wollte, welche interessanten Gegenstände sich oberhalb seiner Nasenspitze auf den Regalen, Tischen und Schränken befanden. Er berührte sie und stieß sie dabei herunter. Schepper, klirr, da erschreckte sich Knut, nicht ohne etwas gelernt zu haben. Da nichts weiter passierte und dieses Lernziel abgehakt war, untersuchte der Forscher weiter seine Umgebung. Am interessantesten war natürlich die Futterküche.

Aus Collage von UliS
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Er betrieb nun sensuelle Studien. Was man in das kleine Maul nehmen konnte und was zudem noch gut schmeckte, das war jetzt erstmal interessanter als Gravitation und Fallgesetz. Knut wurde wählerisch und fand von allem das Feinste heraus. Bei Makrelen war das der Nacken.

Thomas Dörflein beschwerte sich vor der Kamera, dass es zum Küchenjungen noch nicht reiche. Knut sei in der Futterküche keine rechte Hilfe. Er habe sozusagen zwei linke Pfoten und gebe sich keine Mühe. Knut futterte unbeeindruckt von solchen Klagen weiter. Da passierte es: Polter, klirr, bumms, alles fällt vom Tisch herunter. Knut blickt auf. Könnte es interessant werden? Thomas Dörflein gebraucht Kraftausdrücke und versucht, den Schaden zu beheben. Knut ist sofort zur Stelle, mit hilfsbereiten Pfoten und seiner als Feudel1 nutzbaren Zunge. Eier sind heruntergefallen und zerbrochen. Knut schleckt sie auf. Leistung lohnt sich, Helfen schmeckt gut. Thomas Dörflein ist beschämt, dass er Knut noch kurz zuvor als ungeschickten und faulen Kleinbären an den Pranger gestellt hat, öffentlich. Ebenso öffentlich entschuldigt er sich und nuschelt verlegen: „Danke, Knut, dass du mir hilfst!“ Knut wird gewiss mal wieder mit seiner Feudelzunge zur Stelle sein, wenn etwas Leckeres herunterfällt. Vielleicht Schokoküsse oder Vanilleeis, Thomas Dörflein? Oder Leysieffer-Marzipan ?Nutella, Honig? Belgische Pralinés?
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mo 26. Jan 2015, 17:27

Wir Knut-Freunde beobachteten Knut so ausdauernd, wie wohl noch nie ein Zootier beobachtet worden ist. Wir sahen, wie er alle beweglichen und unbeweglichen Gegenstände untersuchte, in den Mund nahm, ein Tuch hin und her schleuderte, bis es sich wie ein Turban um seinen Kopf wickelte. Alles, was beweglich war, trug er umher, klemmte es unter den Arm, warf es mit dem Maul weg, sprang hinterher, schleuderte es in den Graben, tauchte danach. Kein Gegenstand war zu gering, als dass er ihn nicht ins Maul nahm, mit seinen Bärenarmen an den Leib presste oder weit hinweg schleuderte. Stöckchen, Blätter, kapitale Äste; Schals, Stofffetzen, Hosen, Pullover, Handtücher vervollständigten seine Welt der Dinge und Gegenstände um den textilen Bereich. Angefangen hatte es mit den Jutesäcken, die gefüllt waren mit Quietschtieren und anderen Überraschungen. Manchmal gab es innen drin auch was zu futtern. Es handelte sich gewissermaßen um Eisbären-Überraschungseier. Waren sie leer und zerfetzt, konnte man die Jutesäcke auch wunderbar als Burka nutzen.

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Wir sahen, wie er sich stundenlang das „Nackthuhn“ um die Ohren schleuderte, vermutlich ungefähr so, wie er es in der Arktis mit einer Robbe getan hätte. Diese Aussiedog-Spielzeuge waren sinnreich erdacht, mit mehreren beweglichen, widerspenstigen Teilen und wurden von Knut zeitweilig mindestens einmal am Tag intensiv genutzt. Sie wären nahezu unzerstörbar, meinte die Herstellerfirma. Aber Knut wäre nicht das kritische Ausdauertalent gewesen, als das wir ihn oft beobachten konnten, hätte er diesen Werbespruch nicht energisch widerlegt. Nach einer Weile zeigte sich ein Riss im Nackthuhn. Das reizte Knut erst recht. Er bearbeitete und malträtierte diese Stelle unermüdlich. Ob er es schaffte, den Riss so weit zu erweitern, dass er endlich feststellen konnte, was darin enthalten war, weiß ich nicht. Ich meine aber, weiße Kugeln gesehen zu haben.

