Frankreich - Höhlenbilder im Nachbau der Chauvet-Grotte

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Frankreich - Höhlenbilder im Nachbau der Chauvet-Grotte

Beitragvon AnkeB » Sa 11. Apr 2015, 12:31

http://www.berliner-zeitung.de/panorama ... 98080.html

Höhlenbilder in Frankreich

Alte Meister
Von Axel Veiel

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Welch eine Spannung, welch expressive Kraft liegt in dieser Darstellung. Die Kunstwerke sind vor mehr als 30.000 Jahren entstanden, doch in Wahrheit sind sie völlig zeitlos. Foto: AFP
Lascaux/Chauvet –

Eine Replika zeigt Bilder, die vor 36.000 Jahren in der Chauvet-Höhle in Südfrankreich entstanden. Die Original bekommt der Mensch nur selten zu sehen. Der Nachbau aber ist schon atemberaubend und mehr als sehenswert.

Urgeschichtsforscher und Kunstfreunde sind sich einig. Ob jagende Löwen, grasende Bisons oder galoppierende Wildpferde: Was unsere Vorfahren vor 36000 Jahren in der Chauvet-Grotte im Süden Frankreichs hinterlassen haben, ist von einmaliger Schönheit. Jetzt sind die in der Steinzeit geschaffenen, von der Unesco als Kulturerbe der Menschheit ausgewiesenen Kunstwerke einschließlich der sie umgebenden unterirdischen Felslandschaft dupliziert worden. 6000 digitale Fotos, Laser- und 3D-Technik sowie große Mengen Kunstharz, Beton und Lehm waren nötig. 55 Millionen Euro wurden in das Vorhaben investiert.

Hollande weihte Nachbau ein

Die Replika befindet sich zwei Kilometer entfernt von der 1994 im Ardèche-Tal entdeckten Höhle. Die Kopie hält sich in jedem Fresko und bis zur hintersten Felsspalte ans Original – wenn man einmal davon absieht, dass die Grundfläche im Nachbau von 8500 auf 3500 Quadratmeter geschrumpft ist. Hier wie da riecht es nach Lehm, die Temperatur beträgt 13 Grad, auf Felsreliefs sind die Beutetiere unserer Vorfahren dargestellt, sowie die Bestien, die ihnen Furcht, aber wohl auch Ehrfurcht einflößten. Hier wie da gluckst Wasser, zieren Rentierknochen, Bärenschädel und Feuerstellen den Boden.
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Ein wenig futuristisch mutet der Eingang des Nachbaus an. Foto: AFP

Das Original darf der Mensch, der mit Atemluft und Schweiß Feuchtigkeit verbreitet, und der Bakterien einschleppen könnte, nur selten betreten. In der „Caverne du Pont d’Arc“, wie der Nachbau genannt wird, ist er willkommen. Frankreichs Staatschef François Hollande hat ihn am Freitag eingeweiht. Von außen gleicht der Bau einer gigantischen kalksteinfarbenen Ziehharmonika. Hollande bezeichnete das Projekt als „außergewöhnliches Abenteuer“.

Nicht nur Darstellungen von Beutetieren

Vom 25. April an hat dann jeder Zutritt – für einen Eintritt von 13 Euro. Jährlich 350.000 bis 400.000 Besucher werden erwartet. „Wer die Höhle betritt, wird der Magie des Ortes verfallen und vergessen, dass er nicht das Original erkundet“, ist Pascale Terrasse, der Direktor des Nachbaus, überzeugt.


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Die Kopien hat der Künstler Gilles Tosello geschaffen. Foto: AFP

Die Grotte ist nach dem Höhlenforscher Jean-Marie Chauvet benannt. Jean-Michel Geneste, der Leiter des Nationalen Zentrums für Urgeschichte, hält sie für die großartigste und reichhaltigste Europas. Ihre Entdeckung habe alles über den Haufen geworfen, was man bis dahin über Höhlenmalerei zu wissen glaubte. Die Malereien sind etwa doppelt so alt wie die Werke in der Höhle von Lascaux.

Staunend habe die Fachwelt zur Kenntnis nehmen müssen, dass die im Tal der Ardèche entdeckten Wandgemälde nicht nur Beutetiere zeigten, wie sie etwa aus spanischen Höhlen bekannt seien, sondern auch Höhlenbären, Löwen, Leoparden oder Rhinozerosse. Genestes Kollege Henry de Lumley zeigt sich nicht minder ergriffen von der Grotte. Wenn er sie betrete, sagt der Historiker, überkomme ihn ein Gefühl wie beim Betreten einer Kathedrale.


