60-Millionen-Heim macht Hund und Katze froh

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60-Millionen-Heim macht Hund und Katze froh

Beitragvon SylviaMicky » Di 13. Aug 2013, 20:21

Berlins Top-Tierheim

60-Millionen-Heim macht Hund und Katze froh

1600 Tiere leben in Berlin-Hohenschönhausen. Es ist das größte Tierheim Europas. Es ist das teuerste Tierheim Europas. Es ist das schönste Tierheim Europas. Zu Besuch an einem total verrückten Ort.

Von Kathrin Spoerr

Katzengehege, fußbodenbeheizt und elegant möbliert. Katzenkörbe, Katzenspielzeug, Katzenkratzbäume - das Mobiliar der Gehege stammt von Spendern.

Es ist Sommer, und die Straßen der Städte sind leer. Es ist Sommer, und das Tierheim ist voll. So ist es überall und jeder weiß es. Das Tierheim ist kein Ort, der neugierig macht. Was will man da? Dort leben verwilderte Kreaturen, mühsam ernährt von guten und aus Solidarität mit ihren Schützlingen ein bisschen verwilderten Menschen, mag man denken. Und dieser Geruch. Reden wir nicht drüber.
So dachte auch ich. Dann lief unser Kater weg. Er kam nach Hohenschönhausen – in Berlins zentrales Tierheim. Als ich das erfuhr, beeilte ich mich, dahin zu kommen, weil ich mein Haustier nicht länger als nötig dem Elend ausgesetzt sehen wollte. Wegen der Aufregung merkte ich nicht sofort, was für ein Ort das war. Nach einer Weile öffnete sich die Wahrnehmungsfähigkeit. Ich erkannte einen großen Irrtum.

Ziemlich schick hier

Mein Haustier musste gar nicht aus dem Elend befreit werden. Unser Kater war nicht verwildert. Die Tierpfleger waren nicht verwildert. Es stank nicht. Mein Kater lag in einem Einzelgehege, Edelstahl für die Hygiene, Körbchen mit Schmusedecke für die Bequemlichkeit, Futternäpfe, frisch gefüllt – trocken links, feucht rechts. Wasser in der Mitte. Eigene Toilette. Die Nachbargehege so angeordnet, dass kein Tier ein anderes, fremdes Tier sehen muss. Ein Katzenhotel mit Roomservice.
Unser Kater wurde betreut von einer munteren Dame mit rotem T-Shirt und grüner Hose, einer Art Rangeruniform, die alle Angestellten hier tragen, fleckenfrei. "Tiersammelstelle" stand an der Tür, und die Aufgabe der Dame bestand darin, Berlins Fundtiere zu füttern, zu putzen und zu trösten.

Sie nannte unseren Kater "kleiner Junge" und die Katzen der Nachbargehege wahlweise "kleines Mädchen" oder ebenfalls "kleiner Junge", sie lobte die Schönheit all dieser unterschiedlich schönen Tiere, und sie liebkoste ihre Findelkatzen ungefähr so wie eine Kindergärtnerin die Sechsjährigen ihrer Gruppe vor der Einschulung.
Mir wurde klar – ich erlebe gerade etwas, das es wahrscheinlich im Rest von Deutschland nicht gibt, und vermutlich auch nicht im Rest der Welt. "Das größte Tierheim Europas", las ich später bei Google. Manchmal auch "Das größte Tierheim der Welt".

Ziemliche Verwirrung

Es ist ein fantastischer Ort. Es war nicht die Größe, die mich beeindruckte. Es war die Schönheit, die fast provozierende Modernität der Anlage. Beinahe hätte ich vergessen, dass es sich um ein Tierheim handelt. Wären da nicht die Hunde gewesen, die man nicht sah, aber hörte, und der schwere Kater im Transportkorb.
Später, zu Hause, kamen Fragen: War das ein Tierheim? Oder eine Weltausstellung? Oder das Regierungsviertel? Wie funktioniert das? Was kostet das? Wer bezahlt das? Ich fuhr noch einmal nach Hohenschönhausen, zu diesem Ort, der sich selbst "Stadt der Tiere" nennt. Ich wollte versuchen, ihn zu verstehen.

In der "Stadt der Tiere" hat eigentlich alles etwas mit Liebe zu tun. Sie ist ein Mikrokosmos der Tierliebe, von der es in Deutschland so viel gibt. (12,3 Millionen Katzen, 7,6 Millionen Hunde, 12,4 Millionen Kinder). Berliner gelten als besonders tierlieb. Sie halten sich Hunderttausende Hunde und Katzen, vor allem in Wohnungen.
"Wir haben ihn ganz doll lieb, aber ... ", ist ein Satz, der auch am Annahmeschalter oft fällt, und so weitergeht: "... aber es geht nicht mehr." Aus Tierliebe wurden Hund oder Hamster angeschafft. Später überfordern die Tiere die Menschen.
Die meisten hatten falsche Vorstellungen. Ein Tier macht Arbeit und Dreck, es kostet Geld, es will sich bewegen. Und es wächst. Es bleibt kein süßer Welpe. Das Ende der Tierliebe ist dann schnell gekommen.
Wenn das Tier im Tierheim ist, trifft es wieder auf liebende Menschen. Auf professionelle Tierfreunde, 140 arbeiten in der "Stadt der Tiere". Einige lieben Tiere so sehr, dass sie sie nicht essen. Sie ernähren sich aus Tierliebe vegetarisch. Manche tolerieren, dass andere Menschen Fleisch essen, aber nicht alle.

