Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Di 7. Apr 2015, 06:04

Troll unter den Eisbärinnen im Zoo – Beobachtungen im September 2011

Im September 2011 wurde der riesige und imposante Eisbärenmann Troll aus dem Tierpark in den Zoo verlegt. Welche Absichten die Zooleitung mit diesem neuen Bäumchen-wechsel-dich-Spiel verfolgte, ist nicht ganz klar. Vermutlich wollte der Direktor mal wieder „züchten“, und dazu sollte eben Troll herhalten. Ich hatte Gelegenheit zu einigen Besuchen vor dem Gehege und gebe hier meine Beobachtungen wieder:

Troll 9.9.2011

Altruismus unter Eisbären

Heute habe ich mir das erste Mal den im Zoo zu vergesellschaftenden Troll angeschaut. Er lag, scheinbar friedlich und entspannt, vor dem linken Eingang zum Innengehege. Im Gang lag Nancy. Alles so friedlich, wie man es sich nur wünschen kann im Hause der vereinigten Eisbärenfamilie. Das Familienoberhaupt wacht, die Frau ruht. Warum nur war Tosca so nervös, rannte auf ihrer Insel hin und her, mal ruhelos, mal stereotyp den Kopf nach hinten werfend? Ist doch nix weiter los.

Troll erhob sich und trottete ans Wasser, stellte seine gewaltigen Säulenbeine nebeneinander und schaute nach Tosca. Seine Beine schienen mir doppelt so gewaltig wie die von Tosca, ebenso der Kopf und die Pfoten. Riesige Tellerminen aus Plüsch mit schwarzer Zeichnung unter den Sohlen. So niedlich, ein gemütlicher Riesenteddy. Tosca wirkte daneben wie eine nervöse Piepsmaus, sie schien im Vergleich zu Troll die magersüchtige zickige Tochter des Hauses zu sein.

Troll nahm seine Lieblingsposition ein, entspannte Bauchlage, die Vorderpfoten nach vorne, die Hinterbeine nach hinten ausgestreckt. Den gewaltigen Kopf erschöpft auf die Säulenarme fallen lassend, mal links, mal rechts, dann wieder prüfend den Kopf hebend, die Zwangsgefährtinnen im Blick.

Er erhob sich, die Position Nummer Drei der Eisbären-Kollektion von Steiff einnehmend, auf dem Hinterteil sitzend, die plüschigen Hinterbeine nach vorne gestreckt und die Lage überprüfend. Alles in Ordnung, entspannt sackte er wieder zusammen bzw. auseinander, Liegeposition Nummer Eins, siehe oben.

Tosca hielt die Spannung nicht mehr aus, wie ein losgelassener Pfeil machte sie einen Kopfsprung, zog rasch eine Schleife durchs Wasser, schon war sie wieder an Land, auf der relativ sicheren Insel. Der Platscher war niemandem entgangen. Prüfend richtete Troll sein Haupt hoch. Dann erhob er sich, Nancy streckte den Kopf aus dem Gang. Plötzlich galoppierte Troll auf sie zu, Brüll-Laute, Konfrontation der aufgerissenen Rachen, sie schienen sich mit ihren Mäulern zu duellieren, Bärengebisse als schwere Duellsäbel, vorläufig nur als Drohgeste eingesetzt. Das wiederholte sich noch ein, zwei Male. Zweimal sprang Tosca zeitgleich ins Wasser, schien alarmiert ihrer Freundin zu Hilfe eilen zu wollen. Drehte ihre Schleife, ging wieder auf ihre Insel. Die Konfrontationen zwischen Troll und Nancy verliefen unblutig, waren von kurzer Dauer.

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Troll vor Nancy
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Tosca baut Spannungen ab auf ihrer (Toscana-) Insel
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Ob die Konfrontationen zwischen Nancy und Troll der Klärung ihrer Positionen in dieser Konstellation dient, kann ich nicht beurteilen, nehme es aber an. Keiner der Eisbären hat sich diese Gemeinschaft, ausgesucht. Entkommen können sie ihr nicht.
Was ich aber bemerkenswert finde, ist Toscas Einsatz für Nancy. Ich bin mir sicher, dass sie Nancy beistehen wollte, denn ihr Sprung ins Wasser erfolgte genau zeitgleich mit Trolls Attacken Richtung Nancy. An Land ging sie jeweils nicht. Vielleicht traute sie sich nicht, dem Koloss von Nahem gegenüberzutreten. Vielleicht merkte sie, dass der Zweikampf schnell beendet
sein würde. Vielleicht hatte sie Furcht vor der Eskalation. Dass sie ihrer Freundin helfen wollte, scheint mir aber ausgemacht zu sein.

Es gibt interessante Beobachtungen über Tiere, die sich altruistisch verhalten. Bei Primaten und Rabenvögeln gibt es offenbar eindeutige Nachweise dafür. Altruismus bei Eisbären in der Wildnis nachzuweisen ist naturgemäß relativ schwierig. Aber bei Zootieren sind wir näher dran.

Wir werden weiter beobachten. AK., Berlin, 10.9.2011


Zuspitzung im Eisbärengehege am 11.9.2011

Gegen 14 Uhr im Zoo: Nancy und Tosca standen aneinandergeschmiegt oben rechts, in Nachbarschaft zum Mutter-Kind-Gehege. Troll hatte sich äußerst dekorativ über einen Felsblock gelümmelt und sah einem Riesenteddy ähnlicher denn je. Seine gewaltige Gestalt entspricht nun mal dem Kindchen-Schema, weil rundlich und aus Naturplüsch. Und der dicke Kopf. Seine dekorative Platzierung steigerte diesen Eindruck.

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Dann kam Bewegung in ihn. Er ließ sich vom Felsen gleiten und strebte eilig, vielleicht brüllte er auch schon, den beiden Eisbärinnen zu. Denen blieb nichts weiter übrig, als sich der drohenden Gefahr zu stellen. Sie schlugen sich tapfer. Alle drei brüllten, fauchten und rissen die Mäuler auf. Mir wurde es mulmig, brüllten sie doch lauter als gestern und die Konfrontation schien kein Ende zu nehmen. Wir erfuhren, dass Herr R. im Bärenhof war und den Zugang zum Innengehege geöffnet hatte. Nur fand Tosca, als die aktivere der beiden, keine Gelegenheit zum Entweichen. Angespannte Minuten vergingen, dann gelang Tosca die Flucht und wir hörten den Schieber hinter ihr zuknallen. Nancy war kurz vorher an Knuts End gelangt. Einmal suchte Troll sie dort auf: Gebrüll, Gefauche und die dazu gehörenden Gebärden.