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Quelle: http://www.google.de/imgres?imgurl=http ... CDwQrQMwBQ

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AnkeB
 
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Re: Frankreich - Höhlenbilder im Nachbau der Chauvet-Grotte

Beitragvon AnkeB » Sa 16. Mai 2015, 11:46

http://www.fr-online.de/kunst/chauvet-h ... 73276.html

11. Mai 2015

Chauvet-Höhle

Seit der Steinzeit geht’s bergab
Von Axel Veiel


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Löwensturm: Wegen der Empfindlichkeit der prähistorischen Kunstwerke werden Reproduktionen ausgestellt. Foto: REUTERS

Die Schönheit der 36.000 Jahre alten Felszeichnungen der südfranzösischen Chauvet-Grotte, die für 55 Millionen Euro nachgebaut worden ist, erschüttert den Fortschrittsglauben.

Der Weg ins Innere der Höhle liegt im Halbdunkel, da und dort aufgehellt von Feuerschein ähnlichem Licht. Zu beiden Seiten ragen Felsen empor. Hinter den Steinkolossen tut sich ein weites Rund auf. Der Sandboden, der am Eingang der Höhle rot geglitzert hatte, leuchtet hier strahlend weiß. Er ist mit Bärenknochen übersät. Auf einem Felspodest thront ein Schädel. Wer hat ihn dort hingelegt? Und warum hat er es getan? Fragen sind das, auf welche die Höhlenforschung keine Antwort weiß.

Ein paar Schritte weiter zeichnen sich in den Felswänden Nischen ab, am Boden Mulden. Seit Urzeiten von der Decke rinnendes Wasser hat an steinerne Stoffbahnen erinnernde Gebilde hinterlassen und ganze Wälder von Eiszapfen ähnlichen Stalaktiten. Und dann tauchen auch schon die ersten Bestien auf.

Das Maul geöffnet, den Kopf gesenkt, die Hörner wie Säbel schwingend, stürmen Rhinozerosse aufeinander los. Felszeichnungen sind es nur, mit Holzkohle gezogene Linien auf Kalkstein – und doch scheinen die angriffslustigen Geschöpfe aus Fleisch und Blut. Ob es daran liegt, dass der Zeichner die Kohle in genialem Schwung geführt hat, fast ohne abzusetzen, ohne Linien nachzuziehen? Aber das erklärt den Eindruck der Lebendigkeit wohl nicht allein. Hinzu mag dieser instinktsichere Umgang mit dem Untergrund kommen, mit den Wölbungen und Ritzen im Gestein, die der Künstler genutzt hat, um dem Animalischen Plastizität zu verleihen.

So viel Wildheit und Schönheit

Tiefer in der Höhle gesellen sich Bisons und Mammuts hinzu. Pferde galoppieren in wilder Flucht davon, die Augen weit aufgerissen oder aber den Blick gesenkt, als wollten die Tiere nicht sehen, wer ihnen nach dem Leben trachtet. Im Rudel jagende Löwen verfolgen die Fliehenden. Ergriffen von so viel Wildheit und Schönheit, hält der Betrachter inne. Dabei ist das hier nur die Kopie. Das Original, die von dem Höhlenforscher Jean-Marie Chauvet und zwei Gefährten am 18. Dezember 1994 entdeckte und nach ihm benannte Grotte, ist Luftlinie zwei Kilometer entfernt. Auf einer gewundenen Landstraße sind es sogar neun. Aber was heißt da Kopie?

Die Caverne du Pont d’Arc genannte Konstruktion ist ein nahezu perfekter Klon, der das von der Unesco zum Kulturerbe der Menschheit erklärte Original in einem wichtigen Punkt sogar übertrifft: Menschliche Ausdünstungen können ihm nichts anhaben. Genau darum war es den Urhebern des auf einem bewaldeten Hügel errichteten Nachbaus ja auch gegangen. Sie wollten die Schönheit der empfindlichen, nur wenigen Forschern offenstehenden Chauvet-Grotte und der dort entdeckten 36 000 Jahre alten Kunstwerke einem breiten Publikum zugänglich machen.

Mit Hilfe von 6000 digitalen Fotos und einem Laserscanner war die Struktur der Originalgrotte zu diesem Zweck in ein 3-D-Modell überführt worden. Architekten und Bauingenieure entwickelten anhand des Modells ein Stahldrahtgerüst. Kulissenbauer und Bildhauer überzogen es mit Kunstharz, Beton und Lehm, glichen es dem Original Zentimeter für Zentimeter, Millimeter für Millimeter an. Künstler trugen dann Farbpigmente auf, zeichneten, malten und ritzten wie die Kollegen in der Steinzeit.

