30 Jahre nach Tschernobyl - Tiere besiedeln die Region

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30 Jahre nach Tschernobyl - Tiere besiedeln die Region

Beitragvon AnkeB » Sa 23. Apr 2016, 16:18

http://www.berliner-zeitung.de/wissen/t ... n-23932302

Tschernobyl Wie Tiere die Region der Reaktorkatastrophe besiedeln

Von
Kerstin Viering
p22.04.16, 08:52 Uhr

Tschernobyl 1986


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Der explodierte Reaktor 4 von Tschernobyl im September 1986.
Foto: dpa

Mal hat die Kamera den aufmerksamen Blick eines Wolfes eingefangen, mal das üppige Hinterteil eines Bären oder die massige Gestalt eines Wisents. Es gibt Bilder von Elch-Müttern, deren Nachwuchs auf langen, dünnen Beinen durch den Birkenwald stakst und von Luchsen, deren geflecktes Fell mit der Landschaft zu verschmelzen scheint. Die stark bedrohten Przewalski-Pferde sind sogar gleich in Herdenstärke an der Linse vorbei getrabt. Von all den Rehen und Hirschen, Wildschweinen und Füchsen gar nicht zu reden. Die großen Säugetiere Europas scheinen geradezu Schlange gestanden zu haben, um sich von Mike Wood und Nick Beresford ablichten zu lassen. Mehr als 155.000 Aufnahmen der verschiedensten Arten haben die beiden Forscher von der University of Salford in Großbritannien im Laufe des vergangenen Jahres zusammengetragen.

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Wie aus dem russischen Märchen wirken die verlassenen Holzhäuschen, an denen ein Rudel Wildschweine vorbeizieht.
Foto: Polessye State Radioecological Reserve/Valeriy Yurko

Das Überraschende daran ist der Schauplatz des wissenschaftlichen Fotoshootings. Denn das Team hat seine von Bewegungsmeldern ausgelösten Kameras nicht etwa in einem der bekannten europäischen Naturparadiese aufgestellt. Sondern im Umfeld des explodierten Reaktors von Tschernobyl. Ist die Katastrophen-Region 30 Jahre nach dem Unfall also zu einem Refugium für die Natur geworden? Trotzt die Tierwelt der Strahlenbelastung besser als gedacht? „Darüber gibt es unter Wissenschaftlern kontroverse Diskussionen“, sagt der Naturschutzbiologe Tobias Kümmerle von der Humboldt-Universität (HU) zu Berlin. Eine Fraktion von Forschern betont, dass die Radioaktivität für viele Arten durchaus massive Gesundheits- und Fortpflanzungsprobleme mit sich bringe. Die andere sieht dagegen vor allem neue Chancen für die Tierwelt durch den Rückzug des Menschen aus der belasteten Region.

Strahlung ist zurückgegangen

Unstrittig ist, dass die extrem hohe Strahlung direkt nach dem Unfall verheerende Folgen für Pflanzen und Tiere hatte. So sind auf einer Fläche von 600 Hektar in kurzer Zeit fast alle Kiefern abgestorben. Auf weiteren 3600 Hektar, die nicht ganz so hohe Dosen abbekommen hatten, bildeten diese Nadelbäume fünf bis sieben Jahre lang keine Samen. In einer Entfernung von fünf bis sieben Kilometern um den Reaktor gingen die Bestände von Insekten und anderen Wirbellosen im Waldboden kurzfristig um das 30-Fache zurück. Und auch unter den Säugetieren dürfte die akute Strahlenbelastung Opfer gefordert haben. Das lässt sich zum Beispiel daraus schließen, dass im Herbst 1986 im Umfeld des Reaktors nur sehr wenige Nagetiere unterwegs waren.