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Hier sieht man wie Klein Tosca im Vergleich zu Troll ist
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Nancy ist zu Knuts Ecke entwichen
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Tosca ist entwichen
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Nancy
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Dann ging er seiner Wege. Irgendwann so gegen 15.30 Uhr sah ich zu meinem Erstaunen Tosca. Es war gelungen, Troll ins Innengehege zu locken und im Gegenzug Tosca rauszulassen. Man muss damit rechnen, dass morgen alle wieder zusammen im Gehege sind, sagte mir ein Tierpfleger.

Ich würde gerne den Bärenkurator anrufen, habe aber seine Telefonnummer nicht. Ich würde mir gerne von ihm bestätigen lassen, dass keine Eisbärin gefährdet ist und alles nur harmlose Schein-Gefechte sind. Ich würde ihm sagen, dass für uns Besucher nicht mehr einzuschätzen sei, ob die Lage gefährlich oder harmlos ist. Und das würden wir als Bedrohung empfinden. PS: Ich nehme an, dass alle drei Eisbärinnen sich der bedrohlichen Situation gemäß adäquat verhalten. Auch für Troll ist die Situation unsicher und schwer einschätzbar. Gerade das aber birgt Risiken.
AK, Berlin, 11.9.2011


Troll 14.9.2011, Gespräch mit einem Tierpfleger

Tosca lief panisch auf ihrer Insel umher, Nancy und Katjuscha hatten sich aneinander gekauert, sitzend an „Knuts End“ und beobachteten Troll. Der lag wieder sehr malerisch drapiert in der Mitte des Felsens. Big brother is watching you! Besucher, die seit 9.30 Uhr da waren, berichteten auch von leichten Beißereien und Drohgebärden zwischen Tosca und Troll.


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Nach der Fütterung der Nasenbären traute ich mich, den Tierpfleger zu befragen. Aufgrund früherer Versuche weiß ich, dass sich das allemal lohnt und viel zu wenig genutzt wird.

(1) Ich berichtete von meinen Eindrücken am Samstag und dass ich das Gefühl gehabt hätte, die Situation hätte jederzeit kippen können.

(2) Ich sagte, ich hätte ihn, den Tierpfleger, laut rufen hören, „Ruhig Troll!“, oder so ähnlich. Würde Troll denn auf solche Ansprache reagieren? Nein, eher nicht, aber die gebrüllten Worte hätten Troll kurz stutzen und den Kopf heben lassen. Das hätte Tosca die Flucht ermöglicht.

(3) Wie sei es ihm gelungen, Troll dazu zu bringen, ins Binnengehege zu gehen? Mit welchen ausgesuchten Leckereien hätte er ihn hereingelockt? Mit gar keiner Leckerei. In seinem Käfig liege eine dicke Keule, die interessiere ihn gar nicht. Eisbären könnten monatelang ohne Nahrung auskommen. Deswegen, wegen einer Rinderkeule, würde Troll noch lange nicht in das Innengehege gehen. Da könne man lange warten. Tatsächlich wollte er wissen, wohin Tosca entschwunden war. Aus Neugier oder weil er den fetten Braten namens Tosca begehrte, sei er ins Innengehege gegangen. Seine Neugierde oder sein Verfolgungsdrang haben ihn in die Fallen tappen lassen.

(4) Der Tierpfleger kennzeichnete Troll als eher sanften, unaggressiven Bären. Meine Frage, ob Troll seinerseits Angst haben könne vor der ungewohnten Situation und drei fremden Eisbärinnen, verneinte Herr R. entschieden. Der habe ganz gewiss keine Angst. Und vor den drei Eisbärinnen schon gar nicht. Ich solle ihn doch mal betrachten, seine Körpersprache, seine Mimik. Sähe so ein Eisbär aus, der Angst habe? Ich stimmte ihm zu, sagte, ich wollte das aber von ihm bestätigt bekommen, weil man als Laie ja nicht vor Fehlinterpretationen gefeit sei. Ich wollte damit sagen, dass in einem äußerlich selbstbewussten Eisbärenkostüm nicht auch ein selbstbewusster Eisbär drinstecken müsse. So habe Knut mit seiner schweren Gehirnentzündung sich ja auch nie was anmerken lassen. Höchstwahrscheinlich habe Knut Schmerzen gehabt, aber von seinem körperlichen Leiden hätten wir nichts gemerkt. Der Tierpfleger wiegte mit dem Kopf, als wollte er sagen, er glaube er noch nicht ganz, dass Knut Schmerzen gehabt habe. (Bei Gelegenheit werde ich ihn noch mal dazu befragen.)

(5) Er schätzte die Situation eher positiv ein, jedenfalls längerfristig gedacht. Bei Knut und Giovanna hätten auch erst alle Leute gesagt, der arme Kerl. Dann hätten die beiden sich prima verstanden und alle wollten, dass Giovanna bleibt. So könne es auch bei der neuen Gruppenkonstellation im Eisbärengehege kommen.

(6) Nancy und Katjuscha würden sich wohl eher arrangieren, Toscas große Furcht bestätigte er. „Da muss sie eben durch“ hat er nicht direkt gesagt, meinte es aber wohl der Sache nach. Die vier müssten sich arrangieren, wohin sonst solle Troll? Was man an vorgesetzter Stelle mit Troll geplant habe für den Fall, dass er sich als nicht integrierbar erweisen solle, wüsste er nicht. Er bestätigte aber auch meinen Eindruck, dass die drei Eisbärinnen glücklich und zufrieden ohne Troll leben würden. Jetzt müssten sie eben mit ihm klarkommen. Das könne lange dauern, sei aber nicht zu ändern. Irgendwann würden sie sich entspannter und gelassener aus dem Weg gehen. Und dann würden alle sagen: Wie schön!

