Als Eisbärin «Baby» durchs Dorf spazierte

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Als Eisbärin «Baby» durchs Dorf spazierte

Beitragvon UliS » Di 6. Mär 2018, 18:00

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Als Eisbär «Baby» durchs Dorf spazierte

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Archivbilder: Dompteurin Maxy Niedermayer führt Eisbär «Baby» durch Rothenburg spazieren, vorsichtig gefolgt von drei neugierigen Knaben. (© Emanuel Ammon (5. August 1976)

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Archivbilder: Dompteurin Maxy Niedermayer führt Eisbär «Baby» durch Rothenburg spazieren, vorsichtig gefolgt von drei neugierigen Knaben. | Emanuel Ammon (5. August 1976)

ROTHENBURG ⋅ Vor fast 42 Jahren schlug der Zirkus Stey in Rothenburg seine Zelte auf. Mit dabei war auch ein Eisbär. Etwas, das mit dem heutigen Tierschutzgesetz undenkbar wäre – und das selbst damals einzigartig war.

05. März 2018
von Gabriela Jordan
gabriela.jordan@luzernerzeitung.ch

Es war ein Bild, das um die Welt ging. Der Eisbär «Baby», begleitet von Dompteurin Maxy Niedermayer und drei neugierigen Knaben, wurde damals selbst in der «New York Times» abgedruckt. Aufgenommen wurde das Bild am 5. August 1976 in der Gemeinde Rothenburg, als dort gerade der Schweizer Traditionszirkus Stey gastierte. Tiernummern waren im Zirkus damals noch gang und gäbe und das Tierschutzgesetz weit von den heutigen Standards entfernt. So gehörte auch der Eisbär «Baby» zu den Attraktionen des Zirkusprogramms, die das Publikum in seinen Bann zogen.

Üblich war das, was sich an jenem Tag in Rothenburg abspielte, trotzdem nicht. Ein riesiges Raubtier sieht man schliesslich nicht alle Tage mitten im Dorf auf dem Trottoir spazieren. Obwohl das Ereignis fast 42 Jahre zurückliegt, ist der 5. August 1976 deshalb auch dem Fotografen des Bildes in bester Erinnerung geblieben: Emanuel Ammon, heute 67-jährig, war damals für das «Luzerner Tagblatt» tätig – und eigentlich auf dem Weg zu einer ganz anderen Geschichte. «Zusammen mit Fritz Muri, der heute als Fernsehjournalist beim SRF arbeitet, fuhren wir für eine Reportage nach Hellbühl. Worum es dabei ging, weiss ich beim besten Willen nicht mehr. Ich kann mich aber noch daran erinnern, dass wir bei der Durchfahrt in Rothenburg plötzlich diesen Bären gesehen haben. Der spazierte einfach durchs Dorf, nur von der Dompteurin mit einer Leine festgehalten!» Das Auto, erzählt er weiter, hätten sie daraufhin mitten auf der Strasse stehen lassen, um dem Bären nachzulaufen. Mit seiner Leica habe er dann wild drauflosgeklickt. So seien tolle Bilder entstanden, etwa wie der Bär in einem Brunnen ein Bad nimmt.

Raubtierverbote im Zirkus
Zahlreiche Länder in Europa haben die Haltung von Wildtieren wie Elefanten oder Löwen in Zirkussen mittlerweile verboten. Dazu gehören zum Beispiel Österreich, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Grossbritannien oder die Niederlande. In Finnland und Schweden sind lediglich bestimmte Arten verboten. Anders wird dies in der Schweiz gehandhabt: Zwar gibt es hier kein Verbot, dafür umso strengere Regeln für die Haltung. Diese legen etwa die Grösse der Gehege fest. Dennoch halten nicht mehr viele Schweizer Zirkusse grosse Wildtiere. Vor allem der Circus Royal tritt regelmässig mit Raubkatzen auf.


18 Jahre ohne Ferien

«Das Bild vom Eisbären mit den drei Knaben im Schlepptau ist das beste, das ich in meinem Leben je gemacht habe», sagt Emanuel Ammon. «Heute wäre ein solches Bild allein wegen des Tierschutzgesetzes nicht mehr möglich. Auch deshalb ist es für mich so besonders.» Dass es sogar in der «New York Times» erschienen ist, freut ihn, selbst wenn er davon finanziell «nichts gehabt» hat. Beeindruckt hat Ammon damals die Dompteurin Maxy Niedermayer, die den Eisbären enorm gut dressiert hatte. «Selbst als Aussenstehender konnte man spüren, dass sie mit diesem Bären eine Beziehung aufgebaut hatte. Wer sonst würde einfach so einen Bären küssen?»