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Karte Bodenkontamination
Foto: dpa-infografik

Seither ist die radioaktive Belastung der Region deutlich zurückgegangen. Da Cäsium-137 und Strontium-90 eine Halbwertszeit von rund 30 Jahren haben, finden sich derzeit zum Beispiel nur noch halb so viele dieser gefährlichen Isotope in der Landschaft wie kurz nach dem Unfall. Direkt tödlich sind die Strahlungs-Dosen für die meisten Organismen daher nicht mehr. Doch es gibt natürlich noch eine chronische Belastung, deren Folgen sehr schwer einzuschätzen sind. Zumal Wind und Niederschläge die Strahlung nach dem Unfall sehr ungleichmäßig verteilt haben. So ist eine Art radioaktiver Flickenteppich entstanden, in dem stark und weniger stark betroffene Flächen oft nahe beieinander liegen.


Der Reaktorunfall

Auswirkungen bis heute spürbar
Am 26. April 1986 ereignete sich eine der schlimmsten Katastrophen in der Geschichte der Atomindustrie. Der Kernreaktor von Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion explodierte und setzte riesige Mengen radioaktiver Substanzen frei. Isotope wie Caesium-137 oder Strontium-90 haben eine lange Halbwertszeit von etwa 30 Jahren und lassen sich heute noch in vielen Regionen Europas nachweisen.

Die am stärksten belasteten Gebiete liegen im Umkreis des Reaktors und gehören heute vor allem zu Weißrussland und der Ukraine, ein kleinerer Teil auch zu Russland. Direkt nach dem Unfall hatten die Behörden zunächst ein Gebiet im Umkreis von zehn Kilometern um den havarierten Reaktor evakuiert, darunter auch die 50 000-Einwohner-Stadt Prypjat. Einige Tage später wurde die Sperrzone auf einen Radius von 30 Kilometern ausgedehnt. Ihre Grenzen wurden später noch mehrfach an die Strahlungswerte angepasst.

Umsiedelungen H

Riesiges Sperrgebiet H

Anders Møller vom Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) in Paris und Timothy Mousseau von der University of South Carolina in Columbia gehören zu den Forschern, die schon bei relativ geringer Belastung massive Schäden für die Tierwelt befürchten. Sie berichten zum Beispiel von hohen Mutationsraten und Fortpflanzungsproblemen bei Rauchschwalben. So gebe es rings um den Reaktor ungewöhnlich viele Tiere mit weißen Flecken, deformierten Federn und merkwürdigen Mustern im Gefieder. Auch Tumore und missgestaltete Zehen, Schnäbel oder Augen seien häufiger als anderenorts. Bei Männchen aus den mäßig belasteten Regionen um den Reaktor finde man zudem mitunter mehr als 40 Prozent deformierte Spermien, während bei Artgenossen aus relativ unbelasteten Regionen Spaniens und der Ukraine eher fünf Prozent typisch seien.
Eine vom Bewegungsmelder ausgelöste Kamera hat auch diese Wölfe in der Sperrzone von Tschernobyl aufgenommen.

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Eine vom Bewegungsmelder ausgelöste Kamera hat auch diese Wölfe in der Sperrzone von Tschernobyl aufgenommen.
Foto: National Geographic/Jim Beasley/Sarah Webster

Auch in Bezug auf die Lebenserwartung haben Anders Møller und seine Kollegen für die Rauchschwalben im Umfeld des Reaktors keine gute Prognose: Die Chance, bis zum nächsten Frühjahr zu überleben und wohlbehalten ins Brutgebiet zurückzukehren, liegt für diese Vögel demnach nur bei 28 Prozent. Bei Artgenossen aus anderen Regionen der Ukraine sind es dagegen 40 Prozent und bei denen aus Spanien sogar 45 Prozent. Die Forscher sind davon überzeugt, dass auch viele andere Arten mit solchen strahlungsbedingten Problemen zu kämpfen haben.

In den Jahren 2006 bis 2009 haben sie zum Beispiel die Brutvögel in verschiedenen Waldgebieten im Umfeld des Reaktors und in anderen Regionen Weißrusslands und der Ukraine erfasst. Dabei stießen sie in den belasteten Regionen auf weniger als die Hälfte der Arten, die sie erwartet hatten. Die Gesamtzahl der Vögel erreichte nicht einmal ein Drittel der üblichen Werte. Auch bei Insekten wie Bienen, Heuschrecken, Schmetterlingen und Libellen vermelden die Wissenschaftler in Gebieten mit höherer Strahlungsbelastung reduzierte Bestände. Im Februar 2009 fanden sie in Gebieten mit höherer Strahlung deutlich weniger Säugetier-Spuren im Schnee als in weniger belasteten Regionen.