Gerade las ich den Beitrag einer Leserin bei knutitis: Ob man denn sagen könne, es gehe jeden Tag etwas besser? Jemand antwortete: „Nein“.

Geplant sei, dass künftig Troll nachts drinnen bleibe und die drei Eisbärinnen frei entscheiden könnten zwischen drinnen und draußen, jedenfalls nachts. Allerdings bezweifle man, dass Troll sich von diesen Plänen so bald überzeugen lasse.

Was ist von der Verlegung von Troll zu den drei Eisbärinnen im Zoo zu halten?
Bei dieser Gelegenheit fällt mir ein, dass ich selbst keinen Standpunkt zu den Plänen hatte, Troll im West-Berliner Zoo zu beheimaten. Jetzt allmählich kristallisiert sich mein Standpunkt heraus:
(1) Die drei „Golden Girls“ sind sich selbst genug. Seit Lars weg ist, sind sie verspielt, gelöst und glücklich. Sie vermissen keine vierte Eisbärenpersönlicheit, schon gar nicht einen Eisbärenmann. Und noch viel weniger so einen Koloss wie Troll.

(2) Sie haben Furcht vor ihm, am allermeisten Tosca. Die ist in ständiger Besorgnis und Panik. In der Wildnis nehmen Eisbärinnen Reißaus vor Eisbärenmännern. Wenn sie Junge haben sowieso. Aber auch sonst außerhalb der Paarungszeit. Potentiell können Eisbärinnen jederzeit das Opfer von großen männlichen Eisbären werden. Man muss sich nur mal die Bilder ansehen:

Tosca steht Troll gegenüber, tapfer das Maul aufgerissen und laut brüllend. Ihr gegenüber Troll, sich ebenfalls so verhaltend, aber so unendlich großmächtiger. Bei Tosca fällt mir im Vergleich zu Troll abermals nur die Bezeichnung „Piepsmaus“ ein. Wie wacker kämpft sie um ihr Überleben! Und für ihre Busenfreundin! Ich glaube, das kann man ohne Übertreibung so sagen. Woher soll sie wissen, dass Troll in Wirklichkeit eine Seele von Mensch ist mit einem Herzen aus Gold? Und ist das so sicher?
(3) Man muss sich doch fragen, ob das Ganze einen akzeptablen Sinn ergibt. Wenn man den Tieren tiefe Verunsicherung und daraus folgend Angst und Leiden zumutet, muss es dafür vernünftige Gründe geben und die Dauer dieser Zumutungen muss so kurz wie irgend möglich sein.1 Maßstab im Zoo scheint aber nicht das Wohlbefinden der Tiere zu sein, sondern die Gangbarkeit der Bären-Zusammenlegung und die Vermeidung von Katastrophen. Wieder wird nach der billigsten Lösung gesucht. Die lautet: Alle vier werden zusammengepfercht. Die Verhältnisse und die räumlichen und organisatorischen Gegebenheiten sind nun mal so. Da muss Tosca eben durch. Und Nancy und Katjuscha auch. Mit ungewissem Ausgang des Experiments. Auf das Wohlbefinden der Tiere kommt es nicht an, Hauptsache „es geht gut“ (d.h. sie bringen sich gegenseitig nicht um).

(4) Wenn das Experiment nun scheitert und eine Eisbärin kommt dabei zu Schaden?

(5) Wenn keine Eisbärin körperlich zu Schaden kommt, aber depressiv vor sich hin vegetiert? Wo doch alle drei Eisbärinnen „vor Troll“ glückselig waren?

(6) Wenn alle drei Eisbärinnen zu einem reduzierten Dasein verurteilt sind, über Wochen, Monate, Jahre?

(7) Auch Knut hatte ein letztes halbes reduziertes Jahr. Der Tierpfleger meint, Knut habe nach der anfänglichen Furcht nur noch so etwas wie Respekt vor Katjuscha gehabt. Aber das sei keine Angst gewesen. Im Gegensatz zu dem, was die drei Eisbärinnnen, auf jeden Fall aber Tosca vor Troll empfinden (AK).
AK, 14.9.2011

Katjuscha im Graben

Die Aufnahmen von "Katjuscha im Graben" habe ich am 16.9.2011 gemacht. Da stand Katjuscha schon 2 Tage und Nächte im Graben, war sehr erschöpft und legte immer wieder ihren Kopf auf einen Stein. Troll sorgte dafür, dass sie nicht fliehen konnte. Irgendwann schaffte sie den Weg bis in den Gehegeingang links. Wie gesagt, hat der nur einen Zugang zum Hof, nicht zum Binnengehege. Sie wurde weiterhin von Troll bewacht.

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Troll: Andauernde Konfrontation, Steigerung der bedrohlichen Situation und Rettung im Eisbärengehege am Wahlsonntag, 18.9.2011

Gegen Mittag waren Tosca und Nancy auf dem Mutter-Kind-Gehege. Im großen Gehege lag Troll vor der Höhle, Katjuscha innerhalb derselben. Kopf an Kopf, Schnauze an Schnauze. Ein Bild des Friedens. Und so sahen das auch einige der Beobachter, die notorisch zu einer idyllischen Interpretation der Lage neigen. Sie ließen sich auch dadurch nicht beirren, dass dieser Zustand schon reichlich lange anhielt: Katjuscha hatte keine Chance zu entweichen, Troll hütete sie wie eine Geisel. Die Höhle hat nur einen Ausgang zum Bärenhof hin, nicht in einen Innenkäfig. Die Pfleger konnten ihr diesen Ausgang also nicht so ohne weiteres öffnen.

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Ein paar Male wollte Troll ein wenig promenieren, hatte aber Angst um den Verlust des Objektes seiner Begierde (welcher Begierde auch immer) und kehrte schnell zurück. Ein paar Male begehrte Katjuscha auf, brüllte, stand auf, ging sogar einen Schritt vor und riss das Maul auf. Sofort brüllte Troll zurück, aber deutlich lauter als sie. Katjuscha ließ den Kopf hängen. Troll entfernte sich immer nur ein paar Schritte weit, kehrte um und brüllte, wenn sie eine Vorwärtsbewegung machte. Es war klar, Troll bewachte eine Gefangene und dachte gar nicht daran, sich durch Tricks ablenken zu lassen.