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Während meiner Beobachtungen konnte ich verfolgen, wie kreativ, intelligent, planvoll und witzig sich Knut verhielt. Er war in der Lage, selber Spiele zu erfinden und das Publikum in seine Aktionen einzubeziehen. So hatte er sich selbst das Ballspielen beigebracht. Dass ein Bär einen Ball ins Maul nimmt und wegschleudert, ist soweit ganz lustig; dass er diesen Ball aber den Zuschauern hinüberwirft, damit sie ihn zurückwerfen, das finde ich dagegen schon sehr bemerkenswert. Dieses Spiel ging manchmal über eine halbe Stunde.

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Erstaunlich war für uns, dass er den Ball auch den benachbarten Braunbären und Lippenbären zugeworfen hatte. Aber diese blieben begriffsstutzig. Ein ambitionierter Zoo könnte womöglich per Training mit solchen Spielen experimentieren. Von Gehege zu Gehege, innerhalb von Gehegen und vom Gehege zum Publikum. So etwas könnte ein interaktives Beschäftigungsangebot sein und wäre nicht zwangsläufig eine manipulative Dressur.

Im Winter hatte es geschneit, Knut freute sich über den Schnee und bearbeitete mit Leidenschaft seine Spielobjekte: das Sperrholzbrett und sein australisches Spielzeug. Irgendwann hatte er genug davon und guckte sich sein Publikum an. Das tat er oft und sehr ausdrucksvoll, denn Eisbären haben sehr wohl unterschiedliche Gesichtsausdrücke. Ein Junge warf ihm Schneebälle hinüber, was ihn sofort elektrisierte. Augenblicklich begriff er das Spiel und fing die Bälle mit dem Maul auf. Dazu unten mehr.

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Ähnlich interessant fand er die Seifenblasen, die man ihm gelegentlich hinüberschickte, wenn er seine stereotype Wanderung aufnahm und jemand Seifenblasen-Utensilien dabei hatte. Er schien sehr zu staunen ob dieser wundersamen bunten und flüchtigen Gebilde, die sofort verschwanden, wenn man sie berührte.

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Indem wir Knuts Treiben verfolgten und seinen Umgang mit Gegenständen unterschiedlichsten Materials erleben konnten, wurde uns allen klar, wie gerne Eisbären, wie Bären überhaupt, wie aber auch Elefanten, Löwen, Wölfe und sehr viele andere Tiere spielen. In den Zoofilmen im Nachmittags-Programm des Fernsehens muss der Zuschauer den Eindruck gewinnen, dass Beschäftigungsmaterialien für Zootiere überall zum Alltag gehören. Auch in den Berliner Zoos. Ich kann mich an eine Sendung erinnern, in der gezeigt wurde, wie den Löwen im Berliner Zoo ein Tau hingehängt wurde. Die Löwen waren zunächst irritiert, bis sie sich schließlich an das Ding herantrauten, es mit der Pfote in Schwingungen versetzten, sich darauf stürzten und daran hingen und hin- und herschaukelten. Heute, nach vielen Jahren, hängt das Tau immer noch da. Es pendelt manchmal leicht hin und her und wird nur selten benutzt. Der Reiz des Neuen ist verflogen.

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Feudel: Hamburgisch für Putzlumpen, Wischlappen oder Aufnehmer
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Di 27. Jan 2015, 02:44

Knut und das Gewitter – eine unerwartete Begegnung

Man könnte meinen, diese schönen großen Tiere, die über keinerlei Feinde verfügen als den Menschen und die Erderwärmung, seien furchtlos. Das ist aber nicht der Fall. Auch Knut zeigte in verschiedenen Situationen Angst. Eines Tages, es war der 1. September 2008 gab es ein Gewitter. Die Schwüle des Tages entlud sich, als schon die „Spätschicht“ im Zoo eingetroffen war, das waren die Knut-Freunde, die erst nach des Tages Mühen eintrafen und Knut bis in die Dämmerung hinein Gesellschaft leisteten. Auch ich war dabei. Knut hatte sich vorne auf seinem Sandberg niedergelassen, vielleicht um den Tag gemeinsam mit uns ausklingen zu lassen.

Plötzlich krachte es gewaltig. Alle erschraken, obwohl sie mit dem Donner gerechnet hatten. Knut war wie der Blitz in seinem Innengehege, um nach spätestens zwei Minuten wieder aufzutauchen und nach vorne zu rennen, denn im Hof war niemand mehr anwesend.

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Er war sichtlich in Panik, hatte die Ohren angelegt, rannte ziellos umher, sprang in den Graben, schnellte an der Scheibe hoch, wusste, dass er die Barriere zu seinen Freunden nicht überwinden konnte, rannte wieder nach oben, hierhin und dorthin, versuchte, zum Sprung abzuheben, nahm Maß, erkannte, was er bereits wusste, nämlich dass er die Kluft nicht überwinden konnte, rannte wieder hin und her, seine Blicke immer auf seine Freunde gerichtet. Mit jedem neuen Donnergetöse versuchte er der unsichtbaren Gefahr zu entrinnen und wäre wohl am liebsten seinen Freunden in die Arme gesprungen. Alle riefen ihm beruhigende Worte zu. Sie wirkten.