Mehr Tiere als vor dem Unfall

Allerdings sind etliche dieser Ergebnisse umstritten, mehrfach gab es Kritik an den angewandten Methoden und an mangelnder Transparenz der Daten. Und tatsächlich deuten andere Studien darauf hin, dass die Tierwelt rings um den Reaktor erstaunlich gut mit der Belastung zurechtzukommen scheint. So hat ein Forscherteam um Jim Smith von der University of Portsmouth in Großbritannien im vergangenen Jahr eine erste Langzeituntersuchung über die Bestände von großen Säugetieren im weißrussischen Teil des Sperrgebietes veröffentlicht. Darin sind zum einen Daten aus direkten Zählungen eingeflossen, die Experten in den Wintermonaten der Jahre 1987 bis 1996 vom Hubschrauber aus durchgeführt hatten. Zum anderen waren Forscher zwischen 2008 und 2010 auch zu Fuß im Gelände unterwegs, um nach Spuren im Schnee zu suchen.

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Eine Elchkuh streift mit ihrem Nachwuchs frei umher. Nichts erinnert hier an Tschernobyl und die große Katastrophe.
Foto: Polessye State Radioecological Reserve/Valeriy Yurko


Die Ergebnisse dieser Bestandsaufnahmen sind verblüffend: „Heute gibt es in der Region von Tschernobyl wahrscheinlich viel mehr Wildtiere als vor dem Unfall“, meint Jim Smith. So streifen durch den weißrussischen Teil des Sperrgebietes mittlerweile ähnlich viele Elche, Rehe, Rothirsche und Wildschweine wie durch die vier unbelasteten Schutzgebiete des Landes, die das Team zum Vergleich untersucht hat. Die Zahl der ermittelten Wölfe liegt sogar siebenmal so hoch. Zwar könne man aus diesen Daten keine direkten Rückschlüsse auf die Langlebigkeit oder den Fortpflanzungserfolg der einzelnen Tiere ziehen, schreiben die Forscher im Fachjournal Current Biology. Doch ein Zusammenhang zwischen der Intensität der Strahlung und der Größe der Bestände lasse sich nicht erkennen.

Auch die Fotos aus den Kamerafallen von Mike Wood und Nick Beresford legen nahe, dass sich der Schauplatz der Katastrophe zu einem populären Lebensraum für große Säugetiere entwickelt hat. Die abgelichteten Braunbären sind immerhin die ersten, die in der Region seit rund hundert Jahren nachgewiesen wurden. Und die 30 Przewalski-Pferde, die Ende der 90er-Jahre im ukrainischen Teil des Sperrgebietes angesiedelt wurden, können sich offenbar durchaus erfolgreich fortpflanzen. Schließlich haben sich auch Fohlen und Halbwüchsige vor die Linse gewagt. „Das alles heißt nicht, dass Strahlung gut für Wildtiere wäre“, betont Jim Smith. Sehr wohl aber habe die Fauna vom Rückzug des Menschen aus der Region profitiert. Tobias Kümmerle von der HU hält das für durchaus plausibel. „Im und um das Sperrgebiet wurden weitläufige Ackerflächen, Wiesen und Weiden aufgegeben und einer natürlichen Entwicklung überlassen“, erklärt der Forscher, der sich mit den Veränderungen der Landnutzung nach dem Reaktorunfall beschäftigt hat. Dort haben sich nach dreißig Jahren bereits zahlreiche Gehölze angesiedelt, langfristig dürften Wälder einen guten Teil der neuen Wildnis zurückerobern.