Der Pfleger erklärte nochmals, dass man Troll jedenfalls nicht durch Geräusche und delikate Nahrungsangebote ablenken könne. Ein Eisbär, der von Natur aus darauf angelegt sei, lange ohne Nahrung auszukommen, würde sich durch Lachse oder Rinderkeulen nicht von seinem Spielzeug ablenken lassen, wenn es ihm denn wichtig genug sei. Gerade gestern hätten sie es noch mal versucht; es erwies sich wieder mal als erfolglos.

Katjuscha machte noch ein- oder zweimal einen Ausbruchsversuch, wiederum vergeblich. Seit Freitagmorgen dauerte nun schon ihre Geiselhaft.

Dramatische Wende!

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Gegen 15 Uhr sah ich plötzlich Tosca über das Gelände hetzen. Troll bemerkte das sofort und jagte ein Stück in ihre Richtung. Tosca hatte sich auf „Knuts Eck“ (ehemals Knuts Rückzugsposition) gerettet. Vorerst. Troll brüllte, jagte hin und her, seine Überlegungen waren leicht zu deuten, wie in einem aufgeschlagenen Buch: Beide, Katjuscha und Tosca, wollte er haben, keine wollte er entweichen lassen. Katjuscha schlich sich ein Stück die Wand entlang, aber zu langsam, sie schaffte es nicht bis zum rettenden Eingang. Troll jagte brüllend heran, trieb K. ein Stück zurück, so weit, bis sie wieder im Höhleneingang war.

Dieser erste Eingang links hatte, wie erwähnt, keinen Zugang zu einem Käfig im Innengehege, sondern zum Innenhof, so dass man Katjuscha von dort aus nicht so einfach entkommen lassen konnte.

Noch einmal jagte Troll in Toscas Richtung. Die sprang vor Panik ins Wasser und schwamm zu ihrer Insel. Diesen Moment wusste Katjuscha endlich zu nutzen, sie rannte an der Wand entlang und schaffte es diesmal in einen Eingang zum Innengehege. Man hörte den Schieber runterknallen.

Troll brüllte vor Zorn, war ihm doch sein Lieblingsspielzeug entschwunden. Aber es verblieb ja noch ein Opfer - Tosca. Schnaubend vor Zorn und brüllend stürzte er ins Wasser. Was er mit Tosca gemacht hätte, wenn er sie erreicht hätte, wollen wir uns lieber nicht vorstellen. Kurz bevor er ihre Insel erreichte, verließ Tosca dieselbe, sprang ins Wasser, war schnell am Festland und rannte um ihr Leben (diese dramatische Zuspitzung erlaube ich mir an dieser Stelle und halte sie nicht für übertrieben!). Troll konnte sie nicht einholen. Man hörte wieder eine Klappe fallen. Auch Tosca war gerettet.

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Tosca
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Wutschnaubend rannte Troll nun über das Gelände und brüllte immer wieder furchterregend. Weißer Schaum stand und tropfte um sein Maul. Er war furchtbar enttäuscht und erregt darüber, dass man ihm die beiden Riesenspielzeuge weggenommen hatte. Wütend versuchte er sie doch noch zu fangen. Dabei ging er selbst in die Falle. Auch hinter ihm schloss sich das Gitter.

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Nach dieser glückseligen Wendung hatte man Tosca und Katjuscha den Zugang zum Mutter-Kind-Gehege geöffnet. Kati schwamm und rubbelte sich lustvoll am Felsen. Ich behaupte, man sah ihnen das Glück über die wundersame Errettung an.

Ein großes Lob für die wackere Tosca! Hatte man sie doch aufs Gelände geschickt, um Troll zu verwirren und Katjuscha zu retten. Hätte sich Tosca als erste gerettet, wäre Katjuscha wohl in der Falle geblieben, weil nicht geistesgegenwärtig und schnell genug angesichts des großmächtigen und wachsamen Troll.

Aber es hätte auch schiefgehen können, insofern war das Vorgehen durchaus problematisch. Ich bewundere die Pfleger aber für die richtige Einschätzung Toscas und ihren geschickten Schachzug. Ansonsten hätte man Troll wohl irgendwann betäuben müssen, denn sehr viel länger hätte Katjuscha das kaum ausgehalten. Und Tosca, die das nicht unbedingt freiwillig gemacht hätte (Altruismus hin oder her), danke ich für blitzschnellen Reaktionen und die richtigen Entscheidungen. Wackere, kluge Mutter eines klugen Sohnes!



Aber wohin mit Troll?

AK, Berlin, 18.9.2011
Nachtrag: Nur zur Erinnerung, wir erwähnten es bereits im Haupttext des Buches: Der Amtsveterinär machte dem riskanten und für die Hauptbeteiligten mit Verunsicherung, Angst und Schrecken verbundenen Spiel ein Ende, indem er die Auflösung der Zwanggemeinschaft von Troll und den drei Eisbärinnen anordnete. Diese Anordnung, also ein Eingriff von außen, wurde zu Recht allgemein als große Blamage für die Zooleitung empfohlen, stellte sie doch, ebenfalls zu Recht, deren Kompetenz in Frage.


Zu meinem Erstaunen rief der letzte Bericht große Empörung bei einigen Knutitis-Lesern hervor. Einige Beiträge unterstellten, ich triebe grobe Scherze auf Kosten der unter Stress stehenden Tiere und ich fällte unangebrachte moralische Urteile, z.B. über Troll. All das lag mir völlig fern. Wie die Leser auf Grund meiner vorher gebrachten Beiträge auch hätten wissen können. Allen Bären gehörte mein Mitgefühl und ich glaube immer noch, dass ich einigermaßen gut beobachtet habe. Übrigens hat mir das ein zoologischer Experte bestätigt. Man nahm zudem Anstoß an der "literarischen" Form. Da ich in dem Forum nie angemeldet war, konnte ich nicht reagieren und darauf hinweisen, dass eine literarisch gestaltete Darstellung dramatischer Ereignisse nichts Ungewöhnliches ist ("Alles rennet rettet, flüchtet, taghell ist die Nacht gelichtet..."). Natürlich will ich mich nicht mit Schiller vergleichen. Aber die wirklich dramatischen realen Ereignisse im Bärengehege haben mich eben zu bildhaften Vergleichen inspiriert: Pfoten wie Tellerminen, Piepsmaus, Steifftier usw. Dass mag man misslungen finden, nie aber hätte ich angenommen, dass diese Darstellung Anlass zu heftigen Reaktionen, teilweise zu Beschimpfungen hätte geben können. Es war eine interessante Erfahrung für mich.