Wie in der Grotte riecht es nun auch in der Caverne nach feuchtem Lehm, dringt das Glucksen des Wassers ans Ohr. Hier wie dort beträgt die Temperatur 13 Grad. Allein die Grundfläche ist nicht dieselbe. Die 8200 Quadratmeter der Chauvet-Grotte sind im 1200 Tonnen schweren Nachbau auf 3500 geschrumpft.

Den Gesamteindruck schmälert das nicht, die Gefühle, die Grotte und Caverne wachrufen, sind dieselben. Als der Historiker Jean Clottes, der jahrelang das unterirdische Kalksteinlabyrinth an den Ufern der Ardèche erkundet hat, nach einem Besuch des 55 Millionen Euro teuren Nachbaus ins Freie tritt, hat er Tränen in den Augen. „Als ich vor 20 Jahren die Originalgrotte betrat, stieg ein Gefühl in mir auf, wie ich es so intensiv in meinem Leben nur selten erlebt habe“, erzählt Clottes. „So ergeht es mir auch jetzt wieder.“

So vollkommen die Rekonstruktion der Chauvet-Grotte indes auch ist, der Besucherandrang wirft Probleme auf. Zu Hunderten, wenn nicht Tausenden drängen die Menschen täglich in die Caverne. Antoine Deudon, der Geschäftsführer der 17 Hektar großen Anlage, rechnet mit jährlich bis zu 400 000 Besuchern.

Aufklärung statt Erfurcht

Beim Gang durch die Caverne verstellt der Tagesrucksack des Vordermannes die Sicht. Babygebrüll übertönt die Worte der Höhlenführerin. Die pro Kunstwerk gewährte Betrachtungszeit erweist sich als knapp. Für den gesamten Parcours stehen pro Besuchergruppe 50 Minuten zur Verfügung. Die beim Betreten der Höhle aufgekommene Ehrfurcht weicht wachsender Verärgerung und der Einsicht: Wer erleben will, was Clottes vergönnt war, sollte besser nicht am Wochenende oder zur Ferienzeit kommen.

Was nicht heißt, dass der Homo sapiens unserer Tage darauf aus wäre, in ehrfürchtigem Staunen zu verharren. Die meisten Besucher versuchen vielmehr, aus dem Staunen möglichst schnell wieder herauszukommen. Sie wollen Mysterien entschlüsseln, verlangen nach Aufklärung, nach den Erkentnissen der Wissenschaft. In Scharen strebt das aus der Caverne tretende Publikum in die benachbarte Galerie, wo in Schrift, Bild und Ton hinterlegt ist, was die Forschung über die Höhlenmaler und ihre Zeit herausgefunden hat.

Die Künstler waren demnach Nomaden. Zur Eiszeit zogen sie durch karge Steppen, machten mit Wurfspeeren Jagd auf Bisons oder Rentiere. Den bis zu 600 Kilo schweren Bären gingen sie aus dem Weg, suchten die Kalksteinhöhlen nur zur Sommerszeit auf, wenn die dort Winterschlaf haltenden Tiere bereits das Weite gesucht hatten. Das Klima an der Ardèche war damals dem des heutigen Südschweden ähnlich. Einem langen Winter folgte ein kurzer, milder Sommer.

Zum erstaunlich guten Zustand der Höhlengemälde findet sich in der Galerie ebenfalls eine Erklärung. Eine vor dem Eingang niedergegangene Gerölllawine hat die Höhle mindestens 20 000 Jahre lang vor allen äußeren Einflüssen bewahrt. „Wir erzählen Urgeschichte mit den Mitteln der Moderne“, so fasst Geschäftsführer Deudon zusammen, was in den mit interaktiven Touch-Bildschirmen und täuschend echt wirkenden Bären-, Löwen- und Mammut-Ungetümen bestückten Räumen geschieht.

Unbeantwortet bleibt indes die Frage aller Fragen: Was hat den Menschen einst dazu bewogen, an Höhlenwänden Bilder zu hinterlassen, die sich wie in Comics zu Geschichten zu addieren scheinen? Was wollten die Künstler erzählen? Gewiss, es gibt dazu Hypothesen, keine ist bewiesen.