Das aber bringt auch für viele Tiere neue Chancen. Wo ihnen kaum noch ein Jäger nachstellt und ihnen kein Land- oder Forstwirt mehr den Lebensraum streitig macht, können sich ihre Bestände offenbar ziemlich schnell erholen. „Diesen Effekt kennen wir auch aus anderen Teilen der Welt“, sagt Tobias Kümmerle. Er hält es durchaus für möglich, dass die Strahlenbelastung langfristig noch negative Folgen für die Tierbestände haben könnte. Um das zu beurteilen, gebe es einfach noch zu wenige Daten. „Derzeit aber scheint der positive Effekt durch die vom Menschen ungestörten Lebensräume zu überwiegen“.
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Re: 30 Jahre nach Tschernobyl - Tiere besiedeln die Region

Beitragvon Anita » Sa 23. Apr 2016, 16:23

Das ist ein sehr interessanter Artikel.
Danke Anke [tschuess]
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Re: 30 Jahre nach Tschernobyl - Tiere besiedeln die Region

Beitragvon Ludmila » Sa 23. Apr 2016, 19:30

Ich habe irgendwo gelesen, dass es gibt die Reisen in diesen Gebiet um die Tiere zu beobachten.
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Re: 30 Jahre nach Tschernobyl - Tiere besiedeln die Region

Beitragvon UliS » So 24. Apr 2016, 10:49

Es wäre ein friedlicher Lebensraum für viele Tiere und neue Natur ... hoffen wir, dass die Strahlung für sie immer geringer wird.
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Re: 30 Jahre nach Tschernobyl - Tiere besiedeln die Region

Beitragvon Eva » Mo 25. Apr 2016, 10:33

Alles gut und schön, ich habe nur arge Bedenken für die Zukunft und genetische Schäden durch die nach wie vor vorhandene Strahlung :sad:
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Re: 30 Jahre nach Tschernobyl - Tiere besiedeln die Region

Beitragvon AnkeB » Di 26. Apr 2016, 10:44

Ludmila, diese Reisen gibt es seit mehreren Jahren.

Hier ist anlässlich des 30sten Jahrestages ein aktueller Artikel mit weiterführenden Informationen und Videos zu dieser Form von Tourismus:

http://www.spiegel.de/einestages/tscher ... 88757.html

Tschernobyl-Touren
Zum Gruselreaktor bitte hier entlang

Tschernobyl-Tourismus: Strahlung, Selfies, Souvenirs

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Fotos
DER SPIEGEL/ Hilmar Schmundt

Blindekuh mit Geigerzähler: Die Strahlenwüste von Tschernobyl ist ein morbides Reiseziel, ein Abenteuerspielplatz fürs Selfie-Publikum. Hier floriert der Schwarze Tourismus - manche nennen es auch "Ruinen-Porno". Eine Tour mit Hilmar Schmundt und Phil Thoma (360°-Videos)

Sonntag, 24.04.2016 – 18:33 Uhr

Schritte knirschen über zertretenes Glas, Kameras piepsen. Eine Besuchergruppe drängt durch eine evakuierte Schule in der Sperrzone von Tschernobyl. Vergilbte Lehrbücher auf den Tischen, sowjetische Propaganda an den Wänden, ein Haufen Gasmasken, teils bizarr drapiert. Im Halbdunkel glühen Handybildschirme. Und den Takt tickert der Geigerzähler, der kleine, böse Herzschlag der Gammastrahlen.

"Ganz schön morbide hier", sagt Alex aus München. Der smarte Mittzwanziger macht ein paar Selfies, cool lächelnd vor Untergangskulisse: "Ich mag besondere Erlebnisse." Er arbeitet bei einem Onlineportal und reist gern an exotische Orte: zum Nyiragongo-Vulkan im Kongo, zu Berggorillas in Ruanda, einem Parabelflug mit einem Airbus, einer Pauschalreise durch Nordkorea.

Alex ist mit ein paar Schulfreunden hier. Der Trip war seine Idee, er gilt als Spezialist für Abwegiges. Tschernobyl ist eine starke Marke: die Postapokalypse als leicht konsumierbares Produkt.