Mittlerweile prasselte der Regen, doch niemandem fiel es ein zu gehen. Die meisten hatten die Wettervorhersage beachtet und Regenschirme mitgebracht. So standen wir im Gespräch mit Knut vor seinem Gehege. Es war eine moralische Frage zu lösen: Durfte man Knut in seiner Angst fotografieren? Die Frage beantwortete der Regen, der nun einen dichten Vorhang wob. Knut hatte die Ohren immer noch angelegt, lief jetzt aber gemäßigteren Schrittes seine Strecke ab: Von seinem sandigen Ruheplatz hinab und über seinen Essplatz hoch zu den Baumstämmen, zurück „über Land“, den Blick immer auf uns gerichtet. Dann wieder in entgegengesetzter Richtung. Beim nächsten Donnerschlag beruhigte ihn Jessie: „Das ist nichts, Knut. War nur ein Flugzeug.“ Seine Nachbarin widersprach: „Das war doch kein Flugzeug, das war doch ein Donnerknall!“ Worauf Jessie murmelte: „Nur für Knut. Vor Flugzeugen fürchtet er sich nicht.“

Das Gewitter war vorbei. Der Regen aber hielt an. Regen störte Knut aber schon lange nicht mehr. Hatte er noch vor einem Jahr beim leichtesten Sommerregen pikiert nach oben geblickt und schleunigst, wie eine empfindliche Diva, Schutz unter einem Vorsprung oder im Eingang seiner Höhle gesucht, so packte er sich jetzt, wohl verwahrt in seinem Polarpelz, auf seinen Sandplatz.

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Es wurde dunkel, Knut schloss die Augen, und leise schlich sich die Spätschicht nach Hause.
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Di 27. Jan 2015, 09:34

Knut – das Leben geht weiter

Knut, der Schwarze Ritter

Aus Platzgründen zog Knut in ein Gehege für Brillenbären, die ihrerseits wiederum in den Tierpark verlegt wurden. Damit war er für die Dauer seines Aufenthalts bevorzugt und herausgehoben unter den Eisbären von Zoo und Tierpark. Er war Bewohner eines romantischen Geländes, bestehend aus Naturboden mit Gras und Grünpflanzen, Wasser, Hügeln und Abhängen, Blumen, sogar Feigen. Die Bären, die vorher hier gewohnt hatten, bekamen heimische und exotische Früchte. Feigen mochten sie; sie schieden die Feigenkerne wieder aus, und so wuchsen hier sogar schüchterne Feigenbäumchen. Die Vögel auf Knuts Gelände trugen ebenfalls zur Verbreitung von Samen bei. Dazu gab es lebendige und abgestorbene Bäume, an deren Stämmen man sich als Bär bequem aufrichten, anlehnen und vor allem schubbern konnte.

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Es ist eigentlich nicht einsichtig, dass Eisbären im Gegensatz zu den Braunbären keinen Naturboden erhalten. Die gängige Vorstellung war wohl einmal, dass Eisbären in Schnee und Eis leben, und im Wasser natürlich. Vielleicht verführte diese eher reizarme Landschaft die Planer dazu, die Ödnis aus Eis und Schnee mit einer Ödnis aus Fels zu imitieren. Vielleicht wussten sie es besser, glaubten aber den angenommenen Erwartungen der Besucher entsprechen zu müssen. Im Sommer jedoch gibt es im hohen Norden erweiterte Lebensräume, Schnee und Eis schmelzen in Randgebieten der Arktis. In der sommerlichen Tundra gibt es niederen Baumbestand, viele Pflanzen und ausnehmend schöne Blumen, sogar Beeren. Außerdem kann es heiß werden, richtig heiß. Die Besucher, die annehmen, Eisbären müssten unter Hitze leiden, irren. Übrigens habe ich auch gehört, wie eine Dame vom zoopädagogischen Dienst Kindern erzählte, dass Eisbären unter der Hitze entsetzlich leiden. Das ist falsch. Eisbären können Hitze vertragen; schlimmstenfalls nehmen sie ein erfrischendes Bad. Vorzugsweise legen sie sich mit dem gewässerten Pelz ganz oben auf einen Fels, auf die höchst Stelle, wo sie der Sonne am nächsten sind. Die Sonne lässt das Wasser verdunsten und kühlt den Eisbären. Eisbären legen sich darüber hinaus im Sommer gerne graue, schwarze oder grüne Färbungen und Verzierungen zu, wenn ihre Umwelt ihnen die Mittel für Verschönerungen dieser Art anbietet. Sie suhlen sich gerne in der Erde oder im Schlamm, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. In ihrem Geschmack sind sie nicht so strikt auf Persilweiß festgelegt, wie das oberflächlich informierte Publikum annimmt.

