Affensprache Schimpansisch lernen

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Affensprache Schimpansisch lernen

Beitragvon SylviaMicky » Do 21. Aug 2014, 12:38

Affensprache Schimpansisch lernen

Von Kerstin Viering

Der Affencode ist geknackt: Nach akribischen Beobachtungen haben Catherine Hobaiter und Richard Byrne von der University of St. Andrews in Schottland das erste Lexikon der Schimpansen-Gebärden veröffentlicht.

In fremden Ländern einfach mal spontan mit den Händen reden? Das kann nach hinten losgehen. Denn was man vielleicht nur als beschwichtigende Geste gemeint hat, kommt anderenorts mitunter als grobe Beleidigung an. Wie soll man da erst die Körpersprache eines Gegenübers interpretieren, das nicht einmal zur eigenen Art gehört?
Falls es sich um einen Schimpansen handelt, ist das nun zumindest ein bisschen leichter geworden. Denn nach akribischen Beobachtungen haben Catherine Hobaiter und Richard Byrne von der University of St. Andrews in Schottland das erste Lexikon der Schimpansen-Gebärden veröffentlicht.

Mit den Händen reden

Auch Menschenkinder nutzen Gesten, lange bevor sie das Sprechen lernen. Meist fangen sie damit an, mit dem Finger auf etwas zu deuten. Das passiert typischerweise schon mit etwa zehn Monaten. Ein anderer Typ von Gebärden sind die sogenannten ikonischen Gesten, die einen Teil der Wirklichkeit abbilden.

Schon seit Längerem wissen Verhaltensforscher, dass alle Menschenaffen mit Gesten kommunizieren. Sie richten ihre Gebärden oft gezielt an einen Artgenossen und achten darauf, ob dieser auch hinschaut. Und sie versuchen es auf anderem Wege, wenn der Angesprochene nicht reagiert. Eine so zielgerichtete und flexible Kommunikation haben Wissenschaftler bisher nur bei wenigen Arten nachgewiesen. Hat das Gestikulieren der Menschenaffen also vielleicht gemeinsame Wurzeln mit der menschlichen Sprache?

Um diese spannende Frage zu klären, müssen Verhaltensforscher immer tiefer in die Geheimnisse der Affenkommunikation eindringen. Besonders interessant ist dabei natürlich, was die Tiere mit den Gesten eigentlich sagen wollen. Dazu aber gab es bis vor Kurzem keine systematischen Untersuchungen. Dabei scheint es in einigen Fällen gar nicht besonders schwierig zu sein, den Affencode zu knacken. Denn so manche Gebärde erinnert so stark an ihr menschliches Pendant, dass man sie intuitiv zu verstehen glaubt. Jane Goodall, der Pionierin der Schimpansen-Freilandforschung, fielen schon Ende der 1960er-Jahre solche Ähnlichkeiten auf. Das reichte von der bittend ausgestreckten Hand über begeistertes Umarmen bis hin zum beruhigenden Handhalten. Sogar ein Handkuss zur Begrüßung war keineswegs ungewöhnlich.

Winkende Verführer

Auch aktuelle Studien zeigen erstaunliche Übereinstimmungen. So haben Emilie Genty von der Universität Neuchâtel in der Schweiz und Klaus Zuberbühler von der University of St. Andrews kürzlich zwei Gruppen von Bonobos beobachtet, die im Lola Ya Bonobo Reservat in der Demokratischen Republik Kongo leben. Bei diesen auch als „Zwergschimpansen“ bekannten Menschenaffen stießen die Forscher auf ein Flirtverhalten, das an Deutlichkeit auch für menschliche Augen nichts zu wünschen übrig lässt. Männchen oder Weibchen näherten sich bis auf etwa einen Meter dem Objekt ihrer Begierde, präsentierten ihre Genitalien und kamen auch gleich am Ort zur Sache. Manchmal aber schien das keine gute Idee zu sein – etwa, weil mögliche Rivalen anwesend waren oder sich das Gelände schlecht eignete. Warum also nicht den Akt anderswo vollziehen?