In Tschernobyl explodierte am 26. April 1986 ein Reaktor - der größte Atomunfall der Geschichte. Viele Bilder sind heute ikonisch: der havarierte Block 4, nur noch ein rauchendes Loch nach der Explosion. Evakuierungskonvois bringen mehr als 200.000 Menschen aus der Gefahrenzone. Wölfe, Wisente, Wildpferde streifen 30 Jahre später durch verlassene Dörfer. Alteingesessene Bewohner, sogenannte Samosely oder "Self-Settler", ernten hier halblegal strahlenbelastete Kartoffeln, obwohl das Areal eigentlich im Umkreis von 30 Kilometern gesperrt ist.

Von einem anderen Tschernobyl wird seltener berichtet: einem Ziel des "Dark Tourism", zelebriert auf Webseiten wie Atlas Obscura . Dieser Schwarze Tourismus lockt mit Albtraumstätten statt Traumstränden. Hiroshima, Verdun, Gettysburg, Pompeji - Orte von Schrecken, Schmerz und Trauer. Manche nennen es auch "Ruin Porn".

"Hallo, mein Name ist Alexej, ich bin heute euer DJ", moderiert Alexander Rybak ins Mikrofon. Er ist Touristenführer und nennt sich lieber "Explorer". "Herzlichen Glückwunsch, dass Sie heute den verrücktesten Ort der Welt besuchen." Alle im Bus lachen. Sie haben in Kiew über 100 US-Dollar bezahlt, um Tschernobyl zu besuchen. Schwarzer Humor grundiert den gesamten Trip und verbindet wie eine Lingua Franca die Ukrainer und Deutschen, Argentinier und Amerikaner an Bord.

Nach zweistündiger Fahrt passiert der Bus den Checkpoint. Soldaten kontrollieren die Besucher, hinter Schildern, die vor erhöhter Strahlung warnen. Tschernobyl gilt als postapokalyptischer Un-Ort, Inbegriff einer todbringenden Strahlenwüste. Schlechter kann ein Ruf nicht sein. Genau deshalb floriert hier der Tourismus: Allein 2015 registrierte die Zonenverwaltung 16.386 Besucher aus 84 Ländern.

"Es gibt nicht das eine Tschernobyl", sagt Alexeij, der Explorer. "Jeder sieht hier das, was er mitbringt." Über 500 Touristengruppen hat er bereits begleitet. Manche waren still und bedrückt, andere ließen sich grölend mit Wodka volllaufen, erzählt der Endzwanziger. Er wurde mit seiner Familie umgesiedelt, als er ein Kind war, später studierte er Englisch und Literatur. Sein Lieblingswerk über Tschernobyl? "Ich brauche keine Bücher über die Zone", sagt er. "Das ist ja Familiengeschichte für mich."

Alexeij trägt ein verschmitztes Lächeln und eine paramilitärisch wirkende Uniform. Hinter ihm ragt eine über hundert Meter hohe Antenne namens Duga (Specht) auf. Die Sowjetarmee benutzte sie einst als Frühwarnsystem, um Raketenstarts in den USA zu erlauschen. Auf Landkarten war die Militärbasis als "ehemaliges Pionierlager" getarnt.

Nächste Station: der Katastrophenreaktor, riesig und drohend, ummantelt von Beton, dem sogenannten Sarkophag. Die Strahlendosis hier beträgt über 3 Mikrosievert pro Stunde, zwanzigfach mehr als die Normalbelastung in einer Großstadt. Andererseits: deutlich unter der Strahlendosis bei einem Transatlantikflug - so versichert es ein Flugblatt im Bus.

"Die Ukrainer denken leider immer nur einmal im Jahr an Tschernobyl, zum Jahrestag", sagt Jurij Urbanski. Der große, schwermütige Mann mit dem patriotischen Dreizack auf dem T-Shirt leitet die ukrainische Umweltschutzorganisation Necu . Sie wirbt für den Atomausstieg - eine unpopuläre Idee, denn Kernenergie bedeutet Unabhängigkeit vom verhassten Russland und macht daher rund die Hälfte im Energiemix der Ukraine aus.

Tschernobyl ist zwiespältig für Urbanski. Als sich das Unglück ereignete, war er ein Teenager, seine Eltern schickten ihn für sechs Wochen ins Sommercamp. Er fand das damals großartig. Heute feiert er hier seinen 43. Geburtstag.