Anneliese
 
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Do 9. Apr 2015, 06:51

Streit um Umzug ins Schloss Friedrichsfelde Blaszkiewitz überrumpelt Gegner
Tagesspiegel 4.11.2013 Christoph Stollowsky

Mit einem Hauruck-Umzug seiner Verwaltung ins Schloss hat der scheidende Zoodirektor Fakten geschaffen. Der Förderverein will aber weiter um Räume kämpfen, die er bisher für seine Kulturveranstaltungen nutzte.

Die Gerichtsverhandlungen waren schon überflüssig, bevor sie begonnen hatten: Im Streit um den Umzug von Zoo- und Tierpark-Mitarbeitern ins Schloss Friedrichsfelde hat Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz seine Gegner regelrecht überholt. Durch eine Umzugsaktion vor einigen Tagen schuf er so schnell Fakten, dass er den Terminen zuvorkam, bei denen über zwei einstweilige Verfügungen gegen den Umzug entschieden werden sollte. Wie berichtet, wollten ihn der Förderverein für Zoo und Tierpark und der Betriebsrat juristisch stoppen. Der Verein will sich aus Schlossbereichen, die er für Veranstaltungen braucht, nicht verdrängen lassen. Der Betriebsrat fühlt sich übergangen.
Am Freitag wurden beide Verfügungen abgelehnt. Man könne ja nun sowieso nichts mehr verhindern, meinten die Richter.
Thomas Ziolko vom Förderverein unterstrich am Sonntag, man wehre sich nicht generell gegen den Umzug, „sondern nur gegen die Art und Weise, wie er durchgezogen wird“. Die Raumverteilung sei noch nicht einvernehmlich geklärt. „Ohne Absprachen hat die Verwaltung Räume besetzt, die wir dringend als Stuhllager, Künstlergarderobe, Küche oder auf andere Weise backstage brauchen und bisher so genutzt haben“, sagt Ziolko. Der Verein veranstaltet seit 2008 Konzerte, Lesungen oder Tanzabende im Konzertsaal sowie im Blauen und Grünen Salon des Schlosses auf dem Gelände des Tierparks Friedrichsfelde. Und er vermietet die Räume für Geburtstage oder Hochzeiten. Alleine in der jetzigen Herbst- und Wintersaison sind dies mehr als 40 Veranstaltungen, deren Gewinne ausschließlich dem Zoo und Tierpark zugutekommen.
Laut Ziolko sprachen Verein und Zooleitung zuletzt im Juni über eine „sinnvolle Raumverteilung“. Danach habe man sich im September wieder treffen wollen. „Aber es herrschte Funkstille, und dann erfuhren wir Mitte Oktober, dass der Umzug bevorstehe.“ In dieser Woche steigt im Schloss beispielsweise ein Ball. Doch bisher ist unklar, wohin die Stühle sollen, die vom letzten Konzert noch im Saal stehen. Der Verein will „nicht lockerlassen“ und weiter „um Räume kämpfen“. Zoosprecherin Claudia Bienek sagte am Sonntag, man werde versuchen, „sich durch Kommunikation wieder anzunähern“.
Der Umzug von Teilen der Verwaltung ins Schloss steht schon seit 2009 fest. Das Archiv und die Bibliothek sollen dort unterkommen, außerdem die Kuratoren und die Personalabteilung des Tierparks sowie der Direktor selbst. Insgesamt wird Platz für etwa 20 Mitarbeiter benötigt. Für einige Büros gab es schon Umbauten.
Die jetzige Hauruck-Aktion von Direktor Blaszkiewitz überrumpelte aber selbst engere Mitarbeiter. Sie wird ihm als stillos angekreidet, weil er spätestens im Juni 2014 seinen Posten aufgeben muss und sein Nachfolger, Andreas Knieriem vom Münchner Tierpark Hellabrunn, schon engagiert ist. „Völlig ignoriert“ fühlt sich zudem der Betriebsrat. Ihm steht eigentlich das Recht zu, neu geschaffene Arbeitsplätze vor einem Umzug zu begutachten. „Wir machen das nun nachträglich“, sagt Betriebsratschef Mario Cohn. Zumindest das musste ihm die Gegenseite vor Gericht zugestehen.



Jetzt gibt’s tierischen Ärger Veterinäramt erstattet Anzeige gegen Zoochef Blaszkiewitz
Tagesspiegel 22.11.2013 Stefan Jacobs
Veterinäramt erstattet Anzeige gegen Zoochef Bernhard Blaszkiewitz. - Foto: dpa
Wegen des geplanten Transports einer hochtragenden Antilope erstattet das Veterinäramt Mitte Anzeige gegen Zoochef Blaszkiewitz. Auch das Abgeordnetenhaus beschäftigt sich jetzt mit dem geheimnisvollen Exodus der Tiere aus dem Berliner Zoo.