Apropos Bärenfarben: Groß war das Erstaunen, als man im Norden Kanadas weißliche Grizzlys entdeckte. Die Eisbären und die Braunbären waren so wenig festgelegt, dass sie sich miteinander paarten. Und die Jungen waren hübsch anzusehen. Ihre Fellfarbe war eine Melange, doch eher ins cremig-gräuliche changierend als ins Braune. In einer Fernsehsendung über die Kamtschatka-Bären, der größten Braunbärenart weltweit, konnte man blonde Bären sehen. Die Farbe kam derjenigen der Eisbären schon sehr nahe. Ob es mal Vermischungen zwischen Eisbären und Braunbären in Sibirien in grauer Vorzeit oder jüngerer Vergangenheit gegeben hat oder ob es sich um Mutationen oder um die ganz normale Genbreite handelt, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls bekommt man vorgeführt, in welchen Übergangsfarben die Braunbären sich zu Eisbären entwickelt haben mochten. Und um die Verwirrung zu steigern: In den Regenwäldern von British Columbia leben Schwarzbären in weißen und in blauen Farbvarianten. Knut befand sich also in guter Gesellschaft, wenn er die Bären-Farbskala seiner nächsten Verwandtschaft durchprobierte.

In Knuts vorletztem Gehege, ursprünglich für Tropenbären erschaffen, hatten die Erbauer Schönheitssinn, Phantasie und Liebe zur Natur bewiesen. Das Gelände vermittelte den Eindruck, als hätten sie sich von Lennés Garten- und Parkanlagen in und rund um Berlin inspirieren lassen. Darüber hinaus wird man an den Wasserfall im Kreuzberger Viktoriapark unterhalb des Schinkelschen Monuments erinnert. Es gibt ein liebliches Gelände mit Bäumen, Grün, einem Gefälle und Abstieg zum Wassergraben sowie einem munter hinabplätschernden Bach, dessen Wasser sich in einem kleinen Becken, auf dem Plateau etwa einen halben Meter oberhalb des Wassergrabens, sammelt. Hier konnte Knut in den Sommermonaten seinen Durst löschen oder auch ein Wannenbad nehmen. Und jetzt kommt das Schönste: Unter einem Arrangement von Baumveteranen und gestürzten Stämmen (dem „Django-Baum“, wie wir sagten) hatte Knut sich eine Kuhle gebuddelt, die immer tiefer wurde. Wenn er seine Mahlzeit verspeist oder nachdem er im Wassergraben geschwommen und von dort seine alten Spielzeuge nach oben befördert hatte, musste er sich irgendwann ausruhen. Zuvor aber wälzte er sich jedes Mal in der dunklen Erde. Erst schubberte er mit Hals und Kopf, dann räkelte sich auf dem Rücken, reckte seine Arme in den blauen Himmel und bearbeitete schließlich seine andere Seite. Wenn er dann seinen Kopf hob, um die Wirkung auf seine Freunde zu überprüfen, ertönten bewundernde Rufe und Gelächter und die Leute sagten: Knut, wie siehst du denn aus? Dich muss Thomas wohl wieder in die Waschmaschine stecken. Knut, was hast du dich wieder schmutzig gemacht! An dem tropfnassen Fell haftete die Erde und bildete nun eine klebrige Schicht. Knut war der Erfinder der Moorpackung für Eisbären. Er kreierte den panierten Bären. Noch können die anderen Eisbären im Zoo ihm nicht nacheifern, mangels Naturbodens. Wahrscheinlich sind alle Eisbären begnadete Maskenbildner.

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Was soll ich sagen, Knut kannte viele Masken: Schwarzbär, Nofretete mit Kajal ummalten Augen, Pierrot, sardisches geflecktes Schwein, Hallesches Hausschwein, Saubär, Graue Eminenz. Oder der Bär mit dem Goldenen Vlies. Solange der Sandhaufen noch frisch und locker war, verwandelte er sich auch gerne in einen Sandbären. Regelmäßig amüsierten wir uns über die Frage von Besuchern: Wo ist denn Knut? Wir antworteten, er liege da unterm Baum in seiner Kuhle und sei so schwarz, dass er sich vom Untergrund nicht abhebe. Eine weitere beliebte Frage angesichts des Schwarzbären war: Wo ist denn der Eisbär? Wir hörten auch interessante Annahmen über die Ursachen von Knuts Verfärbungen. So die Chamäleon-Hypothese, die eine junge Mutter vertrat, als sie ihrem Kind antwortete, Eisbären nähmen die Farbe ihrer Umgebung an