Vor dem Sarkophag drängeln sich Touristengruppen aus aller Welt, die Besucher wirken aufgekratzt wie bei einem Schulausflug. "Exclusion Zone" wird die Sperrzone auf Englisch genannt. Passend, den Besuchern verspricht sie eine gewisse Exklusivität ihrer Selfies.

Weil der alte Sarkophag brüchig wird, entsteht 300 Meter daneben eine gigantische neue Schutzhülle. Sie soll über 35 Millionen Kilo wiegen, hundert Jahre halten und über zwei Milliarden Euro kosten. Für ein fundiertes Wissensfundament dagegen fehlt oft das Geld: Eine Uno-Arbeitsgruppe etwa klagt, dass die Krankenakten der Helfer von einst verstreut und unsystematisch verwaltet werden, was die Forschung erschwert. Selbst profilierte Strahlenökologen haben Mühe, ihre Tierstudien finanziert zu bekommen, um die Wirkung chronischer Strahlenbelastung auf Tiere und Pflanzen in der Sperrzone zu erhellen.

Wie groß sind die Schäden, was lernen wir aus Tschernobyl? Diese Fragen sind umstritten und politisch kontaminiert. In diesem Wissensvakuum wuchert heute das wilde Gedenken: Jeder sieht hier, was er will.

Eine andere Tour ein paar Tage später, eine andere Attraktion in der Zone: ein verlassenes Krankenhaus. "Ok, alles aussteigen, ihr habt eine halbe Stunde Zeit", ruft Sergeij Teslenko, ein gut gelaunter Mittzwanziger mit raspelkurzem Haar, "und passt auf, falls die Zombies kommen". Zombiewitze reißt er ständig, eine Anspielung auf Filme wie "Chernobyl Diaries" mit der Zone als Gruselkulisse. Auch Computerspiele wie "S.T.A.L.K.E.R.", "Call of Duty 4" oder "Fallout" bilden für Besucher feste Bezugspunkte.

Wer vor Ort ein informatives Museum erwartet oder wenigstens einen Buchladen, wird enttäuscht. Ein Restaurant in der Ortschaft Tschernobyl bietet lediglich Erinnerungs-T-Shirts und Postkarten an. Alles weitere ist den Besuchern selbst überlassen. Kein Aufklärungsort, nirgends.

Für die Anbieter ist der Tschernobyl-Tourismus lukrativ. Die Landeswährung Hrywnja wurde stark abgewertet durch die politisch instabile Lage, viele Menschen verdienen pro Monat kaum mehr, als eine Zonen-Tour kostet. Auf Webseiten wie Chernobylstore kann man Pauschaltouren buchen oder ein ganz persönliches Abenteuer zusammenklicken: Den Besuch bei halblegalen Siedlern in der Sperrzone gibt es zum Aufpreis von 17,70 Euro auf die Tagespauschale. Ein Filmdrohnen-Einsatz kostet satte 206,20 Euro an Lizenzgebühren.

"Boah, ich hatte gerade 3 Mikrosievert, krass!"

Für Besucher wird die Katastrophe konsumierbar gemacht: im Bus ein Dokumentarfilm während der 110 Kilometer Anfahrt von Kiew, danach einige Musikvideos, etwa von der Band Cruxifix, gedreht in geisterhaften Ruinen in der Zone.

Freudig tobt jetzt die Gruppe durch die verlassenen Räume des evakuierten Krankenhauses, fotografiert die staubigen Betten und fährt weiter nach Prypjat, der zwei Kilometer vom Kraftwerk enfernten Ruinenstadt.

"Das Atom ist Arbeiter, nicht Soldat". Dieser Propagandaspruch zur zivilen Nutzung der Kernenergie prangt hoch oben auf einem bröckelnden Plattenbau unweit vom Leninplatz. Prypjat wurde 1970 für rund 50.000 Kraftwerksarbeiter als eine sozialistische Idealstadt errichtet. Es galt als Privileg, im Schatten des Reaktors zu leben, man versprach den Einwohnern eine strahlende Zukunft. Die kam - anders als gedacht. Der Freizeitpark, der am 1. Mai 1986 eröffnen sollte, wurde nie benutzt.