Im Streit um den geheimnisvollen Exodus der Tiere schwimmen dem Zoodirektor die Felle davon: Das Veterinäramt Mitte bereitet eine Strafanzeige gegen Bernhard Blaszkiewitz vor. Der geplante Transport einer hochtragenden Antilope nach Bulgarien sei „auf jeden Fall eine Straftat nach dem Tierschutzgesetz“, sagte Amtstierarzt Ulrich Lindemann dem Tagesspiegel. Verantwortlich für die Haltung sei Blaszkiewitz. Dagegen seien „die Pfleger dankbar, dass das Tier nun in der Anlage kalben kann und nicht auf diesem Transport elend zugrunde geht“.
Zoodirektor Blaszkiewitz soll viele Tiere abtransportieren lassen
Wie berichtet ist bei Kennern von Zoo und Tierpark die Rede davon, dass der amtierende Zoochef kurz vor dem Dienstantritt seines Nachfolgers Andreas Knieriem viele Tiere abtransportieren lasse.
Im Fall der Antilope blieb Blaszkiewitz am Donnerstag auf Nachfrage bei seiner Version, sie sei „aus seiner Sicht nicht hochtragend“ gewesen, wie seine Sprecherin sagte. Amtstierarzt Lindemann hielt dagegen: Selbst ein Laie hätte dem Tier angesehen, dass es Nachwuchs erwarte, und die Pfleger hätten sogar schon ein „Wurflager“ vorbereitet gehabt.
Veterinäramt sieht unzählige Verstöße in Berlin Der aktuelle Fall ist die jüngste Episode einer unendlichen, unerfreulichen Geschichte: Nach Auskunft von Lindemann „gibt es unzählige Verstöße, die wir schon geahndet haben“. Seit Jahren „sind wir permanent am Anzeigenschreiben und Bußgelderverhängen“. Das sei auch bei einem sehr großen Tiergarten keineswegs normal. Die Strafen dürften sich auf einige tausend Euro summieren und müssten nicht vom Zoo, sondern vom Direktor beglichen werden. Blaszkiewitz äußerte sich auf Nachfrage dazu nicht.
(Foto) Einen Neuzugang hat der Berliner Zoo: Zebra Heinrich wurde Anfang November dort geboren. Ansonsten sollen aber immer mehr Tiere von dort auf mysteriöse Art verschwinden. Zuletzt war der Zoochef laut Lindemann vor drei Wochen nur knapp an einer Strafanzeige vorbeigeschrammt, weil er angeblich Wellensittiche töten und verfüttern lassen wollte. Erst die Drohung mit der Anzeige habe einen Sinneswandel bewirkt und den Wellensittichen ein Weiterleben im Tierpark gesichert. Dazu sagte Blaszkiewitz, die Vögel sollten in den Tierpark. Ob sie dort auch ohne die amtliche Drohung lebend angekommen wären, ließ er offen. Er ließ jedoch ausrichten, von „unzähligen Verstößen“ gegen das Tierschutzgesetz könne keine Rede sein.
Dass sich der Zoochef und der Veterinär in inniger Feindschaft verbunden sind, ist unter Insidern ein offenes Geheimnis. Unklar blieb am Donnerstag, ob es am Tierpark Friedrichsfelde ähnlichen Ärger gibt. Angeblich soll das Veterinäramt Lichtenberg dort nach anderen Kriterien entscheiden. Der Amtstierarzt war am Donnerstag nicht erreichbar.
Im Abgeordnetenhaus erkundigte sich gestern der CDU-Tierschutzpolitiker Alexander Herrmann beim Senat nach den Vorgängen. Finanzsenator Ulrich Nußbaum teilte mit, er habe mit dem Aufsichtsrat vereinbart, dass der die Tierbestandslisten prüfe, um den angeblichen Exodus zu verifizieren. „Ich bin Tierliebhaber“, sagte Nußbaum.
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mi 22. Apr 2015, 17:10

Die Geschichte ist aus . Aber: Bei außerordentlichen Ereignissen bzw. wichtigen Dokumenten könnte man der Knut-Geschichte eine kleine Fortsetzung gewähren.

Die Bilder werden wir nach und nach noch ergänzen und unsere Polarbearfreunde auf die jeweiligen Seiten hinweisen, und wir fangen gleich schon mal damit an :

Seite 7 : neues Foto von Devi mit ihrem Kind Nico
Seite 9 : Knuts Lieblingsbeschäftigung : sich wohlfühlen auf dem Sandhaufen - Einige weitere Fotos von Frans
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Do 14. Mai 2015, 13:44

Anneliese hat geschrieben:Die Geschichte ist aus . Aber: Bei außerordentlichen Ereignissen bzw. wichtigen Dokumenten könnte man der Knut-Geschichte eine kleine Fortsetzung gewähren.

Die Bilder werden wir nach und nach noch ergänzen und unsere Polarbearfreunde auf die jeweiligen Seiten hinweisen, und wir fangen gleich schon mal damit an :

Seite 7 : neues Foto von Devi mit ihrem Kind Nico
Seite 7 Mitte: Bilderfolge Tonja und Wolodja
Seite 9 : Knuts Lieblingsbeschäftigung : sich wohlfühlen auf dem Sandhaufen - Einige weitere Fotos von Frans
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Do 27. Aug 2015, 18:30

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natu ... 49962.html

Berühmter Zoo-Eisbär: Knut litt an einer Autoimmunkrankheit

2011 ertrank Eisbär Knut nach einem epileptischen Anfall. Er hatte eine Hirnentzündung. Nun haben Forscher die Ursache gefunden. Der Bär litt an einer Krankheit, die man bisher nur vom Menschen kannte.

Riesige Knopfaugen, kuschelig weißes Fell - und dann wurde er auch noch von der Mutter verstoßen: Eisbär Knut eroberte nach seiner Geburt im Dezember 2006 im Sturm die Herzen vieler Menschen und wurde zur eigenen Marke. Umso größer war die Trauer, als der Eisbär gut vier Jahre später bei einem epileptischen Anfall in den Wassergraben seines Geheges stürzte
und ertrank.

Nach der Autopsie war schnell klar: Der Bär hatte eine Hirnentzündung. Allerdings fanden die Forscher weder Viren oder Bakterien im Gewebe. Daher blieb unklar, was die Entzündung ausgelöst hatte. Nun haben Forscher das Rätsel gelöst: Demnach hat Knuts Immunsystem die Zellen in seinem Gehirn angegriffen, berichten sie im Fachmagazin "Scientific Reports".

Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis heißt die Krankheit, bei der das Immunsystem Antikörper gegen den Rezeptor NMDA in den Zellmembranen der Nervenzellen bildet. "Das Abwehrsystem des Körpers schießt gewissermaßen über das eigene Ziel hinaus", erklärt Harald Prüß vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Berlin.