Ziemlich tierlieb

Die Liebe zum Tier ist hier allumfassend, die Liebe zum Menschen nicht – was nicht wundert. Denn die Tiere hier sind ja Opfer von Menschen.
Fast jeder Angestellte hat einen Hund. 90 Mitarbeiterhunde kommen im Schnitt mit zum Dienst. Aber sie stehen nicht im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt steht die geschundene Kreatur, das herrenlose Haustier. Ungefähr 1600 Tiere sind es im Moment. 670 Katzen, 320 Hunde, 140 Nager, 170 Vögel. Der Rest sind Exoten, wie Schlangen, Leguane, Affen. Außerdem: ein Pferd und vier Schweine, ein paar Enten und Schafe.
Am Anfang jedes Hierseins steht die Pflege. Jedes Tier wird untersucht, geimpft und entwurmt, Katzen werden kastriert, Hunde nur, wenn sie Kampfhunde sind. Dann kommt die Erziehung. Grund: Unerzogene Tiere finden kein neues Herrchen. Katzen, die sich nicht streicheln lassen und Hunde, die in Ecken pinkeln, mögen sich kreatürlich verhalten – haben will sie keiner. Sie sind unvermittelbar.

Streicheltraining für Katzen, Gassigehtraining für Hunde – es gibt ein kleines Heer Ehrenamtlicher, die Lebenssinn daraus ziehen, ihre Freizeit mit scheuen oder traumatisierten Tieren zu verbringen. Die Katzenstreichlerinnen (fast alle sind Frauen) und Hundegassigeher (mehr Männer) nehmen zum Teil mehrstündige Anfahrten in Kauf, um die schwierigsten Hunde und die unsympathischsten Katzen an sich, an den Menschen, zu gewöhnen. Diese Menschen tun den Tieren viel Gutes. Das ist das eine.
Das andere ist das: Die Tiere tun diesen Menschen viel Gutes. Es ist ein gegenseitiges Brauchen – und wer wen mehr braucht, ist nicht so leicht zu sagen. Eins aber kann man sagen: Der Aufwand, der für die Erziehung der Tiere getrieben wird, korrespondiert mit der aufwendigen Architektur der Anlage.

Ziemlich ungerecht

Nach der Erziehung kommt die Vermittlung. Vermittlung ist oberstes Ziel. Und Vermittlung ist ungerecht. So ungerecht wie der Heiratsmarkt. Ob Hund, Katze oder Mensch – es gelten ähnliche Regeln. Die besten Chancen haben die Schönen, Sauberen, Ruhigen, Klugen.
Die zweitbesten Chancen haben die Originellen – Einäugige, Dreibeinige, Schwanzlose. Richtig schwer haben es die Außenseiter. Katzen, die kratzen, Hunde, die beißen und knurren. Nur professionelle Tierpfleger sehen in jeder Katze ein "liebes Mädchen".

Die Kunden sehen es anders. Sie wollen die Kratzkatzen nicht, und vor allem nicht die Kampfhunde. Die meisten Menschen fürchten sie, finden sie gefährlich und aggressiv. Gegen jedes dieser Worte wehren sich die Professionellen. "Kampfhund" – falsch. "Listenhund" – richtig. "Gefährlich", "aggressiv" – falsch. "Hundeübliches Verhalten" – richtig.
Fakt ist, sie bleiben oft Jahre und viele beenden auch hier ihr Leben. Zum Beispiel Taylor, Staffordmix, noch dazu schwarz, seit 2006 hier. Er lebt inzwischen im Hundeseniorenhaus. Das Problemtier im Katzenhaus heißt Paula. Nierenkrank und menschenscheu. Seit drei Jahren warten die Pfleger auf jemanden, der zu ihr passt – und der sie will.
Doch die meisten Kunden marschieren mit kühlem Sozialdarwinismus durch die Gehege aus Glas und Sichtbeton – auf der Suche nach Kleinem, Sauberem, Kuscheligem.

