Nach der Zwangsräumung kam der Tod

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Nach der Zwangsräumung kam der Tod

Beitragvon AnkeB » Sa 13. Apr 2013, 12:08

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/r ... 55522.html
Nach der Zwangsräumung kam der Tod

Berlin –
Die Rentnerin Rosemarie F. aus Reinickendorf musste ihre Wohnung verlassen. Zwei Tage später starb die 67-Jährige in einer Notunterkunft. Die Todesursache soll nun eine durch eine Obduktion geklärt werden.
Alles ging ganz schnell: Am Dienstag wurde die Wohnung von Rosemarie F. in Reinickendorf zwangsgeräumt, am Donnerstagabend wurde sie in der Kälte-Nothilfe für Obdachlose tot aufgefunden. In diesen zwei Tagen habe Rosemarie F. körperlich erheblich abgebaut, sagt Zoltan Grasshoff, Initiator der Kälte-Nothilfe in Wedding. Er ist einer der letzten Menschen, der die 67-jährige Rentnerin vor ihrem Tod noch gesehen hat.
Grasshoff sagt, bei einem kurzen Spaziergang am Mittwoch habe sie mehrfach erbrechen müssen und nur sehr langsam gehen können. In der Obdachlosenunterkunft legte sie sich am Donnerstagmorgen ins Bett, am Abend wurde sie tot aufgefunden. „Sie konnte dem Druck und Stress nicht standhalten“, sagt Grasshoff. „Wir bedauern das sehr und sind sehr geschockt über die Vorgehensweise in unserem Land.“
Rosemarie F.s politische Unterstützer vom „Bündnis Zwangsräumungen verhindern“ fragen: „In was für einer Gesellschaft leben wir, die Eigentumsrechte über den Schutz des Lebens stellt?“ Eine Obduktion soll nun die Todesursache klären.
Was genau in den vergangenen Monaten passiert ist, lässt sich kaum noch ergründen. So groß ist der Wust an widersprüchlichen Informationen, Akten, Gerichtsurteilen. Rosemarie F. sei die Miete schuldig geblieben, heißt es, ein Gericht hatte die Zwangsräumung angeordnet. Von „menschenverachtendem Rausschmiss“ sprechen ihre Unterstützer.
Ein säumiger Vormieter spielt eine Rolle in diesem Fall und ein zugeklebter Briefkastenschlitz. Die Vermieterin wirft Rosemarie F. Brandstiftung vor, im Mietshaus Aroser Allee 92 soll sie Gasleitungen manipuliert haben. Sie soll außerdem andere Mieter belästigt haben.
Rosemarie F. wies alles als verleumderische Unterstellungen zurück. Sie stammte aus Thüringen, hatte dort Außenwirtschaftsökonomie studiert. In der DDR war es ihr wohl besser gegangen. Sie wolle die Mauer wiederhaben, so hoch es irgend geht, sagte sie. „Es war nicht alles gut in der DDR, aber sozial war es okay.“ Ihre Rente im neuen System sei „so klein, dass sie sogar unterhalb der Grundsicherung liegt“, erzählte sie vor ein paar Wochen. 350 Euro Miete kostete ihre Wohnung. Heizung, Strom und Telefon hatte sie nicht mehr, dafür fehlte das Geld. Zum Essen ging sie täglich in die Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo. Dort bekam sie auch Kleidung. Sie trug ein Hörgerät, ging am Stock. „Wirbelsäulenfraktur“, sagte sie.
Unterstützung lehnte sie ab
Rosemarie F. galt als eigensinnig und psychisch belastet. Hilfsangebote der Behörden lehnte sie ab, etwa ein Gespräch mit dem sozialpsychiatrischen Dienst. „Wir haben ihr geschrieben, haben versucht, sie telefonisch zu erreichen. Mitarbeiter waren auch vor Ort“, sagte der Gesundheitsstadtrat von Reinickendorf, Uwe Brockhausen (SPD). Auch mit dem Sozialamt, das die Miete der Rentnerin hätte übernehmen können, sei kein Kontakt zustande gekommen.
„Viele Menschen, denen der Verlust der Wohnung droht, wollen sich nicht helfen lassen. Sie stecken den Kopf in den Sand oder kennen überhaupt nicht ihre Möglichkeiten“, sagt Elfriede Brüning, Leiterin der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot. 2800 Menschen haben sich im vergangenen Jahr an die Anlaufstelle gewandt. Damit haben sich die Zahlen seit 2005 verdoppelt.
Rosemarie F. hatte viele Unterstützer. Etwa 200 Menschen kamen zum ersten Räumungstermin im Februar 2013. Da stoppte das Landgericht die Räumung wegen „unbilliger Härte“. Am vergangenen Dienstag gab es den zweiten Termin. 140 Polizisten waren dabei, als die Gerichtsvollzieherin die Schlösser der Wohnung wechselte. Rosemarie F. war obdachlos. Zwei Tage später starb sie.
Am Freitagabend kamen etwa 300 Menschen zu einer Trauerkundgebung für Rosemarie F. in die Aroser Allee. „Schämt euch!“ und „Profit geht über Leichen“, stand auf ihren Schildern. Wie die Polizei mitteilte, verlief die Kundgebung friedlich.


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Re: Nach der Zwangsräumung kam der Tod

Beitragvon UliS » So 14. Apr 2013, 22:42

Ähnliche Geschiche kommen auch in anderen Bundesländern vor ... leider.
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