Lern- und Gedächtnisstörungen sind die Folge, außerdem epileptische Anfälle, wie auch Knut sie hatte, sowie Halluzinationen und Demenz. Bislang war die Krankheit allerdings nur beim Menschen bekannt - und auch das erst seit dem Jahr 2007.

Antikörper im Hirn entdeckt

Prüß ist einer der Forscher, die sich seither mit ihr beschäftigen. Knuts Autopsiebericht mit der Diagnose Hirnentzündung ohne Erregernachweis, ließ ihn hellhörig werden. An der Charité in Berlin, wo er ebenfalls arbeitet, hatte zuvor eine Studie am Menschen gezeigt, dass zahlreiche ungeklärte Fälle von Hirnentzündungen auf die neu entdeckte Krankheit zurückgehen. "86 Prozent der Fälle aus fünf Jahren konnten wir so aufklären", sagt Prüß.

Diese Ergebnisse hätten sich ihm als jungem Wissenschaftler so eingebrannt, dass ihm bei der Lektüre von Knuts Autopsiebericht schon fast klar gewesen sei: "Das muss eine autoimmune Hirnentzündung sein", sagt der Forscher.

Im Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) lagern bis heute Gewebeproben aus dem Gehirn des Eisbären. Gemeinsam mit Alex Greenwood vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, der Knuts erste Autopsie vorgenommen hatte, entdeckte Prüß in dem Gewebe Antikörper gegen den NMDA-Rezeptor der Hirnzellen

Fortschritt für Mensch und Tier

Die Forscher hoffen nun, die Erkenntnisse und Aufmerksamkeit nutzen zu können, um die Behandlung und Diagnose von Menschen und Tieren mit Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis zu verbessern. Weil die Krankheit zum Teil noch immer unbekannt sei, würden viele Patienten in die Psychiatrie eingewiesen, erläuterte Prüß. Dabei seien sie gut mit einer Blutwäsche oder Medikamenten behandelbar.

"Durch Knut ist jetzt ein gewisser Bekanntheitsgrad zu erwarten, der für solche Patienten hoffen lässt", so Prüß. Auch einige Tiere können nun möglicherweise gezielter behandelt werden: In Zoos leiden immer wieder Tiere an einer Hirnentzündung. "Ein Drittel der Fälle sind unaufgeklärt", sagt Greenwood. "Knut hat Pech gehabt, weil er ins Wasser gefallen ist. Aber es gibt Medikamente, mit denen man Tiere behandeln kann."
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mo 31. Aug 2015, 13:33

Eisbär Knut
Rätsel um Tod des Berliner Eisbären Knut gelöst
27.08.2015 15:09 Uhr

Von Adelheid Müller-Lissner

Knut wurde eine überschießende Immunreaktion zum Verhängnis, die das Gehirn des Eisbären angriff. Das Wissen könnte Zootieren helfen. Beim Menschen ist das Leiden heilbar

Fast schien es, als sei eine bedeutende Persönlichkeit gestorben, als Knut am 19. März 2011 infolge eines epileptischen Anfalls in den Wassergraben fiel und dort ertrank. Sein Schicksal hatte von Anfang an nicht allein die Berliner gerührt, überlebte er doch nach dem Tod seines Zwillingsbruders im Brutkasten und musste von Zoo-Tierpfleger Thomas Dörflein mit der Flasche aufgezogen werden. Die leibliche Mutter Tosca hatte das Bärenbaby nicht angenommen. Millionen Fans nahmen Anteil. Nun haben Wissenschaftler herausgefunden, dass der berühmte Eisbär mit nur vier Jahren an einer Krankheit starb, die ihn posthum noch menschlicher erscheinen lässt: Er litt an einer Autoimmunerkrankung des Gehirns, die damit erstmals im Tierreich diagnostiziert wurde.

Die Hirnentzündung, die den Bären torkeln ließ und epileptische Anfälle verursachte, war mithin nicht Folge der Ansteckung mit einem Krankheitserreger, der von außen in sein Gehege drang. Der Grund waren vielmehr überschießende Immunreaktionen im Körper des Tiers. Dort wurden Antikörper-Moleküle gebildet, die bestimmte Andockstellen an der Oberfläche von Nervenzellen blockierten, die diese sonst für die Übertragung von Informationen benutzen. Die fehlgeleiteten Antikörper lösten offenbar die Entzündungsreaktion aus. Knuts medizinische Diagnose lautet also korrekt: Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.

Das berichtet ein Team aus Wissenschaftlern des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), der Charité und des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in einer Studie, die am Donnerstagnachmittag im Fachblatt „Scientific Reports“ veröffentlicht wurde. „Für uns ist es sehr befriedigend, dass wir nun wissen, woran genau Knut gestorben ist und dass die Spekulationen ein Ende haben“, sagt der Tiermediziner Andreas Ochs vom Zoologischen Garten Berlin.

Den Verdacht hatte zuerst der an der Charité und DZNE tätige Neurologe Harald Prüß, als er rund zwei Jahre nach Knuts Tod aus der Zeitung von den Autopsie-Ergebnissen erfuhr und sich in die wissenschaftliche Publikation dazu vertiefte. „Enzephalitis ohne Erregernachweis“ stand im Autopsiebericht. Bei der Obduktion des Tieres hatten die Veterinäre des IZW also Entzündungen in Gehirn und Rückenmark erkannt. Sie konnten aber kein Virus und kein Bakterium finden. Prüß fielen Parallelen zum Krankheitsgeschehen bei einigen seiner Patienten auf. Er kontaktierte Alex Greenwood, den Leiter der Abteilung für Wildkrankheiten am IZW. „Glücklicherweise war nach Knuts Tod Gehirnwasser aufbewahrt worden, weil schon klar war, dass viele Fragen aufkommen würden“, berichtet der Neurologe im Gespräch mit dem Tagesspiegel. In der Flüssigkeit ließen sich die Antikörper nachweisen.

