Auf Eisbären-Safari in den schottischen Highlands

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Auf Eisbären-Safari in den schottischen Highlands

Beitragvon UliS » So 4. Nov 2018, 15:59

Auf Eisbären-Safari in den schottischen Highlands

Karge Berge, dunkle Wälder und einsame Seen – die Highlands im Norden Schottlands sind eine Wildnis von rauer Schönheit. Hier leben sogar Eisbären, Tiger und Wölfe.
Veröffentlicht am 27.06.2011
Von Patrizia Schlosser - Quelle

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Bewegungslos sitzt sie im Gebüsch und lugt aus gelb-grünen Augen zwischen den Blättern hervor: Die Wildkatze ist eine scheue Einzelgängerin und nur dort heimisch, wo sie weitgehend ihre Ruhe hat. In den knorrigen Kiefernwäldern der schottischen Highlands schleicht sie noch durch das Unterholz. Doch um das Raubtier in freier Wildbahn zu treffen, braucht es viel Glück. "Da ist es wahrscheinlicher einem Tiger in Sibirien zu begegnen“, sagt Douglas Richardson. "Von denen gibt es mehr.“

Das Walkie Talkie des Wildhüters knackt, der braun-schwarz getigerte Schwanz der Wildkatze zuckt alarmiert – und im nächsten Moment ist sie auch schon verschwunden. Douglas Richardson, buschige Augenbrauen und grauer, zotteliger Bart, richtet sich auf. Der Wildhüter des Highland Wildlife Park hat schon in Zoos und Tierparks auf der ganzen Welt gearbeitet. Doch nach Stationen in Kanada und Singapur zog es ihn zurück in die Heimat. "Und da bleibe ich jetzt auch“, sagt er.

Der Arbeitsplatz des 53-jährigen Schotten liegt im Süden der Highlands, im Gebiet der Cairngorm Mountains, einer Landschaft geprägt von sattgrünen Tälern vor rauem Bergpanorama. Mit seinen 4528 Quadratkilometern ist dieses Naturschutzgebiet Großbritanniens größter Nationalpark. Hier ragen einige der höchsten Berge der britischen Insel in den Himmel.

Mit dem Bus sind es von Edinburgh knapp vier Stunden nach Kincraig, einem 500-Seelen-Dorf am Rande des Am Monadh Ruadh, des roten Gebirges, wie die Cairngorm Mountains auf Gälisch heißen. Je näher der Bus Kincraig kommt, desto weniger Fahrgäste werden es. "Kincraig? Was wollen Sie denn hier?“, fragt der Busfahrer scherzhaft einen Touristen beim Aussteigen.

Hinter dem Ort, in den dunkelgrünen Wäldern mit ihren schwarz-weiß gestreiften Birken und knorrigen Kiefern leben Auerhähne, Eichhörnchen und Rothirsche. Hier ist auch der Schottische Kreuzschnabel heimisch, eine ziegelrote Finkenart, die es nur in Schottland gibt. In den Mooren sind die Rufe der Schneehühner zu hören, in den zahlreichen Flüssen und Seen, den Lochs, jagen Otter und Fischadler. Doch nach Wildnis fühlt sich das alles trotzdem nicht an.

Statt Menschenleere ist hier das klassische Publikum eines Naherholungsgebiets anzutreffen: Jogger auf Waldpfaden, Familien, die vom Parkplatz zur nächsten Picknick-Gelegenheit wandern, und Herrchen, die ihre Hunde Gassi führen. Eine Idylle, das scheint die Cairngorm-Region zu sein. Doch eine ungezähmte Wildnis?

Der Highland Wildlife Park nahe Kincraig verstärkt diesen Eindruck. Der Tierpark lockte mit einheimischen Tieren allein nicht genügend Besucher an, deshalb wurde er kurzerhand um Tiere aus der ganzen Welt erweitert, die in dem gleichen kühlen Klima wie in Schottland leben. Das Ergebnis: Eisbären, Sibirische Tiger und chinesische Bergziegen als neu eingebürgerte Highlander.

Mitten in Schottland erklingt so das Brüllen eines Amur-Tigers neben dem Röhren eines einheimischen Rothirschs über die Hügel des Parks. "Seit es Eisbären und Co. gibt, strömen die Besucher nur so herbei“, sagt Wildhüter Douglas. Vorbei an Herden von Wildpferden, Bisons und Rothirschen begeben sie sich mit ihren Autos auf schottisch-exotische Safari.

So skurril Eisbären vor der malerischen Kulisse einer schottischen Bergkette anmuten mögen – Douglas sieht das ganz pragmatisch. "Während der Eiszeit gab es hier auch schon einmal Eisbären“, erklärt er achselzuckend. Jetzt sei der Bär eben wieder da, diesmal durch Menschenhand. Vergnügt planscht das massige Tier mit einem blauen Plastikspielzeug in einem Teich.