Romain Dumas hat seine eigene Theorie entwickelt. Die Grotte sei ein Ort sakraler Andacht gewesen, glaubt der 28-jährige Ausbilder der in der Caverne beschäftigten Touristenführer. Der Sohn eines Höhlenforschers verweist darauf, dass die Tierzeichnungen mehr seien als bloße Abbildungen der damaligen Fauna. Da finde sich etwa eine Eule, die den Kopf verkehrtherum trage oder auch der Unterleib einer Frau, eingefasst in eine Bison- und eine Löwengestalt. Überall schimmere Symbolik durch, sagt Dumas.

Für Jean-Michel Geneste, der die Forschungsarbeiten in der Chauvet-Grotte leitet, sind die Zeichnungen Ausdruck tiefer geistiger Verbundenheit von Mensch und Tier. Die damals lebenden Künstler hätten beide als gleichwertig empfunden, als beseelte Wesen, zu gezielter Handlung imstande, glaubt der Prähistoriker. Die Höhlenbilder belegten, dass der Mensch den großen Säugetieren, denen er unter Lebensgefahr nachstellte, in seiner Vorstellungswelt einen zentralen Platz eingeräumt habe. Andere Forscher hängen anderen Thesen an, deuten die Zeichnungen als Versuch, Geister oder Götter milde zu stimmen oder das Jagdglück zu beschwören.

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Die Promenade durch die Grotte. Foto: REUTERS

Der Aufstieg zur Originalgrotte stimmt auf Außergewöhnliches ein. Ein steil ansteigender Pfad führt in Serpentinen durch Stein-eichenwälder zu einer gigantischen Felswand. Der Wind trägt Kiefern- und Ginsterduft hinauf. Im Tal leuchten grüne Reben und rote Erde. Vor 36 000 Jahren glitzerten dort unten auch noch die Wasser der Ardèche, die sich später weiter südlich ein neues Bett graben sollte. Haben die Höhlenkünstler womöglich beeindruckt vom Wildwuchs der Natur zur Holzkohle gegriffen? Dem steht entgegen, dass die Zeichner ja nicht der Landschaft gehuldigt haben, sondern allein der Tierwelt und auch nur einem Teil von ihr: den imposantesten der damals lebenden Säugetiere.

Der Wissenschaftsjournalist Pedro Lima argwöhnt, die Deutungen der Höhlenforscher sagten mehr über sie selbst, über ihre gesellschaftlichen und kulturellen Vorurteile, als dass sie zum Verständnis steinzeitlicher Kunst beitrügen. Die Präfektur sorgt dafür, dass die Wissenschaftler ungestört arbeiten können und Unbefugte keinen Schaden stiften. Sie hat im Eingangsbereich Überwachungskameras montieren lassen. Wer Zutritt sucht, gelangt über einen Holzsteg zu einer in den Felsen eingelassenen 600 Kilogramm schweren Stahltür, die sich nur demjenigen öffnet, der auf einer Tastatur den richtigen Code eingibt.

Letztlich hat die Entdeckung der Chauvet-Grotte das Wissen der Menschheit bisher wohl weniger gemehrt, als nachhaltig erschüttert. Der Fortschrittsglaube wankt. Die an den Wänden der Grotte hinterlassenen Zeichnungen strafen diejenigen Lügen, die behauptet hatten, die Kunst entwickle sich kontinuierlich weiter. Was die Menschen vor 36 000 Jahren an den Ufern der Ardèche erschaffen haben, ist vielfältiger und feiner als das, was ihre Nachfahren 15 000 Jahre später in der Höhle von Lascaux zuwege gebracht haben.

Auch Catherine Folliard, eine Künstlerin der Gegenwart, reicht an das in der Steinzeit Erreichte nicht heran. Folliard greift Motive der Chauvet-Grotte auf, präsentiert sie in Mosaikform. Im Rathaus der nahe gelegenen Kleinstadt Vallon-Pont-d’Arc sind die Werke der Französin ausgestellt. Doch auch wenn sie versichert, den Mosaiken wohne eine „Dynamik und Lebensenergie inne, die Fresken in der Fläche niemals entfalten können“ – an der Seite eben jener Fresken wirken die Mosaike flach, fade. Von Geheimnissen, wie die Zeichnungen der Chauvet-Grotte sie bergen, keine Spur.

AUTOR
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Re: Frankreich - Höhlenbilder im Nachbau der Chauvet-Grotte

Beitragvon Eva » Sa 16. Mai 2015, 13:25

Einfach eine tolle Idee, das Original zu schützen und trotzdem den Besuchern das "echte" Erlebnis zu vermitteln. Danke für die beiden ausführlichen Berichte.
Eva
 
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