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Knut betrieb das Maskenspiel voller Eifer und mit Perfektion, so dass wir annahmen, er wäre sich der Wirkung auf die Besucher bewusst. Er suhlte sich so voller Lust, dass wir die erwachsenen Eisbären auf ihren harten Felsen bedauerten, die solche paradiesischen Möglichkeiten sicher auch gerne in ihr Repertoire aufgenommen und fortentwickelt hätten.
Anneliese
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Di 27. Jan 2015, 17:13

Interview vor Knuts Gehege, 8. April 2008

Niederländischer Fernsehreporter. Die Sonne scheint. Es ist kurz vor der Mittagsfütterung. Knut spielt mit einem Ball, den er am Grabenende entdeckt hat. Der Journalist spricht einleitende Worte auf Niederländisch in die Kamera. Dann wendet er sich an die Frau neben ihm. 1 (J.: Journalist, P.: Frau aus dem Publikum)

J.: Sie fotografieren ja wie wild. Was gibt es denn so viel zu fotografieren?
P.: Knut natürlich.
J.: Wie viele Bilder besitzen Sie schon von ihm?
P.: So um die viertausend.
J.: Viertausend Bilder! Und alle von Knut! Das ist doch außergewöhnlich!
P.: Nicht im digitalen Zeitalter. Nur so gelingen Schnappschüsse von guter Qualität.
J.: Woher kommen Sie?
P.: Aus Hamburg.
J.: Kommen Sie extra wegen Knut aus Hamburg? Wegen eines ganz normalen Eisbären?
P.: Knut ist zweifelsohne normal. Trotzdem ist er außergewöhnlich. Er ist von außergewöhnlicher Schönheit, Intelligenz, Kreativität, Sanftmut und voller Witz und Charme.
J.: Aber er sieht wie ein gewöhnlicher Eisbär aus.
P.: Ich stimme ihnen zu, dass alle Eisbären in seinem Alter von außergewöhnlicher Schönheit sind. Aber Knut ist der einzige, den wir von Kindesbeinen begleiten durften. Unser Auge ist geschulter als das Ihre, die Schönheit von Knut zu entdecken und zu würdigen.
Was seine Verbundenheit mit dem Erdreich anlangt, so würde ich das Ergebnis seiner maskenbildnerischen Bemühungen nicht „schmutzig“ nennen. Sie werden ja auch nicht „Mutter Erde“ oder einen frisch gefurchten Acker schmutzig nennen. Vielmehr versteht sich Knut als Kunstschaffender, der die Eigenschaften von Wasser und Erde erkannt
J.: Ich sehe, er ist schmutzig-weiß und hat schwarze Augen.
P.: Mir scheint, Sie erfassen nur einen flüchtigen Eindruck von seiner Gestalt. Ich sehe: Seine Augen leuchten im Licht der Sonne bernsteinfarben.

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Sein Pelz schimmert wie elfenbeinfarbener Samt, die Brust ist von goldener Farbe. Mich würde nicht wundern, wenn die alten Griechen bei der Geschichte vom Goldenen Vlies das Brustschild der Eisbären vor Augen hatten.

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Auf uralten Handelswegen muss einmal ein Eisbärenfell oder gar ein lebender Eisbär nach Kolchis gelangt sein, der den Dichter zu dieser Geschichte inspiriert hat. Wenn er sich die Maske anlegt, kündigt sein kindliches Gesicht plötzlich von der Weisheit uralter Priesterdynastien, dick geschminkt mit erdigen Substanzen. Ein weißer Kajalstrich um seine Augen erinnert an den Blick der Nofretete, und wenn er sich drapiert, die Vorderpfoten parallel, den Kopf würdevoll erhoben, dann scheint er schöner und edler als eine Sphinx den Eingang alter Königsgräber zu bewachen.

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Was seine Verbundenheit mit dem Erdreich anlangt, so würde ich das Ergebnis seiner maskenbildnerischen Bemühungen nicht „schmutzig“ nennen. Sie werden ja auch nicht „Mutter Erde“ oder einen frisch gefurchten Acker schmutzig nennen.
Vielmehr versteht sich Knut als Kunstschaffender, der die Eigenschaften von Wasser und Erde erkannt und zu kunstvollen Gesichtsmasken, häufig auch zu Ganzkörperbemalungen nutzt.
Wie bewusst er vorgeht, verschließt sich unserer Erkenntnis. Auffallend sind aber Ähnlichkeiten mit der Vorgehensweise berühmter Performance-Aktionskünstler.
Mich würde nun meinerseits interessieren, ob und wie Sie das Phänomen Knut erfassen. Machen wir mal den Anfang mit seiner Gestalt.
J.: Äh, nun ja, ein wenig plump. Früher war er kleiner und niedlicher.
P.: Sie haben sehr gut beobachtet, dass er seit seiner Geburt gewachsen ist. Plump ist seine Gestalt aber in keiner Phase seiner Entwicklung und Bewegungen zu nennen. Sie würden ja auch nicht im Ernst einem Teddybär bescheinigen, dass er einen plumpen Körper habe. Gleichwohl ist er nicht von gazellenhafter Gestalt, da stimmen wir überein. Und gerade das macht den Reiz seiner Erscheinung aus. Immer noch ist sein Körper von kindlichen Proportionen bestimmt. Nur wenn er sich ganz aufrichtet, merkt man, dass er gewachsen ist.