In der Studie waren es meistens Männchen, die auf diese Idee verfielen. Mit einer verblüffend menschlich wirkenden Geste versuchten sie, eine Partnerin zu sich heranzuwinken und zu einem diskreten sexuellen Stelldichein zu überreden. Nach dem Präsentieren ihrer Genitalien streckten sie dazu den Arm nach dem Weibchen aus und wiesen dann auf sich selbst. Anschließend drehten sie sich um und machten sich in der gewünschten Richtung auf den Weg – nicht ohne sich immer wieder zu vergewissern, ob das andere Tier ihnen folgte. In 13 von 20 Fällen kamen die Winkenden tatsächlich zum Erfolg.

In anderen Fällen sind die Absichten dagegen nicht so leicht zu durchschauen. Für ihr Schimpansen-Lexikon mussten Hobaiter und Byrne stundenlang Videos auswerten. Deren Stars waren mehr als 80 wildlebende Schimpansen im Budongo-Wald in Uganda. Mehr als 4 500-mal wurden die Forscher Zeuge, wie die Tiere durch ihre Körpersprache Botschaften an Artgenossen zu schicken versuchten. Interessant war vor allem, wann sich die Schimpansen mit der Reaktion ihres Gegenübers zufriedengaben: Hörten sie auf zu gestikulieren, wenn der andere ihnen das Fell pflegte? Wenn er sich zu einem Ausflug anschloss? Oder wenn er ein Stück auf Abstand ging? Aus solchen Beobachtungen konnten die Wissenschaftler auf die Absicht hinter der Gebärde schließen.

Springen kann viel bedeuten

Es gelang ihnen, 66 ernstgemeinte Gesten in menschliche Sprache zu übersetzen. Ein Klaps für den Artgenossen bedeutet zum Beispiel: „Lass das!“ Schimpansen, die auf einen Gegenstand schlagen, wollen andere in die Schranken weisen und signalisieren: „Geh weg!“ Ein gehobener Arm unterstreicht eine Forderung: „Ich will das! Gib her!“ All diese Gebärden scheinen immer die gleichen Botschaften zu vermitteln, egal, welches Tier sie verwendet.

Kompliziert wird die Sache allerdings dadurch, dass Schimpansen mehrere Gesten mit der gleichen Bedeutung im Repertoire haben. „Geh weg!“ lässt sich etwa nicht nur durch das Schlagen auf Gegenstände ausdrücken, sondern auch durch Armschwingen, Springen, Auf-den-Boden-Schlagen oder einen Fausthieb. Das macht die Kommunikation deutlich flexibler. Vor allem in komplexen Verhandlungen mit Artgenossen scheinen die Tiere eine breite Palette von Gesten für die gleiche Aussage zu verwenden.

Es gibt allerdings auch den umgekehrten Fall. „Genau wie ein menschliches Wort kann auch eine Schimpansen-Geste durchaus unterschiedliche Bedeutungen haben“, sagt Catherine Hobaiter. Unmissverständlich ist die Sache, wenn ein Männchen mit den Zähnen ein Blatt zerreißt. Diese Geste wird offenbar nur genutzt, um die sexuelle Aufmerksamkeit eines Weibchens zu erregen. In vielen anderen Fällen sind die Botschaften nicht so eindeutig.

Springen kann zum Beispiel sowohl „Lass das!“ bedeuten als auch „Folge mir!“. Das wirkt erst einmal verwirrend. Die Forscher halten es aber durchaus für möglich, dass Sprung nicht gleich Sprung ist. Vielleicht gibt es subtile Unterschiede, die für menschliche Augen schwer zu erkennen, aus Affensicht aber entscheidend sind. Es könnte allerdings auch sein, dass manche Gesten wirklich eine sehr breite Bedeutung haben, die sich nur aus dem Zusammenhang richtig interpretieren lässt. Catherine Hobaiter ist zuversichtlich: „Da wir jetzt das Basis-Lexikon der Schimpansen-Gesten kennen, können wir uns auch solchen interessanten Fragen zuwenden.“
http://www.berliner-zeitung.de/wissen/a ... 75424.html
Berliner Zeitung 21.08.14
SylviaMicky
 
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