Erschienen ist die Geschichte im «Luzerner Tagblatt» gleich am nächsten Tag. «Eisbär Baby vom Zirkus Stey ist gutmütig, dennoch heisst es Distanz halten», titelte die Tageszeitung am 6. August 1976. Autor Fritz Muri schrieb unter anderem: «So schön auch die Arbeit mit dem Eisbären ist, sie hat auch ihre Schattenseiten. Maxy Niedermayer konnte in den 18 Jahren, seit sie Baby betreut, noch nie Ferien machen.» Laut dem Artikel feierte Niedermayer in jenem August ihr 40. Artistenjubiläum. In all den Jahren ging sie mit ihren Bären an den Orten, wo sie auftrat, immer spazieren. «Baby» war dabei ihr dritter Eisbär.
Eisbär durfte mit der Titlisbahn fahren

Wohin es die aus Deutschland stammende Maxy Niedermayer mit ihrem Eisbären danach verschlagen hat, ist nicht genau bekannt. Engagiert wurde sie laut einer Homepage zeitweilig vom Staatszirkus der DDR Aeros. Heute lebt sie nicht mehr, neun Jahre nach dem Auftritt in Rothenburg ist sie im Alter von 66 Jahren gestorben. Ein paar Jahre davor starb auch ihr Eisbär. Dies weiss Rolf Stey, der damalige Direktor des Zirkus Stey. «Wir hatten Maxy zwei Saisons lang engagiert. Sie war eine ganz nette Frau – und ihr Eisbär ein echtes Unikat!» Einen Bären, den man wie einen Hund an der Leine halten konnte, habe es sonst weltweit nirgends gegeben. Mit ihr – denn «Baby» war ein Weibchen – hätten sie in dieser Zeit einiges erlebt. «Einmal haben wir sie mit auf die Titlisbahn genommen, ein anderes Mal fuhr sie in Schaffhausen sogar mit dem Tram. Die Leute haben immer sehr erstaunt reagiert. Ich erinnere mich daran, dass ‹Baby› von Passanten einst sogar für eine Fasnachtsverkleidung gehalten wurde.» Gefährlich wurde es laut Rolf Stey nie, denn «Baby» war sehr gut dressiert – und überdies «recht zahm». Ein weiteres Erlebnis spielte sich beim Werdenbergsee in St. Gallen ab: «Baby» durfte darin den ganzen Nachmittag fischen und hatte laut Rolf Stey eine solche Freude daran, dass man sie fast nicht mehr herausgebracht hat. «Sie hat sich fast totgegessen an den vielen Fischen dort», meint er lachend.

Beinahe sekundär erscheint bei dieser Geschichte die eigentliche Zirkusnummer, die der Eisbär jeweils aufgeführt hat. Laut Rolf Stey hat «Baby» in einer Nummer mit Braunbären mitgemacht, bei der sie zum Beispiel auf einem Dreirad gefahren ist oder eine grosse Kugel umhergetragen hat. «Damals hatte man im Zirkus noch viele Tiernummern. Heute entspricht das immer weniger dem Zeitgeist.»

Das Planschbecken reiste mit dem Zirkus mit

Die Haltung des Eisbären sei im Vergleich mit den Braunbären ausserdem recht aufwendig gewesen, da für die Eisbären immer auch ein eigenes grosses Wasserbecken mittransportiert werden musste. «Heute», fügt Rolf Stey hinzu, «wären die Auflagen natürlich noch viel grösser.»

Ein Eisbär ist im Zirkus Stey seit der Tournee 1976 übrigens nie mehr aufgetreten. Dafür aber Braunbären – und zwar dressiert von Maxy Niedermayer junior. «In den 1980er-Jahren konnten wir für eine Weile noch Maxys gleichnamige Tochter engagieren, die wir damals in Sofia in Bulgarien kennen gelernt haben», erinnert sich Rolf Stey. Sie sei wie ihre Mutter viele Jahre im Staatszirkus der DDR Aeros tätig gewesen. Nach der Wende 1989 kam Dompteurin Niedermayer ausserdem in vielen anderen Ländern herum und dressierte nebst Bären zum Beispiel auch Pferde und Tiger.
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Re: Als Eisbärin «Baby» durchs Dorf spazierte

Beitragvon Anita » Mi 7. Mär 2018, 15:50

Ja Rothenburg ist so schön, dass dort auch schon ein Eisbär zu Besuch war [biggrins]
Glücklicherweise gibt es das nun nicht mehr [ja]
Anita
 
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