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J.: Sind Sie hierher gefahren, damit Knut sich nicht so verlassen fühlt? Schließlich schaut alle Welt nach Nürnberg, wo Flocke heute der Weltöffentlichkeit vorgestellt wird.
P.: Sind Sie extra aus Holland hierher gefahren, um die Verlassenheit von Knut zu dokumentieren? Es ist nicht zu erwarten, dass Knut sein Publikum verliert. Es gibt kein Konkurrenzverhältnis zwischen Knut und Flocke.
J.: Werden Sie auch Flocke besuchen?
P.: Wenn mich der Weg vorbei führt. Extra hinfahren werde ich nicht. Berlin ist näher. Und Knut ist mir sehr vertraut.
J.: Erklären Sie mir doch noch mal, warum Sie wegen Knut extra nach Berlin fahren. Das habe ich immer noch nicht verstanden. Er ist doch nur ein Eisbär!
P.: Aber was i s t ein Eisbär? Können Sie mir etwas mitteilen, über den Eisbären als Art, über das Individuum Knut, Lars, Tosca, Katjuscha, Nancy? Was wissen Sie über seine psychische Verfasstheit, über seine Wahrnehmung der dramatischen Überlebenskämpfe? Über sein Anpassungsvermögen an widrige und paradiesische Zustände? Wie empfindet er sein Leben in der Wildnis, im Zoo? Fühlt er sich frei, wenn er die arktischen Weiten durchstreift? Ist er frei erst im Zoo, frei von Hunger und allgegenwärtigem Tod? Ist er Subjekt in der Wildnis, Objekt im Zoo? Oder umgekehrt? Gibt es Glück und Erfüllung im Eisbärenleben, in der Wildnis, im Zoo? Ist der Eisbär ein Einzelgänger, per Neigung oder infolge der Umstände? Kann er sich zu einem geselligen Wesen entwickeln? Wird er sich einer veränderten Umwelt anpassen, als Individuum oder als Art? Kann er sich gar aktiv an der Umgestaltung seiner Lebenswelt beteiligen? Muss oder darf er bleiben, was er ist? Und was i s t der Eisbär?
Was wissen Sie über das Individuum Knut, in seinem Verhältnis zur Art, in seinem Verhältnis zum Menschen?
J.: Also, artgerecht lebt Knut sicher nicht. von Menschen groß gezogen und immer ist ein großes Publikum hier versammelt. Das hat doch nichts mehr mit dem Leben in der Arktis zu tun. Wenn ich so sehe, was er zu fressen bekommt, Wurzeln zum Beispiel, so ist das sicher nicht artgerecht. Die wachsen so wenig wie Ananas im hohen Norden.