Meilen und Meilen lavendelfarbener Einsamkeit

Hinter ihm erheben sich dunkel und bedrohlich die Cairngorm Mountains. Die Wildnis, sie muss abseits des Eisbären-Teichs, abseits des Speckgürtels aus idyllischen Dörfern wie Kincraig, abseits der Informationstafeln, Wanderwege und Parkplätze liegen.

Der Weg dorthin führt querfeldein über ungezählte Schafweiden. Zu Tausenden grasen die Tiere auf den Wiesen vor den Bergen. Wer hier hindurch will, muss ein Gatter nach dem anderen öffnen und schließen und zahlreiche Steinmauern und Stacheldrahtzäune überwinden. Zicklein bleiben angesichts des Wanderers erschrocken stehen, Böcke mit gezwirbelten Hörnern beobachten ihn argwöhnisch.

Hinter den Schafweiden zeigt sich ein Berghang, bedeckt mit großen Felsbrocken. Je höher es geht, desto karger wird die Szenerie, und plötzlich machen die Warnhinweise des Fremdenverkehrsamtes vor der unwirtlichen Bergwelt der Highlands einen Sinn. Nur den eigenen Atem im Ohr, geht es bergauf. Ein paar verkrüppelte Kiefern krallen sich in den Berg, danach verwandelt sich die Landschaft in eine Art arktische Wildnis.

In diesem Hochland-Nirwana wächst kein Baum und kein Strauch mehr. Adler und andere Raubvögel ziehen über den Gipfeln ihre Kreise. Die kahlen Berge scheinen sich wie aufgetürmte Wellen bis zum Horizont zu rollen. Nur das Heidekraut gedeiht hier und lässt die Hänge lila schimmern. "Meilen und Meilen lavendelfarbener Einsamkeit“, schrieb Virginia Woolf in ihr Notizbuch, als sie 1938 in den Highlands unterwegs war.

Kurze, kühle Sommer und lange Winter mit viel Schnee – das Klima in den Highlands hat die höher gelegenen Gebiete zu einer weiten, mit Flechten und Moos bedeckten Tundra geformt. "Das Wetter hier ist unberechenbar“, sagt Mike Welding kopfschüttelnd. "In einem Moment scheint die Sonne, im anderen regnet es.“ Der kleine Hotelbetrieb des Schotten in Kincraig hat oft unter den sprunghaften Wetterverhältnissen zu leiden.

Doch wenn nach einem Regenschauer plötzlich das Licht zwischen den Wolken hervorbricht und lange Schatten auf die Berge zaubert, zeigt sich der Reiz dieser Landschaft. Es ist eine spröde Schönheit, eine melancholische Wildnis, in der sich der Wanderer ziemlich schnell ziemlich allein fühlen kann. War dort hinter den Felsbrocken nicht gerade ein bedrohlich großer Schatten zu sehen?

"Ich habe nie Einsameres durchschritten“, schrieb der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane über seine Reise von Perth nach Inverness 1858. Tatsächlich blieb keine Region in Großbritannien so lange unbekannt und unzugänglich wie die Highlands. "Noch um 1700 wusste man in London über die Highlands nicht mehr als über Abessinien oder Japan“, schreibt der Landeskenner Peter Sager in seinem Reisebuch "Schottland“.

Die Bewohner der Highlands waren unberechenbar

Nicht nur war die Gegend unbekannt, Reisende im 17. Jahrhundert fürchteten auch die gefährlichen Schluchten, die sie durchqueren mussten – und die unberechenbaren Bewohner der Highlands. Ganz im Sinne der archaischen Natur, in der sie lebten, lieferten sich die Clans zahlreiche Fehden untereinander – und natürlich mit ihrem Lieblingsfeind, den Engländern.

Trotz der Zeit, die zwischen einem Reisenden aus dem 17. Jahrhundert und dem heutigen, mit Funktionskleidung ausgerüsteten Wanderer, liegt – es begleitet auch ihn ein Gefühl der Einsamkeit. Das kommt nicht von ungefähr. Auch wenn die Highlands schon immer dünn besiedelt waren, so menschenleer wie heute waren sie nicht immer. Die verwitterten Steinruinen ehemaliger Häuser zeugen von einem dunklen Kapitel schottischer Geschichte.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts vertrieben die Großgrundbesitzer die Pächter und Kleinbauern aus den Highlands, um die Flächen für die rentable Schafzucht nutzen zu können. Ganze Dörfer wurden so aufgelöst, ihre Bewohner gezwungen, nach Nordamerika oder Australien auszuwandern. Die Häuserruinen, die überall in den Highlands zu finden sind, sind düstere Mahnmale dieser systematischen Entvölkerungspolitik, der sogenannten Clearances.

Die Suche nach Arbeit, die Abwanderung der jungen Leute nach Edinburgh und Glasgow haben ihr übriges getan: Heute leben rund 80 Prozent der Bevölkerung in den Städten der Lowlands, im Süden Schottlands. Die Highlands, sie waren und bleiben ein karges, unwirtliches Land – und eines von bestechend wilder Schönheit.
dpa
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