Die Region ist eine Risikolandschaft. Nur ein paar Schritte, schon schlägt der Geigerzähler Alarm. Grün ist hier Warnfarbe. Der Boden, Moos, Gras und Laub sind oft höher belastet als die Umgebung. Das Knacken des Strahlenmessgeräts regt ein Kopfkino an: Wie war es, hier zu leben - und zu sterben? Man kann es den Pompeji-Effekt nennen: das Frösteln an Orten, wo der Alltag durch eine Tragödie abrupt endete.

Alexeij hat recht: Jeder sieht hier, was er mitbringt.

"Boah, da drüben hatte ich gerade 3 Mikrosievert pro Stunde, krass", ruft ein Besucher und zeigt stolz seinen Geigerzähler. "Und ich erst, heute morgen hatte ich einmal 10", antwortet sein Kumpel. Beide haben sich sicherheitshalber Staubmasken aus dem Baumarkt übers Gesicht gezogen. Für sie ist der Trip auch: Topfschlagen mit Gammastrahlen, Blindekuh mit Geigerzähler.

"Könntest du mal aus dem Bild gehen?", bittet eine Besucherin. Sie sucht im verwaisten Schwimmbad ein stimmungsvolles Motiv für ihr Facebook-Profil. Auffällig oft sind die Fotos aus der Evakuierungszone als menschenleere Stilleben inszeniert, obwohl sie oft im Gedränge einer Gruppe entstanden: verstaubte Puppen, zerfledderte Schulbücher, ein Haufen Gasmasken. Die Bildsprache orientiert sich am alten Motiv der Vanitas , des vergänglichen Augenblicks.

"Ich hätte gern ein Ticket", sagt Katie Woginrich, eine junge Amerikanerin, am rostigen Kassenhäuschen des Riesenrads, das nie in Betrieb ging. Eine Mitreisende sitzt hinter dem Fenster und reicht ihr eine imaginäre Fahrkarte. Dann blickt sie erschreckt gen Himmel, als sähe sie eine Giftwolke, und flucht: Verdammt! Ein Tourist filmt sie mit ihrem Handy.

Ist dieses Laientheater albern und respektlos? Ihre Familie stamme ursprünglich aus der Ukraine, erzählt Katie; daheim heißt sie Ekaterina. Derzeit jobbt sie als Lehrerin in der Normandie. Aber sie bekam Heimweh, nun steht sie hier. Als sie ein Kind war, erzählte ihr Vater von der Tragödie von Tschernobyl, vom Heldenmut der Arbeiter, vom Leid der Familien. Für Katie sind die zerbröckelnden Ruinen ein Stück Heimat.

Als sie das kleine Video nach Hause mailt, erklären ihre Großeltern sie umgehend für verrückt. Ihr Vater jedoch ist begeistert. Katie posiert im rissigen, gelben Kunststoffsitz auf dem Riesenrad im vielleicht traurigsten Vergnügungspark der Welt. Sie lächelt.

Vielleicht kann die schrille Bilderflut im Netz auch Auftakt und Anknüpfungspunkt sein, um aus dem Abenteuerspielplatz Tschernobyl einen Lernort zu machen. Vielleicht braucht man dafür gar kein physisches Museum. Vielleicht gibt es schon zum nächsten Jahrestag ein kluges Computerspiel, eine smarte Virtual-Reality-Umgebung oder einfach eine App, um Kontext, Fakten und Hintergründe anzubieten.

Aufbruch, Rückfahrt, zwei Checkpoints, letzte Fotos am Strahlendetektor: Hier müssen Katie und alle anderen die Hände auf zwei Messflächen auflegen, bevor sie ausreisen aus der Grauzone des Schwarzen Tourismus.

"Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder", sagt Sergeij grinsend zum Abschied. "Spätestens nach dem nächsten Unfall."


Video (SPIEGEL TV 2011): Im Niemandsland rund um Tschernobyl


Ich hoffe, die "vergnügungssüchtigen Besucher", die auszogen, das Gruseln zu lernen, haben bereits mit ihrem Kinderwunsch abgeschlossen... [augenroll]
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