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P.: Da sprechen Sie ein wichtiges Thema an. Schon Franz Josef Strauß hat sich darüber Gedanken gemacht (der wollte eher Ananas-Farmer in Alaska als Bundeskanzler werden, bevor er dann doch kandidierte, A. K.). Man weiß nicht, was noch kommen mag. Der Eisbär ist hoch spezialisiert. Er ist aber nicht vollkommen festgelegt. Gerade seine Intelligenz und Anpassungsfähigkeit hat seinen Vorfahren das Überleben in der Arktis gesichert. Und Früchte, Wurzeln und süße Sachen mag sowieso jeder Bär. Diese Anpassungsfähigkeit wird ihm vielleicht bei der Umstellung auf veränderte ökologische Bedingungen helfen.
Apropos artgerecht. Möchten Sie wie Ihre Amsterdamer Vorfahren vor zwanzigtausend oder zweihunderttausend Jahren leben? In Konkurrenz mit Bären um eine Höhle, ohne Heizung und Supermarkt? Ich behaupte, das ist so artgerecht für den Menschen wie das Leben des Eisbären in den arktischen Weiten. Wenn aber die Umwelt sich ändert, so sind Mensch wie Eisbär in der Lage, sich darauf einzustellen. Croissants und Pralinen gab es damals nicht in Holland, genauso wenig wie Ananas in Alaska. Der Mensch kann sich darauf einstellen,vielleicht auch der Bär. Schließlich hat auch dieser in seiner Geschichte schon viele Anpassungsleistungen vollbracht. (Das meint auch Thomas Dörflein in einem Interview – A.K.)
J.: Sie können doch nicht Mensch und Eisbär gleichsetzen. Ein Tier ist doch ganz was anderes.
P.: Aber auch Sie werden nicht leugnen können, dass die Spezies Mensch aus einer Spezies Tier hervorgegangen ist. Also muss es Überschneidungen, Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten geben. Ich gebe zu, erst Knut hat mich zum Nachdenken gebracht. Nie zuvor habe ich so lange vor einem Gehege verbracht und ein Tier so genau und ausdauernd beobachtet. Hinzu kamen die vielen Filmberichte. Die Übereinstimmungen mit menschlichem Verhalten sind oft frappierend. Zum Beispiel kann er täuschen. Als er schwimmen lernen sollte, war ihm das tiefe Wasser unheimlich. Eigentlich verlangte seine Natur, seiner Mama in allem zu folgen. Das ist in der Arktis ein Gebot des Überlebens. Er aber gab vor, nicht zu bemerken, dass Thomas Dörflein im Wasser war und ihn rief. Vielmehr drückte er sich und spielte konzentriert mit irgendwelchen Stöckchen oder Steinchen, scheinbar nicht bemerkend, was seine menschliche Mutter so trieb. Sein Vorgehen ist häufig planvoll und durchdacht. Kurz gesagt, bei Knut handelt es sich um ein intelligentes, kreatives Wesen. Die Pfleger meinen übrigens, dass alle Bären intelligent seien. Nur mit dieser Gabe hätten sie sich an so ganz unterschiedliche Lebensräume anpassen und das Überleben sichern können. Was ich aber nie für möglich gehalten hätte: Knut hat Witz.
J.: Jetzt übertreiben Sie aber wirklich. Erzählen Sie ihm doch mal einen Witz. Lacht er dann?
P.: Nee, das nun gerade nicht. Aber wir lachen, wenn er was Witziges macht. Und das ist ihm bewusst.
J.: Wissen Sie was? Ich glaube, Sie sind verliebt in ihn!
P.: Ich hatte schon immer eine glückliche Hand bei der Auswahl meiner großen Lieben.
Zum Schluss eine Frage: Warum fährt ein holländisches Fernsehteam extra wegen Knut nach Berlin? Gibt es nicht wichtigere Themen, in Deutschland und anderswo?
J.: Äh, nun ja, für die Holländer ist es sehr interessant, welche Leidenschaften die Deutschen entwickeln. Und wir finden es sympathisch und beruhigend, wenn die Deutschen von heute sich mit Eisbären beschäftigen.
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Das Interview hat tatsächlich stattgefunden, es ist von mir aus dem Gedächtnis wiedergegeben und nur wenig verändert.
Anneliese
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Di 27. Jan 2015, 18:42

Neid in Bayern - Flocke

Im Nürnberger Zoo waren im Dezember 2007 drei Eisbären geboren worden. Sie wurden von ihren Müttern Vera und Vilma gut versorgt. Das Interesse der Medien war groß und die Stimmung leicht hysterisch. Vor dem Knut-Ereignis wären zwei, drei Berichte erschienen, um über den Eisbären-Kindersegen zu berichten, und damit gut. Jetzt war eine ganz andere Erwartung in der Öffentlichkeit zu verspüren. Bei dem Wort Eisbärenbaby schien man elektrisiert. Die Zooleitung gab gut besuchte Pressekonferenzen, auf denen sofort die Frage nach Handaufzuchten gestellt wurde. Auf solch eine Frage wäre vor der Knut-Zeitrechnung kein Reporter gekommen. Schließlich waren die Bärenmütter für die Aufzucht ihrer Jungen zuständig, und diese Mütter schienen sich angemessen und normal zu verhalten. Die Zooleitung sprach sich für den natürlichen Gang der Dinge aus und sah keinen Grund einz

Nürnbergs Politikern von CSU und SPD jedoch ließ die Eisbärenfrage keine Ruhe. Kleine Eisbären waren zum Standortfaktor geworden. Nürnberg ging es wirtschaftlich nicht so gut wie München. Es ist zu vermuten, dass die Politiker von ähnlichen Besucherströmen träumten wie in Berlin und ihre Stadt bereits im Glanze und Interesse der Weltöffentlichkeit sahen. Kaum hatte der SPD-Bürgermeister Ulrich Maly den Mangel an niedlichen Eisbärenbabyfotos und –filmen auf einer Karnevalssitzung beklagt und das Verhalten des Zoos angeprangert, diese medienwirksamen süßen Babys zu verstecken, da waren die beiden Jungtiere von Vilma verschwunden. Sie wurden nicht mehr gehört, nicht mehr von der Kamera erfasst. Es gab nur eine Erklärung: Die Eisbärenmutter hatte ihre eigenen Kinder gefressen. Dafür mochte es durchaus eine plausible und „artgerechte“ Erklärung geben. Kranke Jungtiere werden in der freien Wildbahn gelegentlich von den Müttern gefressen, das kommt vor und die Gründe sind, von einer abgeklärten wissenschaftlichen Warte aus betrachtet, nachzuvollziehen.