Ziemlich grau

Dies ist der richtige Moment, um über Sichtbeton zu reden. Sichtbeton ist sauteuer und nicht jedermanns Geschmack. Man hasst ihn oder man liebt ihn. Beton ist ein Werkstoff, der rau und roh sein kann, aber auch weich und glatt wie gewaschene Seide. Genau so fühlen sich die Mauern von Hohenschönhausen an. Außer Beton gibt es hier eigentlich nur Glas.
Das Prinzip der Anlage ist leicht zu verstehen. Der Beton grenzt ab, wo Besucher unwillkommen sind, wo Tiere Ruhe haben sollen. Das Glas lädt ein, wo Besucher willkommen sind.
Es heißt, Architektur sei politisch, dass sie also nicht nur da ist und schweigt, sondern dass sie etwas sagen will über die Gesellschaft. Der Architekt des Tierheims heißt Dietrich Bangert. Er war einmal in einer Bürogemeinschaft mit Axel Schultes, dem Architekten des Kanzleramts.
Bangert baute Konzerthäuser und Museen. Er baute auch die Landesvertretung von Baden-Württemberg in Berlin, aber auch sein Tierheim ist ein politisches Gebäude.

Ziemlich teuer

Der Bau in Hohenschönhausen ist klein und groß zugleich. Seine Dimension wird nur sichtbar, wenn man von oben draufschaut. Von oben sieht er aus wie ein Geometrieheft. Große Kreise, kleine Kreise, noch kleinere Kreise, Linien. Von oben wird die Stadt sichtbar: Häuser für Tiere, Büros für Menschen, Funktionalität und Hygiene, in die Fläche gebaut. Natürlich schaut niemand von oben drauf.
Aus der Menschenperspektive, also von unten, tut die Anlage bescheiden. Sie ist flach wie ein Bungalow und offen wie ein Spielplatz. Ein bisschen spazieren und durch die Glasfassaden Tiere ansehen, Tiere bemitleiden vielleicht, und zum Schluss das schönste mitnehmen.
Fast kein Besucher nimmt wahr, dass diese Gehege so ausgestattet sind, dass sich ihre Bewohner in jedem neuen Zuhause eigentlich nur verschlechtern können. Es gibt Sachen, die sinnvoll für die Tiere sind, wie Innen- und Außenauslauf für jedes Tier und die Fußbodenheizung in den Häusern "Garfield" und "Samtpfötchen" und überall sonst, wo Katzen sich rekeln können sollen.

Es gibt Sachen, die sinnvoll für Menschen sind, wie die erhobenen Gehege der Katzen und Kleintiere. Sie ersparen den Menschen die Mühe, sich bücken zu müssen. Es gibt auch Sachen, die sinnfrei erscheinen, wie die Oberlichter, ins Betondach jedes Käfigs eingelassen. Noch mehr Licht, noch mehr Luft geht nicht.
Allen diesen Sachen ist eins gemeinsam: Sie waren wahnsinnig teuer. Summiert kostete die Anlage bisher fast 60 Millionen Euro.
Nicht jeder sieht das. Das Tierheim ist ein bisschen wie ein Nerz, der nach innen getragen wird, er ist ein großer, offener Präsentkorb aus Stahlbeton. Er stellt die Tiere nicht nur aus. Er stellt Tiere und Menschen auf eine Stufe.

Ziemlich sauer

Zur letzten Frage: Wer bezahlt das? Die Antwort: Der Tierschutzverein. Das Tierheim selbst macht Verluste, obwohl es hier nichts umsonst gibt. Die Verluste und Investitionen zahlt der Berliner Tierschutzverein. Es ist ein großer Verein mit 15.000 Mitgliedern. Es ist der Tierschutzverein mit den meisten Mitgliedern in ganz Deutschland.
Der Neubau dieser Prachtanlage war umstritten. Tausende Mitglieder traten aus, Spenden und Nachlässe, die Hauptquelle der Einnahmen, drohten zu versiegen. Die Mitglieder waren empört. Es ging ihnen aber meistens nicht um Geldverschwendung. Es ging um Beton.

Hässlich, fanden viele. Tierverachtend. Ein Betrugsskandal um den ehemaligen Tierheimleiter kam 2004 hinzu. Heute sind die Wogen wieder glatt, und Efeu bedeckt große Teile des ewig umstrittenen Sichtbetons.
Der jetzige Tierheimleiter ist ein Pragmatiker. "Für jede der Bangert-Türen bekomme ich fünf Türen aus dem Baumarkt", sagt Michael Begall. Er beendete den Bau und die Zusammenarbeit mit Bangert. Der Hinterteil der Fassade trägt die Handschrift des Kompromisses. Es fehlt der Sichtbeton und die kühle Eleganz einer Weltausstellung. Architekturfreunde mögen sich die Haare raufen. Den Tieren ist es vermutlich egal.

http://www.welt.de/vermischtes/article1 ... -froh.html
Quelle Welt 13.08.13
SylviaMicky
 
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Re: 60-Millionen-Heim macht Hund und Katze froh

Beitragvon AnkeB » Di 13. Aug 2013, 21:56

Liebe Sylvia!
Der Artikel ist gefällt mir sehr gut! [prima]
Da war jemand richtig begeistert und das ist mehr als deutlich geworden.
Ich bedauere es immer wieder, dass das Tierheim so weit entfernt ist, für mich eine halbe Weltreise mit den Öffentlichen.
Ich wäre zu gern regelmäßiger Gassigeher oder Katzenschmuserin!
Danke fürs Einstellen!
[tschuess]
AnkeB
 
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