Die Autoimmunkrankheit wurde erst 2007 beim Menschen entdeckt

Dass die Antikörper überhaupt eine Enzephalitis verursachen können, entdeckten Forscher der Universität von Pennsylvania in Philadelphia erst im Jahr 2007. Zuvor hatten Ärzte automatisch unbekannte Krankheitserreger im Verdacht, wenn sie bei einem Patienten keine Keime fanden. „Inzwischen wissen wir, dass die meisten dieser Patienten an einer Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis erkrankt sind“, sagt Prüß. Der Verlauf dieser Hirnentzündungen ist jeweils ähnlich. Zunächst sind die Betroffenen abgeschlagen und haben leichtes Fieber. Dann stellen sich Denkstörungen, unerklärliche Veränderungen des Verhaltens, Angst, Wahnzustände und Halluzinationen ein – fast wie zu Beginn einer Schizophrenie. Meist ist deshalb auch die Psychiatrie die erste Anlaufstelle für Patienten mit dieser Autoimmunkrankheit. Einer Phase reduzierter Aktivität und des Verstummens folgen schließlich oft epileptische Anfälle und Blutdruckkrisen. Diese können, wenn überhaupt, nur auf einer neurologischen Intensivstation behandelt werden. Überdurchschnittlich oft sind junge Frauen betroffen, bei denen in einem der Eierstöcke ein gutartiger, aus Keimzellen gebildeter Tumor wächst, ein „Teratom“. Gegen dessen Zellen richtet sich die körpereigene Abwehr, die schließlich über das Ziel hinausschießt und körpereigene Nervenzellen schädigt.

Im Laufe der Zeit fanden Forscher weitere Antikörper, die solche und ähnliche Symptome auslösen können. „Die rasante Entdeckung weiterer spezifischer Antikörper wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen“, vermutet Prüß. Er geht davon aus, dass sie bei etwa einem Drittel der Hirnentzündungen im Spiel sind. Inzwischen wurden sie auch bei Patienten nachgewiesen, die unter einer der wesentlich häufigeren chronischen, langsam voranschreitenden neurologischen Krankheiten leiden. Im Einzelfall auch an Demenzen. Eine entscheidende Rolle spielen sie wohl nur bei rund einer von hundert Demenzerkrankungen. Sie wurden aber auch bei einigen Patienten gefunden, die an Alzheimer leiden. Vor allem bei ungewöhnlichen Verläufen könnte sich ein Bluttest lohnen, meint Prüß.

Knut hat sich über seinen Tod hinaus verdient gemacht

Die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis ist inzwischen nicht nur mit Standardtests nachweisbar, die Neurologen haben heute mehrere Waffen gegen das Leiden: Eine Blutwäsche spült die Antikörper aus dem Blut. Kortison dämpft das Immunsystem und lindert die Entzündung. Schließlich Immuntherapien, die die körpereigene Abwehr in gesündere Bahnen lenken. Darunter ist der monoklonale Antikörper Rituximab, ein Mittel gegen Krebs und schweres Rheuma. Er verhindert, dass sich Nachschub des krank machenden Anti-NMDA-Rezeptor-Antikörpers bildet. Etwa 75 Prozent der so Behandelten erholt sich dank dieses Therapiekonzepts ohne gravierende Schäden, nur vier Prozent sterben. „Je schneller die Behandlung beginnt, desto effektiver ist der Schutz“, sagt Prüß

Und Knut? Der Pressetermin der Forscher am Donnerstag im Schloss Friedrichsfelde – mitten im Tierpark – war schließlich auch eine letzte Hommage an den früh verstorbenen Kult-Eisbären, der inzwischen als Dermaplastik präpariert im Naturkundemuseum steht. Knuts Vermächtnis bestehe in den neuen Informationen, sagt der IZW-Forscher Greenwood. Zwar sei unbekannt, was die Autoimmunreaktion auslöst. „Doch wenn es gelingt, die Therapien zu übertragen, könnten wir bei Zootieren möglicherweise Hirnentzündungen erfolgreich behandeln und damit Todesfälle vermeiden.“ Zoo-Veterinär Ochs berichtet, es gebe auch bei anderen Wildtieren immer wieder Hirnentzündungen. „Wenn eine Behandlung nötig ist, scheuen wir bei Zootieren keine Kosten.“ Auch wenn das Anlegen von Infusionen bei gefährlichen Tieren eine logistische Herausforderung darstellen dürfte.

Knuts Popularität hat die Aufmerksamkeit auf eine wichtige und behandelbare Ursache von Hirnentzündungen gelenkt. Er hat sich über seinen Tod hinaus verdient gemacht – für Mensch und Tier.

Quelle
http://www.tagesspiegel.de/wissen/eisba ... 42022.html
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mo 31. Aug 2015, 14:08

Anti-NMDA Receptor Encephalitis in the Polar Bear (Ursus maritimus) Knut

H. Prüss , J. Leubner , N. K. Wenke , G. Á. Czirják , C. A. Szentiks & A. D. Greenwood

Scientific Reports 5, Article number: 12805 (2015)
doi:10.1038/srep12805
Download Citation
Encephalopathy |
Neuroimmunology

Received:10 December 2014
Accepted:06 July 2015
Published online:27 August 2015

Zum Lesen des Artikels hier klicken
http://www.nature.com/articles/srep12805
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon ralph » Fr 11. Nov 2016, 16:27

Schoen wieder diese komplizierten Geschichten zu lessen und die schone Bilder zu geniessen.
Ueber vieles muss man nachdenken.
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Re: Knut.Der Bär, die Stadt und der Zoo

Beitragvon Anneliese » Mi 17. Jan 2018, 14:17

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FAZ-Artikel vom 10.01.2018

Knut ist immer noch präsent


Vor einer Woche (10.01.2018) stand in der Wissenschaftsbeilage der FAZ ein Artikel über Epilepsie. Dem Verfasser war sofort Knut eingefallen, der Opfer eines Epilepsie-Anfalles wurde. Sein Tod ist zwar ein trauriger Anlass, aber der Artikel zeigt, dass Knut immer noch im Gedächtnis der Menschen gegenwärtig ist. Wir denken, dass Knut auch in vielen Jahren noch in den Medien zitiert werden wird, und das ist nur wenigen Tieren gelungen, z.B. Knautschke und Knorke.

Wir tun das unsrige, um sein Andenken lebendig zu halten.

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