Politiker von CSU und SPD, Sprecher von Tierschutz-Organisationen, einige auch parteilich eingebunden, warfen dem Zoo vor, seiner Fürsorgepflicht für die aufgefressenen Jungtiere nicht nachgekommen zu sein und forderten den Rücktritt der Zooleitung. Man machte schon jetzt die Zooleitung für einen möglichen Verlust des dritten Eisbärenbabys verantwortlich und forderte die Handaufzucht. Der OB-Kandidat der CSU, Klemens Gsell, fürchtete einen „immensen Imageschaden“ für Nürnberg. Nur zuzuschauen, wie Jungtiere verenden, sei „absolut unangemessen“ (SZ, 9.1.2008). Auch sein Parteikollege Markus Söder, Europaabgeordneter des Landes Bayern, mischte sich ein. Ab Januar 2008 gab es einen kurzen Zeitraum, in dem man sich in Bayern als Politiker für die Karriereleiter positionieren konnte, wenn man sein Engagement für Zootiere, insbesondere für Eisbären, zu erkennen gab. „Fachleute für die Handaufzucht von Bären wie Söder prangerten Versäumnisse der Tiergartenleitung an, mag unter ‚Experten’ auch die Handaufzucht von Eisbären umstritten sein: Man hätte die Kleinen retten müssen.“ (FAZ, 9.1.08) Die Direktion blieb standhaft. Der Mutter das Baby wegzunehmen, dafür gäbe es keinen Grund.

Am nächsten Tag stand die Stadt, ja die ganze Republik Kopf: Man hatte der verwirrten Vera das Baby weggenommen! Die Zooleitung erklärte bei der sogleich einberufenen Pressekonferenz, die Mutter Vera habe gestern ihr Verhalten geändert, wie gehetzt die Wurfhöhle verlassen, im Gehege das Baby im Maul herumgetragen und es ein paar Mal fallen gelassen, offensichtlich auf der Suche nach einem sicheren Ort für ihr Kind. Sie hätte keinen sicheren versteckten Ort auf dem Gelände finden können, weil es den nicht gab. Man wollte Panikreaktionen vorbeugen, lockte Vera in eine Höhle und sicherte das Baby. Irgendwie war das Gerücht aufgekommen, dass ein Kamerateam sich Zugang zur Nähe der Wurfhöhle verschafft und die Fluchtreaktion des sowieso unsicheren Muttertieres provoziert hätte. Die Zooleitung wollte dieses Gerücht überprüfen. Die Sache verlief im Sande, sie konnte nicht geklärt werden. Es gab Vermutungen, die Zooleitung selbst habe dieses Gerücht in die Welt gesetzt, um ihren Meinungswandel zu rechtfertigen.

Die Nürnberger Zoologen wiesen zwar auf ihre vernunftgeleitete professionelle Denkungsart hin, aber schon quollen die Schaufenster über von Eisbärendekorationen. Man distanzierte sich zwar vom Berliner „Rummel um Knut“, stellte sich selbst aber bereits auf ungeahnte Besuchermassen ein. Wollte man ursprünglich dem Beispiel Knut auf gar keinen Fall folgen, vielmehr alles den Müttern überlassen, so schwenkte man nun um 180 Grad. Die ersten Bilder des vierwöchigen, noch blinden Babys auf der Website des Nürnberger Zoos wurden schon am ersten Nachmittag 40.000mal angeklickt. Alle Zeitungen berichteten über das Ereignis. Vier Tierpfleger versorgten abwechselnd das Baby.

Es wurde viel und regelmäßig berichtet, aber mit Knut konnte das Eisbärenmädchen in der öffentlichen Beachtung nicht konkurrieren. Ein Grund war sicherlich, dass zwischen der kleinen Eisbärin und ihren Pflegern (bewusst) keine solch innige, auf eine Person bezogene Beziehung aufgebaut wurde wie zwischen Knut und Dörflein. Viele Knut-Anhänger gab es, denen das Herz schwer wurde bei der Bekanntgabe der gewaltsamen Trennung von Mutter und Kind. Die Mutter klagte mehrere Tage laut um ihr verschwundenes Baby. Das trübte die Freude über die – vermutete – Rettung des Eisbärenbabys.

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Die Erleichterung der Eisbärenfreunde war groß, als Rasputin aus Russland als Gefährte für Flocke eingeflogen wurde. Die beiden benahmen sich schnell wie Geschwister, waren nie allein und einander Unterhaltung und Trost.

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Eisbär Rasputin ab Januar 2009

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